Ende [working title]

[0] Es ist wird klarer Tag, denkst du dir, du siehst wie die Schatten sich in die Gassen zurückziehen und sich die Sonnenstrahlen stetig in der Stadt ausbreiten. Große Teile der Hauptstraßen sind bereits überflutet, doch der Tag bleibt still und jetzt wo du sehen kannst, was dich umgibt, wünscht du dir wieder die Nacht herbei. Die letzten Stunden, in denen du keinen Schlaf gefunden hast, bist du durch die Stadt geschlendert, hast Orte besucht, die dich an die letzten Jahre erinnert haben, hast die Dunkelheit genossen und die Auswirkungen des Unglücks ignorierst. Ab und zu bist du über einige Körper gestolpert, doch der damit verbundene Schrecken ist schon lange erloschen, das dunkle Herz dieser Stadt ist dein letzter Freund geworden. Die Zeit der Finsternis ist die schönste, da du die Augen nicht verschließen musst, du brauchst deinen Blick nicht von den herumliegenden Menschen abwenden und das Bewusstsein der Einsamkeit nicht völlig ignorieren. Zu denken, in der Nacht sei man nicht alleine, ist ein Segen, gefährlich, das weißt du, da die Angst andere Menschen zu treffen größer werden kann, als diese tot auf den Straßen liegen zu sehen.

Manchmal wachst du auf, da der Schein eines entfernten Feuers (oder ist es ganz in der Nähe?) dich erschreckt, ein blasser Schein am Himmel der aus einem unauffindbaren Winkel dieser Stadt dringt, und du sagst dir, dass dieses Feuer zufällig entstanden ist, ein Feuer von unbekannten Ursprung und dass du diesem Feuer folgen musst, weißt aber, dass du dich mit jeder Straßenecke davon entfernst, weil. Weil überall Menschen sein könnten, und dieses Feuer sie anziehen könnte, sofern es nicht sogar von ihnen ausgeht. Und so wartest du angespannt die letzten Stunden Dunkelheit in einer Gasse, einem verlassenen Haus, einer abgelegenen Tankstelle oder in einer ehemaligen Schule, Gebäude, an denen die Fenster noch ganz sind, die Türen verschlossen und du der letzte sein wirst, der dort gewaltsam einbrechen wird.

Du meidest Häuser, deren Eingänge von innen aufgebrochen wurden und suchst Gegenden ab, die du früher umgangen hättest. Am Tag zu schlafen hast du schon lange aufgegeben, da das gleißende Licht der Sonne die wach hält, die brennende Stille und das unverfälschte Bewusstsein sich nicht abschalten lässt.

Überall liegen Leichen und du willst deinen Blick abwenden. In den Supermärkten liegen sie, vor verfaulten Obst und Fleisch und du watest durch Körper, damit du die Konserven erreichst. Bohnen, eingelegtes Fleisch, Bratensaft, Abscheulichkeiten deren Ablaufdatum in weiter Ferne liegen, und du fragst dich, ob du sie vorher alle verbrauchen wirst, oder ob sie irgendwann ebenso verfaulen, wie das ehemals frische Gemüse, dessen Gestank bis zu deinem Regal dringt. So oder so. Deine Tage sind gezählt, Arschloch, steht auf einer Dose geschmackloser Pfirsiche, die du in dich hinein würgst und deren ekelhaften Geschmack du mit einem tiefen Zug Jack Daniels runter spülst. Betrunken rennst du durch den Markt und zertrümmerst ein paar Flaschen teuren Alkohol, da sowieso alles gleich schmeckt, alles gleich riecht und jeder Tag ist das selbe, nur das die Angst wird immer größer, bis du auch Nachts keine Ruhe mehr hast und du dich nur noch mehr betrinkst, und der Schrecken immer größer wird und die Hoffnung, dass diese Hölle ein Ende hat stetig schwindet.

So oder so. Du bist alleine und deine Tage sind gezählt, Arschloch.

