das letzte kapitel

Diese Geschichte beginnt mit einem Namen.Es ist nicht nur irgendein Name, es ist deiner. Es tut mir Leid, dass ich dich nicht gefragt habe, ob ich ihn verwenden darf, aber du wirst es nie erfahren, denn am Ende wirst du tot sein. Mich trifft keine Schuld, denn du hast es dir so ausgesucht. Wir besitzen jeder einen freien Willen, wir sind niemals Opfer, wir sterben, weil wir wollen. Deine Worte. Ehrlich gesagt, glaubte ich nicht daran, nein, es war mir gleich, was du damit meintest. Die Welt würde zusammenbrechen, es würde Blut und Asche regnen und du würdest sterben, weil du es wolltest und ich wäre alleine, weil du es wolltest und ich würde schreien, weil du es wolltest. Das war nicht meine Entscheidung.
Jetzt ist es nicht mehr deine.
Dein Ende beginnt hier und ich werde nicht um dich weinen, weil ich es jetzt weiß. Versteh mich nicht falsch; dies ist keine Rechtfertigung. Ich hätte dich fragen sollen, ein einfacher Satz, ich weiß. Doch es ist mir gleich. Dies ist keine Rechtfertigung.

Es wird in Tränen enden“, sage ich zu dir.
„Ich weiß“.
„Es wird schön werden.“
„Ich weiß.“
„Wann glaubst du, hast du dich das letzte mal so gefühlt?“
Du lehnst dich zurück und schließt die Augen. Ein tiefer Atemzug, einmal, zweimal, hör auf, denke ich, hör auf damit.
‚Sie lehnt sich zurück.‘
Fuck. Hör auf damit, hör auf –
Eine Träne rinnt dir über die Wange, so klein, dass ich sie erst bemerke, als sie an deinem Kinn hängt, hinab fällt, hinab fällt, fällt und zerbricht.
„Es beginnt.“
Hör auf damit.
„Bitte mach es schön. Versprich es mir. Versprich mir, dass ich es nie vergessen werde.“
Hör. Auf. Damit.
„Ich versuche es, aber… bitte, sag mir. Wann – “
Ich wünsche mir, dass du mich anschreit, ich wünsche mir, dass du mich schlägt, dass du mir ins Gesicht spuckt, mich an den Haaren packt und auf den Boden schleuderst, und ihre Faust, an den Finger klebt Blut, während sich deine Stimme überschlägt „Hör auf damit! Hör auf damit!“, bis ich dich anflehe aufzuhören, bis ich dir verspreche, aufzuhören.
„An meinen 17 Geburtstag.“ Du setzt an.
„Du kennst die Geschichte.“ Ich kenne die Geschichte.
„Oh. Ich verstehe. Danke. Ich werde – “ Ich sehe dir ins Gesicht und wünsche mir, dass ich etwas für dich empfinden könnte. Auf deinem Shirt liegen Scherben, kaum größer als Staubkörner, sie glitzern, wenn ich meinen Kopf etwas senke, sie glitzern und leuchten und ich empfinde keine Schuld. Ich nehme ein Blatt Papier.
„Versprich es mir.“
Ich löse den Verschluss, wir setzen an, ich verspreche dir, dass es in Tränen Enden wird, in Blut und Schweiß – wirst du mich töten?
„Ich verspreche es.“ Danke.

Ich kenne die Geschichte. Jeder kennt sie. Wir haben sie schon oft gehört, du und ich, wir haben gelacht und geweint, sie auf der Leinwand betrachtet, sie gehasst und geliebt, sie gelesen, in all unseren Büchern und immer und immer und immer wieder wiederholt. Du würdest daran zu Grunde gehen. Ich weiß es. Ich weiß alles. Ich weiß alles.

