The Human Centipede (2009)

Mittlerweile kann sich niemand mehr erklären, warum amerikanischen Studenten und Studentinnen noch nach Europa fahren um dort das schöne Leben zu genießen; es geht doch sowieso schlecht aus. Und so ist es dieses mal nicht ein merkwürdiges osteuropäisches Land, in die es die zwei hübschen Mädchen verschlägt, sondern Deutschland, in dem die beiden Freundinnen mal mächtig auf den Putz hauen wollen. Natürlich kommt es, wie es kommen muss; eine Autopanne, finstere Nacht, weit und breit kein Haus in Sicht, ein dunkler Wald, Regen und – ein schier wahnsinniger Arzt, der die beiden gefangen nimmt um an ihnen ein grausames und unmenschliches Experiment durchzuführen. Und der Horror nimmt wieder einmal seinen Lauf…

Eigentlich gilt ja, dass man an Filme immer unvoreingenommen und am besten uninformiert rangehen sollte, um sich ja nicht von negativen Einflüssen oder gar Spoilern den Spaß verderben zu lassen. Diese Prämisse gilt ja insbesondere für Horrorfilme, und vor allem für diese, deren Ruf ihnen voraus eilt.

Leider ist dies bei THE HUMAN CENTIPEDE schier unmöglich: langsam aber stetig verbreitete sich die Kunde, dass ein neuer „sickest movie of all time“ die Runde macht, so wie sich vor einigen Jahren die Nachricht des „most brutal movie ever“-SAW herumsprach. Und schon ist die Mundpropaganda im Rollen; Trailer werden aufgesucht, Informationen und Kritiken eingeholt und bald ist es klar, warum sich dieser Film rein auf Grund seiner (sporadischen) Inhaltsangabe einen Ruf unter Horrorfans und Filminteressierten gemacht hat, ohne dabei nur auch eine Szene zu zeigen.

So sieht’s aus: Der Antagonist dieses Filmes, der deutsche und selbstredend verrückte Doktor Heiter hat einen Traum. Schon öfters an anderen Lebewesen ausprobiert, aber anscheinend stets gescheitert, will er – wie der Titel des Filmes schon verrät – einen menschlichen Tausendfüßler erschaffen: aus mehreren Wesen Eins machen, einen durchgängigen Organismus und er hat seiner Fantasie (und der des Zuschauers) keine Grenzen gesetzt. Die beiden Studentinnen, die ihm sozusagen direkt in die Arme laufen, sind für ihn ein gefundenes Fressen, hat er doch schon ein weiteres Opfer in seinem Operationskeller eingesperrt. Und Dr. Heiter brennt nur darauf, sein Experiment – seine Opfer Mund an Anus zusammenzunähen (!!!) – durchzuführen.

Ehrlich gesagt, die pure Inhaltsangabe des Filmes erinnert an puren Trash, an einen stupiden Schocker, der nur durch seine Ekelhaftigkeit Zuschauer gewinnen will. Und schon wirft uns die Werbemaschinerie einen weiteren Knochen zu: die Ereignisse in dem Film sollen medizinisch 100% korrekt und von einem Arzt bestätigt worden sein. Und schon steigt die Neugierde. Der Trailer tut ebenso sein Bestes und zeigt geschickt kurze Szenen der Opfer, wie sie als endgültiges Produkt durch einen dunklen Raum kriechen. The horror, the horror.

Und so begutachtet man dann einen Film, von dem man schon Vieles gehört hat, von dem einem Bekannte abgeraten haben; ein Film, nachdem man sich schmutzig fühlt, angeekelt und verstört. Im Endeffekt ist THE HUMAN CENTIPEDE dann doch Opfer des eigenen Hypes geworden, denn soviel kann hier schon mal gesagt werden: macht euch nicht auf zuviel gefasst, ihr werdet enttäuscht sein.

Der Film beginnt stimmig und ruhig; eine lange Aufnahme einer deutschen Autobahn führt uns zu einem abgelegenen Rastplatz, wo Doktor Heiter schon sein erstes Opfer aufsucht. Der Stil – klare Bilder, untermalt von einer unheilvollen Musik- und Geräuschkulisse – erinnert leicht an einen älteren Horrorfilm, an die Zeiten, als schnelle Schnittfolgen und laute Schockmusik noch nicht von Nöten waren, um ein Publikum zu fesseln.

Schnell wechselt der Film von seinen blassen Tönen in ein dunkles Setting, denn sobald die beiden weiblichen Hauptpersonen auf den Plan treten, fängt der Film an seine düsteren Momente aufzufahren. Unheimliche Begegnungen mit Einheimischen und dunkle Wälder zeichnen ein düsteres Bild des deutschen Landes und sorgen für ein beklemmendes Unwohlsein; nein, in deren Haut möchte man nicht stecken.

