Archiv für den Monat Februar 2009

Der Stimmensammler

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Beschreiben Sie sich anhand von zehn Adjektiven.

Versuche freundlich zu bleiben. Lasse ihn ausreden. Zähle bis Zehn. Hole tief Luft. Schließe die Augen, kurz, ohne dass er es bemerkt, öffne deine Lider und blick ihm direkt in sein Gesicht. Achte nicht auf Dinge, die man wieder erkennen könnte, beachte weder seine zerkratzte Haut, noch seine aufgesprungenen Lippen. Achte nicht auf seine Zunge, die in seinem Mund auf und ab schnalzt, achte nicht auf seine rauchgelben Zähne, achte nicht auf die zu kleine Nase, nicht auf das rechte Auge, dass umso heller aufblitzt, wenn er seine Wörter wiederholt. Lass seine dunklen Strähnen in sein Gesicht schwingen, sieh darüber hinweg, dass seine Augenbrauen ungleich dick sind, lass dich von dem Ohr, an dem ein Stückchen fehlt nicht beeinflussen.

Achte darauf, was dieses Gesicht in dir auslöst.

Wie heißen sie?

Achte darauf, wie er seinen Namen sagt. Wie oft er ihn wiederholt. Wie er ihn betont, ob er ihn mit Stolz sagt, oder leise vor sich hin trägt. Begutachte nicht sein Gesicht, sondern die Stimme. Sie ist angenehm, wenn er in normaler Lautstärke redet. Sehr tief, leicht vibrierend in den Ohren. Doch wird sie lauter –

Du denkst an seine Zunge, wie sie herum springt, wie sie die laute Vokale aus seiner Mundhöhle schleudert. Wird seine Stimme laut, tut sie weh. Du spürst es im Hinterkopf, wie sich seine Stimme überschlägt und dir leicht in den Nacken zwickt.

Vergiss den Namen nicht. Du kennst den Namen. Du kennst jemanden mit diesem Namen. Du kennst ihn. Und du kennst die Stimme.

Du kennst mich! Du weißt schon! Wann? Letztens. In der Stadt. Ein Freund von.

Ein Freund von. Ich schließe die Augen, presse sie fest zusammen, öffne meine Lider und blicke ihm direkt in sein hässliches Gesicht. Es löst Abscheu in mir aus. Immer. Ich weiß schon.

Sein Name fällt etwas leiser in mein Ohr, fällt in richtigen Winkel hinein, im richtigen Tonfall und im richtigen Moment. Er veranlasst meine Mundwinkel kurz auseinander zu reisen. Ich wiederhole ihn andächtig, zeige ihm jetzt ein breites Grinsen, dass er nicht vergessen wird. Ich weiß schon, atme ich endlich aus und schüttle ihm die Hand.

  ein/blick