Der Stimmensammler

1

Beschreiben Sie sich anhand von zehn Adjektiven.

Versuche freundlich zu bleiben. Lasse ihn ausreden. Zähle bis Zehn. Hole tief Luft. Schließe die Augen, kurz, ohne dass er es bemerkt, öffne deine Lider und blick ihm direkt in sein Gesicht. Achte nicht auf Dinge, die man wieder erkennen könnte, beachte weder seine zerkratzte Haut, noch seine aufgesprungenen Lippen. Achte nicht auf seine Zunge, die in seinem Mund auf und ab schnalzt, achte nicht auf seine rauchgelben Zähne, achte nicht auf die zu kleine Nase, nicht auf das rechte Auge, dass umso heller aufblitzt, wenn er seine Wörter wiederholt. Lass seine dunklen Strähnen in sein Gesicht schwingen, sieh darüber hinweg, dass seine Augenbrauen ungleich dick sind, lass dich von dem Ohr, an dem ein Stückchen fehlt nicht beeinflussen.

Achte darauf, was dieses Gesicht in dir auslöst.

Wie heißen sie?

Achte darauf, wie er seinen Namen sagt. Wie oft er ihn wiederholt. Wie er ihn betont, ob er ihn mit Stolz sagt, oder leise vor sich hin trägt. Begutachte nicht sein Gesicht, sondern die Stimme. Sie ist angenehm, wenn er in normaler Lautstärke redet. Sehr tief, leicht vibrierend in den Ohren. Doch wird sie lauter –

Du denkst an seine Zunge, wie sie herum springt, wie sie die laute Vokale aus seiner Mundhöhle schleudert. Wird seine Stimme laut, tut sie weh. Du spürst es im Hinterkopf, wie sich seine Stimme überschlägt und dir leicht in den Nacken zwickt.

Vergiss den Namen nicht. Du kennst den Namen. Du kennst jemanden mit diesem Namen. Du kennst ihn. Und du kennst die Stimme.

Du kennst mich! Du weißt schon! Wann? Letztens. In der Stadt. Ein Freund von.

Ein Freund von. Ich schließe die Augen, presse sie fest zusammen, öffne meine Lider und blicke ihm direkt in sein hässliches Gesicht. Es löst Abscheu in mir aus. Immer. Ich weiß schon.

Sein Name fällt etwas leiser in mein Ohr, fällt in richtigen Winkel hinein, im richtigen Tonfall und im richtigen Moment. Er veranlasst meine Mundwinkel kurz auseinander zu reisen. Ich wiederhole ihn andächtig, zeige ihm jetzt ein breites Grinsen, dass er nicht vergessen wird. Ich weiß schon, atme ich endlich aus und schüttle ihm die Hand.

 

2

Nachdem die Menschen sich vorgestellt haben, frage ich immer die selbe Frage: „Könnten Sie sich kurz anhand von zehn Wörtern beschreiben?“ Nur wenige Menschen lehnen dies ab, die meisten genießen es , sich in zehn Wortgruppen einzuteilen, wobei harsche Selbstkritik nicht selten zuerst genannt wird. Anscheinend haltet man es heutzutage für nobel oder anständig, gleich zu Beginn jeglicher menschlichen Beziehung sein Gegenüber von seinen Macken in Kenntnis zu setzen. Wenn ich ehrlich bin, ist es mir egal, wie sich die Menschen selbst beschreiben, mir geht es viel eher darum wie sie sich beschreiben.

Dabei achte ich besonders auf den Tonfall ihrer Stimme, wie sie beginnen, ob sie tief Luft holen, schnell reden, sich Zeit lassen, es überhaupt verweigern (soll vorkommen), wie sehr sie dabei lachen oder wie sehr sie sich dabei ernst nehmen. Mich interessieren ihre Eigenschaften nicht. Mich interessiert ihre Stimme.

Ich bin ein Stimmensammler. Ich bin nicht gut darin, noch nicht. Dazu muss gesagt werden, dass ich mich erst seit einiger Zeit, in der Situation befinde, in der ich gezwungen wurde, Stimmen aufzulesen, zu verschließen, zu etikettieren. Es dauerte eine Weile, bis ich meinen Zustand bemerkte, ich weiß auch nicht, ob er schlagartig auftauchte oder sich mit der Zeit entwickelte.