[1] Bin im Auto aufgewacht. Sie hat noch geschlafen und ich packe schnell meine Sachen und verlasse den Wagen. Es ist schon ziemlich hell und ich höre ein paar Vögel zwitschern, schön, wenigstens ist es nicht still. Ich gehe ein paar Meter die Straße entlang, trinke das Wasser, das ich mir von daheim mitgenommen habe. Drehe mich um. Überlege ob ich nochmal zurück soll, sie aufwecken und mit ihr gehen soll. Das Benzin ist aus, uns bleibt nichts anderes als der lange Marsch in die Stadt und ich bin müde und einsam und zu zweit ist es besser als alleine. Aber die Angst ist größer und so gehe ich weiter, fühle mich etwas schwach und dehydriert, mache noch einen Schluck, trinke, bis die Flasche leer ist und werfe sie dann weg. Ich schaue nochmal in meinem Rucksack nach, drei Flaschen, einenhalb Liter, ich bin sowas von gefickt, ich schaffe es nie in die Stadt. Doch zurück ins Dorf kann ich auch nicht mehr, wir sind schon zu lange gefahren. Ich weiß beim besten Willen nicht wo ich bin, aber eine Straße hat immer ein Ende, sage ich mir, die nächste Ortschaft kann nicht länger als einige Stunden entfernt sein, von dort aus, kann ich mich neu orientieren, vielleicht finde ich ein Auto, mit viel Glück sogar eines, in dem der Schlüssel steckt und keine Leiche drin liegt. Mir wird schlecht. Ich fühle mich erschöpft, meine Hände schwitzen und ich sehne mich nach einem heißen Bad.

Ich gehe weiter. Es ist ein angenehmer Morgen, etwas kühl, da die Sonne sich nicht ganz durch die Bäume kämpfen kann und so gehe ich lange Zeit im Schatten, bis der Wald sich etwas lichtet und die Straße nun quer durch eine Landschaft aus Wiesen und Feldern führt. In der ferne kann ich vereinzelt Häuser erkennen, immer wieder frage ich mich wo zum Teufel ich bin, mitten in diesem verdammten Nirgendwo. Und kein Ende in Sicht. Die Stunden vergehen, die Sonne wärmt mich wohlig und ich fürchte, dass ich nicht rechtzeitig ankommen werde, irgendwo, egal wo. Ich male mir aus, wie ich erschöpft zusammenbrechen werde, wie eine der Leichen am Straßenrand liegen bleibe und in der Kälte der Nacht erfriere. Oder mich jemand tötet. Mich beraubt und sich über das Wasser freut, das harte Brot isst und meine Kleider vom Körper entfernt, wenigstens die Hose, da mein Shirt mit dem eingetrockneten Blut meinem Mörder als unbrauchbar erscheinen wird. Oder sie fährt vorbei, hatte noch einen Kanister mit Treibstoff im Kofferraum, sieht mich auf der Straße liegen und überrollt mich, schadenfroh, diabolisch lachend, fährt noch einmal zurück und wälzt meinen Kopf mit den dicken Reifen des Wagens nieder, massiert mein Fleisch in den Straßenbeton ein.

Ich rieche das Blut, dass an meiner Kleidung klebt und muss mich übergeben. Welche Schande, denke ich mir, die Reste der letzten spärlichen Mahlzeit, liegen nun klebrig auf dem Boden, ungenießbar zu einem stinkenden Brei verkommen und mein Magen füllt sich nur noch leerer an und mir ist noch immer übel.

Meine Füße schmerzen, wie lange bin ich schon unterwegs? Es sieht aus wie Nachmittag, oder vielleicht geht die Sonne gerade auf, ich kann meinem Urteilsvermögen nicht mehr trauen, war es schon Mittag? Ich kämpfe mich weiter die Straße voran. Habe schon lange keinen Menschen mehr herumliegen sehen. Hätte sie nicht verlassen dürfen. Hätte. Bleiben.

