sara

Sara war das Mädchen mit nur zehn Sachen.

Ein rotes Buch.
Eine Füllfeder.
Robinson.
Ein großer, dunkler Kleiderschrank.
Eine unvollständige Zeichnung.
Drei Kerzen, die zu einer großen verschmolzen sind.
Eine Flasche voller Meeressand.
Zwei weiße Vorhänge mit rotem Saum.
Eine unscharfe Fotografie von dir und ihr.
Ein Königreich.

Die Vorhänge waren weich und aus dicker Baumwolle. Sie waren nie schmutzig, erstrahlten immer im schönsten Weiß und mündeten in einem bluttiefen Rot, dass schwer auf dem Boden lag. Die Vorhänge hatten die einzigartige Eigenschaft, dass, wenn man sich dahinter stellte, für alle anderen unsichtbar wurde. Wenn wir dahinter standen und spielten, durfte uns niemand stören, uns niemand sehen. Wenn wir uns gegenseitig suchten und sich jemand hinter einen der Vorhänge stellte, konnte er nicht gefunden werden. So waren die Regeln. Und auch wenn das Versteckspiel ewig dauerte, man musste die ganze Zeit weitersuchen, bis derjenige hinter den Vorhängen aus seinem Versteck hervortrat und sich seinen Kameraden zeigte.
Auch wenn wir nicht spielten, versteckte sich Sara oft dort. Niemand durfte sie ansprechen, sie dahinter suchen, sie sehen. Sie war immerhin unsichtbar. So waren die Regeln.
Meistens saß Sara dort, weil sie ihre Ruhe haben wollte, sie las in ihrem roten Buch oder stand mit dem Gesicht zum Fenster und beobachtete die Welt mit den Blicken eines Gottes. Dann saß sie auch dort, weil sie etwas angestellt hatte und nicht wollte, dass man sie dafür zur Rede stellte. Oft saß sie dort, weil sie traurig war.
Eines Tages habe ich die Regeln gebrochen. Ich lichtete den Vorhang hinter dem sie stand und drückte ihr meine Hand auf die Schulter. Ich sagte ihr, ich könne sie sehen. Ich konnte noch die geröteten Augen unter den Stirnfransen erkennen, bevor sie mich ohrfeigte.
Niemand hat sich seitdem mehr hinter den Vorhängen versteckt. Robinson begutachtete ab und an die rote Farbe die auf den Boden sackte, suchte aber schnell das Weite. Du und ich haben uns woanders versteckt und Sara wurde so unsichtbar.
Ich frage mich, warum sie die weißen Vorhänge mit dem roten Saum verschenkt hat.

So unsichtbar.

Ich bilde mir ein, dass nur du auf dem Foto warst, als ich es mir vor ein paar Jahren ansah.

Ich rannte in das Haus, da ich wusste wo Saras Mutter den Apparat aufbewahrte. Wir konnten uns nicht entscheiden, wo wir das Foto schießen sollten. Letzten Endes einigten wir uns für den Wald hinter dem Haus, da dort niemand so schnell unseren kurzen Diebstahl bemerken würde. Ich wollte unbedingt die Fotografie machen und ihr wolltet unbedingt drauf sein. Was wir noch nicht geklärt hatten, war die Frage, was für ein Gesicht ihr auf dem Foto machen solltet. Du wolltest eine Grimasse in die Linse schneiden, Sara jedoch wollte Erwachsen aussehen, ein ernste Gesicht machen.
Ich sah noch vor euch, wie Saras Mutter aus dem Haus trat und die Hände offen um ihren Mund legte. Noch bevor ihr Ruf das Bild zerstören sollte, drückte ich auf den Auslöser, schnell und konzentriert.
Der Wald erscheint als unscharfe Mischung aus grünen und braunen Farbklecksen, und mittendrin die Gesichter zweier Mädchen, das eine zeigt die Zähne, das andere ist erwachsen geworden.
Wie Sara berichtete, wurde das Foto eingerahmt und neben die unvollständige Zeichnung gestellt. Heute liegt die verblasste Erinnerungen in einer meiner Schubladen unter unzählig vergangenen Jahren. Ich glaube Sara sucht sie immer noch.

Ich bilde mir ein, dass nur Sara auf dem Foto war, als ich es mir zum letzten Mal ansah.