Wir kennen uns schon lange, sehr lange. In der Geschichte gibt es die Geschichte, wie ich dich kennen lernte und diese begann im Herbst vor vielen Jahren. Ich lachte über dein Aussehen und du hasstest mich dafür. Es sollte mir Leid tun, denn heute weiß ich, dass ich dich damit verletzte, dass du wolltest, dass mir deine Haare gefallen, dass du mich schon davor kanntest.
Verfolgst du mich?
Ja, aber liebevoll.
Du bist ein Idiot.
Ich bin froh, dass ich über dich lachte. Es tut mir nicht Leid. Ich würde dich heute nicht kennen. Also verzeih mir.
Wir hatten uns nie gehasst, nie gestritten, wir waren verknallt ineinander, erträumten uns gegenseitig bei Nacht und begannen unsere Tage füreinander, bis wir uns so wichtig waren, dass wir Freunde blieben. Nebeneinander lagen wir in Bett, starrten an die Decke, tranken unser Bier, jedem das seine, sahen schlechte und gute Fernsehserien, jedem das seine, hörten gute Musik, nur gute, und es war alles für uns. Kopf an Kopf, wir schlossen die Augen, ich spürte deine Lippen, wie sie warme Luft ausstießen, und ich wünschte mir. Deine Augen. Eine andere Geschichte.
Wir. Sind etwas anderes. Und ihr alle kennt diese Geschichte. Und nun unterbreche ich sie, weil du weißt, dass ich sie nicht erzählen will. Das hier hat nichts mit mir zu tun. Dies ist deine Geschichte, denn sie beginnt mit deinem Namen.

Zweites Kapitel:

Der Rauch umkreiste in langsamen Kreisen ihre Köpfe, nistete sich ein, legte sich still auf ihre Häupter. Er fing an zu lachen, zunächst leise, dann wurde es lauter, unaufhaltsam und beinahe lächerlich für einen Mann seines Alters. Er spürte, wie sie ihn durchzog, wie der Gedanke an eine Berührung ihn verwandelte, bei Vollmond, würde er wieder ein Teenager sein. Ihre Jugend, ihre zarte und boshafte Jugend, ein Gift, die in seinen Herzen pulsierte. Sie stimmte in sein Lachen ein, zunächst zaghaft, schüchtern doch mit Bestimmtheit ihn zu übertönen.
Was – was hast du gesagt?
Was hatte er gesagt? Ich liebe dich. Gedacht. Ich will mit dir ficken. Gedacht. Warum ich. Gedacht. Ich glaube, ich liebe dich. Gedacht. Ich glaube. Gesagt.
Ich glaube, dass ich dich liebe. Ihre junge Stimme klang fern in seinen Ohren, doch ihr Flüstern klang so vertraut, so dass sein Echo sich durch sein Gehirn fraß.
Er musste lachen. Sein lautes Lachen durchzog den Raum und erschütterte ihn, so dass er aufpassen musste, nicht vom Bett zu fallen. Sie lachte mit, während sich um ihr Herz ein Anker legte der tiefer und tiefer hinab sank und ihre Eingeweide zerriss. Nachdem er sich beruhigt hatte, tastete er nach dem Aschenbecher, setzte sich auf und führte die Hand zu seinen Lippen. Ein kurzer Zug, er blickte auf sie herab, komm her, inhalierte und küsste sie.
Mit ihren Lippen sog sie ihm sein Leben aus, sein Blut, sein Herz, seine Seele, seinen Rauch. Um ihn zu vernichten, musste er alles verlieren, musste nur sie übrig bleiben. Er wurde bleich und ein dunkelgrauer Filter legte sich über seine Augen.
„Ich wollte soeben das Selbe sagen“ waren die Worte die sie erlösten, die ihren Zorn und ihre Trauer in Zigarettenrauch verwandelte, der sich mit seinem Atem und seinem Schweiß vermengte und in dicken Wolken an die Zimmerdecke stieg. Er flüsterte die Worte, schwach und ausgelaugt, seine Haut in tiefen Falten, sein Haar plötzlich ergraut und er flüsterte: „Ich wollte soeben das Selbe sagen.“ Und sein flüstern, schlich sich langsam an, klopfte nicht, sondern schlüpfte lautlos durch ihr Ohr, kletterte an ihrer Haut entlang, zwang sich durch ihre Venen, bis es ihr Herz erreichte um den Anker zu lösen. Mit keinem Laut lösten sich die Ketten um ihr Herz, die Wunden schlossen sich und alles stürzte ins Leere. Das ist Freiheit dachte sie und lachte und weinte und sang und tanzte und hüpfte und flog und stürzte und hielt die Zeit an. Und kurz vor ihrem Aufprall, als sich nichts bewegte, gerade als der Raum sich in einen Ozean verwandelte und das Bett kurz davor war von einer Welle verschluckt zu werden, wusste sie, wie es enden würde. Schwebend, drehte sie sich um, starrte die Sturmwolken an der Decke an, bis sie sich bewusst wurde, dass sie den letzten Augenblick, das eine Mal, an dem jeder Mensch die Zeit anhalten durfte, verschenkt hatte. An ihn, der zu alt für sie war, an ihn, der zwei Kinder hatte, an ihn, dessen Frau ihn hasste und noch mehr hassen würde, an ihn, der lachte und lachte und sie liebte, an ihren Mörder, an ihren Tod. Und sie genoss den Moment, in seiner unendlichen Kürze und sie betrachtete die Blitze am Himmel, wie sie minutenlang das Zimmer erhellten und sie zählte dir Tränen, die so langsam hinab fielen. Sie betrachtete das Filmposter an der Wand, wie es ergraute, der Joint im Aschenbecher, der verglühte, des Fenster wie es zerbrach und seinen Körper, wie er stetig zu Staub zerfiel. Sie flüsterte seinen Namen, einen Namen der nicht schöner als ihrer sein konnte und kurz bevor sie den Mund schloss, fand ein Regentropfen seinen Weg durch ihre Lippen, zerbarst an ihrer Zungenspitze und verschloss ihre Atemwege.
Sie schlug auf, der Sturm brach los und verschluckte sie. Unvorstellbarer Lärm stürzte auf sie herab, umschloss sie und ihren Liebhaber und vernichtete alles. Sie lag mit dem Rücken vor ihrem Bett und lachte vor Glück, da sie noch nie etwas Schöneres erlebt hatte.