Ich lege einen Stopp ein, setze mich auf den sonnengewärmten Untergrund, fülle meinen Magen wieder auf, kaue langsam auf dem Laib herum, bis es aufgeweicht ist und beim schlucken nicht mehr weh tut. Und es wird kühler. Ich nehme einen Schluck des Rums, den ich ihr zuvor geklaut habe, er brennt zwar aber verschafft mir wenigstens ein erleichterndes Gefühl. Noch ein Schluck, etwas zu viel, verschlucke mich, aber ich habe wieder Motivation weiter zu gehen.

Ich hasse die Straße, da sie nach der nächsten Kurve leicht bergauf führt, schreite grimmig aber etwas entschlossener weiter. Die aufkommende Müdigkeit überwältigt, endlich geht es wieder etwas bergab, ich überlege ob ich noch einen Schluck Alkohol zu mir nehmen soll, spüre jedoch schon eine leichte Euphorie, die verspätete Wirkung des hochprozentigen Getränks und entscheide mich, es sein zu lassen, bevor ich mich betrinke und nicht mehr in der Lage bin gerade Schritte zu machen. Kontraproduktiv. Aber es würde mich weg zerren, von der ganzen Scheiße, die mir die letzten Tage widerfahren ist. Die der ganzen Welt die letzten Tage widerfahren ist.

Ich tapse etwas schneller die Straße hinunter, werde etwas fröhlicher und ignoriere den Gedanken, dass ich zuvor vielleicht „einen zu viel hatte“. Ich fange an ein Lied von den Rolling Stones vor mich her zu summen, passe meine Schritte dem Takt an und bald singe ich lauthals in den Abend hinein, besonders erfreut schreie ich den Refrain, ein paar mal zu oft und die Stellen, die ich nicht auswendig kann, übertöne ich mit einem betrunkenen „Lalala!“. Mir fällt auf, wie sehr ich die Musik in den letzten paar Tagen vermisst habe und krame in meinem Gedächtnis nach Lieder, die ich eventuell komplett rezitieren kann. Ich werfe mit ein paar Refrains umher, singe viel von den Beatles, da sich ihre leichten Texte gut eignen um sie angeheitert zu trällern und ironisiere The Sound of Silence, in dem ich es voller Freude vor mich hin gröle.

Benebelt, erfreut und sehr, sehr laut übersehe ich beinahe eine Gruppe von Jugendlichen, die sich abseits der Straße niedergelassen haben. Mein Gesang wird von Zwischenrufen gestört, doch anstatt gleich aufzuhören, verstumme ich langsam, summe noch etwas vor mir hin. Ich werde langsamer und bleibe schließlich ganz stehen, als ich es realisiere: Menschen. Eine kurze Panik durch fährt mich, doch der Alkohol in meinem Blut verhindert, dass ich weglaufe. Auch als zwei Jungs auf mich zu rennen, bleibe ich starr, eher vor Erstaunen, als vor Schreck. Ein paar Meter vor mir bleiben sie stehen. Es ist mittlerweile zu dunkel, dass ich ihre Gesichter genau erkennen kann, doch sie schauen (soweit ich das beurteilen kann) freundlich aus, zeigen keine Angst.

Hast du etwas zu essen?“, fragt mich einer von ihnen, er ist etwas kleiner als sein Gefährte, hat dunkelblondes Haar, sieht mitgenommen aus.

Was“, entgegne ich etwas zu laut, zu aggressiv, die beiden Jungen schrecken zurück. Der kleinere, ein hagerer Kerl mit langen Haaren, zückt ein Messer und ich schreie entgeistert auf und stürme auf ihn zu. Sie schreien auf und wollen davon laufen, doch ich bin zu schnell und reise sie beide zu Boden. Mein Hand ist geballt und ich bin kurz davor, dem Kleinen meine Faust in sein ängstliches Gesicht zu rammen, er schreit und zappelt, der andere hat sich aufgerappelt und rennt ein paar Schritte weg, ruft seine Freunde, anstatt, dass er seinem Kollegen hilft.

