das letzte mal

„Ich kenne dich zu lang und du mich noch nicht lang genug.“

Ich kann mich schwer an das letzte Mal erinnern, an dem ich dich gesehen habe. Wir saßen uns in der U-Bahn gegenüber, und als ich mich erhebe, wünscht du mir noch eine gute Nacht und ich nicke. Ich kann mich nicht mehr an deine Augen erinnern, doch sie mussten blass und und traurig erscheinen, nur so passt es in die Geschichte, die sich die nächsten Tage abspielte. Der Abend – noch bevor wir in die U-Bahn stiegen und gemeinsam alleine nach Hause fuhren – war irreal, voller Rauchschwaden und Alkohol, der sich in unseren Köpfen festgesetzt hat. Keine Berührungen, nur ein stilles Folgen unserer Bewegungen und die Klarheit, dass es nun endgültig zu Ende ist.

Das letzte Mal, dass ich dich wirklich sah, war einige Tage zuvor, als wir lachend an der Bar saßen und uns die Geschichten der vergangenen Wochen erzählten. Von Familien und Freunden, die Nebendarsteller unseres Films und im Mittelpunkt immer noch die Frage, ob wir das alles schaffen. Du zeigtest auf das Mädchen gegenüber und als ich bejahte, klang dein bestätigendes Lachen erzwungen, ganz wenig, doch wir kennen uns zu lang, um uns gegenseitig etwas vorzumachen. Ich kenne dich zu lang und du mich noch nicht lang genug.

Du erzählst mir von deiner Reise, von deinen Plänen und ich sehe glücklich aus, als ich dich endlich wieder lachen sehe. Du beschreibst seine Worte und forderst mich auf, ihn zu mögen, erklärst mir deine Zuwendung zu ihm und ich sehe glücklich aus, als ich in deinen Augen Freude entdecke. Ich wische dir noch die Träne weg und sage, es gäbe nichts mehr worüber du noch traurig sein solltest und dass all dies hier trotzdem noch uns gehört und das niemand, auch wir nicht, es verschwinden lassen können.

Ich sehe immer noch glücklich aus, als ich mit einem Knopfdruck, alles verschwinden lasse.

Ich wende mich um und blicke jemandem anderen in die Augen. Ein Aufschlag und ich weiß, ich könnte wieder lächeln, jetzt, da es vorbei ist. Ich sehe glücklich aus, als die Augen sich öffnen, und ein zufriedener Seufzer von ihren Lippen fällt und ich könnte mich nicht einsamer fühlen.

Mach immer was dein Herz dir sagt, meint ein Freund, doch mein Herz ist gespalten. Oder verdunkelt und ich versuche immer es neu zu formen und positionieren, die Ausrichtung zu ändern, doch es zeigt stets in die selbe Richtung. Du hast das gewusst und lange akzeptiert und als wir uns das letzte Mal ansehen, nur ein Augenblick durch den Türspalt, sehe ich wie dein halbes Gesicht fragt, wieso.

Tief, tief unten verankert. An Ketten montiert, die es immer wieder in die selbe Position bringen. Ich bin sicher hier und mein Kurs steht außer Frage. Ich muss mich nicht verbessern, nur mir selbst treu bleiben. Über all die Jahre hast du versucht die Ketten zu durchbrechen, ein Ungleichgewicht zu erschaffen, etwas, dass die Nadel weg von mir und in eine andere Richtung drängt.

Ich sehe glücklich aus, als ich eine Hand auf meiner Brust spüre.

Ich bin Gift, hast du mir noch gesagt und ich fühle, wie ein sich die Verankerung löst. Vielleicht bleibt es das letzte, das wirklich letzte für dich.

Für mich ist es der Moment, als ich zahle und anschließend anstoße und mit einem Lächeln, das Glas an die Lippen führe. Du sagtest, ich sehe glücklich aus und wischt mir eine Träne aus dem Gesicht.

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