Robinson konnte alles. Er durfte es auch. Ohne Erlaubnis betrat er Saras Königreich und machte es sich dort gemütlich. Er konnte uns auch erkennen, wenn wir unsichtbar waren. Dies führte dazu, dass wir Robinson immer zum Spielen mitnahmen, damit er uns suchen sollte, wenn sich der rote Saum wieder einmal über unsere Augen gelegt hatte. Robinson jedoch dachte nicht daran nach uns zu suchen, geschweige denn, uns zu finden. Er scheuchte uns nur aus unseren Verstecken hervor, wenn er etwas wollte.
In den Briefen, die Sara uns schrieb, verschwendete sie zunächst den meisten Platz an ihn. Je öfter wir Sara besuchten, umso mehr schrieb sie über sich und ihre Erinnerungen an uns. Irgendwann wurden in den Briefen, die sie mir schickte Robinson gar nicht mehr erwähnt und nur du erfuhrst vereinzelt von ihm.
Sara wurde erwachsen und Robinson alt. Was mit ihm geschah, habe ich nie wirklich erfahren, nur dass Sara in einem Brief an dich mit einem Hauch kindlicher Naivität schrieb, er hätte das letzte seiner neun Leben verbraucht.

Robinson hatte mich beim Versteckspiel nie gefunden und selbst wenn ich nicht unsichtbar war, immer ignoriert. Heute sitzt er jeden Abend bei mir zu Hause und wenn ich ihn frage, was aus ihm geworden ist, grinst er.

Ich glaube, ich liebe dich.“
„Ich weiß.“

Das rote Buch und die Füllfeder waren ein Geschenk von uns an Sara.
Im ersten Sommer rannten wir in den Laden, um unser letztes Taschengeld für diese beiden Sachen auszugeben. Wir hatten uns schnell auf etwas geeinigt, da wir wussten, es spürten, dass es Sara gefallen würde. Du suchtest das Buch aus, eines mit vorhangroten Umschlag und unlinierten Blätter – da Sara vielleicht auch zeichnen möge, meintest du – abgerundeten Kanten und bleichem Papier. Ich griff nach einer dünnen Füllfeder mit schwarzer Holzverkleidung. Sie war teuer und ich wusste, dass ich sie nicht bezahlen konnte. Deshalb wartete ich bis du aus dem Laden gegangen warst und warf dem Verkäufer das Geld, hauptsächlich Münzen, auf den Tresen. Ich hörte das Kleingeld noch auf dem Tisch tanzen, mich noch „Den Rest können sie behalten“ rufen, dich noch fragend nach Luft schnappend, als ich die Tür öffnete, dich mitzerrte und rannte. Ich rannte, aus Angst der Ladenbesitzer könnte mich einholen, da er den Schwindel bemerkt hatte. Ich rannte und du ranntest mir nach. Ich lachte, weil ich dich lachen hörte und dann rannte ich umso schneller, um Sara sobald wie möglich mein Geschenk zu überreichen.
Wir wussten nie, was Sara in das rote Buch schrieb, aber sie schrieb viel. Oft hinter rotem Saum, manchmal während dem Mittagessen, sodass sie ihre Mutter ermahnen musste, sogar während unseren eifrigen Spielen sprang sie manchmal auf um das rote Buch zu holen und etwas zu notieren.
Auch die Briefe an uns schrieb sie zuerst in das rote Buch und riss die Seiten dann aus. Ich erkannte das bleiche Papier sofort, und während dem Lesen strich ich mit dem Finger über die runden Ecken. Irgendwann gab es natürlich keine Buch-Briefe mehr. Und irgendwann gab es gar keine mehr.
Als du mir mal deine Briefe zeigtest, fand ich weder den matten Teint des Papiers, noch die abgerundeten Kanten. Auch keine tiefschwarzen oder königsblauen oder vorhangroten Tintenkleckse, deine Briefe waren sauber auf der Schreibmaschine ihres Vaters getippt worden. Ich zerkaute die Frage, die mir auf der Zunge lag und schluckte sie hinunter. Mir wurde klar, dass du niemals einen von Saras Buch-Briefen bekommen hast.

