Dein Leben ohne mich

Ich habe dich wieder jung gemacht.
Ich habe dich wieder Leid kosten lassen.
Ich habe dich wieder an den Geschmack deiner Tränen erinnert.
Ich habe dich wieder jung gemacht.
War das alles?

Wasser glänzt an meinen Wangen. Kühl läuft es mein Kinn hinab und gleitet an meinem Herz vorbei. Es schlägt. Schlägt es?
Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie ich jetzt wohl im Spiegel aussehe. Ich öffne die Augen und wieder frage ich mich, wer mich da eigentlich ansieht.

Das was ich heute bin, wäre ich nicht ohne dich. Die letzten Jahre haben sich durch die Gedanken an dich definiert, mein Hoffen hat sich an das Warten an deine Wiederkehr geklammert. Ich wäre nicht, der Mensch, der ich nun bin. Niemals.

Es ist weder eine romantische noch eine, in irgendeiner Art vernünftige Eifersucht, der ich nachgehe. Es ist die Enttäuschung, die mich verschluckt, wenn ich an dich denke, das sinnlose Verlangen, etwas in dir zu bewegen. Eine Dummheit. Eine kindische Frage.

Was wärst du heute ohne mich?

Die Unverfrorenheit dieser Frage, ihre Respektlosigkeit und die Bosheit, die aus ihr hervorquillt, sind ebenso erdrückend, wie die Antwort, die mir aus meinem Kopf auf die Zunge rutscht und sich vor mein Spiegelbild erbricht.

Ich betrachte mein feuchtes Gesicht. Ich komme mir undankbar vor, verräterisch und unfair. Weder kann ich die Richtigkeit meiner These beweisen, noch hast du mir je den Anlass gegeben, dir eine solche Gefühllosigkeit ins Gesicht zu schreiben. Aber die Eifersucht wächst und je öfter ich deine Konturen in mir wachrufe, wird sie stärker.

Du wärst der Mensch, der du heute bist. Du wärst dort, wo du heute stehst, auf der anderen Seite des Abgrunds, über den ich dir nicht hinüber geholfen habe. Ich war weder deine Brücke noch dein Netz. Du wärest überall, auch hier. Du würdest die Menschen kennen, die du heute kennst, sie verachten oder lieben, ohne mein Sternbild je als Hilfe zu verwenden, die dich vom falschen Weg wegführt. Die Wahrheit ist bitter, doch es ist die Wahrheit und diese schürfende Eigenschaft trägt sie nun mal mit sich: Nichts wäre anders in deinem Leben, du wärest ohne mich genauso gut, wie mit mir.

Mit beinahe boshafter Genauigkeit seziere ich mein Abbild. Ich mustere die Konturen meines Gesichtes, meine Stirn legt sich in tiefe Falten, meine Blicke streifen über meine Wimpern, bemerken die verfinsterten Augen und meine ruhigen Lippen. In meinen Poren sickern die Erinnerungen an dich, in meiner Nase hängt dein Geruch. Mein Blick wird fester und der Wunsch dich nicht zu lieben, dich nicht zu kennen gleitet schwer in mein kaltes Herz.
Schlägt es?

Meine Eitelkeit verhindert nach all den Jahren, deine Fingerabdrücke in meinem Handeln als nichts Fremdes zu akzeptieren. Meine Gier, dir auf krampfhafte Art etwas zu bedeuten, formt den Plan, dich zu verletzten, zu verbrennen und zu verlassen, wie du es, meiner Ansicht nach, mir gleich getan hast.

Wäre ich ohne dich in der Lage so zu denken? Hast du ein Monster erschaffen, oder war ich es? Was würde ich ohne deine Augen sehen? Wäre mein Leben erfüllter? Trostloser? Wäre der erste Gedanken des neuen Tages auch an einen Menschen gebunden, oder würde ich sie hassen, die Menschen, so wie ich es jetzt tue, nur ohne Leidenschaft.
Würde ich lieben?

Ich bin, weil du bist.
Aber du bist so. Einfach so. Und ich zerbreche an dem Gedanken, dass ich nichts damit zu tun haben könnte.

Ich habe die wieder jung gemacht.
Und ohne Gewissheit, ohne Konstruktion deines Schicksals, ohne letzten Blick in deine Augen um zu erkennen, was du heute bist, beginne ich dich zu verbrennen. Denn meine dumme Eitelkeit, meine Eifersucht und mein Egoismus verhindern, dass, selbst wenn das alles wäre, es alleine genüge und gut sei.

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