Nothing Left To Do [working title]

Ich sitze hier und sehne mich nach menschlicher Kommunikation. Ich strecke meine Arme aus, greife zu meinem Mobiltelefon und begutachte den bunten Bildschirm. Meine Augen öffnen die Nachricht, ich lese, ich schreibe und sende. Und lösche.
Mein Atem beschlägt das Glas, als ich meine Lippen hinführe und der Geschmack von Bier bleibt in meinem Mundwinkel kleben. Eine Gänsehaut auf meinem rechten Oberarm löst das Gefühl von Einsamkeit kurzweilig ab, jemand schreit hinter mir seinem Freund freundlich gemeinte Abscheulichkeiten hinter her und ich könnte kaum neidischer sein. Meine Hand vibriert und die angenehme Kälte, das Kribbeln verschwinden und gleitet in meinen Daumen, der geschickt eine kurze Prosa in die Nachrichtenfunktion dirigiert. Er sendet und ich lösche.
Hier ist es dunkel und ich muss meine Augen stets zusammen kneifen, wenn ich von meiner Arbeit aufblicke. Die beiden Betrunkenen sind schon wieder verschwunden und ich bin mittlerweile der letzte hier, der noch alleine sitzt und wartet. Der Geräuschpegel hat sich mittlerweile in ein stetiges Rauschen aus typischen Popsongs und wirren Gesprächsfetzen eingependelt, irgendwo am anderen Ende des Lokals singt eine junge Frau lautstark ein Geburtstagslied und niemand singt mit.
Ich lege das Handy schließlich aus der Hand. Es ist sinnlos zu warten und sich zu sehnen, ich weiß, dass ich auch später nicht wirklich zufrieden damit sein werde, aber die Sehnsucht lässt mich sitzen bleiben und ein weiteres Bier bestellen. Ich kämpfe meinen Weg ins Zentrum des Raumes, in die Mitte des Geschehens, wo die Musik noch lauter und unverständlicher wird, die Gespräche der Leute aus Kommunikationssilhouetten bestehen und meine Lungen mit abgestandener Luft gefüllt werden. An der Bar muss ich lang genug warten um mir eine Zigarette zu drehen, jedoch nicht so lange, dass ich sie rauchen kann. Mit der Kippe im Mund und dem Bier in der Hand begebe ich mich zurück in meine Ecke, die ich zuversichtlich unbeaufsichtigt gelassen habe und dir mir auch niemand streitig gemacht hat. Ich setze mich hin und meine Blicke führen wieder zu meinem Telefon. Gleich da.
Der Gang zur Bar war zwar nervig, ich nehme es jedoch gelassen und lasse mich deswegen nicht weiter beirren. Ich blicke umher, ein weiteres Mal. Ausgelassenheit würde man es nennen. Ich nenne es Zufriedenheit, denn, trotz des unakzeptablen Bierpreis sind die Menschen hier guter Stimmung, ihre Selbstzufriedenheit und ihre Zuversicht ist spürbar und stimmt mich fröhlich. Und ungeduldig. Und sehnsüchtig.
Ich fixiere meinen Blick kurzfristig auf bestimmte Personen, dich ich als interessant genug empfinde um sie zu beobachten, jedoch nicht interessant genug um mit ihnen zu reden. Meine Generation, denke ich, auch, weil The Who den üblichen auditiven Mist abgelöst hat und ich könnte über mich lachen, begnüge mich mit einem selbstgerechten Grinsen und einem Schluck Bier. Irgendein Arschloch, dass ich persönlich kenne, geht an mir vorbei und setzt sich in hörbare Reichweite. Er erzählt über sein Werk, über seine Kunst, über sein Schaffen und kommt sich dabei unglaublich begehrenswert vor. Dem weiblichen Erstsemester neben ihm, erklärt er, wie sehr eine solche Gesellschaft ihn beflügelt und ich bin mir nicht ganz sicher, ob er mit dem Mädchen flirtet, oder mit „Gesellschaft“, diese Bar meint, die ihm in all den Jahren zur Muße geworden ist, ohne die er sein Schaffen aufgeben müsste. Ich rutsche unbemerkt etwas näher, doch das Gespräch dreht sich mittlerweile um das Ableben Salingers und beide können nicht umher, sich zu bestätigen, wie sehr sie dies nicht getroffen habe. Würde es jemand mitbekommen, würde ich die Augen verdrehen. Demonstrativ, denke ich und wieder muss ich grinsen, während das Bier zu schnell in meinen Schlund gleitet. Weitere Fetzen über den seelischen Fußabdruck, den der tote Schriftsteller bei beiden hinterlassen hat und ich beginne erneut meine Gedanken so zu ordnen, dass sie eine Geschichte ergeben.

