Pulp Fiction (1994)

Vincent Vega (John Travolta) ist nach einem einjährigen Aufenthalt in Amsterdam zurück in der Heimat und erledigt mit seinem Partner Jules Winnfield (Samuel L. Jackson) einen Auftrag für ihren Boss Marsellus Wallace (Ving Rhames). Dieser hat Vincent darum gebeten, sich einen Abend um seine Frau Mia Wallace (Uma Thurman) zu kümmern, da Mr. Wallace keine Zeit für sie hat: er muss sich immerhin noch um alten Boxkämpfer Butch (Bruce Willis) annehmen, den er um seine Niederlage besticht.

Quentin Tarantino.  Zwei Dekaden nach seinem cineastisch relevantem Erstlingswerk „Reservoir Dogs“ hat sich sein Name in alle Munde geschlichen, seine Filme werden schon vor dem eigentlichem Erscheinen als Meisterwerke und Kultfilme gefeiert, als bürge schon der Name allein für Qualität. Tarantino – eigensinniger Filmemacher, mit einer gewissen Narrenfreiheit – dieser Name steht mittlerweile nicht mehr für einen Mann, sondern für eine Marke. Doch dass ist nicht der eigentliche Punkt. Die fast einstimmige Verehrung vieler Filmkritiker und Cineasten kommt nicht von ungefähr; selbst wenn man den – zurzeit hauptsächlich von einschlägigen Kinomagazinen angeheizten – Kult um Tarantinos Person weglässt und sein Werk nüchtern und unvoreingenommen betrachtet, bleiben dennoch kleine, ungeschliffene Filmdiamanten, die aus dem Morast der modernen Filmindustrie herausstechen.

„Pulp Fiction“ war zweifelsohne das Werk, das Quentin Tarantino berühmt machte; selbst wenn er mit dem Drehbuch „True Romance“ und seinem Debüt „Reservoir Dogs“ an cineastischen Erfolgen beteiligt war, wurde dem merkwürdigen Eigenbrötler aus Tennessee in filmischer Hinsicht noch nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Erst mit seinem verworrenen, eigensinnigen, dialogschweren sowie brutalen Gangsterfilm, der mit zahlreichen Auszeichnungen (u.a. Die Palme d’Or für den besten Film, sowie den Oscar für das beste Original-Drehbuch) überschüttet wurde und heute noch als einer der wichtigsten Filme der 90er gefeiert wird, erlangte Tarantino die Berühmtheit und Wertschätzung, die ihm eigentlich schon nach seinem Erstling gebührte.

Über „Pulp Fiction“ zu schreiben kann ebenso schwierig wie einfach sein. Auf der einen Seite fällt es natürlich leicht, über einen Film zu erzählen, den man unzählige Male gesehen hat und zu dem das nötige Hintergrundwissen verfügt, andererseits fällt es schwer, die von dem Film verbreitete Meinung zu übernehmen und als seine eigene zu verkaufen. Zudem erhöht sich das Risiko mit dem Bekanntheitsgrad des Filmes, da die referierte Information wohl kaum mehr eine unverdaute sein kann.

Ein weiteres Problem ergibt sich dann schon bei dem Film selbst: will man die Geschichte von „Pulp Fiction“ erzählen weiß man zunächst nicht wo man wirklich anfangen soll. Oder ob die eigentliche Story überhaupt eine relevante Last trägt, denn: was „Pulp Fiction“ eigentlich ausmacht, ist nicht nur die ineinander verworrene Geschichte, sondern die Details, die sie ausmacht.