Ein tiefe Zufriedenheit überkommt mich, als ich absetze. Ich lehne mich zurück und blicke auf den Stapel. Bald wirst du kommen. Und du wirst erkennen, dass ich mit deinem Leben spiele. Ich nehme deine Geschichte und verscharre sie.

Das letzte Bild ist ein zerrissenes Gesicht. Nachdem die beiden Hälften auf den Boden gefallen sind, werde ich gehen, der Vorhang wird fallen und unsere Geschichte wird zu Ende sein.

Es gibt nicht viele Fotografien von uns beiden. Wir liebten es uns an zu starren und ertrugen es nie, wenn jemand andere den Abzug betätigte. Die wenigen Bilder, die ich von uns besitze, kann ich an einer Hand abzählen. Ich muss lächeln, wenn ich daran denke, dass es keine Bilder von dir geben wird, denn ich bin kurz davor dich von der Angst befreien, dass jemand anderer ein Bild von dir schießt. Mein Finger liegt am Abzug und zittert, bereit, es zu Ende zu bringen.

Fünftes Kapitel:

Es war an dem Tag, als sie sich in einem Café sahen und sie nicht zu ihn gehen konnte. An diesem Tag, wachte sie viel zu früh auf, so früh, dass sie noch die Tür ins Schloss fallen hörte. An diesem Tag fühlte sie nach dem aufstehen den Druck der Nacht auf ihrem Kopf liegen und sie musste sich übergeben. Es war ebenso der Tag, an dem sie in der Dusche einschlief und zitternd und unter kaltem Wasser aufwachte. Es war der Tag, an dem sie nach dem Duschen nicht frühstückte und den Kaffee vergaß, der in der Küche auf sie wartete. An diesem Tag, an dem sie keinen Kaffee trank, lief sie aus der Wohnung während sie ihn zu oft anrief. Der Tag, an dem sie unbedingt mit ihm reden wollte, weil sie etwas schreckliches getan hatte, war von tief hängenden Wolken überzogen und es war der Tag, an dem sie ihren Regenschirm liegen ließ. Es war der fünfte Tag, an dem es ununterbrochen geregnet hatte und dieser hatte die Straßen von Blut der letzten Monate gereinigt. Es war der letzte Tag des Unwetters, doch es war ein Tag zu lang und es war eine Nacht zu viel und sie musste ihr Versprechen brechen. An diesem Tag ignorierte sie, was sie ihm geschworen hatte und öffnete die Tür zu dem Café. Es war der Tag, an dem seine Frau sie zum ersten Mal sah und seine Blick ihr Gesicht mit Verachtung spaltete. An dem Tag, als sie durchnässt und gehasst am anderen Ende des Cafés stand, an dem Tag, an dem seine Frau zu ihr rannte um den schwachen Mädchen zu helfen, dass zusammengebrochen war, an dem Tag, an dem er unabsichtlich ihren Namen aussprach und seine Frau ihn verwundert anblickte, an diesem Tag –

An diesem Tag musst du zum ersten Mal Verdacht schöpfen. Ich warte einige Minuten vor dem Café, bis sie dich endlich in die Freiheit entlassen, bis seine Frau sicher gegangen ist, dass es dir gut geht und er endlich seine verdammten Blicke von dir abwendet. Du stolperst zitternd in meine Hände und ich hoffe, dass du mein Lächeln nicht bemerkst, als ich dir meinen dunkelgrünen Mantel überziehe.