Ich erzählten Sara oft von meinem Urlaub am Meer. Zu Beginn jedes Sommers, den wir bei ihr verbrachten, wollte sie zuerst alles über das Meer hören, an dem meine Familie die Ferien verbracht hatte, bevor ich etwas anderes – selbst jede unwichtige Kleinigkeit – zum Thema machen durfte.
Wie gebannt hörte sie meinen Berichten zu, hinterfragte und ergänzte sie, bis mein Repertoire an Erinnerungen des Ozeans erschöpft waren. Doch ich vermisste nicht zu wiederholen, wie schön das Meer doch sei.
„Jedes Meer?“, und ich bejahte.
„Jeder Strand?“ Ich nickte.
Im vorletzten Sommer sprang sie einmal auf und rannte in ihr Königreich, ich vermutete, um des roten Buches wegen. Doch sie kam mit einer kleinen Flasche zurück und bat mich, das nächste Mal doch etwas Sand mitnehmen und ich sagte: „Das nächste Mal nehmen wir dich mit!“
Das nächste Mal küsstest du mich zum ersten Mal auf die Lippen und wir warteten darauf, dass die Flut uns von der Sandbank vertrieb. Und Sara wartete drei Ländergrenzen weiter auf uns.
Zu Hause füllte ich die Flasche mit Sand von einem Spielplatz und im letzten Sommer überreichte ich Sara die Flasche voller falschem Sand. Als sie diese öffnete und daran roch, sah ich sie zum zweiten Mal in meinem Leben weinen. Nur dass diesmal ich mich ohrfeigte und ebenfalls zu weinen begann, als mir Sara nicht mehr gegenüberstand.
Ein paar mal hast du mich gefragt, was Sara damit meinte, wenn sie behauptetet, ich hätte zu Hause noch ihre Flasche mit Meeressand stehen. Mir gegenüber, hat sie diese Flasche nicht mehr erwähnt.

Die drei Kerzen haben wir zu Beginn des ersten Sommers miteinander verschmolzen. Als wir sie am Ende des Urlaubs wieder auseinander brechen wollten, löste sich meine in trockene Wachskrümel auf und Sara schenkte mir daraufhin ihre.

Ich fahre die Straße hinauf und mich überkommt ein seltsames Gefühl von Geborgenheit. Sara lebt heute immer noch in dem Haus, indem wir sie früher besucht haben. Nach dem Tod ihrer Eltern hat sich ihr Königreich zwar vergrößert, doch es ist einsamer geworden. Ich lasse das Auto am Straßenrand stehen und öffne das Gartentor, dass seit unserer Kindheit kein funktionierendes Schloss mehr hat. In einigen Schritten stehe ich vor ihrer Tür, denke ich mir, und ich weiß, dass ich ohne ihre Erlaubnis nicht hineindarf. Das durften wir nie.

Das letzte Mal, dass wir sprachen, sprachen wir über Sara. Du warst wütend oder traurig und fragtest mich, wann ich zuletzt von ihr gehört hätte. Ich konnte mich nicht erinnern. Mit der Flasche, gefüllt mit angeblichem Meeressand, verebbten die vielen Briefe, die sie mir zunächst schrieb, die ich aber aus Schuldgefühlen dann nicht mehr beantwortete.
„Ich weiß es nicht. Wann hast du das letzte Mal von ihr gehört?“
Du stiegst aus dem Bett, langsam und deiner Sache sicher. Du gingst zu dem Kleiderschrank und zogst dich an. Ich blieb liegen, dachte darüber nach, was ich gesagt habe, dachte nach, ob ich aufstehen sollte, dachte nach, über Sara, über Sara. Dachte ich. Behutsam legtest du mir einen Stapel vollbeschriebenes Papier auf die Beine und du sahst gar nicht mehr traurig und wütend aus, als du den Mund öffnetest.
„Letzte Woche“, küsstest du mich.
„Seit Jahren nicht mehr. Und dann letzte Woche.“ Noch ein Kuss, dann nahmst du den Mantel und gingst aus dem Zimmer. Bevor die Türe zufiel und du mich alleine in deiner Wohnung ließt, hörte ich dich noch etwas rufen. Ich blickte zum Kleiderschrank und plötzlich fiel mir auf, wie viele Dinge hier, nach Dingen aus meiner Kindheit aussahen.

An der Tür erwartete mich ein hübsches Gesicht mit schulterlangem Haar. Ich war überrascht; so sehr kam mir dieses Gesicht bekannt vor.
„Du hast dich kaum verändert.“
Ich denke an die unscharfe Fotografie und blicke schnell woanders hin.
„Ihr seht euch überhaupt nicht ähnlich“, sage ich und hoffe, nichts Falsches damit zu tun.
Sie lächelt und öffnet endlich den Mund: „Du darfst reinkommen.“
Ihr Haus sieht immer noch aus wie früher und mir kommt es vor, als würde mich Sara durch ein Museum aus Erinnerungen führen. Ob die Fahrt lang war, will Sara wissen, ja, war sie, doch ich vergesse meine Müdigkeit, als ich den Geruch der alten Küche, vermischt mit dem Geruch von Kaffee, verwechselt mit dem Geruch von Saras Haar, einatme. Mit jedem Schritt, den ich in ihr Haus setze, mit jedem Zentimeter den ich durch die Zimmer gleite, geht mir mein Alter verloren, die letzten Stunden und Tage fallen von mir ab und ich verzeichne Verluste ganzer Jahre, Jahrezehnte voller falscher Erinnerungen.
Wie ein Kind – ich erkundschafte das Haus und es macht mir Spaß kleine und größere Details zu finden, die sich im Laufe der Zeit verändert haben und noch mehr gefällt es mir, zu entdecken, was sich nicht verändert hat.
Ich stehe vor der Tür, der großen Tür zu ihrem Zimmer, ihrem Königreich und sie sieht gar nicht mehr so groß aus. Ich drehe mich zu Sara und blicke zu den –
„Ich habe sie verschenkt.“ Sara bemerkt, wie ich die leere Stelle an den Fenster anstarre.
„Komm mit“, sagt sie und öffnet die große Tür, die gar nicht mehr so groß aussieht.

