Scott Pilgrim VS the World (2010)

Scott Pilgrims Precious Little Life, meine Damen und Herren: ein zweiundzwanzig Jahre junger, etwas hagerer und etwas merkwürdig aussehender Mann, laut eigenen Angaben „zwischen zwei Jobs“, Bassist in der Garagenband ‚The Sex Bob-Ombs‘ und – wer hätte das bei seiner zimperlichen, äußerlichen Erscheinung gedacht? – Herzensbrecher. Und was für einer. Kaum hat sich Pilgrim aufgemacht, einer 17jährigen High-Schoolerin das Leben zu versüßen (wenn auch auf krampfhaft asexuelle Art) verguckt er sich schon in die nächste Dame: Rollerbladerin, wilde, bunte Haare und diese tiefen, wunderschönen Augen – Ramona Flowers, so klingt ihr Name und sie ist die Frau seiner Träume, und das nicht im übertragenen Sinne. So macht sich Scott auf die Suche nach ihr, findet sie und schafft es, trotz anfänglicher Schwierigkeiten sie für sich zu gewinnen. Leider besteht immer noch das kleine Problem mit seiner zweiten Freundin, die sich mittlerweile Hals über Kopf in den charmanten Scott verliebt hat. Ach und dann gibt es noch die sieben tödlichen Exfreunde von Ramona, die es nun auf den armen Scott abgesehen haben: diese haben nicht vor Ramonas Zukunft, Stolz und Liebe aufzugeben und fordern ihren neuen Freund jeweils zu einem Duell auf Leben und Tod. Wait, what?

Ich pendle irgendwo zwischen unglaublicher Verehrung und einer leichter Abneigung gegenüber SCOTT PILGRIM VS THE WORLD. Die Abneigung resultiert als kritischer und reflektierter Zuschauer, denn der Film ist alles andere als perfekt. Doch wie soll man diesen Film nicht lieben, der mit voller visueller Kraft auf einen eindrischt, der mit seinen knallbunten Einfällen, seinen grandiosen Soundtrack, seiner witzigen Story und den charismatischen Figuren auf direkten Weg in mein Herz gebahnt hat? Aber, first things first:

Als ich erfuhr, dass Edgar Wright, Regisseur und Drehbuchautor der beiden besten Komödien der letzten paar Jahre SHAUN OF THE DEAD und HOT FUZZ, an einem neuen Projekt arbeite, war ich überaus erfreut, als ich dann das erste Mal den Trailer begutachten konnte, fehlten mir die Worte: zweieinhalb Minuten aus Scott Pilgrims Welt reichten um mich ein weiteres ganzes Jahr wie ein Kind auf Weihnachten zu freuen und geduldig zu warten, denn diese zweieinhalb Minuten hatten es insich. Dann endlich, der Film schafft es leise und ohne Aufsehen zu erregen, für kurze drei Wochen in die hießigen Lichtspielhäuser. Immerhin. Und dann, nach monatelangen Strapazen, Wright neues, hoffentlich noch witzigeres und rasantares Werk als die Vorgänger, die Ernüchterung?

Der Trailer hält was er verspricht, der Film ist schnell, bunt und – ach ja: *bleeeep* awesome. Dennoch: leise Enttäuschung. Zu hohen Erwartungen gerecht werden, dies sollte nicht dem Film in die Schuhe geschoben werden, natürlich. Dieser macht nämlich den Großteil der zwei Stunden Laufzeit fast alles richtig. WENN man so etwas mag. WENN man sich auf seinen Irrsinn einlässt. Denn SCOTT PILGRIM VS THE WORLD ist – und deutlicher kann man es nicht sagen – DAS auf Film gebannte Videogame.

Die Story ist so überdreht, wie sie sich anhört: ist der Film zu Beginn eine visuell aufgemöbelte Liebesgeschichte, mit deutlich herausstechenden Coming-Of-Age Elementen, stürmt aus dem nichts auf einmal ein merkwürdiger Twist vom Himmel – sprichwörtlich. Unser Antiheld sieht sich auf einmal gewzungen gegen einen unbekannten Widersacher zu kämpfen, der sich kurz darauf hin als des Geliebten Exlover herausstellt. Und er ist nicht der einzige.

„We all have baggage.

Yes but my baggage doesn’t try you to kill me every five minutes.

Und dann geht es los. Schon während der Einleitung schafft es der Film mit seinen kreativen Special Effects, seinen comichaften „WOOOOOSH!“ und „KABOOOMS!“ die stilgerecht eingeblendet werden den Zuschauer und die Zuschauerin zu bannen, fängt mit seiner visuellen Kraft das Interesse und überfordert schamlos. Bei Wrights Werk gibt es überall etwas zu sehen, zu hören, zu bemerken und ehe man sich versieht ist man mit seinen Hauptfiguren nicht mehr zu Hause, sondern auf einer Party, dann wieder in einem Traum, dann wieder zu Hause.

Schnitt für Schnitt fügten die Filmemacher kleine Überraschungen ein, die auch beim wiederholten Anschauen Spaß machen. Und es wird immer bizarrer, überwältigender. Und vor allem hier präsentiert SCOTT PILGRIM VS THE WORLD seine absolute Stärke. Er weiß auf jeder technischen Ebene absolut zu überzeugen, Effekte, Schnitt, Musik, Sound und Licht sind wunderbar aufeinander abgestimmt und es sieht einfach toll aus. Wenn die Opponenten Scotts sich in die Lüfte erheben, ihre Faust gegen den zunächst verwirrten Jungen strecken und letzen Endes selbst in Münzen zerbersten, dann jubelt das Filmherz über die noch nie dagewesene Szenerie.

Die Kämpfe sind – nicht zuletzt ihrer großartigen Inszenierung – die absoluten Höhepunkte des Films; sie sind originell, laut und spannend – trotz einer sehr offensichtlichen Plotführung. Elektrogiganten ersteigen aus Musik, Laserschwerter werden gezückt und Team-Ko-Op ist natürlich auch noch drin. Mit stylischen VS Logo werden sie angekündigt und jeder sieht gebannt zu, wie mit allen möglichen Mittel aufeinander eingedroschen wird.

Und hier wird es problematisch: SCOTT PILGRIM VS THE WORLD liebt die Referenz auf das Videogame, jedoch pflückt der Film nicht ausgewählte Zitate und fügt diese ein, nein, er schwimmt regelrecht darin, besser: er geht unter (oder es mit Homer Simpsons Worten zu sagen: „Es ist nicht undicht, es läuft über!“)

Edgar Wrights Werk wird von seiner Ästhetik getragen, kann darauf reduziert werden, sie ist die Quintessenz des Films. Dies ist auch nicht weiter schlimm, der comiceske Videospielcharakter ist was diesen Film ausmacht und die Story KÖNNTE gar nicht anders funktionieren. Doch genau hier setzt dann die Stagnation ein; kaum werden die Kämpfe eingefügt, steht der Film auf der Stelle und bewegt sich die nächste Stunde nicht vom Fleck. Eventuelle Charakterentwicklung, weitere Twists oder eine tiefere Figurenzeichnung wird, wenn überhaupt, mit dem Vorschlaghammer eingeprügelt. Klar, die Figuren sind allesamt fabelhaft in Szene gesetzt und die Dialoge sind wunderbar pointiert und strotzen nur so vor Kreativität, jedoch täuscht das nicht darüber hinweg, dass der Film eine unheimliche Leere begleitet. Ich verweise zwar ungern auf einen Verriss, aber die Kritiker von dasmanifest.com haben es deutlich auf den Punkt gebracht, was an diesem Film nicht stimmt:

„Ein kurzweiliger Film, aber kein guter. Zumindest kein Film, den man guten Gewissens Freunden weiterempfiehlt, die in Tekken nur eines von 30 Kostümen freigespielt haben.“

Oh ja. SCOTT PILGRIM ist ein Film für Gamer. Gut, die erkennen dann auch das ZELDA-Medley in Scotts Träumen, die checken sofort, was es mit den Bandnamen auf sich hat, die finden es wahrscheinlich auch sehr epic, dass Scott sich gegen seine Feinde auf die beste Beat’em-Up Manier wehrt. Dass es aber sicherlich nicht jedem so ergeht, war Wright aber sichtlich egal. Der Film schert sich nicht um die jenigen, die nicht wissen, was genau mit „getting a life“ gemeint ist, denen wird es auch sehr bald auf die Nerven gehen, dass der Film darauf aufbaut wie ein Videospiel auszusehen und schnell – nach dem Eintritt der oben genannten Stagnation – gelangweilt nach etwas Griffbaren, etwas Tiefe suchen. Für Unkundige hat der Film – und das ist äußerst nachvollziehbar – keine Handlung, keinen Spannungsbogen, keine Seele.

Zu Unrecht. Denn SCOTT PILGRIM VS THE WORLD als stumpfes Actionfeuerwerk à la Michael Bay zu deklassieren wäre nicht fair. Zwar weißt der Film, ebenso für jene die Spaß an der Effektschlacht haben, unerfreuliche Aspekte auf, jedoch fallen diese nicht all zu sehr ins Gewicht: klar, Ramona Flowers als geheimnisvolle Fremde erweist sich als eindimensionale Figur, bei der niemand wirklich verstehen kann, warum sich die ganze Aufregung um sie dreht. Sie bleibt auch im restlichen Verlauf des Films eher farblos und erzeugt lediglich durch ihr Attraktivität (was für Augen!) die notwendige Präsenz. Ebenso wirkt Scotts Entwicklung (eine nicht besonders subtile Arbeit, wenngleich gewollt offensichtlich) etwas fragwürdig und steht gerade am Ende des Films im kompletten Gegensatz zur restlichen Geschichte. Und Scott Pilgrim als pseudo-alternativer Hipster, der eher peinlich als sympatisch ist, wirkt auch nicht wie die perfekte Hauptfigur (das sei aber jedem selbst überlassen, vielleicht entsteht meine Aversion gegenüber der Figur, der generellen Aversion pseudo-alternativer Hipster, die Bands nur solange mögen, bis sie bei einem Major-Label angelangt sind und die sich generell als Gottes Geschenk halten gegenüber. Vielleicht).

Hierbei muss immerhin erwähnt werden, dass Michael Cera seine Rolle gut und überzeugend spielt. Aus der Mischung aus dem merkwürdigen Weirdo aus JUNO und dem ständigen Loser aus SUPERBAD, entspringt ein kampflustiger Geek, der sowohl gut in Kampszenen als auch gut im verbal austeilen ist. So unsympathisch Scott Pilgrim auch oft scheinen mag; Michael Cera spielt die Figur mit der notwendigen Mixtur aus Selbstüberzeugung und Charisma.

Noch ein Stück besser sind jedoch die Nebenfiguren , die das Universum Pilgrims (welches ausnamslose aus Jugendlichen und Midtwens besteht – kein Erwachsener in Montreal, weit und breit) bewohnen: Kieran Culkin als schwuler Mitbewohner stiehlt jedem (und zwar wirklich jedem!) mit trockenem Schauspiel und ätzenden Humor die Show, sobald er die Szenerie betritt – und das ganz ohne Special Effects. Ellen Wong als Scotts 17-jähriges Date ist herzzerreissend gut und schafft es mit purer Mimik ganze Emotionen über die Zuschauer zu ergießen. Mark Weber & Allison Pill als Bandkollegen sind stets durch gute Dialogführung und einem nicht zu verachtendem Schauspiel präsent und tragen in vielen Szenen die ganze, humoristische Verantwortung. Ebenso muss den Kontrahenten ein besonderer Platz eingeräumt werden: diese überzeugen zwar nicht auf voller Linie und bleiben manchmal etwas farblos, wenn sie jedoch das Wort und das Schwert ergreifen würdige – wie sagt man – „Zwischengegner“, die mal bedrohlich, mal amüsant Scotts Leben heimsuchen.

Ebenso die Musik in SCOTT PILGRIM ist beinahe durchgehend perfekt gewählt. Zwar hören sich die Sex Bob-Ombs etwas schäbig an, doch wer nichts gegen etwas dreckigen, nichts-sagenden Indierock aus der Garage hat, wird seine Freude damit haben. Auch die restliche Songauswahl kann sich durchaus sehen lassen: Rolling Stones, Beck, Broken Social Scene, T-Rex und allen voran der großartige Song „Black Sheep“ von Metric der einen kleinen Höhepunkt im Film darstellt und die Atmosphäre des bevorstehenden Klimax‘ grandios einfängt.

 

Insgesamt ist SCOTT PILGRIM VS THE WORLD ein durch und durch gelungener Film, der von vielen Seiten auf Unverständnis treffen will. Ja, Wright übertreibt es nicht nur einmal, und ab und zu schießt er mit seinen Anspielungen auf die Jugend-, Pop- und Videospielkultur weit übers Ziel hinaus, während das überfordete Publikum dann und wann hofft, dass die werten Filmmacher auf das eine „THONK!“ und das andere „BUMM!“ verzichtet hätten. Trotz einiger Plotschwächen und der Vernachlässigung einer ordentlichen Charakterentwicklung gegen Ende hin, ist der Film dennoch ein berauschendes Meisterwerk zu dem vielen jedoch leider der notwendige Halt und Bezug fehlen wird. Dennoch: der Film ist verrückt, spannend, komisch, seltsam und witzig, optisch total reizüberflutend und frisch originell. Die Story mag darunter vielleicht etwas leiden, jedoch kann dem Film, ebenso wie seine Hauptifgur, ein gewisses Charisma nicht abgesprochen werden. Ich, für meinen Teil, habe SCOTT PILGRIM trotz seiner offensichtlichen Schwächen ins Herz geschlossen und jede Minute, von Anfang bis zu Countdown genossen.

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