Ich kann mich schwer daran erinnern. Für mich sind diese Momente nur noch Zeichen, die sortiert und archiviert in einem Versteck liegen, bis du sie findest.

Einmal habe ich ein Foto von mir geschossen, als ich vor dem Spiegel stand. Wenn man genau hinsieht, kann man die Umrisse deines Gesichtes hinter der Reflexion des Blitzlichts wahrnehmen. Ich kann sogar dein Lächeln auf der Fotografie erkennen.
Ein weiteres Bild wurde in einer Fotokabine aufgenommen. Wir waren total besoffen und ich hätte mich beinahe auf die Linse übergeben und du wärst beinahe an deinem Lachen erstickt.
Auf Bild Nummer Drei liegen wir neben unseren Freunde auf einer Wiese und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob du mich mit deinem kleinen Finger damals absichtlich berührtest.

Siebtes Kapitel:

Es waren nun vier Wochen, drei Tage und siebzehn Stunden vergangen, seit dem sie ihn gesehen hatte. Die Nacht war soeben über die Stadt hinein gebrochen, als sie beschloss, ihn anzurufen und alles zu ändern. Es überraschte sie, als sie seine Stimme vernahm, als er beim Abheben leise ihren Namen hauchte. Es war weniger die Tatsache, dass er den Anruf entgegen nahm, sondern viel mehr der Ton seiner Stimme, der gebrochene Klang, das Rauschen der Leitung und wie es sich in seine Worte nahtlos einfügte. Sie sah sein müdes Gesicht vor ihren Augen, sah, wie er seine Lippen mit Anstrengung bewegte, sie formte und ihren Namen krächzte. Er erzählte ihr, was geschehen war, dass er wieder bei seiner Frau eingezogen war, dass seine Kinder ihn nicht mehr ansahen und den Tisch verließen, wenn er mit ihnen essen wollte. Als er erwähnte, dass er es nicht ertrug, nicht mehr neben ihr einzuschlafen, durch fuhr sie ein kurzes Gefühl der Befriedigung, welches sich jedoch augenblicklich in Scham wandelte und in Trauer mündete, als sie sich seine Frau vorstellte und wie sie im Schlaf ihren Arm um ihn legte um sich näher an seinen Körper zu schmiegen.
„Ich will dich sehen.“
„Wann?“
Sie redeten noch einige Minuten bis sie beide beschlossen, sich am nächsten Tag zu treffen. Der Treffpunkt sollte der Selbe sein, die Stiege vor der Kirche, deren Turm wie ein abgebrochener Wachsstift aussah. Es sollte so sein wie beim Ersten mal, ihrem Wiedersehen sollte an nichts fehlen, wenn sie Glück hätten, würde es vielleicht auch regnen.
Noch bevor sie auflegen konnte, fängt sie an zu weinen und sie weiß, dass das Letzte was er hörte, ihre traurige Niederlage war und ihn durchfuhr ein kurzes Gefühl der Befriedigung. Sie lag noch immer auf ihren Bett, als die Tränen endlich versickerten. Ihr Mund war eine ausgetrocknete Höhle, Stunden waren vergangen, seit dem sie den Hörer weggelegt hatte, es war lang nach Mitternacht, als ihr Schrei sie hochfahren lies. Erschrocken von ihrer eigenen Stimme, stand sie auf und überlegte, warum sie geschrien hatte.
Steh auf. Zieh dich an und geh hin. Geh zu ihm.
Ich muss gehen, murmelte sie.
Geh zu ihr.
Ich muss jetzt gehen.
Geh zu mir.
Sie sprang auf, riss den Wohnungsschlüssel aus ihrer Tasche und schlug die Tür hinter sich zu.