Im Kleiderschrank ist etwas, dass dir gehört.“
Das Papier auf meinen ausgestreckten Beinen waren alle Briefe, die Sara dir in den letzten Jahren geschrieben hatte. Sie waren chronologisch geordnet und ich überflog ein paar, ohne genau auf den Inhalt zu achten. Selbst die kalten, getippten Buchstaben rochen nach Sara, sie gingen förmlich über von ihrer Sprache und je mehr ich las, desto kleiner wurde ich, bis mir ihre Wörter bis zum Kinn reichten und ich zu ertrinken drohte.
Der letzte Brief war mit Dienstag letzter Woche datiert, der vorletzte lag zwei Jahre zurück.
Ich erkannte den blassen Teint des Papiers und beim lesen strich ich über die runden Kanten. Es war der einzige Brief den ich ganz las. Danach ging ich zum Kleiderschrank und holte einen Stapel Buchseiten hervor, die erste datiert vor fünfzehn Jahren.

Ich möchte sie zuerst dir geben, damit du sie ließt. Aber sie gehören ihm. Ich vermisse dich immer noch. Sara.“

An ihr Königsreich, habe ich die wenigsten Erinnerungen. Sehr selten ließ uns Sara darin spielen und wenn wir uns dort aufhielten, dann mussten wir ganz leise sein. Vieles was ich in diesem Zimmer sehe, versucht verschwommen an mein Gedächtnis zu appellieren. Ich sehe ihr Bett und auf dem kleinen Tisch steht ein leerer Rahmen. Darüber hängt ein Bild an der Wand, eine Bleistiftzeichnung und obwohl sie schon älter aussieht, kann ich mich nicht daran erinnern. Etwas jedoch, erkenne ich ganz klar.
„Ich hab ihn alleine keinen Millimeter bewegen können.“
Ich löse meine Erinnerungen und meinen Blick von dem dunkelbraunen, fast schwarzen Ungetüm aus edlem Holz und sehe Sara an. Sie lächelt, doch sie ist traurig.
„Jetzt steht er immer noch da.“
“Weißt du endlich was drin ist?“
Sara setzt sich auf ihr Bett und atmet tief ein, als würde sie gleich eine längere Geschichte erzählen.
„Jahrelang haben wir gedacht, dass du den Schlüssel hast. Du hast das Geheimnis aufbewahrt und in vielen Briefen haben wir gerätselt, was da drin wohl sein könnte, zum Spaß, ein Tor in ein Paralleluniversum oder dass der Schrank eine Zeitmaschine sei, oder ernsthaft, dass du dort etwas versteckt hättest und nur deswegen den Schlüssel besitzt.“
Ich bleibe wortlos und Sara, immer noch auf dem Bett sitzend, die Zeichnung im Blickfeld, setzt fort.
„Vor zwei Wochen hat sie mir einen Schlüssel geschickt, den sie angeblich bei dir gefunden hat.“
Sara steht auf und geht zu mir. Sie nimmt meine Hand und lässt durch ihre Faust einen Gegenstand fallen.

