als ich dich so nannte, konntest du nur lachen

Das klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber ich muss dich leider bitten, den nächsten Absatz zu überspringen, da er nicht für dich bestimmt ist. Dies gilt natürlich nur für die Leser dieses Buches, die mich nicht kennen; sollte die Person, die diese Zeilen ließt mich kennen und zudem auch noch auf den schönen Vornamen Sara hören, möge diese bitte unter höchster Dringlichkeit weiter lesen:

 

Das klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber. Liebe Sara, ich brauche deine aktuelle Adresse, aus aktuellen Anlässen. Ich muss dir einen sehr wichtigen Brief schreiben, doch leider weiß ich nicht, wo du lebst. Noch schlimmer ist, ich weiß nicht, ob du überhaupt noch lebst. Ich gehe davon aus, gehe davon aus, dass du noch immer in dieser wunderbaren Stadt lebst, die viel zu laut und viel zu dunkel für mich ist. Also, liebe Sara, ich gehe davon aus, dass du noch in dieser Stadt lebst, und ich gehe davon aus, dass diese Geschichte dich erreichen wird, irgendwie.

Ich kenne niemanden, der mir sagen könnte, wo und wie ich dich erreichen könnte, deine Telefonnummer habe ich schon seit Jahren verloren und meine neue habe ich dir nie gegeben. Dein Mail Account ist tot, jedenfalls behauptet das mein Mail Account. Ich finde dich weder in den Gelben Seiten, habe dich vor einigen Monaten gegoogelt und nichts, nichts, nichts gefunden, nicht ein Bild, nicht einen Pixel, keinen Buchstabe, kein Anagramm, kein Synonym, kein Künstlername, du bist ein Geist.

Und ich bin es Leid, dir hinterher zu jagen, deswegen schreibe ich nun dieses Buch und ich werde alles menschenmögliche in die Wege leiten, dass es fertig wird, ich werde alles mir mögliche versuchen, alles und jeden bezahlen, damit ich dieses Buch irgendeinmal verkaufen kann und ich, ich werde meinen Namen groß drauf drucken lassen und wenn du dann eines Tages an deinem Lieblingsladen, sofern es noch dein Lieblingsladen ist, vorbei gehst und im Schaufenster meinen Namen und den schönsten Buchstaben der Welt siehst, dann. Dann habe ich dich.

Liebe Sara, dieses Buch ist meine letzte Hoffnung, dich zu finden. Und ich werde warten. Bis du es findest. Oder bis es dich findet. Ich hoffe, du bist mir nicht böse, aber diese Geschichte beginnt mit deinem Namen und natürlich, ich hätte dich fragen sollen (sofern ich die Möglichkeit dazu gehabt hätte, du machst es mir nicht einfach), hätte ihn umändern können, aber alles, was mich näher zu dir führen könnte, musste ich beibehalten. Sofern jemand deiner Freunde vielleicht dieses Buch vor dir ließt, dann werden sie dich zu mir führen, wie du siehst bleibt mir keine andere Wahl. Es tut mir Leid, ich hoffe, es stört dich nicht.

Liebe Sara. Ich werde warten. Vielleicht auch nur, um zu erfahren, dass du mittlerweile aus dieser wunderbaren Stadt gezogen bist, dass du mittlerweile in einem kleinem Haus am Rande des Randes wohnst, einen liebevollen Ehemann und ein dunkelhaariges Mädchen hast. Vielleicht hat sich alles erübrigt und du hast mich schon vergessen, doch 15 Jahre später greift ein Buchstabe nach dir und du drehst dich noch einmal um und gehst in die Buchhandlung, der schrullige Verkäufer lebt noch, obwohl er mittlerweile das Pensionsalter schon längst überschritten hätte und du gehst hin, greifst über das schöne weinrote Buch, dieses rote Buch. Und dann rufst du mich an (meine Nummer solltest du leicht herausfinden, ich werde sie für dich in meinem Buch chiffrieren, du wirst es erkennen und ich werde sie nie wieder wechseln) und wirst mir sagen, dass du den Brief gelesen hast, den ich am Ende dieser Geschichte anhängen werde und – dann habe ich dich. Und du hast dich und ich bleibe entweder alleine oder bleibe bei dir, so oder so endlich werde ich es wissen. Was wäre wenn.

Du könntest mich zum Essen einladen, glaub mir, nach dieser Geschichte werde ich hungrig sein. Du wirst mir deine Familie vorstellen. Du wirst ein Glas Wein trinken und du wirst nicht merken, wie ich eine Träne verliere, wenn ich mir vorstelle, wenn ich dich dabei beobachte, wie du deine rotbemalten Lippen an das Glas setzt und deine Ringe an der linken Hand leise am Glas klopfen. Du wirst mit mir reden, über diese unglaubliche Geschichte, dich mich zu dir gebracht hat und später dann, wenn deine Tochter schon schläft und dein Mann mit (m)einem Buch auf der Brust eingenickt ist, wirst du das erste mal mein Gesicht berühren, mit der linken Hand und die Ringe werden leise an meiner Wange klopfen. Du wirst sagen, wie sehr du das Buch liebst, was du besonders gern gelesen hast, was dir nicht so sehr gefallen hat und an welche Stellen du dich noch sehr gut erinnern kannst, aber du wirst es sagen. Du wirst es lieben. Und in diesem Moment sehe ich dir in deine Augen und wie immer, blicke ich schnell weg, weil ich deinen Blicken nie lange stand halten konnte, denn alles was du siehst bin ich und alles was du denkst, bin ich und ich bin ängstlich. Einer von uns wird Tränen in den Augen haben und kurz bevor du dich zu mir vorbeugst, stellst du das Weinglas weg und greifst mit beiden Händen an meinen Hinterkopf. Du ziehst mich zu dir, und es ist wie früher und es ist, wie ich mir es vorgestellt habe und es ist, wie ich es geschrieben habe und deine Lippen öffnen sich, deine Augenlider fallen hinab und ich schmecke deinen Wein. Und vielleicht. Bleibe ich diesmal. Wach.

An die Leser, die den letzten Absatz nicht gelesen haben:

Ich danke euch herzlich, dass ihr meine Wünsche respektiert habt und versichere euch hiermit, ihr habt nichts verpasst, und ihr verpasst auch nichts, wenn ihr den Brief am Ende überspringt. Und nun viel Spaß mit meiner Geschichte.

An all die anderen:

Solltet ihr nun zu den restlichen neunundneunzig Prozent gehören, denen die vorigen beiden Abschnitte nicht gewidmet waren; schämt euch. Und gleichzeitig bitte ich euch meine Unverschämtheit zu entschuldigen, ich hätte es genauso gemacht wie ihr. Noch eine Bitte, obwohl ich jetzt schon erkennen kann, dass es wahrscheinlich sinnlos ist: ließt den Brief bitte nicht. Er ist nicht für euch. Und an die achtundneunzigkommaneun Prozent, die den Brief dennoch lesen: ließt ihn bitte erst am Ende der Geschichte.

An alle Leser und an dich:

Bevor wir beginnen, muss ich noch einiges klarstellen: natürlich ist der Name, den ihr hier in der Geschichte lesen werdet, nicht der, den ich meine. Ich werde ihn umwandeln müssen, etwa in Clarissa oder Amélie oder in einen dieser merkwürdigen Namen, die ich so mag. Ihr werdet schon sehen. Namen und Adressen und, Gott beware ich komme auf die Idee, Telefonnummern sind alle frei erfunden oder schon veraltet, also versucht nicht irgendjemandem aus diesem Buch zu kontaktieren (dies gilt natürlich nicht für dich). Es wäre ohnehin sinnlos, da der Autor dieses Buches Menschen nicht leiden kann und sobald er erkennt, dass ein anderes Individuum seine Nähe sucht (und sei dies nur ein nerviger Bastard, der arme Schriftsteller stalkt), wird er sich abwenden oder umziehen oder anfangen, böse Geschichten über diejenige Person zu schreiben. Die Geschichte selbst ist die Geschichte eines Mannes, der 15 Jahren nach der letzten Begegnung mit seiner Jugendliebe eben von dieser träumt und sich deswegen entscheidet, sich auf die Suche nach seiner Angebeteten zu machen. Leider erweist es sich als unmöglich diese zu finden und so entscheidet er sich zu der letzten ihm bleibenden Möglichkeit. Er schreibt ein Buch und lässt sich finden. Bis dahin muss ich sagen, dass sich alles genauso zugetragen haben könnte, wie ich es in der Geschichte erläutert habe, nur ab dann. Sagen wir so, es wird etwas irreal. Für alle Leser, denen dass zu einfach gestrickt erscheint, die sollen sich mit dem Teil zufrieden geben, den sie bist dato gelesen haben. Mit anderen Worten; sobald der Protagonist vor der Tür seiner großen Liebe steht und kurz davor ist einzutreten (oder auch nicht, das werdet ihr dann eben nicht erfahren – er tut es nicht), mögt ihr das Buch schließen und dem Rest eurer (und meiner) Vorstellung überlassen. So wie in den Liebesfilmen von Richard Linklater, wo man am Ende nicht genau weiß, ob sie nun gut oder schlecht ausgegangen sind. Alle anderen seien hiermit gewarnt, was danach geschehen wird, für das kann ich nicht garantieren, denn diese Geschichte, schreibt sich von selbst.

Claire de Lune

Als ich dich so nannte, konntest du nur lachen.

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