Und da stehst du nun. Mir fällt der Füller aus der Hand und ich sehe wie er in unheilvollen Bahnen vor deine Füße rollt. Ich werde von der Stehlampe geblendet, als ich erschrocken aufblicke und noch bevor du aus den Schatten trittst, weiß ich, wem diese Füße gehören. Du hast keine Schuhe an, deine Zehen sind dreckig und nass. Die Kiste mit den Fotografien liegt offen in der Mitte des Zimmers und noch bevor ich die Kiste unter mein Bett schieben kann, hast du sie an dich gerissen. Du nimmst den Stapel Papier aus der Kiste, legst diese vorsichtig auf mein Bett und betrachtest ruhig die vollgeschriebenen Seiten, auf deren Rückseite in meiner Handschrift dein Name steht.

Es gibt eine Fotografie auf der zu sehen ist, wie wir uns küssen. Dieses letzte Bild war der Beginn, des schönsten Sommers meines Lebens. Du weißt, dass ich diese Geschichte nicht erzählen will. Es ist die Geschichte, von dem Tag, an dem wir unsere Freundschaft beendeten und Liebende wurden. Wir lagen uns zwei Monate in den Armen, wir blieben jede Nacht auf um nichts zu verpassen, wir schlugen uns gegenseitig die Herzen mit einer Spitzhacke ein und weideten unsere Seelen aus. Ich sehe mir das Foto an, auf dem wir uns küssen und erinnere mich, wie ich dir zu deinem Geburtstag, einen Kuss schenkte, der viel zu lange war. Ich kotzte meine Liebe vor deine Füße und dir blieb nichts anderes übrig, als sie auf zu wischen. Du legtest deine Liebe um meinen Hals und mir blieb nichts anderes übrig, als die Schlinge zu zu ziehen. Es blieb uns nichts anderes übrig, als sie zu erwidern.
Ich weiß nicht, wer das Bild geschossen hatte, doch er hatte gut gezielt, hatte uns angestarrt, uns ausgesaugt und uns vernichtet. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich wetten, dass er es war.