Wir sitzen in der Küche und trinken einen Kaffee, sie schwarz und ich auch, weil ich mich nicht traue, nach Zucker zu fragen. Weil Sara ihn schwarz trinkt. Wir unterhalten uns eine Zeit lang, sie erzählt mir von ihrer Arbeit, dem Unfall bei dem ihre Eltern ums Leben kamen, sie redet über Robinson und ihre Freunde. Der alte Raum wird mit frischen Erzählungen der letzten Jahre gefüllt. Es ist schon Abend, als sie sich rüberbeugt und mich küsst. Lange lasse ich sie nicht los und atme den Geruch ihrer Haare ein, hole mir meine Erinnerungen zurück und alles was die letzten Jahre so leer gemacht hat, wird weggespült.
„Wieso seit ihr nicht glücklich geworden“, sagt sie leise und ich weiß nicht, ob es eine Frage war oder nicht,
„Hast du sie nicht geliebt?“
Ich löse die Umarmung, sehe Sara an und nicke.
„Sehr.“
„Hat sie dich nicht geliebt?“
„Ich…“
Ich glaube schon, will ich sagen, nichts lieber als diesen Satz, natürlich!, will ich schreien doch ich kann nicht.
„Sie hat viel von dir geschrieben. Ich hörte so viel von dir, dass ich begann, sie mehr zu vermissen, als dich.“
„Warum hast du mir nicht mehr geschrieben?“, frage ich.
„Warum hast du mir nicht mehr geschrieben?“
Ich senke meine Augenlider und schiele auf den Fußboden. Sara berührt mein Gesicht mit ihrer Hand und hebt es zu ihr hoch.
„Ich weiß es nicht.“
Der Satz steht im Raum, noch einige Minuten und ich bin froh, dass ihn einer von uns gesagt hat.
„Ich vermisse sie auch.“
Auch dieser Satz steht noch länger und mir gefällt das Gefühl, das Selbe zu denken, wie Sara.
Als Sara sagt, wir sollten zu Bett gehen und mich leicht am Handgelenk nach oben zerren will, frage ich sie, was im Kleiderschrank, den wir als Kinder zugesperrt und nicht mehr aufbekommen haben, drin war.
„Nichts. Nur alte Kleider, Bücher, Fotos, Zeichnungen. Altes Zeug. Keine Ahnung von wem. Ich denke, die müssen noch meinen Eltern gehört haben.“
Kurz ist es ruhig und dann wage ich es und hoffe, dass auch dieser Satz den Raum füllen wird.
„Ich glaube, ich liebe dich.“
„Ich weiß. – Du hast immerhin schon alles, was mir gehört.“
Nichts steht im Raum, nur unsere Blicke, die immer trauriger werden.
Sie nimmt mich an der Hand und ich muss an dich denken, wo du jetzt bist und was du noch hast. Ich sage es Sara und sie sagt, sie habe soeben an das Selbe denken müssen und dann gehen wir zu Bett.

Ich weiß nicht mehr in welchem Sommer das war und ich weiß auch nicht mehr, warum ich dir den Stift weggenommen habe. Du hast das Bild nicht fertig gezeichnet, sondern es gleich Sara geschenkt. Sie sagte, dadurch, dass es nicht fertig sei, gefiele es ihr nur umso mehr, denn sie sei ja auch nicht perfekt und vollständig, warum sollte es dann eine Zeichnung von ihr sein?
Den ganzen Sommer über hast du sie gezeichnet, ohne das wir es bemerkten, doch geschenkt hast du ihr nur das erste Bild, das Unvollendete.

Hinter Glas hat es die letzten Jahre überstanden. Als ich wach neben Sara liege und das Bild betrachte, fällt mir wieder auf, wie ähnlich Sara sich immer noch sieht. Und wie gut du sie getroffen hast. Ich stehe auf und öffne den Schrank, der nun nicht mehr verschlossen ist. Vorsichtig sehe ich mir jede Zeichnung an und versuche auch auf den Verbleichten, Sara zu entdecken.
Am nächsten Tag fahre ich zurück, auf meinem Nebensitz ein Stapel alter Zeichnungen und ein Brief.

Als du wieder in die Wohnung kommst, ist es schon Tage her, dass ich an deiner Tür angeklopft und mich gefragt habe, wo du wohl sein magst. Vor deiner Haustür lehnt eine Mappe, daran hängt ein – schlampig mit Klebeband fixierter – Brief. Du gehst in deine Wohnung und legst dich ins Bett, noch bevor du die Schuhe ausgezogen hast. Du gehst jede einzelne Zeichnung durch, vielleicht fängst du an zu weinen, und als du beim Ende angelangt bist, öffnest du den Brief. Ein kleiner Gegenstand fällt in deine Hand und du beginnst den Brief zu lesen: „Hier etwas, dass dir gehört…“
Und je mehr du ließt, umso mehr ertrinkst du in ihrer Sprache, denn du wirst kleiner und kleiner, wie ein Kind, dann gehst du zu den Kasten der neben dem Fenster steht und endlich, endlich passt du wieder hinein, wirst unsichtbar hinter dem roten Saum und du ließt die letzten Wörter immer und immer wieder, bis du eingeschlafen bist, dort wo dich niemand finden kann.

August 2007

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