Scre4m (2011)

Nach zehn Jahren läutet das Telefon wieder. Und während das unschuldige Opfer von ihrem baldigen Ableben noch nichts weiß, ahnt das gewiefte Publikum bereits, wer sich am anderen Ende der Leitung versteckt: Ghostface ist wieder da und lädt erneut zu einem Spiel ein – doch bei einem Reboot gibt es keine Regeln mehr.

Erstaunen. So könnte man im Grunde die Bandbreite an Emotionen, Gedanken und Assoziationen umfassen, die ich mit SCREAM 4 in Verbindung bringe. Erstaunen zunächst, da SCREAM 4 zwar nicht wider Erwarten, aber dennoch überraschender Weise ein sehr guter Film geworden ist. Und Erstaunen darüber, dass dies ebenso ein markanter Teil der Kritiker so empfand; so schreiben (sogenannte) renommierte Zeitungen wie die ZEIT oder die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG über einen künftigen Klassiker, einen auf mehreren Ebenen funktionierenden Film und loben die Abhandlung der neuen Horrorfilmgeneration, mit der Wes Craven mit seinem neusten Werk offensichtlich abrechnet. Der Filmkritiker der Presse wagt es sogar zu behaupten, SCREAM 4 werde in 10 Jahren als Klassiker gelten, da sein unverwechselbarer Charakter künftige Horrorfilme prägen oder zumindest beeinflussen wird. Und das alles bei einem Teenie-Slasher.

Zunächst; ein wegweisendes Werk wie jenes Craven 1996 erschuf, ist aus SCREAM 4 nicht geworden. Das wäre ehrlich gesagt auch niemals möglich gewesen. Diesbezüglich schafft es SCREAM 4 nämlich nicht, den Esprit des heutigen Horrorfilmes richtig einzufangen – sofern ein solcher überhaupt noch existiert. Nach wie vor dominiert der Torture-Porn den eigentlichen Horrormarkt und sollte sich ein „klassisch“ motivierter Film auf die Leinwand wagen, ist es wahrscheinlich ein Remake. Oder eine Fortsetzung. Und Wes Craven macht auch keinen Hehl daraus, dass er von diesem Blödsinn nun wirklich nichts wissen will.

Das tut er zwar nicht sonderlich subtil, aber der vierte Teil – oder sollte ich besser sagen, der Reboot? – der Screamology schert sich diesbezüglich nicht viel um Subtext, denn wenn er etwas aussagen will, wird es den Charakteren entweder in den Mund gelegt oder der Film macht seine Scherze, zwar mit einigen vorzüglichen, aber auch sehr offensichtlichen Kniffen.

Bleiben wir zunächst bei dem Film an sich – und keine Angst (noch nicht), Spoiler gibt es natürlich keine, etwaige Vorwegnamen des Plots wären pure Gemeinheit. SCREAM 4 ist sowohl dramaturgisch als auch narrativ stets solide gestrickt, hält eventuell einige Suspense-getränkte Elemente parat und unterhält durch ein gewieftes Drehbuch Zuseher und Zuseherin die ganzen 111 Minuten hindurch.

Langeweile oder etwaige Durchhänger treten gar nicht und wenn, dann nur vereinzelt auf, dafür sorgt das pointierte und oberkluge Drehbuch von Kevin Williamson (der in seiner Freizeit sein Talent bei der wunderbar unnötigen Teenieschnulze in Serie THE VAMPIRE DIARIES verschwendet) für zu sehr Abwechslung. Die Figuren die SCREAM 4 neu einführt sind wie eh und je klugscheißende Highschoolkids, die sich mit voller Freude über das Horrorgenre mokieren, während sie selbst wandelnde Klischees und Schablonen sind (in den besten Fällen sind sie sich dessen sogar bewusst und nehmen diesen Fakt genüsslich auf die Schnippe, im schlechtesten Fall agieren sie als herz- und seelenlose Fleischberge, die nur darauf warten, dass ihnen die Eingeweide aus dem Leib gerissen werden).