Ich weiß nicht mehr, wann ich begonnen habe, deine Geschichte aufzuschreiben. Du hast dich mittlerweile hingesetzt. Noch hat keiner etwas gesagt. Du hast, um ehrlich zu sein, noch nie etwas gesagt. Alle deine Worte, existieren nicht in meiner Welt, sie sind Schallwellen, die mein Gehirn zu Worten verarbeitet, die ich wiedergebe und sie zu Papier bringe, es sind Worte, die du nicht gesagt, sondern die ich dir nach belieben in den Mund legen kann.
Doch nicht heute.
Was ist das, hättest du gesagt. Ich hätte geschrieben, wie du deine Geschichte zerrissen hättest, du wärst wütend im Zimmer herum gerannt, hättest mich geschlagen, hättest mir ins Gesicht gespuckt, mich an den Haaren gepackt und zu Boden geschleudert, und deine Faust, an den Fingern klebt Blut, während sich deine Stimme überschlagen hätte: „Hör auf damit!“ Deine Geschichte wäre zu Ende gewesen und es wäre ein gutes Ende gewesen, eines, dass uns allen gefallen hätte, du hättest dich nicht nach mir umgedreht, hättest das letzte Bild genommen und es zerrissen. Und nachdem die beiden Hälften zu Boden gefallen sind, wärst du gegangen, der Vorhang wäre gefallen und unsere Geschichte zu Ende.
Doch nicht heute.
Du sitzt am Bett und liest dir deine Geschichte sorgfältig durch, legst jede Seite behutsam neben dich hin, sodass dein Name nach oben zeigt. Ich bin hilflos, starre die Rückseiten des Papiers an, versuche durch die Druckstellen zu erkennen, welches Kapitel du gerade ließt, doch ich sehe immer nur deinen Namen.
Ich werde ein Ende schreiben, an dem ich blutend am Boden liege, denke ich, doch je öfter du eine Blatt beiseite legst, umso öfter zweifle ich an diesen Gedanken.
Du bist fertig und zündest dir eine Zigarette an. Und seit ersten mal seit Jahren verspüre ich etwas, etwas, dass ich in meinen Schriften mit Angst umschreibe. Ich schreibe mit meinen Fingern deinen Namen auf den Tisch (wie oft habe ich diese Bewegung ausgeführt?) und warte, dass du etwas sagst. Ich warte, dass du zum ersten mal in deinem Leben etwas sagst. Der Zigarettenrauch steigt zur Decke und als du den Mund aufmachst, lasse ich die Zeit erstarren und ich werde mir bewusst, dass ich den einzigen Augenblick, das eine Mal, an dem jeder Mensch die Zeit anhalten darf, an dich verschenke. Ich verschenke ihn an dich und die Angst, an dich, die zu weit entfernt ist, an dich, die nur in meinen Texten lebt, an dich, die mich liebt, aber in meinen Texten immer gehasst hat. Und das Zimmer verwandelt sich in einen Ozean und kurz bevor eine Welle dich und das Bett verschluckt, schließe ich die Augen und bevor du etwas sagen kannst öffne ich den Mund.
„Du hast es gewusst, oder?“
Du verweilst mit halb geöffneten Mund und die Angst fällt von mir ab. Ein Zug an der Zigarette, ein Nicken. Ich stehe auf und hebe den Füller auf. Ich setzte mich an den Tisch und nehme ein neues Blatt aus der Schublade.
„Seit wann?“, schreibe ich in deinem Namen und ich schreibe und schreibe und schreibe, bis du einschläfst und stirbt.

Es gibt eine Fotografie, auf der zu sehen ist, wie ich dich küsse. Es gibt sie nicht wirklich. Und doch war es die Fotografie, die ihn zornig machte, es war die Fotografie, die dein Leben zerstörte und mich von jeder Schuld befreite. Auf dem Bild kann man erkennen, wie ich eines Abends an deine Tür läute, wie die Tinte mir wie Blut von den Fingern tropft und meine Schminke sich vermischt. Auf dem Bild sieht man wie du mich zunächst erschrocken ansiehst, doch dann ruhig in die Arme nimmst und deine Wange mich berührt. Ich spüre, wie sich unsere Brüste aneinander schmiegen und wie du mir meine Jacke ausziehst und achtlos zu Boden wirfst. In der Jacke liegt ein Kuvert und in diesen Kuvert liegen Fotografien und auf diesen Fotografien liegst du in seinen Armen. Du weißt nichts davon und ich weine, weil ich zu feige bin, sie dir zu geben.
Auf der Fotografie kann man sehen, wie du deinen Schrank durchwühlst, während ich in Unterwäsche an deiner Bettkante sitze, die Decke sporadisch über meinen Körper gestülpt. Man sieht, wie ich sie absichtlich unabsichtlich fallen lasse und du mir einen kurzes Lächeln schenkst. Als ich sie aufhebe, frage ich mich, warum du mich nichts fragst, warum du dich nicht wunderst, dass ich vor deiner Haustür stehe. Man sieht, wie du mir deine Kleidung in die Hand drückst und meine Jeans über die Heizung legst, das Fenster schließt und dich neben mich setzt.
Es gibt auch Dinge, die man auf der Fotografie nicht sieht. Man sieht nicht, wie ich deine Kleidung anziehe, oder wie ich dir die Bilder in meiner Jacke erkläre. Man sieht nicht, wie ich aufstehe und mich beruhige, wie ich dir alles erkläre, die Tinte an meiner Hand, den schlampig aufgetragenen Lippenstift, das verzweifelte Laufen durch den Regen. Man sieht auch nicht, wie du wütend wirst, als du von meinem Verrat erfährst oder wie du mich aus der Wohnung wirfst, man sieht nicht, wie ich blutend am Boden liege, man sieht nicht, wie du dir deine schmerzende Hand ansiehst, deine Faust, an deinen Fingern klebt Blut, aber wir sehen es nicht. Denn es ist nie passiert.
Mein Leben brach an diesem Abend nicht zusammen, mein Ende war nicht besiegelt, denn als ich mich weinend hinlege, spüre ich, wie deine Hand unter meinen Körper rutscht und du meine Träger öffnest. Ich erinnere mich an das erste Mal, dass du das gemacht hast und höre auf zu weinen. Du lächelst, wie auf jedem Foto, du lächelst und ich bin traurig. Du nimmst die restliche Kleidung von mir ab und als ich nackt vor dir liege, stelle ich mir vor, wie ich dich schreiben werde, wie dieser Abend von Lust und Romantik übergeht und ich stelle mir Regen vor, der an das Fenster klopft und wie er immer lauter wird, dann abklingt und plötzlich als Sturm durch das Fenster bricht.
Es gibt eine Fotografie, auf der zu sehen ist, wie ich dich küsse. Und wenn man genau hinsieht, erkennt man mich, wie ich aufstehe, laut genug um dich aufzuwecken, aus dem Zimmer gehe und meine dunkelgrüne Jacke aufhebe. Ich öffne die Tür und schließe sie laut, bleibe im Stiegenhaus noch einmal stehen und atme aus. Mein Make-Up ist verschmiert, doch es ist mir egal, denn endlich kann ich wieder lächeln, denn jetzt ist es nicht mehr meine Schuld.

Wir sitzen auf meinem Bett und ich schreibe, wie du dich mit ihm triffst, wie er dich küsst und wie du dabei zerbrichst. Ich bin fertig und gebe es dir. Du siehst mich an und sagst:
„Bitte mach es schön. Versprich es mir. Versprich mir, dass ich es nie vergessen werde.“
Und ich verspüre den Drang dir alles wegzunehmen, das Papier zu zerstören, die Tinte auszuleeren und dich zu küssen.
Fuck. Hör auf damit. Fuck.
Hör auf damit.
Ich erstarre. Als ich mich zu deiner Stimme drehe, stehst du bereits und die Angst steht neben dir.
Hör. Auf. Damit.
Ich nehme den Stoß Papier vom Bett und blättere schnell zurück. Ich kann mich nicht erinnern –
Hör! Auf! Damit! Du schreist jetzt. Und ich habe Angst und blättere zurück und verliere Seiten voller Erinnerungen. Ich kann mich nicht erinnern, das geschrieben zu haben.
Du schlägst mich mit der Faust ins Gesicht.
Ich liege am Boden, blutend.
Du stehst zitternd über mir und fängst an zu weinen. Mein Kopf weigert sich zu beruhigen und ich bin so überwältigt von deiner Stimme, dass. Ich. Es. Nicht. In. Worte. Fassen. Kann.

