5150, Rue de Ormes (2009)

Der junge Amateurfilmer Yannick baut bei einer Erkundungstür durch seine neue Nachbarschaft einen Unfall mit seinem Fahrrad und bittet daraufhin einen Mann um Hilfe. Dieser nimmt ihn auch gleich wohlwollend in seinem Heim – der 5150 Rue de Ormes – auf, jedoch anders als es sich Yannick vorgestellt hat. Bald ist der junge Student gezwungen, sich mit dem Hausbesitzer und Familienvater in einem aussichtslosen Duell zu messen, welches er nur überleben kann, wenn er seinen neuen Meister besiegt …

Immer diese unpassenden Vergleiche. Es kommt ja nicht selten vor, dass Amateurfilme oder auch sogenannte „Big-Budget“ Produktionen sich damit brüsten, der langen Tradition eines bestimmten Typus oder eines berüchtigten Genres zu folgen – meistens entsteht aus den selbst gemauserten Lobreden die Enttäuschung. Mittlerweile erwartet zwar kaum noch jemand, dass die besagten Vergleiche oder Nachahmungen den bekannten Vorbildern auch nur ansatzweise das Wasser reichen können und

manchmal sind die Vergleiche auch vollkommen unpassend, dass man meinen könnte, die Banausen von ASYLUM waren am hier am Werk und wollten uns eine Falle stellen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem „Klappentext“ – DVDs sollten meiner Meinung nach mit Schutzumschlag verlauft werden – von 5150 ELM’S WAY, der sich neben drastischen, blutverschmierten Bildern in die Riege der schweißtriefenden französischen Schocker INSIDE oder MARTYRS stellt und somit bereits auf das Schlimmste hoffen lässt.

Hier begeht das frankokanadische Werk jedoch schon den ersten Fehler, der gar keiner ist – denn anstatt böswilligen Torture-Porn entfaltet sich den Zusehern ein düsteres, spannendes und psychologisch fesselndes Horrorwerk, welches sich zwar nicht mit den oben genannten Schlachtplatten vergleichen sollte, sich aber ebenso wenig sich hinter ihnen verstecken muss.

Aber weg mit den Vergleichen – widmen wir uns dem eigentlichen Kern der Geschichte: dem Schach. Das Spiel der Könige nimmt in 5150 ELM’S WAY nämlich einen besonders wichtigen Stellenwert ein und ist auch der (symbolische) Motor, der den Film in seiner zweiten Hälfte am Laufen hält. Schach-affinen Menschen sei vielleicht gesagt, dass sich das eigentliche Spiel, die eigentlichen Züge und die Kombination aus Taktik und Logik des Schachs nicht zur Gänze zeigen, denn das Schachspiel ist in diesem Film auch mehr Metapher und Stütze für die psychologische Reise in den Wahn der Protagonisten, in die uns der Film führt. Das eigentliche Duell basiert nicht auf der Beherrschung des Spieles, sondern auf der des Geistes und ein Sieg kann nur dann geschehen, wenn der Gegenpart sowohl psychisch gebrochen, als auch im Schach besiegt wurde.

Die – zunächst doch sehr überraschende – psychologische Komponente wird von Regisseur Éric Tessier dabei gekonnt und vor allem sehr stilvoll inszeniert, weist dabei viele optische anspruchsvolle, sowie spannende Momente auf und gehören meiner Meinung nach zu den Höhepunkten des Filmes: wenn sich Peiniger und Gepeinigter gegenüber sitzen und sich dabei Raum und Zeit die Hand geben und still stehen, ist das schon ein sehr einprägender Moment. Und auch die Schach-Unkundigen im Publikum werden sicherlich den Atem anhalten und gebannt auf den nächsten Zug warten.

Neben dem symbolträchtigen Schachspiel und den beiden Kontrahenten, zeichnet der Film auch ein bedrückendes und durchaus verstörendes Bild einer Familie, die sich durch die Ideale und den Wahn ihres Patriarchen vollkommen in Besitz genommen hat. Allen voran sticht hierbei die Beziehung des Vaters (Normand D’Amour) zu einer Tochter (Mylène St-Sauveur) hervor, die einen ganz bestimmten Platz in seinem Herzen und seiner Zukunft eingenommen hat – bis sich dieser Platz jedoch verschiebt und ihre Zukunft ins Ungewisse abdriftet. Die Relation und die Entwicklung der Tochter (zum Vater) wurde grandios eingefangen und wirkt – trotz der merkwürdigen und doch etwas zweifelhaften Prämisse – nie unlogisch oder gar aufgesetzt. Allen voran wird die Geschichte noch von zwei fabelhaften Darstellern getragen, die ihre Rolle so präsentieren, wie man sich ein eindrucksvolles Schauspiel wünscht.

Dass daneben die anderen Familienmitglieder etwas blass wirken (und vor allem dem jüngsten Kind viel zu wenig Beachtung geschenkt wird) ist unter diesen Umständen zu verkraften, alleine bei der eigentlichen Hauptperson (Marc-André Grondin) ist es etwas tragisch, da die Figur des Yannick im Großen und Ganzen doch etwas bleich bleibt. Zwar schafft es der Film, seiner Hauptfigur gegen Ende seiner Tortur die notwendige Präsenz und auch Überzeugungs- und Mitleidskraft zu schenken, dennoch täuscht nichts darüber hinweg, dass der eigentliche Stars das Vater-Tochter Gespann mit moralischen Diskrepanzen ist.

Trotz einer starken Inszenierung und seiner guten Schauspieler ist Tesiers Film doch nicht ganz rund; zwar schafft es der Film stets seine Spannung aufrecht zu erhalten, dennoch fehlt ihm dieses sogenannte verteufelte „Etwas“, das ihn zu einem bösen Meisterwerk machen würde. Oder vielleicht war es auch zu viel – zu viel Schach, welches am Ende mit einer etwas verschrobenen (aber nicht allzu dummen, ich hatte schon meine Befürchtungen) Pointe daher kommt. Vielleicht war es das eigentlich perfekte, aber doch unbefriedigende Ende (Zweigs SCHACHNOVELLE lässt grüßen), welches den Film lau ausklingen lässt. Oder vielleicht doch die falschen Erwartungen, die mich doch etwas nervös auf das (nicht stattfindende) finale Gemetzel warten haben ließen. Egal – es macht ohnehin keinen Sinn darüber zu sinnieren, was 5150 ELM’S WAY nicht ist, also beende ich mit dem was er ist: ein überraschend kluger, spannender und anspruchsvoller Horrorthriller – und solche findet man sowieso viel zu selten.

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