Schauspiel par excellence sollte zwar nicht immer erwartet werden, die hübschen und jungen Teenies zeigen aber genug Schreikraft – und das ist ja bezeichnenderweise das was zählt. Neben alten und liebgewonnenen Bekannten mischen sich ebenso zahlreiche bekannte Gastauftritte unter die mehr oder wenige populären Akteure, die sowohl Teenie- als auch das Fanboy-Herz höher schlagen lassen werden. So bescheren uns Anna Paquin (TRUE BLOOD, TRICK ‚R TREAT) und Kerstin Bell gleich zu Beginn einen grandiosen Einstieg in das neue Horror-Jahrzehnt, nur um im späteren Verlauf des Filmes die neu erklärten „Regeln“ auf Alison Brie (eventuell bekannt aus der famosen und erfrischend originellen Sitcom COMMUNITY), Heroes-Girlie Hayden Panettiere und weiteren „Jungstars“ à la Adam Brody, Emma Roberts und Rory Culkin (die man alle irgendwie kennt) loszulassen.

Das Ensemble funktioniert im Großen und Ganzen recht gut, jedoch bleibt den neuen Figuren wenig Raum um sich gebührend zu entwickeln – während die alten Charaktere ihre allseits bekannten Macken und Eigenarten abzuspielen. Allen voran Neve Campbell, die wie eh und je zurückhaltend, blass und abgeklärt die „Überlebende“ mimt und sich von der alten Garde immer noch am Besten gehalten hat.

Neben der üblichen Spannung, den üblichen Scherzen und der neunmalklugen Satire, die nie einen Hehl daraus macht, dass sie sich im selben Moment über andere Filme und über sich selbst lustig macht (und vielleicht deswegen über jede andere Horrorfilmparodie erhaben ist – SCARY MOVIE ich blicke zu dir) entwickelt der Film noch eine zusätzliche Ebene, die unbedingt erwähnt werden sollte:

Nein, es handelt sich dabei nicht um die vielgerühmte und vielzitierte „Meta-Ebene“, die allen voran der erste Teil der Serie so wunderbar entworfen hat, sondern eher die Zerstörung eben dieser. „WIE META KANN MAN NOCH SEIN?“, schreit eine entnervte Courtney Cox in einer Szene in ihr Mobiltelefon und wendet sich damit nicht an Arquette am Ende der Leitung, sondern adressiert diese Message (un-)bewusst ans Publikum, welches mit seiner Erwartungshaltung seit SCREAM eins als unerschrockener und unerschreckbarer Richter dem Schlitz- und Schauspiel beiwohnt.

So gesehen ist die Verflechtung der verschiedenen Ebenen, die Referenzen und Selbstreflexion des Filmes, der sowohl Zuschauer als auch Charaktere mit einbindet, die konsequente Fortführung dessen, was Craven und Williamson vor eineinhalb Dekaden entworfen haben. Hierbei stellt sich unweigerlich die Frage, wie sehr dieses Selbstreflexive (was in der ursprünglichen Trilogie noch gekonnt in die Geschichte gewoben wurde) als zwingendes Element in den Film eingeflossen ist – SCREAM neu, sozusagen, nicht mehr der Film der seine Horrorkollegen persifliert, sondern jener, der aus der Selbstreferenz nicht mehr hinaus kommt, ja, nicht mehr die Wahl hat andere Filme außer seinen ersten Teil zu zitieren, da nur noch so der eine mehr oder weniger gut durchdachte Schmäh funktioniert.

So gesehen mimt SCREAM nicht mehr die gängigen Klischees einer überholten Horrorfilmgeneration nach, sondern muss sich mit dem begnügen, was es selbst geschaffen hat: ein Haufen präpotenter Zitate, die mit dem Hammer auf den noch so dummen Zuseher eingedroschen werden, bis selbst der am Ende endlich weiß, was „Meta“ eigentlich bedeutet.

Dass SCREAM 4 hierbei jedoch noch eine viel wichtigere Ebene in Anspruch nimmt, mag dem Film eventuell gar nicht bewusst sein. Craven und Williamson traue ich zwar das Potential an durchdachter Gesellschaftskritik durchaus zu, die Frage ist nur, ob eben genau dieser Film als solcher gedacht war. Nach und nach hat sich um den Film in der Filmwelt ein gewisser Kult errichtet, der von den hauptsächlich juvenilen Charakteren gefeiert, gefürchtet und missachtet wird.

Dieser Kult um die sogenannte STAB-Reihe zeichnet nicht nur ein wichtiges Bild heutiger Filmkultur und Filmbewusstsein nach, sondern portraitiert gekonnt die wahnhafte Nacheiferung realer Tragödien, den zynischen Hohn einer Gesellschaft, die ohne die Tragik nicht mehr leben kann und aus Sensationsgier und Sadismus sich stets neue Schreckensbilder und düstere Legenden heraufbeschwört – ein Bild einer Gesellschaft, welches durch Serienkillerkulte und Reisetouren nach Tschernobyl schon lange nicht mehr fremd ist.