Es gab einmal einen Jungen meines Alters. Im Sommer vor vielen Jahren, du warst gerade siebzehn geworden, hatte er sich in mich verliebt. Doch dies ist eine andere Geschichte. Sie ist lange zu Ende, liegt in einer Kiste unter meinem Bett. Wir alle kennen diese Geschichte. Als ich in seinem Bett erwachte, fühlte ich mich so schäbig wie noch nie. Er musste früh auf und ich hörte noch, wie die Tür ins Schloss fiel. Ich duschte mich, bis das Wasser eiskalt war, machte mir Kaffee, der mir nicht schmeckte. Ich ging zu dir und weinte. An diesem Tag waren wir keine Liebenden, wir waren kaum Freunde. Wir waren Wörter, die alleine keinen Sinn ergaben und zu einem Satz zusammengefügt werden mussten. Und wir hielten uns und ich weinte und du sahst mich an und die Anschuldigungen konnte man an deinen Blicken ablesen. Ich habe sie geschrieben.
Schuld. Verrat. Reue. Es ist nicht deine Geschichte und trotzdem beginnst sie mit deinem Namen.

Ich traf ihn, im Café in das du nicht hinein durftest. Seine Frau war bei ihm und als sie mich fragten, wer ich sei, gab ich keine Antwort. Ich beugte mich zu ihm hinunter und flüsterte deinen Namen. „Vergiss es. Du wirst sie nicht mehr ficken.“ Ich werfe das Kuvert auf den Tisch und noch bevor seine Frau fragen konnte, worum es sich dabei handelte, drehte ich mich um und kam nie wieder.

Es vergingen vier Wochen, drei Tage und siebzehn Stunden bis du ihn wieder anriefst.
Und es vergingen vier Wochen, drei Tage und achtzehn Stunden, bis ich wieder schreiben konnte.

Ich stehe auf und halte mir meine Hand vor die blutende Nase. An meiner Faust, an meinen Fingern klebt Blut. Du liegst im Bett und atmest kaum. Bald ist es zu Ende.
„Bist du fertig?“
„Gleich“, sage ich.
Ich setze mich hin und bevor ich schreibe, sehe ich mir das letzte Bild an. Es gibt eines, auf dem zu sehen ist, wie wir uns küssen. Ich nehme es in die Hand und verschmiere kleine Bluttropfen auf der Fotografie. Ich vergesse den Schmerz in meiner Nase und den in meiner Hand. Du bist eingeschlafen. Ich höre dich atmen und in deinen Pausen schlage ich mir noch einmal ins Gesicht. Ich werde ein Ende schreiben, an dem ich blutend am Boden liege. Noch einmal. Und noch einmal. Der Sessel kippt um und als ich aufstehe, merke ich, dass ich das Foto zerknittert habe. Ich betrachte uns darauf und bewege es vorsichtig zwischen meinem Daumen und Zeigefinger. Ich beginne es leicht einzureissen, weil ich wissen will, wie ich ohne dich aussehe. Ich ziehe an dem einem Ende, während ich das andere entgegenhalte. Als ich bei der Mitte angelangt bin, höre ich auf. Noch ist die Geschichte nicht zu Ende, sage ich zu dir, aber du hörst mich schon lange nicht mehr.

Dein Gesicht, an deiner Wange klebt Blut. Ich gehe zurück an den Tisch und setze mich hin. Du atmest. Ich nehme den Füller und steche dir ins Herz. Es dauert noch ein paar Seiten, bis die Tinte sich in deinen Venen ausgebreitet hat und dich sanft entgleiten lässt. Ich nehme ein leeres Blatt und schreibe auf die Rückseite deinen Namen. Ich erinnere mich, wie diese Geschichte angefangen hat. Meine Hände zittern noch etwas, meine Nase hat aufgehört zu bluten. Wir atmen ein. Ich setze an und beginne zu schreiben.

Letztes Kapitel: Diese Geschichte beginnt mit einem Namen.

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