3

Es liegt schon einige Monate zurück: es war ein nebliger Herbstmorgen, der einer letzten warmen Nacht folgte, als ich mich aufmachte um meiner täglichen Arbeit nach zu gehen. Es fiel mir zunächst nicht auf, es war ein Morgen wie jeder andere. Ich ließ meine Frau für gewöhnlich zu dieser frühen Stunde schlafen, da sie generell später zu Bett ging. Ich ging ins Bad und stellte mich unter die Dusche. Wasserdampf legte sich auf den Spiegel. Ich beendete rasch meine hygienische Tätigkeit, leerte mir einen Kaffee in die Thermokanne (umsonst, da er in wenigen Minuten trotz allem wieder kalt sein würde) und betrat die Welt. Ich schloss nicht hinter mir ab.

Der Nebel hing tief und saß an jeder Straßenecke. Ich beschloss das Auto zu nehmen, da ich es bei dem Wetter nicht wagte, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Die Straßen waren leer. Ich sah vereinzelt Seelen hie und da auf blitzen, doch sie kamen und verschwanden geräuschlos, so wie ich in die eine Gasse hinein bog um hinter der nächsten Ecke zu verschwinden.

Mit jedem Meter wurde es schlimmer. Der dichte Nebel hatte das Leben ausradiert. Ich konnte nicht durch die engen Gassen zu meiner Arbeit fahren, sondern musste auf der Hauptstraße bleiben. Ich gebe es gern zu, denn es hält mich menschlich, es war mir recht, auf den breiten Straßen zu fahren, ich sehnte mich nach Verkehr, nach Staus, nach Hupen und nach genervten Menschen. Ich sehnte mich nach irgendetwas.

Doch es blieb aus. Langsam drängte ich mich durch den Nebel. Mir schien, ich würde durch Quecksilber schwimmen und ehe ich mich versah, war ich an meinem Ziel angekommen. Es war merkwürdig in dieser Stille zum Eingang zu gehen und ich verspürte ein unangenehmes Gefühl. Es war Angst. Unbegründete Angst, wie die Angst vor der Dunkelheit, die Furcht, vor dem was sein könnte, vor dem was ich nicht sah. Ich hatte eine Umhängetasche um meine Schultern gelegt, dessen Riemen ich fest mit beiden Händen an mich presste. Das Auto war nur wenige Schritte von mir entfernt, trotzdem war es mir nicht mehr möglich mehr als nur Umrisse zu erkennen. Ich versuchte, nicht die Orientierung zu verlieren. Mein Gehirn deutete mir die ungefähre Richtung und ich hielt nach den großen, roten Lettern Ausschau, die über dem Eingang prangten. Langsame Schritte und ein roter Schein, der immer deutlicher wurde, bis ich den Namen der Zeitung in Buchstaben von Menschengröße über mir entziffern konnte. Ich trat erleichtert in das Gebäude ein, doch wagte es nicht, meine Hände zu lockern.

Ich atmete langsam ein und aus.

Der Portier war nicht, da ich jedoch über einen eigenen Schlüssel verfügte, störte es mich nicht weiter. Die Lichter waren an und ich konnte das entfernte Klappen von Schuhen hören. Ich atmete aus. Meine Hände lockerten sich und der Abdruck der Riemen verblasste langsam. Ich ging zum Lift und drückte den Knopf.

Als sich die Lifttür öffnete, erwartete mich ein Mann meines Alters im Inneren. Wir nickten uns zu, er machte einen kleinen Schritt auf mich zu, doch ich drehte mich um und wählte die Etage. Und ich spürte, wie mit jedem Stockwerk meine Angst anstieg. Irgendetwas war nicht richtig.

Unglaublicher Nebel heute, nicht?“ Doch ich bekam keine Antwort. Die letzte halbe Stunde hatte ich mich nach anderen Menschen gesehnt, doch jetzt wagte ich es nicht einmal mich umzudrehen und den Mann zuzulächeln. Oder ihm wenigstens ins Gesicht sehen.