Fuck! Was soll das!“, schreie ich, hauche dem Jungen unter mir Rumgeruch ins Gesicht. Er lässt das Messer los und ich lockere meinen Griff, greife hastig zu seiner Hand und reiße es an mich. Entgeistert blicke ich auf die Taschenlampe in meiner Hand und lasse nun völlig vom Jungen ab.

Ich, äh, ich dachte…“

Verdammt, denke ich, der Junge liegt am Rücken, atmet schwer und beginnt zu weinen. Es tut mir Leid, will ich sagen, stattdessen fummle ich an der kleinen Lampe herum, schalte sie ein und aus und verscheuche den Gedanken, dass ich soeben bereit gewesen wäre einem wehrlosen Jungen seinen mickrigen Hals umzudrehen.

Irgendjemand boxt mir seitlich in die Rippen, ich drehe mich erschrocken um, sehe eine jugendliche Frau. Sie hat ihre Augen weit geöffnet und schreit mich an, holt zum nächsten Schlag aus und trotz ihrer zierlichen Statur trifft mich ein harter Schmerz im Gesicht und ich gehe zu Boden. Sie lässt nicht ab von mir und reißt mir einige Haare aus, sie kreischt und will mich beißen. Ich verpasse ihr einen Tritt mit meinem Knie und schaffe es so, mich von ihrem Angriff zu befreien. Ich springe auf und greife mir an die schmerzende Wange. Taumelnd hebe ich eine Hand in die Höhe, die andere noch in meinem Gesicht, schalte die Taschenlampe ein und aus und schreie, Fuck, es tut mir Leid, es tut mir Leid! Rund um mich hat sich mittlerweile eine Schar aus Teenagern gebildet und ich weiß, dass es für sie ein leichtes wäre, mich zu überwältigen. Und zu töten.

Es war ein Versehen“, stammle ich, versuche bestimmt zu klingen, obwohl ich ziemlich Angst habe. Verdammt viel Angst. Die Jugendlichen haben mich umzingelt, der Kleine hat sich mittlerweile beruhigt und steht etwas zittrig hinter seinem Freund. Das wahnsinnige Mädchen geht auf mich zu (sie sieht immer noch sehr aufgebracht aus) und bleibt knapp vor mir stehen.

Bist du betrunken?“, fragt sie und ihre Stimme klingt plötzlich viel sanfter, ruhiger, schön. Ich senke die Hände und fange zu lachen an, wirr, sie sieht mich traurig und verständnisvoll an, legt mir eine Hand auf die Schulter und ich lache noch lauter, kann mich nicht mehr beruhigen, wie ein Insasse einer Irrenanstalt, verschlucke mich an meinem eigenen Atem, huste und muss die Augen schließen. Ich lache weiter und als ich die Augen wieder öffne und verzweifelt nach Luft schnappe, sehe ich noch kurz das eigentlich sehr hübsche Mädchen, wie es mitleidig auf mich herab blickt, dann ausholt und mir meine Nase bricht.

[2] Unser Blick fährt über eine selten befahrene Landstraße. Abendlicht, die Baumwipfel werfen lange Schatten und schwirren über das dunkelgraue Auto, dass ihm konstanten Tempo die Strecke entlang fährt. Wir entfernen uns etwas von dieser Szene, blicken in die untergehende Sonne, die traurig den letzten Tag der Menschheit zu Ende gehen lässt. Der Himmel ist leicht bewölkt, die Luft starr und rosa, der Wind ruhig und der Sturm bereit. Wir senken unseren Blick wieder auf die Straße, erkennen wie das Auto die Geschwindigkeit erhöht, gefährlich schneller wird und auf eine Kreuzung zu fährt. Wir schwenken um 90 Grad blicken auf die andere Straße, die in die zuvor erwähnte fließt, ein Lastwagen, der auf die Kreuzung donnert, und das Unausweichliche – , wir blicken starr, warten auf den großen Knall, der Lastwagen kommt von der Straße ab, kommt ins Schleudern und wir drehen uns weiter 90 Grad, verpassen, wie der Laster

