unknown artist in my untitled movie

Mir gegenüber sitzt eine Frau, die aussieht wie Charlotte Gainsbourg. Jedenfalls, wenn sie schläft; ihre Hand gegen ihre Stirn, ihr offenes Haar gestemmt, damit keine Strähnen ihren Schlaf stören. Etwas zerzaust, eine schöne Unordentlichkeit. Unvollkommene Schönheit.
Ich beobachte ihr Gesicht aus den Augenwinkeln, nicht so dass die anderen Passagiere es merken, nicht dass man denkt, ich würde sie beobachten. Sie anstarren. Mich für sie oder gar die anderen interessieren.
Den Anschein der Souveränität aufgeben? Lieber schiele ich über den Bücherrand zu ihren schlafenden Umrissen, oder verfolge ihre Linien im Spiegel der dunklen Waggonfenster.

Es muss ungemütlich sein, so zu schlafen. Ihr Nacken wird schmerzen, wenn sie aufwacht.

Der Schaffner berührt sie an der Schulter. Ich beneide ihn nicht um diese Berührung, mir genügt, was ich sehe; das Bild der jungen Gainsbourg, oh Charlotte.

Gerne würde ich es ihr sagen. Sie auf dem Bahnsteig anhalten und anschließend einfach verschwinden. Sie mit diesem Kompliment alleine stehen lassen. Natürlich meine ich es als Kompliment. Nun, vielleicht ist es charmanter, jemanden die Stimme der jungen Gainsbourg anzudichten, doch – ich – finde.

Sie erhebt sich. Greift sich in den Nacken. Sucht in ihrer Reisetasche. Findet. Blicke in den Schmalen Spiegel des Abteils. Unvollkommenheit.
Die Brille steht ihr. Das geordnete Haar sieht gut aus. Ich erkenne, wie schön sie ist. Ihr Alter? Schätze Ende Zwanzig.
Ende Zwanzig. Das klingt nach Orientierungslosigkeit. Das klingt nach zerzaustem Haar, nach Unvollkommenheit. Das klingt nach der jungen Gainsbourg, und ihrer ruhelosen Stimme.
Nein, denn diese Frau ist nicht orientierungslos. Sie hat ein Ziel; Linz, Hauptbahnhof.

Wir steigen aus. In meinem Blickfeld halte ich ihr zusammengebundenes Haar. Sie hastet über den Bahnsteig. Ich zerre die Tasche hinter mir her, versuche die Sicht auf sie nicht zu verlieren. Kalkulierter Abstand. Ich überlege ob ich sie nicht absichtlich unabsichtlich anrempeln soll.

Vielleicht erkennt sie mich und wirft mir ein Lächeln zu.
Vielleicht hastet sie genervt von der Menschenmasse Richtung Ausgang.

Greife ich ihr an die Schulter und halte sie an?
Sage ihr sie sehe aus wie Charlotte Gainsbourg, jedenfalls wenn sie schläft.

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