Tarantino schickt seine Charaktere in einen absurden Mikrokosmos, der zwar äußerlich aussieht wie L.A., in der jedoch eine eigene Welt innewohnt. Im Tarantino-Universum sind Gangster auch nur Menschen, mit den üblichen Problemen, sie reden über Fast-Food und Fußmassagen, während sie Augenblicke später Menschen massakrieren. Sie nehmen Drogen, verraten ihre Mitmenschen und haben fragwürdige Moralvorstellungen, sind aber dennoch liebenswert und sympathisch. Lässt man diese Absurdität mal gelten, fällt einem auch schon die nächste in den Schoß:

Auch wenn in Tarantinos Filme vielen Szenen in extreme Gewaltdarstellung gipfeln, feiert sich (beinahe) keiner seiner Werke als alleiniges Blutbad – Tarantino ist vor allem ein exzellenter Dialogschreiber. Auch wenn sich viele Kritiker über seine derbe Ausdrucksweise negativ äußern und Tarantino den Fuck-Pathos etwas überstrapaziert, seine Dialoge sind witzig und geschickt konstruiert, pointiert und manchmal vollkommen absurd, aus dem Leben gegriffen, doch ebenso der größte Bullshit und sie münden unweigerlich in einer wunderbaren Endsituation: zu Beginn des Filmes redet das Gangsterpärchen Honey Bunny (Amanda Plummer) und Pumpkin (Tim Roth) über einen Aufschwung ihrer kleinkriminellen Karriere. Die Szene endet damit, dass sich die beiden entschließen, das Café in dem sie gerade frühstücken zu überfallen, aufspringen und den Gästen die Pistolen an den Kopf halten. Spannungsträger dabei ist nicht die Art wie der Überfall geplant wird und auch nicht, wie er sich entwickelt. Einzig die beiden Personen und der Dialog definiert den Spannungsbogen dieser Szene. Es ist die Art, wie sich das Pärchen ansieht, sich verhält und – vor allem – wie es miteinander spricht.

Tarantino mag sich seine Charaktere vielleicht aus einschlägigen Filmproduktionen – einer Pulp Fiction – abgekupfert haben, seine Charakterzeichnung & -entwicklung jedoch ist fabelhaft und alles andere als weltfremd.

Natürlich: Tarantinos Dialoge würden bei weitem nicht so gut funktionieren, würden sie nicht von einer außergewöhnlichen Inszenierung und starken Schauspielern getragen werden.

John Travolta wird mit dieser Rolle mehr Erkennungswert gewonnen haben als anno dazumal in „Saturday Night Fever“. Auch Samuel L. Jackson ergänzt sich perfekt in das Gangsterteam: Szenen wie die in Travolta und Jackson darüber diskutieren, wie intim eine Fußmassage nun eigentlich ist, bleiben unvergessen. Auch Jules als bibelzitierender Killer, der aber erst gegen Ende hin wirklich an Gott glaubt, Mias und Jules’ gemeinsamer (und immer noch viel zu kurzer) Tanz im Jack Rabbit Slim’s oder Butch zufälliges Treffen mit Marsellus Wallace – all das sind grandiose Bilder, die einem im Gedächtnis bleiben.

Auch die kleinen Rollen hat Tarantino gut besetzt, von Christopher Walken bis hin zu ihm selber, keiner der Schauspieler fällt ins Gewicht und ergänzt Tarantinos Schund-Universum um einen weiteren schrägen Charakter.

Dies schafft Tarantino durch seinen unverkennbaren, eigenen Stil. Vieles was Tarantino gebraucht, ist nicht neu, trotzdem hat sich so manches als Tarantino-typisch entwickelt. Berühmtestes Beispiel ist wohl der sogenannte „trunk shot“, eine Kameraperspektive aus dem Kofferraum eines Autos. Andere Merkmale die man auch in seinen anderen Filmen findet sind weite Totalen und lange Kamerafahrten, z.B. betrachten wir das Ende des Fußmassagen-Dialogs nicht aus der Nähe, wie es sonst üblich ist. Stattdessen wird uns eine lange Einstellung gezeigt, wie Jules und Vincent in den hinteren Teil des Zimmers gehen und – ohne dass die Kamera heranzoomt – dort ihr Gespräch fortsetzen. Zudem zeigt Tarantino auch gerne die Gesichter der nicht sprechenden Dialogpartner in seinen Filmen (äußerst markant in „Kill Bill“, da in diesem Film zu dem auch die Identität Bills geheim gehalten werden sollte); hier besonders gut zu erkennen in der Szene, in der Butch das Bestechungsgeld von Marsellus annimmt.

