Der Erzähler

Ich schwebe. Mein Kopf hängt in diesem Becken aus Unentschlossenheit, Trägheit und Genuss. Mein Körper dreht sich in alle Richtungen, entschlossen sich nicht fallen zu lassen, unentschlossen jedoch, wohin er treiben soll.

Ich wache auf. Wäre mein Wecker ein Lebewesen aus Fleisch und Blut, ich würde meine Hände um seine Kehle drücken und die letzten Laute aus ihm herauspressen. Und weiterschlafen. Um die Albträume gut enden zu lassen.

Ich falle nicht, wie ich es früher tat. Ich schwimme. Unter der Oberfläche liegt ein See aus Licht, darüber ist es Nacht.

Oder habe ich –

Der Spiegel sagt guten Morgen. Der Kaffee schmeckt nach gestern, die Zeitung richt nach frischer Tinte. Es ist Wochenende und ich habe vergessen, den Wecker abzustellen. Noch immer klingelt sein Röcheln in meinen Ohren.
Die Wettervorhersage kündigt mir verschiedene Auswahlmöglichkeiten an; von Süden nach Norden, von trüb über heiter bis bewölkt. Im Osten. Ich. In der Mitte. Westlich, ein Sturm. Tränen. Und ich, in der einsamen Mitte.

Ich versuche dem Licht entgegen zu schwimmen, bewege mich jedoch nicht von der Stelle. Ich bin der Nullpunkt, die Mitte zweier Pole, die Linie zwischen rot und grün.
Bitte – lass mich los.

Der Gedanke an Schlaf hält mich wach. Die Stille in mir bewahrt mich vor Langweile. Ich gehe durchs Haus.

Ein guter Freund liegt betrunken in der Ecke. Die Flasche, einst voll, steht aufrecht in seiner Lache aus Verzweiflung. Aus dem Nebenzimmer ertönt kitschige Musik und das Mädchen aus der Bar, tanz verliebt mit ihrem Schatten. Am Balkon steht mein Bruder und denkt an das Leben nach dem Tod. Er ist nicht traurig, nur entschlossen. Einige Schritte nach hinten, Anlauf, Tanzschritte nach vor.

Der Nachbar komponiert einen lieblichen Wortschwall und lässt die Phrasen in Dur und Moll auf Papier fallen. Heute Nacht wird seine Frau den Brief finden und im Irrtum über den Empfänger, sich in eine vorwinterliche Sinnflut stürzen.

Ihre Entschlossenheit gefällt mir, überwältigt mich aber nicht. Sanfter Neid klettert in mir hoch und will mich in ein Loch stoßen. Doch etwas hält mich. Ich bin der Lift zwischen zwei Stockwerken. Ich bin der kleine Junge am Zehn-Meter-Brett. Ich bin der Finger am Abzug.

Irgendetwas. Muss.
Doch.
Nichts. Passiert.

Ich sitze zu Hause und höre Musik. Lese ein Buch. Gehe ins Kino. Treffe meine Freunde. Beobachte, wie sie stürzen. Sehe zu, wie sie am Grund des Sees zerschellen. Ihr Aufprall. Ihr Leid. Ihr Glück.
Ich sehe die Nachbarin, wie sie ihren Mann verlässt. Meinen Bruder, wie er Tabletten schluckt. Meinen Freund, wie er in Trauer ertrinkt. Das Mädchen, das ihren Schatten jagt und einsehen muss, dass sie zu langsam ist.
Ich sehe. Ich rede. Ich schlafe. Doch tue ich nichts.
Ich erzähle. Ihre Geschichten. Dein Leben. Euer Schicksal. Das tue ich.

Ein Anruf von dir genügt. Ich habe meine Fesseln gelöst, treibe immer schneller nach Osten. Ich schwimme in das mehlige Nichts des Alltags bis ich an der Oberfläche stehe und den See überschreiten kann. Die Welt steht still. Um meinen Hals legen sich Klauen, ein Strick, die Schlinge der Schwerkraft und sie zerrt an mir.
Dann merke ich, wie schön es war zu schweben. Wie angenehm sich der Duft der Zufriedenheit mich umschloss.
Doch dann merke ich, dass es noch schöner ist zu fallen. Der Sturz. Ein Sturm. Wie schön es ist sich auf etwas zu freuen. Deine Stimme hat den Strick geflochten, deine Haut schneidet ihn durch und ich fühle mich glücklich, weil ich dich wieder sehe.

Ich warte auf den Aufprall.
Hoffentlich breche ich mir das Genick.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: