Z

„Schließe die Augen, wenn du es nicht sehen willst.

Hör nicht zu, wenn du es nicht wissen willst.“

Z

Wir wissen nicht wer sie ist und wie sie aussieht. Wir haben noch nie ihre Stimme gehört, noch ihren Atem wahrgenommen. Wir wissen nicht wie ihr Haar riecht, oder ihre Haut sich anfühlt.

Kalt.

Vor uns hat sich ein schwach beleuchteter Gang ausgebreitet, dessen Mündung eine rechteckige und graue Hervorhebung zeigt. Aus dem grauen Tor, scheint ein grauer Ton und das einzige was wir zunächst noch erkennen können, ist ihre Silhouette. Wir stehen aus sicherer Entfernung hinter ihr und genießen die Szenerie. Wir haben keine Gefühle für sie und stehen in keiner relevanten Beziehung zu ihr, wir empfinden keine Kunst, keine Wertschätzung für das Lichtspiel, für das glatte Haar, welches uns ab und an einen grauen Blitz entgegen wirft. Es ist auch keine Vorfreude, ihr zu begegnen, es ist höchsten der Vorgeschmack, das Streichen über die Lippen, die Anspannung vor dem ersten Bissen, nicht der eigentliche Genuss, sondern der Moment davor. Wir lächeln.

Wir setzen uns Bewegung, etwas zögernd führen wir unseren rechten Fuß in einem kleinen Abstand nach vorne. Wir befinden uns in einer direkten Linie hinter ihr und mit jedem Schritt können wir mehr ihres Körpers wahrnehmen. Ihre Haare sehen in dem fahlen Licht grau aus, Asche. Sie sitzt etwas gebückt, ihre Hände offensichtlich in den Schoß gelegt. Bis jetzt hat sie sich noch nicht bewegt. Vielleicht ist sie im Stuhl eingeschlafen, vielleicht sind ihre Hände auch gefesselt und uns durchschwimmt kurz der absurde Gedanke, dass wir zu spät gekommen sind.

Wir bleiben stehen und warten ob etwas passiert, doch aus der jetzigen Entfernung können wir nichts Genaueres erkennen. Mit gewohnter Vorsicht, nähern wir uns ihrer Person, stets bedacht, keine Aufmerksamkeit zu erwecken.

Wir erkennen langsam einen Tisch, auf dessen scheinbar gleichlangen Seiten drei Stühle platziert wurden – der vierte, im auffallenden Abstand – wird von ihr belegt. Ihr Kopf widerfährt eine zaghafte, wippende Bewegung. Anzeichen tiefer Atmung. Still warten wir.

An den Wänden hängen in Glas gerahmte Bilder. Eine Bleistiftzeichnung einer jungen Frau auf der rechten Seite, links in die vordere Richtung um einige Zentimeter versetzt, scheinbar ein Familienfoto, beide auf Sichthöhe. Das Familienfoto trägt Spuren primärer Verfallsmuster und wir haben das Gefühl, dass es nur durch das zusammengepresste Glas an Zusammenhalt findet. Gegenüber eine geschlossenen Holztür, die nach unseren Erkenntnissen in ihr Schlafzimmer führt. Wir werden sie vielleicht später öffnen, doch zur Zeit bleiben wir in Sicherheit.

In Sicherheit.

Neben der Tür hängt ebenso auf selber Höhe ein Brief, hinter Glas, umrahmt durch dunkles – eventuell blaues – Metall. Wir werfen einen Blick auf die erste Zeile, wir werden in später lesen, denken wir, wenn überhaupt. Notwendig ist es für uns nicht, da wir das Essentielle bereits heraus gefiltert haben: Z.

Wir müssen erneut lächeln. Immerhin ist es durchaus treffend: Sie ist das letzte, das fehlende Glied, der finale Part zu unserem vollkommenen Glück. Keine Traufe. Keine Sintflut. Nach ihr, die Stille. Und endlich Sicherheit. Stumm formen wir mit unserer Zunge ihren Laut, und schmecken, wie er in unserem Mund aufplatzt.

Z.

Wir gehen weiter und erkennen den Raum als – wahrscheinliches – Esszimmer; schlicht eingerichtet, auf den Tisch befinden sich weder Platzhalter, noch eine Decke. In der ungefähren Mitte steht eine Schüssel mit Obst; drei Äpfel und darüber gebeugt überreife Bananen. Neben der Schüssel wir gerade noch eine rote Tasse, deren Henkel in ihre Richtung zeigt, erkennen, bevor ihre Schulter sie verdeckt. Daneben liegt ein umgedrehter Teelöffel, der kleine braune Tropfen auf die Oberfläche gezaubert hat. Alles eingerahmt, nach unten im dunklen offen, oben durch den Türstock eingeschlossen und zentriert: ihre aschblonden Haare. Stillleben.

Wir können uns nicht halten und treiben etwas. Ihre Hände bewegen sich und wir erschrecken, erst jetzt fällt uns wieder auf, wie nahe wir ihr doch bereits gekommen sind. Zu unaufmerksam. Ein Knistern.

Papier.

Wir atmen langsam. Werden langsamer. Bleiben still. Noch eine Handbewegung, das selbe Geräusch. Sehr ruhig, gleichmäßig. Wir bemerken ein Ticken, Augenwinkel, unser Atem hat sich unbewusst dem Rhythmus angepasst.

Schließe die Augen, wenn du es nicht sehen willst.

Hör nicht zu, wenn du es nicht wissen willst.

Lese ab hier nicht weiter.

Wir sind nun fast da. Unbedeutende Fotografien hängen an den Seiten, vernachlässigbare Schnappschüsse, die Chronik eines ersetzbaren Lebens. Mittlerweile haben wir das Licht erreicht, der Rahmen löst sich und das gegenteilige Portrait wird mit Schattierungen gefühlt, der Stuhl auf dem sie sitzt befreit sich von den Verankerung im Boden und wird als eigenständiges Objekt erkennbar. Lampenschein fließt in den Gang und wir betreten nun diesen Kegel. Ein kurzer Blick nach Rechts, hinter uns das stetige Ticken, sie stets vor uns, im Blickfeld. Zur Sicherheit. An der Wand hängt ein leerer Rahmen. Wir gehen einen Schritt weiter und stehen endgültig mit beiden Beinen im Kegel. Noch ein Schritt und wir werfen unser schützendes Grau ab. Bekennen Farbe. Doch wir zögern. Wir wanken. Wir schreiten zurück. Schützendes Schwarz.

Ein leerer Rahmen. Wir blicken erneut hin und für einen Augenblick, vergessen wir unseren Blick auf sie gerichtet zu lassen und blicken in das Rechteck an der Wand. Ein letzter Halt.

Ein Zugticket. Zentriert. Wir atmen ein. Tief. Datum und Strecke. DasZugticket. Nicht abgestempelt. Und wir lächeln.

Wir drehen uns wieder in direkte Linie zu ihrem Rücken. Wir sind uns sicher. Endgültig. Nicht, dass wir es davor nicht wussten, es würde uns nie in den Sinn kommen, die Richtigkeit anzuzweifeln, wir würden nie zweifeln; nichts, dass unser aller Sicherheit gefährden könnte. Doch der Beweis – eingerahmt. So kurz vor dem Ziel. Der letzte Buchstabe vor dem Punkt.

Eine Bewegung. Das Knistern, doch nur ein halbes. Unser Lächeln erstarrt. Ihre Hand gleitet zurück und zum ersten Mal hören wir sie: atmen. Tief. Tief. Unsere Augen weiten sich. Gegenüber des Raumes: eine Gestalt. Starr.

Die Gestalt, eine Umrandung, ein Schatten, ein Glanz, ein Spiegelbild. Im Kegel. Die Gestalt hebt die Hand, ganz langsam und sie sieht es. Ein Geist der vor ihr erscheint und hinter ihr wacht. Ein Richter und ein Henker. So kurz vor dem Ziel.

Und dann durchschwimmt uns ein absurder Gedanke, was, wenn es schon zu spät ist. Wir überlegen, ob wir ihr Gesicht sehen wollen. Was, wenn es lächelt. Wir haben die Fäuste geballt. Was, wenn sie lächelt.

– Ein Lächeln, spricht die Gestalt, rau und leise. Ein Keuchen. Wir erschrecken; zu laut.

– Was dann, sagt Z.

– Dann sind wir nicht mehr sicher. Die Gestalt flüstert, deutlich. Unser Atem wird langsamer, das Ticken übersteuert uns, der Arm erschwert.

– Eure Sicherheit war doch stets eine Lüge. Ein Gespenst.

Ihre Stimme zittert. Dann ihr Atem, schnell, flackernd.

– Eine Illusion. Ein Konstrukt. Und du sorgst dich, ob ich lächle.

Wir holen Luft. Tief. Tief. Tief.

– Was soll das bedeuten?

Wir hören sie weinen.

– Was soll das bedeuten?

Die Gestalt bückt sich und flüstert ihr ins Ohr, dabei berührt sie ihr Haar und ihr Geruch gleitet sanft in seine Nase: – Es könnte etwas bedeuten.

– Bitte.

Sie weint, etwas leise, holt Luft und setzt erneut an:

– Bitte.

Wir holen Luft und die Gestalt legt ein letztes Mal die Hände auf ihre Schultern.

Ein Buch fliegt auf den Boden, mit dem Rücken zur Wand, noch bevor sie ihren Kopf wenden konnte. Auf dem Umschlag erkennen wir ein selbstgemaltes Symbol:

Omega.

Unser Atem ist schnell. Wir blicken auf Zs Blut und wie es sich um das Buch herum ausbreitet. Es geht schneller als erwartet, kein Schwall, doch mit Beständigkeit wird die Parkettoberfläche des Esszimmers überzogen. Wir lösen uns von dem Buch und blicken nun in den Spiegel. Die Gestalt sieht uns stumm an. Wir drehen um, doch sie sieht uns weiter, sie blickt starr auf uns herab und verfolgt uns. Und wenn wir endlich zu Hause sind, endlich in Sicherheit, dann wird sie uns schon erwarten und uns weiter in die Augen starren und unter ihren eingefallen Augen werden sich ihre bleichen Lippen öffnen und eine kurze Frage wird aus der Klippe ihres Mundes fallen.

Bist du sicher?

05./06. Oktober 2011

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