„Ich saß da und konnte nicht umher, ihr Gespräch zu belauschen. Sie redeten über Salinger und seine Arbeit und ich war mir sicher, dass beide – wenn überhaupt – nur den ‚Fänger‘ gelesen hatten und ihre Heuchelei widerte mich etwas an. Ein leichter Neid überkam mich, da ich bemerkte, wie sie sein hübsches Gesicht musterte und bei jeder Gelegenheit seine Überheblichkeit bestätigte. ‚Nichts dabei‘, dachte ich mir, ‚ein solches Gespräch könnte ich auch führen und, ja, sie würde ebenso an meinen Lippen kleben‘, wissend, dass dies wohl nicht der Fall sein würde. Mittlerweile sinnierte der junge Mann mit seinem natürlich unwiderstehlichen Kinnbart über sein eigenes literarisches Schaffen, seine nicht zu verachtende Fähigkeit, unsere Generation in eine treffende, zynische und authentische Abhandlung zu füllen, das Gefühl von Verlust und die Verlogenheit jedes Menschen hier im Raum und wie sich die jungen Leute ‚heutzutage‘ selbst ein Grab schaufeln und dies dann mit ihren Tränen, ihrer Trauer und ihrem Traum füllen, bis nur noch ihre Nasenlöcher aus dem Morast stehen und sie mit jedem Atemzug hoffen, nicht zu ersticken und sich weiter zu verschütten. Ich sah ihn an und musste mit den Augen rollen, zugleich bewunderte ich seine Fähigkeit das Gespräch, trotz Nikotin- und Biergeruch auf einem Niveau zu halten, auf dem sich berühmte Kulturkritiker ausruhen. Ich wusste dass -“

The Who wird abgelöst und ich muss gähnen. Ich blicke auf mein Handy und vergleiche die Zeit der letzten empfangenen Nachricht, mit der jetzigen. Gleich da. Eine grausam relative Zeitangabe. Ich überlege kurz, keine Gedanken mehr an die Präpotenz meines Studienkollegen zu verlieren, doch ein solcher Verlust würde mich nur weiter in eine langweilige Sehnsucht führen, die ich am heutigen Abend nicht gewillt bin, zu frönen. Ein Schluck und ich denke schon wieder in langen Sätzen und weiß, ich bin nie gewillt dieser Sehnsucht zu frönen. Sie macht mich traurig. Ich überlege, wann ich das letzte mal glücklich war und mir fallen prompt einige Situationen ein, deswegen versuche ich meine Glück einzugrenzen, nicht zu schmälern, sondern auf die besonderen Momente zu beschränken, in denen ich trotz Traurigkeit eine gewisse Freude empfunden habe.

„Es regnete und er ging ein weiteres mal nach draußen. Sich selbst gut zuredend, dass die warme Sommernässe auf seiner Haut, die Tränen rechtfertigte, die seine Wangen benetzten, wanderte er durch den Park, der nur wenige Straßen weiter verweilte und von einzelnen Joggern, Hundebesitzern und wandelnden Regelmänteln besucht wurde. Später würde auf diesen Tag zurückblicken und wissen, dass diese unmögliche Liebschaft, dieses unmögliche Gefühl in seinem Körper und dieses wunderbare Verlangen auf seine juvenile Leichtigkeit zurückzuführen ist. Und in diesem Moment, während er zu leicht für dieses Wetter gekleidet umher spaziert, dachte er an die Zukunft und daran, wie er später zurückdenken würde und diesen Moment in eine Truhe sperren, in eine kleine Mappe schließen oder in eine Schublade packen würde und er wusste, wenn er daran zurückdenkt, wird er glücklich sein, weil er gerade jetzt glücklich war, trotz aller Trauer, aller verschwendeter Liebe, trotz des Untergang dieses Sommers und seiner Unschuld, die er in liebevoller Verzweiflung verschenkt hatte.“

Ich drehe mich langsam im Kreis und der Alkohol machte das ganze nicht besser. Meine Tischnachbarn haben sich mittlerweile einem profaneren Thema gewidmet und würde ich den Mut haben, würde ich mich dazu gesellen und ihnen genüsslich ihre Zweisamkeit mit meiner gerechtfertigten Meinung über den aktuellen Tarantino vermiesen. Ich werde ungeduldig und genervt, und die ganze Situation wird dadurch nicht besser, dass ich mich dabei ertappe, wie ich einen seiner Sätze in meinem Gedankenfluss verwende. Seine Sätze. Ich bemerke, wie ich neidisch über die Tatsache denke, dass ich noch weit davon entfernt bin etwas zu publizieren, während sich der junge Mann mit dem hübschen Bart mit seinem kürzlich in einem Wettbewerb erfolgreichen Essay „Die leichte Unerträglichkeit des Nicht-Seins“ die Sympathie einer Gleichgesinnten gewinnt.

„Der Mensch, der ihr gegenüber saß, war nicht durchlöchert von gepeinigten Gedanken über ihre Zukunft, nein, sie konnte es nicht fassen, als er ihre Hand ergriff und ihr in die Augen blickte und kurz bevor er wieder losließ, schnitt sich sein unvollkommenes doch sehnsüchtiges Wesen in ihre Seele. Bisher hatte sie alle ihre Wunden verheilt, doch diese wollte sie nicht schließen und so griff sie kurz nach seiner Hand, drückte sie und ließ dann los.“

Als die anderen endlich kommen, besorge ich mir gerade Nachschub. Sie setzen sich natürlich nicht an meinen Tisch und ich bin glücklicherweise gezwungen nicht dorthin zurückzukehren. Der junge, begehrenswerte Zyniker hat mich erkannt und dazu aufgefordert, mich zu ihnen zu setzen, ehrlich gesagt aus mir unbekannten Gründen. So jedoch war es meine soziale Pflicht, sie nicht an den ursprünglichen Ort meines Verweilens zu zwingen, sondern nachzugeben und den anderen zu folgen, die sich mittlerweile an einen Tisch in der Nähe der Bar gesetzt haben.
Ich mache eine Bemerkung darüber, wie lange ich schon warte, doch niemand empfindet es als notwendig dies zu kommentieren. Und dann. Sieht sie mich nicht an, begrüßt mich jedoch. Ein leichter Faustschlag an die Schulter, erinnert mich, dass noch weitere Menschen mich nicht ansehen, mich jedoch begrüßen. Nachdem ich die gemeinsam aufgetauchte Gruppe von Menschen, die ich als meine Freunde bezeichne, streng angesehen und begrüßt habe, biete ich mich an, für alle Getränke zu holen. An der Bar treffe ich natürlich meinen Studienkollegen und erkläre ihn, während ich versuche lässig eine Zigarette zu drehen (die ich ihm anschließend anbiete, er jedoch nicht annimmt, da er nur Gras rauche), dass ich leider nicht an seinen Tisch kommen kann, da ich mich zu ‚meinen Leuten‘ gesellen muss. Da ich nicht davon ausgehe, dass er mir zuhört oder es als wichtig empfindet was ich sage, lade ich ihn zu ‚meinem Tisch‘ ein, was er zunächst herzlichst begrüßt, dann jedoch glücklicherweise abschlägt. Er zündet sich einen Joint an und ich bin erstaunt über seine Dreistigkeit, die ich versuche als Dummheit abzutun. Ich lasse noch eine abfällige Bemerkung über unser Bildungssystem fallen, in dem wir uns zur Zeit befinden und ich werde mit einem freundschaftlichen Klopfen auf meinem Rücken bestätigt. Während ich auf meine Bestellung warte, ordert er bei der Kellnerin, die der Grasgeruch anscheinend nicht stört, ein teures Bier und einen noch teureren Cider, ‚jetzt kann er es sich ja leisten‘. Ich versuche mit einem freundlichen Lächeln und einem viel zu hohen Trinkgeld den Blick der hübschen Kellnerin noch ein letztes Mal auf mich zu ziehen, doch diese hat ihre Augen schon in denen des Bart-tragenden Bobos verloren, der sie (selbstredend) auf einen Shot eingeladen hat. Ich verabschiede mich nett und versuche schnell zu verschwinden, jedoch ist das Tragen von mehreren Gläsern mit einer Zigarette in der Hand und einem ungewollten Stressfaktor – wann bitte kann ich aufhören, versuchen cool zu sein – schier unmöglich. Die schnellen Beats von Fatboy Slim ertönen und ich bekomme vom Geruch des Joints Kopfweh, als dann ich es irgendwie schaffe, trotz des Verlust meines Nikotinstängels die gesamte Bestellung in Richtung meines Tisches zu manövrieren. Und dann fällt mir wieder ein, weswegen ich solange gewartet habe.

Falls du es noch nicht bemerkt hast, dies ist eine Geschichte – nicht über Liebe, aber über das, was davor kommt. Eine Geschichte des Werbens, eine Geschichte des Scheiterns, eine Geschichte über das, was mit der Liebe einher geht, eine Geschichte über Einsamkeit. Und während ich in meinen Gedanken versuche, die Sätze so zu ordnen, dass sie nicht klingen, als ob sie ein verliebter sechzehnjähriger formuliert hat, lachst du, lachst mich an und siehst mich an und ich bin zu scheu, nein, zu feig, um zurück zu lachen. Am Ende dieser Geschichte sitzt dieses Arschloch an unserem Tisch, ich bin bei meinem wasweißichwievieltem Bier und du lachst, lachst ihn an und ich bin zu feig um etwas zu sagen. Ich sitze ruhig da und sehe euch an und ich ertappe mich dabei, wie ich seine Sätze verwende.
Ich könnte durchaus eine Wendung einbauen, die mich erhaben macht, mich am Ende, trotz Verluste, als Gewinner dastehen lässt. Ich könnte sagen, denken, schreiben, dass ich später an diesen Abend zurückdenken werde und daran denken, wie meine juvenile Leichtigkeit, meine endliches und wochenendliches Glück an diesem Abend in Traurigkeit getränkt war. Und ich könnte sagen, dass ich mit Wohlwollen daran zurückdenke, dass all dies mich glücklich gestimmt hat und weißt du, so werde ich es auch machen.

Seine Sätze.
Ich bin an einem Ende angelangt, an dem ich mit ihm verschmelze, er meine Sätze verwendet und ich seine Gedanken weiterführe. Den ganzen Abend habe ich versucht, kein Arsch zu sein, habe mich zurückgehalten und versucht die dreckige Atmosphäre des Lokals zu genießen. Ich habe versucht sinnlose, selbstgefällige Gespräche über tote Schriftsteller zu meiden, habe versucht meiner Freundin treu zu bleiben und nicht mit jeder attraktiven Person zu flirten. Ich habe versucht, meine Freunde nicht zu verachten, habe versucht, sie nicht zu hassen und sie in meinen Gedanken zu verschachteln. Habe versucht, meine Überheblichkeit zu verstecken. Am Ende, war ich trotz allem, diese eine Person, der ich versucht habe aus dem Weg zu gehen, ich habe mich betrunken und bekifft, habe mich bedienen lassen und habe niemanden angesehen. Ein Faustschlag auf deine Schulter, ein abfälliger Kommentar zu meinen Freunden, eine betrunkene Kellnerin, bei der ich die Zeche geprellt habe. Mein Text, aus dem ich mich zitiert habe, mein Ruhm und mein letzter Abend unter Freunden, bevor ich sie verlassen werde, sie und ihre Unpünktlichkeit, ihre Unzuverlässigkeit, ihren Neid, ihre beschissenen Musikgeschmack, ihr Glück. Ich sitze da und du lachst mich an und ich lache zurück und streiche dir das Haar aus dem Gesicht, erfreue mich über meinen Erfolg, während ich mir selbst über die Schulter blicke und hoffe, diese Person zu sein. Und während du lachst und glaubst, dass es in dieser Geschichte um dich ginge, bin ich glücklich diese Person zu sein. Und wenn ich später, an diesen Abend zurückdenke, an meine Zeit, als meine juvenile Leichtigkeit mich verlassen hat, werde ich sie in eine Schublade stecken und mich in Traurigkeit zurück erinnern, wissentlich, dass mein Glück, stets in Trauer getränkt war.

Ich sehe ihn an und merke, wie einsam ich bin. Und ich lächle, den diese Einsamkeit, die Tränen, die meine Wangen benetzen, als ich in die feuchte Sommernacht hinaustrete, lässt mich nicht zu dem werden, was ich schon geworden bin.

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