Von solchen cineastischen Spitzfindigkeiten mal abgesehen, macht Tarantino einfach das, was er sehen will und nicht das, was gesehen werden will. Im Grunde sind alle Werke des Regisseurs und Drehbuchautors überaus persönlich: Sie funktionieren als Einzelwerke, natürlich, doch nur wenn man sich in alle Filme des Regisseurs vertieft, offenbaren sich die kleinen, unwichtigen Details & Anspielungen der Tarantino-Welt: mögen es jetzt die gesammelten Filmzitate sein, die er so sehr liebt, oder die kleinen Dinge, die man selbst auf den zweiten Blick nicht erkennt (seien es die im jeden Film vorkommenden, fiktionalen Zigaretten „Red Apple“ oder die Hamburger von „Big Kahuna“, von denen die Charaktere immer wieder schwärmen). Zudem zielt „Pulp Fiction“ vom Stil her sehr auf die 70er; die Frisuren, die Autos und die Musik sind Markenzeichen von Tarantinos Lieblingszeit.

Wichtig zu erwähnen wäre noch die Musik in Pulp Fiction. Selbst ausgewählt aus seiner eigenen Plattensammlung fügt sich der Soundtrack schön in das Geschehen des Filmes ein und ist nicht wie „übliche“ Filmmusik, die Ereignisse und Gefühle untermalen will. Zum Beispiel läuft der Song aus dem Vorspann in der darauffolgenden Szene im Autoradio oder Marsellus Wallace dreht sich bei der Textzeile „Nice too see you…“ blöderweise zu Butch hin. Auch so untermalt der Soundtrack das Geschehen vortrefflich; mag es das zerrende „Comanche“ sein, welches während Marsellus‘ Vergewaltigung gespielt wird, oder das wunderschöne „Girl, You’ll be a Woman Soon“ von Urge Overkill sein, zu dem Mia Wallace aufbrausend tanzt (meiner Meinung nach, eine der besten Szenen im Film und ein geniales Lied), die Musik wurde sorgfältig ausgewählt und nicht verschwenderisch benutzt.

Was definiert „Pulp Fiction“ noch, außer der Musik, seinen Schauspielern, die kräftigen Dialoge und geschickten Insider-Witzen? Gewalt?

Jein. Wie gesagt zeigt Tarantino in einigen Szenen brachiale Gewalt; Vincent rammt Mia eine Adrenalinspritze in die Brust oder schießt einen Mann aus nächster Nähe in den Kopf. Marsellus Wallace wird von einem perversem Polizisten im Keller eines Ladens vergewaltigt, bis Butch kommt und seine Peiniger mit einem Katana aufschlitzt. Dennoch wirkt die Brutalität in solchen Szenen minder bedrohlich als absurd. Der Einbruch in eine „heile“ Welt, wo über Filmserien und Milchshakes geredet wird, ohne irgendwie Gewalt verherrlichen zu wollen.

„Pulp Fiction“ ist unwiderlegbar der Kultfilm der 90er. Auch wenn der Satz schon strapaziös oft benutzt wurde; es ist nicht ohne Grund so. Tarantino hat mit seinem Zweitwerk einen zeitlosen Klassiker erschaffen, vielleicht nicht sein bester Film, aber mit Sicherheit sein originellster. Und wenn einem bestimmte Bilder aus „Pulp Fiction“ vielleicht aus anderen Filmen bekannt vorkommen (zum Beispiel erinnert die Szene, in der Marsellus Wallace über die Straße geht und Butch im Auto entdeckt, doch sehr an Alfred Hitchocks „Psycho“), so werden einem in ein paar Jahren andere Filmemacher Tarantino’sche Zitate unterjubeln. Und dies zurecht.

Advertisements
Getaggt mit ,

Ein Gedanke zu „Pulp Fiction (1994)

  1. […] war nicht selten das einzige Stilmittel, dass Filme zusammenhält oder gerade auf Grund dieser noch besser […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: