Zugfahrt

Alle großen Geschichten handeln von Liebe. Von Liebenden. Von Verliebten und einmal geliebten. Wenn es etwas gibt, dass alles überdauern wird, ist es die Liebe. Sagen sie.

Das ist die Geschichte der großen Katastrophe. Sie wird in einigen Jahren einsetzen oder hat bereits eingesetzt, oder sie passiert jetzt, in diesem Moment. Sieh aus dem Fenster. Es ist Nacht und trotzdem strahlt der Himmel ein unnatürliches Helligkeit aus. So sieht keine Nacht aus. Die Stadt, angeblich. In der Stadt gibt es keinen Himmel. Sagen sie.

Vor einigen Jahren fuhr ich im Nachtzug nach Berlin, schlaflos, wie stets auf dieser Strecke. In der Hauptstadt erwartete mich ein romantischer Traum, eine Beziehung die durchtränkt von Liebesbriefen, unausgesprochenen Zuwendungen und betrunkener Lust bestand. Ich kommunizierte mit meiner ersten Liebe nur durch einen trägen Briefwechsel, denen immer bedeutungsschwangere Mixtapes beigelegt waren. Nick Cave, Johnny Cash und Einstürzende Neubauten begleiteten meinen Weg in die Dunkelheit, und ich spürte am Ende des Tages, das nur der Drang nach Tragik und die Trauer des Abschieds meine Beziehung zu ihr zu etwas Besonderen machten. Monate verbrachte ich schmachtend an einem imaginativen Fenster und starrte in die Ferne, Sehnsucht und Musik im Herzen. Ein Flüstern. Ihr warmer Atem in meinem Ohr. Moschusgeruch. Kerzenschein. Absinth. Eine hoffnungslose Romantikerin. Schlagworte, die sich seit eh und je durch die verliebte Literatur zogen und mein Geist war getränkt von diesen Momentaufnahmen, auf die ich heute noch mit Wohlwollen zurückblicke, ohne mir dabei die schattigen Seiten dieser Jahre herbeizurufen. Wozu auch. In meinen Erinnerungen wird es immer die Zeit bleiben, in der ich meine Reifeprüfung abgelegt habe, die Zeit meines Sturms, meiner jugendlichen Rebellion und in meinem Herzen schlummert noch immer die Lust nach eine Berlinerin, die sich eines Tages in Form einer tragischen Liebschaft manifestieren wird.

Doch wie gesagt, als ich eines Nachts, Schlaf suchend und verträumt aus den Zugfenster blickte und mich meiner geschenkten Musik widmete, passierte etwas merkwürdiges.

Während jede Strecke mit den von mir bereits ausgeforschten oder bekannten Zwischenhalten, sich höchsten von den Zuggästen und den abstrusen Zeiten der Schaffnerkontrollen unterschieden, erfuhr der Weg, den mein Zug gegen halb Zwei Uhr eine Abnormalität. Das angenehme und regelmäßige Schleifen der Gleise war verschwunden und war einem spürbaren Rhythmus gewichen. Kein Klicken, kein Laut, kein Holpern, sondern ein Packen, etwas, dass meine Gliedmaßen umfasste und sanft zusammenpresste. Der Winter, der außerhalb meines Waggons ruhig und sanft schlummerte, hatte sich erhoben und mit einem Teil seiner gefürchteten Kraft gegen seine Umwelt zu rebellieren. Ein Schneesturm, doch mit einer merkwürdigen Entschlossenheit. Unnatürlich. Und kein Wind.

Und dann kam das Licht. Der Zug fuhr in seinem gewohnten, schnellen Tempo durch die sich plötzlich errichteten Schneeflockenwände, als die nächtliche Mondbeleuchtung einem flackernden Neonlicht weichen musste. Ich löste die leichten Umklammerungen durch eine versuchte ruckartige Bewegung, doch Schwäche drückte mich wieder in den Sessel. Flugkraft. Ich musste kurz nach Luft schnappen, und mein Gesicht begann zu schmerzen, als würde ich gegen einen Sturm waten. Licht schlug auf mich ein. Ich musste meine Augen schließen und als ich versuchte sie zu öffnen, kam es mir vor, als würde ich nach einem langen Tag und zu kurzem Schlaf versuchen aufzuwachen. Mit einer seltsamen Anstrengung kämpfte ich mich zur Abteiltür und öffnete sie; andere Passagiere waren bereits am Gang und gaben sich gegenseitig Gleichgewicht, während sie das Schauspiel aus Blitzlichtern und Schneegestöber bestaunten. Der Zug glitt derweil geräuschlos durch die Nacht. Im Flackern konnte ich Telefon- und Strommasten erkennen, die sich entlang der Gleise aufgereiht haben. Hinter dieser Linie blieb die Umgebung trotz der Blitze stets undeutlich. Ein Schwarz. Der Rhythmus der Gleise, der zuvor meine Beine und Arme gepackt hatte, war in mein Herz gewichen und ich spürte wie sich mein Puls dem des Zuges anglich. Immer schneller wurde. Das Atmen fiel mir etwas schwere als sonst, nicht besonders, aber doch bemerkbar. Ich sah mich um, als ich meinen Blick endlich von dem Lichtgewitter lösen konnte. Menschen standen gebannt und schockiert an den Fenstern. Ein kleines Mädchen drehte sich zu ihrer Mutter und begann aus seinem Mund Worte zu pressen, doch aus ihren geformten Lippen drang nichts, als das drückende Rauschen, welches mit dem Einschlag der Lichter begonnen hatte. Und da merkte ich, dass es rund um uns nicht still war, kein weißes Rauschen, sondern unheimlich Laut. Ich begann zu schreien. Ich spürte die Töne aus meiner Kehle strömen, spürte wie mein Mund austrocknete und mein Hals rau wurde, meine Zunge vibrierte, doch ich hörte nicht den geringsten Laut. Ich hielt mir die Ohren zu und versuchte in meinem Schädel meine Stimme zu kristallisieren, ohne Erfolg. Ich stolperte wieder in mein Abteil, weckte dabei meinen Sitznachbar auf, der das erschreckende Spektakel bis jetzt verschlafen hatte und prallte gegen das innere Fenster. Ein Satz nach hinten und ich lag im Sessel.

Bis heute weiß ich nicht, wobei es sich um diese Phänomen handelte, doch ich wusste, dass ich mich fürchtete. Und ich hätte geweint, wenn ich gewusst hätte, was mit mir geschehen würde, ich hätte geweint und hätte geschrien, um mein Leben gegen die Fenster geschlagen, an meine Schwester gedacht und an meine Eltern und an meine Freunde und ich hätte versucht meine Texte und meine Briefe zu retten, ich hätte versucht sie euch zu geben, nur um zu beweisen, dass ich am Leben war, doch ich hätte nicht an sie gedacht.

Ich hatte nicht an sie gedacht, sondern nur an ihre Reaktion, wenn ich ihr es erzählen würde. Und als ich mich in eine halbwegs aufrechte Haltung kämpfte und mit meinen Handflächen gegen die Fenster drückte und meine Stirn an das Glas legte um zu erkennen, was verdammt noch mal rund um mich geschah, dachte ich nicht an sie. Ich dachte an meine Geschichte, ich dachte an die atemlose Spannung, an die unheimliche Atmosphäre, an die Theorien, an die Gespräche, an das Stirnrunzeln, an die Wörter, die meinen Mund verlassen würden um mein Abenteuer glaubhaft wiederzugeben, an ihre schräge Kopflage und verträumten Blick, während sie mir lauschte und ich dachte an die Bestätigung, die mir widerfahren würde. An die Berührung an meinen Händen, wenn ich mit den Sätzen „Und dann war es wieder still“ schließen würde, an ein besorgtes Lächeln, an einen wunderbaren Kuss, an meine Frage „Was glaubst du was das war?“ und mir würde die Antwort gleich sein, denn ich hatte meine Geschichte erzählt und meine Bestätigung bekommen und sie wäre unwichtig. Ich dachte an meine Finger, die den Tag des Lichtgewitters aufschreiben werden und ich dachte an die Bedeutung des Erlebnis und ich dachte an die Angst und wie ich sie nutzen konnte und ob ich jemanden daran teilhaben lassen würde. Und ich dachte, ob das, was mir gerade passiert, überall geschieht. Ob wir verloren sind. Doch ich dachte nicht an sie.

Ich glaube zu glauben, dass sich der Zug unter den Boden erhoben hatte, für einen kurzen Moment über den Gleisen schwebte, oder schon die ganze Zeit geschwebt hatte, doch erst jetzt der Unterschied bemerkbar wurde, vielleicht fuhr er auch nur eine leichte Erhebung hoch, doch die Masten verließen die unmittelbare Umgebung und das Flackern wurde schneller bis das Licht keine Unterbrechungen mehr aufwies sondern nur noch ein instabiles, schwarzweiße Bild meiner Umwelt zeichnete und trotz der anwachsenden Helligkeit konnte ich keine Farben erkennen, ein mit Licht überflutetes Abteil, doch keine rote Tasche, keine blauen Sessel, keine dunkle Haut, kein grüner Pullover, „Alles ist erleuchtet“ in grau und meine Handflächen so verdammt weit weg.

Und dann war es wieder still.

Was glaubst du was das war?

Eine meiner Zeiten starb an diesen Tag. Es war wie aufwachen, das Gefühl, nach der Stille, die Lichter, die langsam verebbten, die Menschen, die sich wieder zurückzogen, als wäre nie etwas gewesen und auch meine Erinnerung fühlte sich wie ein Traum an. Am nächsten Tag wusste ich nicht, wie ich mein Erlebnis erläutern sollte; mein Gefühl war klar und wenn ich meine Augen schloss, konnte ich die tanzenden Lichter sehen, Irrlichter, Geister, den Tod. Doch wenn ich den Mund oder meine Adern zum schreiben öffnete, ergoss sich nichts außer Unwissenheit.

Ich starb in dieser Nacht, das weiß ich heute. Ich starb und in meinem Gesicht zeichnete sich kein Lächeln ab, kein träumerischer Junge, kein Romantiker im Geiste, sondern eine Absicht. Ich weiß nicht, was damals geschah – was dort geschah – doch hier bin ich am Leben. Ich habe noch immer eine Absicht: und sie wird mich dafür lieben.

Alle großen Geschichten handeln von der Liebe. Sagen Sie. Ich glaube, dass alle großen Geschichten vom Tod handeln. Von großen Katastrophen. Ich habe eine miterlebt, die Größte, das Ende der Welt. Ich sah es mit eigenen Augen und ich sah es eintreffen, ich sah und spürte, wie das Ende sich gegen alles Lebendige auflehnte und wie ich konsumiert wurde von einem niederdrückenden Licht, dass alles übertönte und keinen Raum für Liebe preisgab. Damals bin ich gestorben und mein Körper setzt an einer anderen Stelle wieder ein, eine zerkratzte Schallplatte, bei der die zerstörte Stelle nicht überwunden sondern übersprungen wird. Überspielt. Alles läuft auf die Liebe hinaus. Wenn ich an ein anderes Gesicht heute denke, kann ich diesen Gedanken verstehen doch ich frage mich, ob mich dieses Gesicht heute ebenso retten würde. Manchmal denke ich auch an das kleine Mädchen, dessen Worte ich nicht hören konnte. Ich stand der Liebe sehr nah in dieser Nacht.

15. Oktober 2011

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