Als dann nach geraumer Zeit das Geschehen in Doktor Heiters bescheidener Unterkunft spielt, zieht der Film die Daumenschrauben an. Dr. Heiter, der irgendwie an den Leadsänger einer 80er Jahre Synth-Pop-Gruppe erinnert, strahlt alleine durch seine Präsenz die notwendige Unruhe und Gefahr aus, die sich ein Horrorfilm von seinem Bösewicht nur wünschen kann. Unheilvoll nähert sich das unausweichliche Experiment des gestörten Mannes und hat sich, auch ohne großen Blutzoll, in das Gehirn des Zuschauers gefressen, der schließlich nicht mehr weiß, ob er nun fasziniert, angewidert oder einfach schockiert dem Treiben des Doktors beiwohnen soll.

Geschickt hält sich der Film an der Grenze des Absurden; ja – es ist abstrus im Höchsten Maße, was hier erzählt wird, aber dennoch schafft es THE HUMAN CENTIPEDE nicht ins komische oder lächerliche abzudriften. Denkt man.

Doch dann kippt der Film. Des Öfteren schon ergeben sich Situationen, die man bei jedem anderen Horrorfilm nicht toleriert hätte, die Logik und die Handlungen der Protagonisten sind häufig äußerst fragwürdig und sogleich in jedem anderen Genrevertreter zu finden: eine misslungene Flucht und dumme Aktionen werden hier ebenso abgehakt, wie in jeder 08/15 Horrorproduktion. Zwar stört das zu Beginn des Filmes nicht sonderlich, da man immer noch gebannt auf das „Ereignis“ wartet, doch je länger der Film läuft umso mehr beschleicht einen das Gefühl, dass man es doch nur mit einem mittelmäßigen Horrorstreifen zu tun hat.

Ebenso das beklemmende Schauspiel von Dieter Laser als Dr. Heiter nimmt immer trashigere und lächerliche Züge an; so wirkt er zu Beginn wie ein ruhiger und unberechenbarer Soziopath, bröckelt diese Fassade mehr und mehr dahin, bis nur noch ein völlig überzogenes Schauspiel und ein ziemlich dämliches Drehbuch übrig bleiben; deutsche Übermensch-Anspielungen inklusive. Leider ist Dr. Heiter fast der einzige, dessen Schauspiel man Beachtung schenken kann; die beiden jungen Frauen verbringen die meiste Zeit des Films damit zu kreischen oder – naja – eben als Bindeglied des menschlichen Tausendfüßlers zu dienen, und das dritte Opfer, brabbelt und schreit fortwährend auf japanischen daher, während die Untertitel nicht wirklich ihren Dienst leisten – öfters sogar schlampig übersetzt wirken.

Wo wir auch bei dem nächsten Problemfeld des Films wären: wahrscheinlich für ein amerikanisches, oder zumindest englischsprachiges Publikum gedacht, verläuft die Kommunikation in diesem Film primär auf English, versucht dabei jedoch authentisch die deutsche Sprache einzubringen. Für jeden, der jedoch des Deutschen mächtig ist, erkennt schnell, dass auch das Drehbuch nicht von und für Deutschsprachige geschrieben wurde: was da in unserer Sprache gesprochen wird, klingt nicht selten nach dummen Gebrabbel, sinnloser Wiederholung und einer überdrehten, markanten Betonung, die, wie es sich für das Deutsche gehört, sehr an eine bestimmte Rhetorik erinnert. Selbstverständlich zieht der Film dadurch seine Atmosphäre, vor allem, wenn man nicht genau weiß, was Doktor Heiter jetzt vor sich hin schreit, für einen der jedoch alles versteht, klingt es nicht selten dämlich.

Dämlich ist dann auch (trotz breit angekündigter, medizinischer Richtigkeit – das bleibt dann auch das einzig plausible) der weitere Verlauf des Filmes; wenn gegen Ende dann Doktor Heiter sein Ziel erreicht hat und später in eine Konfrontation gerät, ist der Plotverlauf nur noch billiger Aufhänger für einige Ekel erregende Szenen (die sind dafür wirklich e-kel-haft, Menschen mit schwachen Mägen werden mehr als nur sauer aufstoßen) und einem ziemlich unbefriedigenden Ende, welches nicht ganz ohne sinnlose und vorhersehbarer Plottwists auskommt.

Vielleicht ist das auch gut so, vielleicht ist es besser, dass man sich öfters an den Kopf greifen muss und sich laut über die Dummheiten der Protagonisten und den doch sehr massiven Trashgehalt dieses Filmes amüsiert; ohne jegliche Art von Abgrenzung wäre dieser Film wahrscheinlich eine würgereizauslösende Tortur, die jedoch nicht über ihren eigentlich Sinn hinausläuft: nämlich zu Schockieren.

THE HUMAN CENTIPEDE beginnt erstaunlich erzählerisch und atmosphärisch, erreicht zur Mitte hin sogar überaus beklemmende Höhepunkte, kann dieses Niveau leider nicht halten und kippt wegen Klischees, hoffnungslosem Overacting und einer gehörigen Portion Lächerlichkeit in den Sumpf der Mittelmäßigkeit. Freunde des Gores oder Splatters, der Ekelhaftigkeiten und des grausamen Bodyhorrors werden ebenso enttäuscht werden, da der Film – auf jeden Fall was seinen Ruf betrifft – letzten Endes doch sehr gesittet, wenngleich gehörig scheußlich und niederträchtig daherkommt.

Advertisements
Getaggt mit ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: