Enter the Void (2009)

 

Du atmest aus. Du schließt die Augen und reibst dir mit deinen Händen über die Lider. Einatmen, während du die Augen öffnest. Einen Abspann gibt es nicht, nur eine Elektrizität. Spannung. Und Leere. Du stehst auf, taumelst und versuchst dich zurecht zu finden. Der Film ist zu Ende und er verspricht mit großen Lettern, dass die Leere einen erreicht hat, du versucht zwar sie abzuschütteln doch sie bleibt haften. Und lässt nicht mehr los.

„Eine Grenzerfahrung.“

„Eine Herausforderung.“

„Ein einziger Trip.“

Ein Schlag, der dich aus der Fassung bringt.

Gaspar Noé ist nach sieben Jahren zurück gekehrt und macht uns mit seinem dritten Langfilm die Hölle heiß. Wenn man an IRREVÉRSIBLE zurückdenkt, bemerkt man schnell, dass man das eigentlich gar nicht möchte. Selten hat sich ein Film wie dieser so tief und bedrohlich in die Seele gefressen, selten war Schmerz und Übelkeit so effektvoll wie in Noés sogenanntem Skandalfilm.

Dabei war die wohl bekannteste und meist diskutierteste Szene aus Noés Film gar nicht Ursprung des Schocks, den so viele Kritiker lobpriesen und noch viel mehr verrissen. Es war auch kein langsames Warten, kein sich nach Tagen setzendes Grauen, nein, es war eine knapp hundert Minuten lange Tortur, die dem Film die notwendige Kraft gab, um seine Zuschauer in die Knie zu zwingen. Noés halsbrecherischer Stil, bereits angefangen bei der aggressiven Anfangssequenz, die Kamera als sich stets drehendes Auge, das dunkle Rot, der Missmut des Filmes, Zelluloid als Waffe. Und natürlich die Gewalt. Alles in allem war IRREVÉRSIBLE schlicht schwer zu ertragen, abgesehen von den offensichtlich plakativen Schocksequenzen, prägte umso mehr der (ohn)mächtige Stil des Manieristen Noés, der von einem streng verlangte sich durch den Film zu quälen. Und Noés neues Werk macht es nicht leichter. Eher im Gegenteil.

Genug von IRREVÉRSIBLE, widmen wir uns der Leere. Gleich vorneweg; ENTER THE VOID enthält trotz keiner Jugendfreigabe und einer selbstverständlichen Warnung auf den Filmplakaten, keine so dermaßen drastische und verstörende Szene, wie einst die Schändung Monica Bellucis oder die Zweckentfremdung des Feuerlöschers als tödliche Waffe. So weit kann schon gesagt werden, Noé setzt dieses Mal nicht auf entjungfernde und entwaffnende Szenen – aber dennoch auf solche Bilder.

Ich will nicht zu verwirrend klingen, aber ENTER THE VOID macht es einem nicht leicht über ihn zu schreiben (und, ich bitte um Verzeihung, es geht aber nicht ganz ohne den einen oder anderen kleinen Spoiler), oder vielleicht macht er es einem doch ZU leicht, denn man weiß eigentlich gar nicht wo man anfangen soll.

Also beginne ich – ganz simpel – mit dem Anfang. Eine epileptische Eröffnungssequenz drischt einem entgegen und ehe wir uns noch an das Lichtgewitter gewöhnen, befinden wir uns im heutigen Tokio, das wir aus den Augen des Hauptprotagonisten beobachten. Ausnahmslos. Der Balkon, die Lichter, seine Wohnung, seine Freunde, alles wird aus dem Blickwinkel Oscars geschildert, selbst das Augenzwinkern wird durch einen jeweiligen Shortcut imitiert. Was auch die einzigen kurzen Unterbrechungen sind, vorerst, denn Noé inszeniert seine First-Person-Ansicht konsequent und im Grunde mit nahtlosen Übergängen.

Natürlich erlaubt sich die Szenerie den einen oder anderen unerkennbaren Raumfüller, ansonsten bleibt ENTER THE VOID gekonnt schnittfrei. Dies macht das ganze natürlich nicht einfach, sondern eigentlich schon in den ersten Minuten des Filmes zu einer Hürde, die der Zuseher und die Zuseherin erst überkommen müssen: einerseits ist es nicht nur die sehr ungewohnte Kameraführung die eine kleine Überwindung darstellt, ebenso ist die automatische Identifikation mit der Figur des Filmes eher erschreckend als einfühlsam. Gleichzeitig ist man Zuschauer, als auch Mittäter der Szenerie, ist dabei, wenn sich Oscar im Spiegel betrachtet, ist zeitgleich Oscar, wenn die Lichter hinter seinen Lidern verstummen, ist dabei, wenn Oscar in die grelle Nacht Tokios hinaustritt, ist dann aber wieder selbst der Mensch, der sich soeben in einen Drogentrip fallen lässt. Man ist dabei wie Oscar mit seinen Freunden redet, man ist Oscar, wenn man die Leere betritt. Wir sind Oscar, wenn er stirbt.

Nach einer faszinierenden, zerrenden und oft erträglich ruhigen dreiviertel Stunde löst sich die Kamera (nicht zum ersten aber zum endgültigsten Mal) von Oscar und zieht eine Spirale nach oben, entfernt sich. Lässt los. Wir fliegen hinauf und – wie wir es von Noé kennen – nichts kann die Kamera noch aufhalten. Sie fliegt durch Wände, schwebt durch die Luft, ist wie ein alles sehendes Auge, das sich von Vibration und Wind führen lässt, zunächst ziellos, oder so kommt es einem vor, doch dann bestimmt. Und schnell blitzt es uns durch den Kopf: wir haben Oscars Perspektive nie verlassen.

Oscar. Zentrale Figur dieses Werkes. Der fürsorgliche Bruder, der paranoide Junkie, der junge Mann mit ödipalen Komplexen, der tote Körper. Oscar, ein Geist, der durch die Stadt schwebt und aus dessen Sicht wir nun alles beobachten. Diese Sprung mag bei erster Betrachtung zunächst wirr erscheinen, Noé gibt zwar eine deutliche und klare Ansage, an welches Prinzip sich der Film hält und wie weitere visuelle und inszenatorische Pointen, beziehungsweise Konsequenzen betrachtet und behandelt werden können (nicht müssen), ist aber in seinem Überfleiß, in seinem Blendwerk und blendenden Werk oft nicht nachvollziehbar und zunehmend anstrengend.

Das Drehbuch gibt uns durch eine anfängliche Erklärung und Theorie der Nahtod-Erfahrung anhand eines Querschnitts durch das tibetische Totenbuch eine ziemlich straighte Erläuterung, was hier passiert – sozusagen eine Krücke in diesem Flimmerbild aus Eindrücken und Farben, die wir aber auch nur deswegen benötigen, weil Noé uns mit seiner Szenerie die Knochen bricht. Klar zeichnet sich ein Muster aus den Gezeigtem und jeder halbwegs geübte Filmseher kann aus den Fragmenten, die der Film dann zum ersten mal mit starken Schnitten unterlegt, einordnen, kann sich eine Geschichte hinter der visuellen Mauer zusammenstellen (und im Nachhinein ist einem vielleicht viel mehr klar, als man denkt), doch im Moment des Sehens, in dieser einen Sekunde, wo Noés Film erbarmungslos Bilder im schnellen Takt auf die Seher loslässt, bleibt einem kaum Zeit für Verarbeitung. Keine Zeit zum Einordnen. Keine Pause. Keine Gefangenen.

Und hier sitzt auch meiner Meinung nach die Stärke dieses Meisterwerks: ENTER THE VOID wird nicht nur „gesehen“. Und auch wenn man es nicht will, sobald man sich auf den Film eingelassen hat, will dieser gefühlt werden. Gespürt, zwar empfangen mit den Augen, doch tief in der Brust verankert. Und Noés Werk ist dabei so konsequent und so erschreckend und so schön und so begeisternd, dass man keine Szene davon verpassen will. Auch wenn man irgendeinmal aufgeben würde, denn ENTER THE VOID verlangt mit seiner Spieldauer von 160 Minuten mehr Konzentration und Ausdauer ab, als man es für einen Film eigentlich möglich halten könnte.

Dabei ist der Film – wiederum auf den zweiten Blick betrachtet – kein wirres Spiel, kein prätentiöses Angeberwerk eines teuflischen Genies, sondern ein bis in das letzte Detail durchdachtes und durchkomponiertes Schauwerk. Keine Szene in ENTER THE VOID wirkt bei genauerer Betrachtung unnötig, es gibt keine Lückenfüller und trotz eines langen, strapaziösen letzten Drittels (das für viele vielleicht langweilig und repetitiv erscheinen mag) baut beinahe jede, noch so kleine Einstellung auf etwas auf, jeder Schwenk enthält eine Bedeutung und jedes Bild, und sei es noch so kurz, hat ihren Sitz – tief in Oscars Psyche. Noé schafft es, Erzählform, Struktur, Stil und Charakter seiner Hauptfigur in ein ganzes Stück zu gießen, und keines diese Kriterien lässt sich schlicht aus den Kontext hinaus zerren, ohne die fließenden Übergänge zu brechen, die es mit den anderen verbindet.

Zu meiner favorisierten Sequenz gehört der Beginn des zweiten Aktes, in dem sich die Kamera streng hinter Oscars Kopf positioniert und wir – kurz noch selbst Mittäter – aus einer kühlen Distanz sein bisheriges Leben betrachtet. Sowohl Narration als auch Charakterisierung Oscars werden durch bloße Schnittfolgen, sozusagen durch eine sich bewegende Diashow kombiniert, alleine die Dauer bis zum nächsten Schnitt misst den Bildern die Bedeutung zu. Als dann das Gewitter das erste Mal zur Ruhe kommt und wir uns im Auge des Sturms wiederfinden, sehen wir Oscars Mutter und seinen – unseren – starren Blick auf ihren nackten Körper gerichtet. Ein starker Moment in meinen Augen – trotz Irrlichter, Fieberträume, visualisierte Drogensequenzen und bunter Stadtrundflüge – wahrscheinlich einer der stärksten Momente des Filmes.

Im dritten und letzten Akt sind die Fesseln der Kamera und des Geistes endgültig abgelegt und Oscar schwebt und taumelt in aller Schnelle über Gebäude, durch Räume und durch Zeit. Jede Szene sucht nach einer Lichtquelle die penetriert werden muss und dies wiederholt sich und wiederholt sich, bis die Augen vor Anstrengung dem Insekt Oscar nicht mehr folgen können. Und es gilt immer noch: keine Pause. Der wohl mühseligste Teil des Werkes bildet sich dann trotzdem noch einmal kurz vor Schluss, wenn der sowieso schon übersexualisierte Film in einem Neonmeer aus Sex und Licht untergeht.

Um noch ein letztes mal sowohl an Nerven und an Kondition zu zerren. Nur um dann mit voller Kraft in den Geist des Zusehers einzudringen, sprichwörtlich. Noés Film ist nicht zu explizit, aber explizit genug um keine Jugendfreigabe zu rechtfertigen und dem Zuschauer dadurch einiges abzuverlangen. Nicht nur die sehr offenherzige, oft auch verklärte, aber nie zu gewalttätige Darstellung von Sex schlittert nicht selten an den Rand des pornografischen Voyeurismus, unterscheidet sich letzten Endes aber durch seine Rolle: wir sind nicht mehr die Zuseher, wir sind jene, denen zugesehen wird. Wir erkennen uns sowohl in Oscar, als auch in seinen Beobachtungen, aus dem einfachen Grund, weil der Film es nicht anders zulässt. Und so projiziert ENTER THE VOID die Bilder, die sich Oscar aussucht zu sehen, direkt in unsere Psyche und wir erkennen – trotz der Gewissheit, die Gedanken und Dinge zu spüren, die einem anderen bestimmt sind – uns im Spiegel.

Die Welt, von der ENTER THE VOID erzählt, ist keine schöne. Zwar gibt es immer wieder wärmende und zuversichtliche Momente – und sie werden vor allem durch den zuletzt angesprochenen Punkt der absoluten Subjektivität, die der Film vermitteln will verstärkt – aber im Großen und Ganzen und vor allem distanziert betrachtet, ist Noés Film ein trauriges Werk. Nicht nur die Lebensgeschichte Oscars ist in traumatisierenden Ereignissen verankert, Noé zeigt durch kontrastreiche Brüche und kluge Szenenwechsel immer das Grauen, welches Oscar verfolgt. Seine Ängste. Und seine Lust. Das ist es vielleicht, was ENTER THE VOID auf den Punkt bringt: ein lustvolles, vibrierendes Werk erbaut aus Angst. Gut, eine Interpretation mag nach Sichtung des Filmes jedem selbst überlassen sein, natürlich, dennoch sind es nicht zuletzt die abschließenden Minuten und die beinahe schon bösartigen Lettern der Leere maßgeblich, warum ich diesen Film nicht als schönes beziehungsweise ermutigendes Exempel der Nahtod-, Tod- und Reinkarnationserfahrung empfinde.

ENTER THE VOID ist ohne Zweifel eine Herausforderung, da der zwei Filmlängen lange Film, wie zu vor schon erwähnt, vom Moment lebt. Es gibt natürlich Vieles, welches im Nachhinein betrachtet eine andere Wirkung entfaltet, so ist das Sinnieren über die letzten sich repetierenden 90 Minuten weder so schlimm noch so unnötig, wie ich sie im Film immer wieder empfinde. Auch Noés etwas einfache Lösung dem Film eine Substanz zu schenken, wirkt rückblickend etwas plakativ, fügt sich aber beim Sehen vorzüglich in den Film ein und stört bei weitem nicht so sehr wie die Phrasendrescherei anno IRRÉVERSIBLE. Meist wird in einfachem Englisch gesprochen, so empfehle ich selbst Englisch eher unerfahrenen Sehern, den Genuss im Originalton, da die deutsche Synchronisation (die ja bei diesem Bilderrausch eigentlich kein Problem wäre, viel Dialog enthält der Film ja nicht) etwas hölzern und bei weitem nicht so authentisch klingt.

A propos Authentizität: die Schauspieler machen ihre Arbeit in meinen Augen mehr als famos, die in anderen Kritiken oft erwähnte Mittelmäßigkeit kann ich hier nicht entdecken. Vor allem Paz de la Huerta als Oscars Schwester zeigt in den Zeiten des Aufruhrs, wie viel Energie sie in simpel geschriebene Zeilen hineinsetzen kann. Ihre unschuldigen Verse, die sie meistens an Oscar spricht, sind da schon ab und zu von etwas Banalität durchzogen, ergeben im Kontext der inzestuösen Beziehung und der jeweiligen Szenen in Summe mehr Potenz als noch soviel pointierte Zeilen eines geübten Dialogschreibers.

Dialoge scheinen Noé auch irgendwie am wenigsten am Herzen liegen; wenn – und ich verspreche, das wird jetzt das Letzte auf was ich Bezug nehmen werde – dem enfant terrible des Ertragbaren etwas wichtig ist, dann eindeutig sein Stil. Wie bereits gesagt, ersetzt hier Ästhetik nicht den eigentlich Wert und Kern des Filmes, sondern bildet sich genau aus diesen heraus. Die verrissfreudigen Schreiber von dasmanifest.com bezeichnen die Idee zwar sehr überzeugt von einer „lästigen Schutzfolie“, während sich die Form als eigenes Meisterwerk deklarieren sollte, ich jedoch sehe hierbei ein direktes Zusammenspiel aus Form und Idee. Obgleich die Form des Film wahrscheinlich den größeren Teil dieses Spiels ausmacht; Noé wirft mit Farben exzessiv herum, trotzdem nicht wahllos wie ein Kind mit Aquarell, sondern wie ein wilder Künstler auf dem Weg zum perfekten Werk. Das macht ENTER THE VOID auch primär so wunderbar, der Film ist in jeder Art und Hinsicht visuell überwältigend, nicht immer ansprechend, aber stets verzaubernd, ansteckend und das mit aller Aggressivität. Keine Pause. Keine Gefangenen.

Falls es von Murakamis Roman AFTERDARK einmal eine Verfilmung geben sollte, muss sie so aussehen, wie die letzten Stunden von ENTER THE VOID: die Stadt, ausgebreitet vor dem Betrachter der surrend und schnell über die Adern dieses Gebildes fliegt; Noé zeichnet ein faszinierendes Bild von Tokio, für welches er nicht unbedingt neue Stilmittel verwendet, jedoch seine ausgewählten in aller Härte und Konsequenz vollzieht, dass daraus etwas Neues entsteht. Und so lässt sich ENTER THE VOID ebenso auf den Punkt bringen: eine vollkommen neue Filmerfahrung, „ein Trip“ und es ist beinahe schade um Gaspar Noé, denn egal, welchen Alb- und Fiebertraum er uns als nächstes vorsetzt – es wird ihm kaum noch einmal gelingen, etwas so Mächtiges zu erschaffen.

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