Seine Mutter liegt tot neben ihm und nur er weiß es, weil wir, wir wissen es nicht besser. Es sieht aus, als ob sie schlafen würde, doch nur er kann erkennen, dass sie nicht mehr atmet, er hält den Finger an ihre Nase, an ihren Mund, hofft auf etwas Luft, doch es kommt nichts, kein Seufzen, kein Atmen, keine Hoffnung. Bedrückt sehen wir weg, können nur noch raten, wie er ihren Puls fühlt, malen uns sein Gesicht aus, wie er es verzerrt, als er auch so kein Lebenszeichen mehr erkennen kann. Wir entfernen uns vom Unfallort, weil wir es nicht mehr ertragen können, wie er leidet, wie dieser junge Mann sich quält, weint und schreit, gegen den toten Körper schlägt und ihn bittet, er möge wieder auferstehen. Wir drehen uns um sehen, den Lastwagen, der umgekippt im Straßengraben liegt, wir machen uns nicht die Mühe, nach dem Fahrer zu sehen. Erstaunt darüber, dass wir nicht von der Straße abgekommen sind, gehen wir weiter, gehen die Straße entlang, versuchen uns nicht an den herumliegenden Autoteilen zu stoßen. Als wir hinauf blicken, weil wir die Sonne suchen, können wir einige Vögel erkennen, die in einer uns unbekannten Formation in eine uns unbekannte Welt fliegen. Es gibt also noch Hoffnung und nichts ist verloren, wir, die ewigen Optimisten, sehen hinauf zu den Vögeln die jetzt hinter den Bäumen verschwinden. Wendung. Der junge Mann sitzt immer noch im zerstörten Automobil. Wir sehen wieder genauer hin, bemerken das eingetrocknete Blut, seit dem Unfall müssen schon ein paar Stunden vergangen sein, er hat sich langsam beruhigt, steigt aus, umrundet das Gefährt, öffnet die Fahrertüre. Wir kommen nähern, behalten jeder seiner Bewegungen im Auge, er versucht den toten Körper von dem Sicherheitsgurt zu befreien, doch als seine zitternde Hände endlich hinter den Leichnam gerutscht sind und das Schloss gefunden haben, verkrampfen sie sich und er fällt schluchzend um den leblosen Körper seiner Mutter. Haut hat sich von ihrer Stirn gelöst, einige Fetzen kleben an der Windschutzscheibe, trockenes Fleisch hat sich aus der Wunde gezwängt und ist mittlerweile an der Luft des Tages erstickt. Das dunkelblonde Haar, welches vor einigen Stunden noch gepflegt und sauber am Hinterkopf der Frau hinab geflossen ist, hat eine faulige Farbe angenommen. Er tastet danach, wirft sich dem Körper um den Hals und streicht durch die Fäden, die tot vom Kopf hängen. Ihre Haare strahlen nichts mehr aus, sie sind, wie der Rest des ehemals so fröhlichen Menschen, nur noch ein verlassenes Etwas.

Der junge Mann, von seiner Erstarrung befreit, schafft es nicht, den toten Körper von seinem Platz zu bewegen. Er rennt zurück zu seinem Platz, greift nach seiner Tasche, die er vor kurzen Momenten noch auf seinen Schoß liegen hatte. Ihr Inhalt liegt verstreut im zerstörten Vehikel und wir können erkennen wie sein Mobiltelefon unter dem Autositz liegt. Er erkennt dies ebenso, versucht zunächst mit seiner linken Hand an das Handy zu gelangen, als ihm dies aber nicht gelingt, wechselt er den Arm, verrenkt sich und gibt dann auf. Er zwängt sich aus dem Auto hinaus, schmeißt die Türe zu (obwohl sie sich nicht mehr schließen lässt und wieder zurückfliegt) und lehnt sich, die Handflächen gegen seine Augen gepresst, mit dem Rücken an das Gefährt. Auf der Straße sitzend, weinend und in der mittlerweile auferstandenen Nacht frierend, schläft er dann nach einigen Minuten ein, kippt um, in eine Höhle aus Nebel, Salz und Wasser. Irgendwann, in dieser Nacht, wird er noch einmal aufwachen, sich neben seine Mutter in das Auto setzen, wieder einschlafen und kein Albtraum kann in mehr verfolgen, da alles schon eingetroffen ist. Und er bemerkt nicht, was wir schon die ganze Nacht vernommen haben, oder besser, nicht vernommen haben: es ist still.

Es weht kein Wind mehr, und keine Vögel fliegen mehr umher, keine Grillen, die das nächtliche Dasein mit ihrem Klang begleiten, es ist alles still, weil nichts mehr lebt und wenn er am nächsten Tag aufwacht, wird er sie bemerken, die Stille und sie wird ihn umbringen, sich in sein Gehirn fressen, sich um seine Haut legen, sein Herz verspeißen und seinen Mund verkleben, den diese Stille ist durstig und sie wird nicht aufhören ihn zu verfolgen, bis sie satt ist.

[0] Du glaubst, dass diese Albträume irgendwann, irgendwie aufhören müssen, aber die einzige Möglichkeit die du kennst ist, nicht zu schlafen.

Du glaubst, dass all das irgendwann einmal aufhören wird, aber die einzige Möglichkeit, die du kennst, ist weiter zu machen, weiter zu gehen, dich weiter zu schänden bis du irgendetwas gefunden hast, dass all um dich herum erträglicher erscheinen lässt.

Du glaubst, du seist nicht alleine, aber die einzige Möglichkeit dies zu überprüfen ist, sie zu suchen, diejenigen zu finden, die auch glauben, sie seien nicht alleine und sich deswegen fest vorgenommen haben, jeden zu töten, der ihnen zu nahe kommt.

Du glaubst, dass Nichts auch Etwas ist, aber. Es bleibt nichts.

An den Tagen, an denen es dir gut geht, fasst du Hoffnung, dass diese Stadt aus nichts mehr besteht und du in Ruhe gehen kannst, dass dich nichts mehr braucht, dass du nichts mehr brauchst und dass niemand mehr dich hören kann.

Du glaubst, dass es nichts mehr gibt, was dich noch an diese Welt bindet und dass du endlich ihre Hand loslassen kannst, weil, wenn du fällst, fällt sie mit dir und nichts, nichts, nichts mehr ist von Bedeutung und du lächelst weil es endlich soweit ist und es nicht mehr lange dauern kann bis es endlich aufgehört hat.

An den Tagen, an denen es dir gut geht, kannst du schlafen, weil dir die Stille nichts mehr ausmacht, doch, der Nacht ist dies egal und du wachst immer zur gleichen Zeit auf.

Du glaubst, dass diese Geräusche, die du Nacht für Nacht hörst, nicht existieren, weil nichts mehr existiert.

Du glaubst, dass du der letzte Mensch in dieser Stadt bist und es geht dir gut, doch glaubst du, du seist nicht alleine, wirst du schwach, fängst an zu frieren und du bekommst Hunger, Angst.

Du glaubst, dass es noch jemanden geben muss, in dieser gottverdammten Welt, in dieser Hölle aus Stein in diesem Labyrinth aus Häusern, denn ohne Bewusstsein, gibt es keine Welt.

An den Tagen, an denen es dir schlecht geht, an denen du Hunger hast und Angst und du frierst, hörst du sie kommen, aus ihren Löchern gekrochen, sind sie auf der Suche nach anderen Menschen um nicht ganz so alleine zu sein, um die Stille zu durchbrechen.

Du glaubst, wenn du diese Menschen gefunden hast, wird es nie wieder aufhören und du fasst den Plan, sie zu umgehen, bis sie sterben, bis nichts mehr, außer deinem Atem, diese Stadt wach hält.

Du glaubst, dass all das irgendwann einmal aufhören wird, aber die einzige Möglichkeit die du kennst ist sie zu töten, denn sobald alle gestorben sind, gibt es keinen Grund mehr zu leben und keinen Grund mehr, diese Welt am Leben zu erhalten.

Wenn du fällst, fällt sie mit, du in den Tod und sie in ein Koma, aus dem niemand mehr erwachen kann.

[1] Ich musste die ganze Nacht bewusstlos gewesen sein, denn als ich aufwachte, war die Sonne schon aufgegangen. Ich höre Stimmen, die aufgeregt über etwas reden. Ein Schwindel überkommt mich, als ich aufstehe und ich muss mich mit beiden Armen auf dem Boden abstützen um nicht wieder zurück zu fallen. Mein Kopf schmerzt, meine Nase fühlt sich an, als wäre sie um einige Zentimeter verschoben und als ich sie versuche an den richtigen Platz zurück zuweisen, durch fährt mich ein Schmerz, den ich zum letzten mal gespürt habe als, ich

Ein Tritt gegen mein Becken bringt mich zu Fall und die Stimmen werden aufgeregt. Ich will schreien, doch mein ausgetrockneter Hals bringt nur erbärmliche Töne hervor. Ich versuche meine Kopf so zu drehen, damit ich sehen kann, wer soeben auf mich eingetreten hat, mit meinen Armen schütze ich gleichzeitig mein Gesicht. Über mir steht der kleine Junge, den ich am vorigen Abend beinahe umgebracht hätte und in einem Anflug von Zorn, stelle ich mir seinen dümmlichen Kopf vor, wie er unnatürlich von seinem Körper weg steht und umher baumelt. Der Junge holt aus und verpasst mir einen weiteren Tritt, dieses mal in die Rippen, ich zucke zusammen und bekomme immer noch keinen Laut aus meiner Kehle.

Hör auf“, schreit eine weibliche Stimme und ich ahne diese zu erkennen, trotz der fehlenden Ruhe, die ich gestern kurz vor meiner Ohnmacht gehört habe.

Dieses Arschloch wollte mich umbringen und du sagst mir ich soll aufhören?“ Der Junge über mir kreischt regelrecht vor Aufregung und Wut, ich kann nicht viel länger und hole Luft und es wird schwarz.

Als ich meinen Kopf auf den Boden aufprallen lasse, spüre ich meinen ganzen Körper vor Schmerzen pulsieren. Ich halte die Lider geschlossen, hoffe auf Erlösung, doch das einzige was passiert sind weitere Tritte und näher kommende Schritte und ein Schlag und ich sehe nichts sondern höre nur zu:

Wie Gedanken fließen die Gespräche der Jugendlichen an mir vorbei, einige Fetzen erreichen mein Ohr, einige gelangen in mein Bewusstsein und ich bemühe mich, den Sinn aus diesen Strom von Stimmen zu erkennen doch dann fange ich an zu träumen.

Als ich aufwache sind meine Schmerzen etwas abgeklungen. Das junge Mädchen, dass mich gestern K.O. geschlagen hat, steht gebeugt über mir und reicht mir eine (meine!) Wasserflasche.

Was ist los?“

Du bist verletzt.“

Das habe ich schon bemerkt, denke ich mir als ich mich aufsetze, doch bevor ich etwas sagen kann, setzt sie wieder an:

Es tut mir Leid, dass ich dich so verletzt habe.“

Ich greife zur Flasche, nehme einen kräftigen Schluck und antworte: „Mir auch. Tut mir wirklich Leid, ich wollte ihn“, ich suche die Gruppe von Teenagern ab, bis ich den kleinen Scheißkerl finde, der mich heute in meine Albträume zurück geprügelt hat und strecke dann die

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