Endzeit

Noch heute Nachmittag hatten sich die Wolken längs des Waldes empor gebeugt, so dass der Horizont bizarr nahe erschien. Es schien, als müsste man nur über den nächsten Hügel in die Bäume laufen, um sich dann in ein Dunstmeer zu verirren.
Jetzt ist es Nacht und die Wolken sind verschwunden. Nur Fetzten versuchen vergeblich den gelbweißen Mond daran zu hindern, das Bisschen Welt, welche in der Dunkelheit verborgen liegt, zu erleuchten. Trotz seines Scheins, kann ich den Wald nicht mehr erkennen, in den ich heute noch so gerne hineingelaufen wäre.

Über den Horizont hinaus leuchten die Zeichen der Zivilisation, wie Spiegelungen auf der Flussoberfläche einer imaginären Stadt. Die Punkte schimmern, als würde sich der Fluss bewegen, doch sind es die Lichter, die leben.
Ich frage mich, ob ich den Himmel jemals ganz dunkel sehen werde.

Wie jede Nacht, ist es eine schöne, trotz des giftigen Lichtes des Mondes, der mir meine Dunkelheit wegnimmt. Er lässt den Himmel altern, zerrt daran, als wolle er ihn zu Fall bringen und auf die Erde stürzen. Je heller der Himmel scheint, desto näher ist er der Welt und desto ferner alles andere. In der Stadt gibt es keinen Himmel.

Ich drehe mich um und erst jetzt fühle ich, wie mir kalt wird. Vor mir erblicke ich nun winzige Löcher in der Dunkelheit. Gewaltlos versuchen sie, sich auf der schwarzen Leinwand Platz zu schaffen, jedoch kaum so erfolgreich wie die grelle Scheibe hinter mir. Ich beobachte sie, während meine Hände immer eisiger werden, wie sie beginnen, sich immer klarer voneinander zu unterscheiden. Merkwürdig, frage ich mich, wie sie jeden Abend denselben Platz finden, wissentlich, dass manche von ihnen gar nicht mehr existieren.

Ich entscheide mich für die Mondseite. Der neue Tag hat schon begonnen und vielleicht erwarten mich die Wolken zum Morgengrauen wieder. Meine Schritte flüstern über die Wiese, dennoch bin immer noch ich es, der den meisten Lärm verursacht. Der Boden hebt sich ein wenig, ich spüre, dass ich mich dem Wald nähere. Noch ist keine Veränderung am Himmel zu sehen, kein Wind der Wolken bringt und kein Strahl der die Erde weckt. Ich würde gern wissen, wie spät es ist, doch meine Uhr habe ich vor kurzem verloren. Ich taste nach ihr und ärgere mich kurz, aber leise, damit keiner aufwacht. Wer weiß, vielleicht ist es noch zu früh.

Als ich die Bäume erreiche, merke ich, dass ich falsch gegangen bin. Ich muss von meinem Weg abgekommen sein, als ich den Hügel bestieg. Der Mond steht anders als zuvor und in der Dunkelheit bin ich beinahe in einen anderen Wald gelaufen. Die Kälte meiner Hände greift auf meinen restlichen Körper, als ich erkenne, dass keine Lichter in der Ferne zu sehen sind. Ratlos stehe ich in der Finsternis und der Mond beginnt zu schrumpfen. Um mich herum fallen die Sterne ins Leere und der graue Boden wird schwarz.

Vielleicht dreht sich der Himmel, vielleicht fällt er gerade oder verschwindet von dieser Welt. Vielleicht bin es auch ich. Mein Körper fühlt nichts mehr, nur noch etwas Erde am Hinterkopf und leise Schmerzen in den Fingerspitzen. Am Rücken liegend beobachte ich, wie die Welt schlafen geht, wie sich ein Tuch über mich wirft und die Lichter ins Koma fallen.
Meine Augen bleiben weit geöffnet, dass spüre ich, obwohl sie nichts mehr nährt. Ich wünsche mir es nicht, aber ich frage mich, ob ich den Himmel jemals wieder ganz hell sehen werde.

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