SCREAM 4 legt mit seiner (zunächst erzwungen erwirkten, im Nachhinein doch sehr einleuchtenden) Pointe noch eins nach und stellt mit dem bisher zähesten Killer der Scream-Geschichte uns einen kleinen Spiegel auf, in dem wir zwischen Blut und Beuschel unser fasziniertes Gesicht erkennen, wie wir fiebrig dem Blutbad frönen.

Diesbezüglich wage ich auch zu behaupten, dass dieser vierte Teil, dieser Reboot oder dieses Remake, wie auch immer sich Cravens Werk in der jeweiligen Szene sieht, es mit den ersten Teil locker aufnehmen kann, ja, ich gehe auch so weit und behaupte, das SCREAM neu besser als SCREAM alt sei. Der vierte Teil ist in vielerlei Hinsicht einfach reifer(er) und geschickter mit seinen Anspielungen, auch wenn diese manchmal vom Fließband kommen mögen, sie fügen sich besser und fieser in die neue Ära „Horror“ ein: SCREAM 4 haut mehr auf die Pauke, lässt mehr bluten und schwitzen, lässt sein Verwirrspiel länger im Dunkeln und serviert einem auch noch eines der besten Finale, die ich in letzter Zeit in einem Film gesehen habe.

Das Problem hierbei ist schlicht und einfach, dass Nummer 4 nie so gut hätte sein können, gäbe es die anderen drei Teile nicht. Ohne seine Vorgänger gäbe es weder die alten Figuren noch die Referenzen, von denen der vierte Teil ohne Zweifel lebt. Dennoch, den Zweiflern, die schon bei Teil 2 meinten, der Serie sei die Luft ausgegangen, kann ich mit gutem Gewissen entgegentreten; wer zumindest den ersten mochte, wird auch Gefallen an diesem hier finden, wem die Trilogie gefiel, der wird diesen Teil lieben.

Natürlich – das ganze mag sich auch schwer nach Überinterpretation anhören und SCREAM 4 ist letztlich auch „nur“ ein unterhaltsamer, intelligenter und spannender Film, der geschickt mit den Erwartungen und der Erfahrung der Zuseher spielt – und sei es um sie schlicht und einfach zu erfüllen. Denn manchmal – neben Meta-Ebenen, Gesellschaftskritik, Selbstreferenz, Horrorfilmreflexion und Reboot/Remake-Satire – will SCREAM 4 einfach nur erschrecken. Und wenn man dann mit weit aufgerissenen Augen in die mittlerweile legendäre Munch’sche Schreckensfratze blicken muss, sich dabei schon am Rande des Sessels bewegt und die Fingernägel in den zu einem Grinsen verzogenen Mund geführt hat, muss man trotz allem sagen; SCREAM lehrt einem immer noch das Fürchten. Zumindest ein bisschen.

SCREAM 4 – zugleich vierte Teil als auch Reboot der mittlerweile kultigen Scream-Reihe – ist ein auf mehreren Ebenen funktionierender Film, der seine Abscheu und seinen Hohn gegenüber dem aktuellen Horrorfilm nie versteckt, dessen Klischees aber auch fröhlich nutzt um seine satirische Geschichte zu erzählen. Neben seiner erfreulichen medien- und gesellschaftskritischen Botschaft gibt es auch noch jede Menge Blut, das in jede Richtung spritzt. Mit seinem grandiosen Finale und dem fiesesten Killer seit langem übertrifft der vierte Teil – in meinen Augen zumindest – seine Vorgänger, kann diese Ehre jedoch nur für sich behaupten, in dem er zugleich diese Bürde als Erfolg und Last mit sich tragen muss.
In diesem Sinne: „Leg dich nie mit dem Original an!“

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3 Gedanken zu „Scre4m (2011)

  1. […] Sinne. Ein Film, der mich auf eine gewisse Art anspricht, wie es kein MARTYRS, kein RING und kein SCREAM bisher konnte. Irgendwo habe ich über PULSE gelesen, dass der Film eigentlich die Einsamkeit und […]

  2. […] kann diese Formulierung und Stoff-Interpretation eigentlich nicht leiden, obwohl ich sie irgendwie andauernd verwende – wirkt A SCANNER DARKLY noch realistischer als 2006 und noch greifbarer als 1977, […]

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