Benjamin Stein: Replay (2012)

Ich weiß, ich hole weit aus, wenn ich den Vergleich ranziehe, aber es ist offensichtlich und bietet sich an – und wie es Stein in seinem Roman schon zu Beginn ankündigt; alles ist ein Zeichen, nichts geschieht ohne Grund und ein Omen ist ein Omen ist ein Omen. So denkt man bei „Replay“ auch nicht zuerst an Apple und/oder Microsoft, nicht an twitter und Facebook, sondern – eigentlich und eigentlich fangen wir am Anfang an – an griechische Mythologie, an einen Pan und an sein Labyrinth, an dionysisch Orgien und erst später, als der Bogen über Gott und die Numerologie und Astrologie geschlagen wurde schließlich an Orwells 1984, Bradburys Fahrenheit 451, Moores V wie Vendetta, Bigelows Strange Days. Die popkulturellen Verweise sind schwer abzuweisen (und erst recht nicht erreichbar), doch fügen sie sich immer wieder namentlich in das Buch ein und finden in diesem oft selbstreflexiven Werk ihren rechten Platz. „Replay“ ist keine normale Geschichte, Ed Rosen, der (Anti-)Held ist kein Wesen der Weiterentwicklung, kein Schelm, der sich von Abentuer zu Abentuer plagt, sondern ein lakonischer Chronist seiner (unserer) Zeit, der sein Leben subjektiv kommentierend aber doch distanziert erklärt und die daraus folgenden Zustände erläutert. Ed Rosen ist Big Brothers Vater, der Erfinder der totalen Überwachung, der Entdecker der immerwährenden Erinnerung und Zugleich die Geisel seines Kunstwerks. Ed Rosen Innbegriff des gläsernen Menschen ist nicht nur Teil des System sondern auch Befürworter und System selbst und er legt sein Schicksal in dessen Hände, bis er daran zerbricht. „Replay“ erzählt die Geschichte von absoulter Freiheit und der freien Hölle. Ed Rosen ist letzten Endes nicht frei, er ist verdammt dazu, sein Leben stets neu zu gestalten und erleben. Erschafft sich in einem guten Film der Held am Ende neu, so bleibt dieser in einem guten Buch immer in seinem Abgrund gefangen und sehnt sich dann nicht mehr nach Freiheit, sondern Sicherheit, so sehr sie auch nur ein Schatten dieser sein mag.


Steins Schreibstiel bleibt wie sein Protagonist unbeindruckend und oftmals wirkt die Erzählung, als ob sie die wichtigsten Themen schnell abhandeln will (totale Überwachung, Freiheitsbegriff, Assange, Sex – sehr viel Sex) während sich er Autor dann wieder in Banalitäten des Alltags flüchtet, die manchmal aber nicht oft nichts zu Geschichte beitragen. Dies trübt den Eindruck des ohnehin sehr kuzren Buches, welches mit einem schweren Thema auffährt und zu guter Letzt bleibt doch der Nachgeschmack des ungenutzten Potentials und der polemischen Gesellschaftskritik, die dem „Neubürger“ – wie der technikaffine Mensch in „Replay“ gennant wird – ohnehin geläufig ist (was nicht bedeutet, dass dieser – wir – sie ernst nehmen). Dennoch versprüht Steins Werk in etlichen Momenten eine dichte Spannung, verbreitet das Gefühl von Angst (alleine der Beginn des Buches könnte als eigenständige düstere Geschichte gefeiert werden) und bedrückt mit seiner endlichen Aussage unserer unausweichlichen Zukunft. Am größten wird „Replay“ jedoch nicht in seinen dystopischen Darstellung einer total vernetzten Welt sondern in Momenten der Zärtlichkeiten; Ed Rosen ist an einem Punkt angelangt, an dem es ihm an Nichts mangelt, sich seine Leidenschaft jedoch in Gier wandelt. Stein wird Schnitzler und „Replay“ eine Traumnovelle, ein Fieberrausch aus Lust, ein Labyrinth aus Sex in einer Welt ungeahnter Möglichkeiten. Alleine dafür lohnt es sich dieses Werk zu lesen.

Benjamin Stein: REPLAY

München: C.H. Beck, 2012. Gebunden, 176 Seiten.

978-3-406-63005-7

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Ein Gedanke zu „Benjamin Stein: Replay (2012)

  1. turmsegler sagt:

    Ich danke Ihnen für Ihren Bericht. Dass und wie Sie die »Momente der Zärtlichkeiten« erwähnen, hat mich besonders gefreut. Seien Sie übrigens versichert: Alles, was in diesem Buch geschieht, so alltäglich es Ihnen erscheinen mag, hat eine Bedeutung und – wenn Sie so wollen – Funktion für den Text.

    Merci und liebe Grüße
    Benjamin Stein

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