Wie hoch fahren Sie?“ Wieder bekam ich keine Antwort. Ich hoffte, dass der Mann hinter mir vor mir aussteigen würde, doch dann bemerkte ich, dass er ebenso meine Etage gewählt hatte. Entweder meine, oder gar keine.

Ich atmete tief ein und schloss die Augen. Ich hörte das leise Surren des Liftes, das Geräusch meiner Zähne, als sie leicht aneinander stießen, das Aneinanderreiben meiner Hände, wie sie sich wieder in die Riemen verkrampften, doch ich hörte seinen Atem nicht. Ich spürte, wie er direkt hinter mir stand, so dass ich ihn nicht aus den Augenwinkeln erkennen konnte, wie sein Blick direkt auf meinen Nacken gerichtet war, doch ich konnte ihn nicht atmen hören. In meinen Hinterkopf pochte es, als würde an der Stelle, wo seine Blicke mich trafen, mein Blut anfangen zu kochen.

Was wollen sie?“ brachte ich leise hervor, doch ich bekam keine Antwort. Blut und Schweiß tropfte mir von meinen Händen, da sich die Riemen mittlerweile in meine Haut geschnitten hatten, ich jedoch nicht loslassen konnte.

Die Erlösung geschah durch eine beruhigende Frauenstimme, die das Stockwerk ausrief, als der Lift sanft stehen blieb. Ich holte nun nicht mehr in langsamen und längeren Abständen Luft, sondern schnaufte tief durch die Nase aus und ein, als hätte ich die sechs Stockwerke zu Fuß absolviert. Als die Tür komplett offen war, trat ich hastig hinaus, eins zwei drei große Schritte. Und dann blieb ich stehen.

Meine Angst war nicht so groß wie meine Neugier, doch als ich mich umdrehte, war der Lift leer. Ich schaute schnell nach links und rechts, doch es gingen mehrere Personen auf den Lift zu als auch von diesem weg, so dass ich nicht mehr sagen konnte, ob mein unbekannter, leiser Schatten dabei war.

Als ich das Blut an meinen Händen bemerkte, lief ich schnell ins Bad. Es waren keine tiefen Einschnitte, aber sie schmerzten und brannten, als ob man mir Tropfen von Jod mit einer Nadel in die Handfläche stieß. Ich öffnete die Tür zur Toilette, als eine andere ins Schloss fiel, ich ging zum Seifenspender, wusch mir das Blut von den Händen und trocknete sie dann vorsichtig und sorgfältig ab. Meine Silhouette bewegte sich im Spiegel und hinter mir betätigte jemand die Spülung. Die mittlerer der drei Kabinentüren sprang auf und ein mir unbekanntes, junges Gesicht trat mir entgegen.

Guten Morgen!“ und ich erschrak und zuckte zusammen, da ich mich bereits an die grässliche Stille gewöhnt hatte. Ich bemerkte zu spät dass mir der Herr aus der Kabine die Hand entgegenstreckte und blickte zunächst verwirrt auf diese herab.

Ach du meine Güte, wo bleiben meine Manieren?“ Er lachte kurz, balancierte geschickt an mir vorbei, betätigte den Wasserhahn und wusch sich lange und ausgiebig seine Hände.

Ich stand mit dem Rücken zu ihn, als er das Gespräch begann:

Es wundert mich, dass du heute gekommen bist.“

Ich erwiderte seine Aussage mit einem kurzen, nach einer Frage klingenden Räuspern.

Nun“, fuhr der junge Mann fort, während er sich im Spiegel begutachtete und seine Haare richtete, „ bei diesem Nebel. Falls es dir nicht aufgefallen sein sollte, wir sind total unterbesetzt. Und heute Nachmittag ist Redaktionsschluss. Das schaffen wir nie.“

Ich starrte weiter auf meine Hände.

Der Mann richtete sich noch etwas her und erzählte von den Schwierigkeiten, die er hatte, als er heute hierher gefahren war. Als er fertig war, klopfte er mir auf die Schulter, forderte mich zum mitkommen auf und sagte laut und deutlich meinen Namen.

Noch bevor ich dem Unbekannten ins Gesicht sehen konnte, war er aus dem Bad gegangen. Perplex, stand ich noch einige Sekunden regungslos da, bis der Schmerz in meinen Handflächen mich aus meiner Erstarrung weckte.

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