Terry Eagleton: Das Böse (2012)

Die Hölle ist kein Schauplatz unaussprechlicher Obszönitäten. Wäre sie es, sollten wir uns vielleicht alle um einen Platz in ihr bemühen. Doch leider ist die Hölle ein Ort, wo wir von einem Mann im Anorak in jedes Detail des Abwassersystems von South Dakota eingeweiht werden. (S. 154)

Das Böse, so sagt man, hat viele Gesichter; es erscheint in Form eines fanatischen Selbstmordattentäters, bis in den Augen eines elfjährigen, von Pazuzu besessenen Mädchens, über einen sadistischen Nazi-Offiziers bis hin zu der verhassten Ex-Ehefrau, die einem das Leben zur Hölle macht. Das Böse, so heißt es ebenso, schlummert in jedem von uns und wir können nichts dagegen machen, als hoffen, dass es uns eher spät als früh ergreift und, dass wenn es dann Überhand genommen hat, nicht in Massenmord sondern bestenfalls im Einschlagen einer Windschutzscheibe mündet. Doch, what the hell, wo wird die Grenze gezogen, zwischen moralischer Verkommenheit, Unwissen, schlichten schlechten Handeln und vollkommener Bosheit? Ist das Arschloch von Chef, der die Beförderung mal wieder verweigert hat, der fremdgehende Ehemann und der drogensüchtige Snob, der in seiner Freizeit Kätzchen ertränkt wirklich böse, oder sind sie alle nur Opfer der Umstände? Und wenn sie böse sind, in welchem Maße kann Jack the Ripper mit Hitler verglichen werden?

Terry Eagleton, Literaturwissenschaftler, Professor für Cultural Studies und Philosoph findet Fragen auf diese Fragen, dass gelingt ihn zumindest besser, als eindeutige Antworten zu liefern. Insofern ist es meist ohnehin klar, dass gewisse Fragen, keiner Antwort verlangen und Eagleton ist zu klug, um seiner Leserschaft das selbstständige Denken abzusprechen. „Das Böse“ will hierbei auch niemanden dazu bewegen, sich wirklich selbst zu fragen, ob er oder sie nun böse sei und wenn ja, wie diese Tatsache eventuell vermieden oder ins Gegenteil gekehrt werden könnte. Viel mehr erweist sich Eagletons Werk als oft witziger, leider nicht allzu selten sich repetierender, Literatur-Wegweiser, der mit viel bekannten Autoren und nicht immer ähnlich bekannten Werken auffährt und damit versucht, dem Bösen die Maske der Mystifizierung herunterzureißen.

Die abgestumpfte postmoderne Kultur kann mit Sexualität kaum noch Schockwirkung erzielen. Daher hält sich das Böse oder zumindest an das, was sie in ihrer Blauäugigkeit dafür hält: Vampire, Mumien, Zombies, verwesende Körper, wahnsinniges Gelächter, dämonische Kinder, blutende Tapeten, buntes Erbrochenes, etc. Natürlich ist nichts von alledem böse, sondern nur ekelhaft. (Seite 151)

Denn wenn das Böse eines ist, dann unergründlich und dunkel. Klar definiert wird es allenfalls von größeren Mächten, die vielleicht im historischen oder gesellschaftlichen Kontext später ebenso als Böse bezeichnet werden und für einen Nationalsozialisten ist „böse“ sicher nicht das Selbe, wie für eine Bioladen-Besitzerin. Einen großen Teil des Buches beschäftigt sich Eagleton mit dieser Relativität, hauptsächlich, in dem er sich auf große literarische Werke der letzten paar Jahrhunderte stützt: er spannt den Bogen von Shakespeares Othello und Hamlet über die Bibel bis hin zu Graham Greene und Flann O’Brien. Dass er sich dabei dennoch wenig auf moderne Literatur beschränkt (und bei den cineastischen Beispielen generell sehr wenige aufgreift) empfand ich zumindest als etwas schade, denn es wäre durchaus interessant aktuellere Beispiele – vor allem im Zusammenhang der heutigen Gesellschaft – zu diesem großen Thema zu ergründen, beziehungsweise ergründet vorzufinden. So vermisse ich durchaus die Gegenüberstellung eines Patrick Batemans zu dem Prostituiertenkiller der ja bekanntlich das 20 Jahrhundert einleitete. Dass solche Gedanken natürlich weitergesponnen werden spricht aber an sich nur für „Das Böse“ und ob Ellis’ Charaktere in ihren Werken nun Ausgeburten der Hölle sind, wenn sie sich Kindersnuff ansehen und Frauen zu Tode prügeln bleibt ohnehin dem Leser überlassen, der nieder geschmettert von Gewalt und Nihilismus dann auf eben diese hinabblickt.

Mit dem Faschismus, so schreibt Walter Benjamin, habe die „Selbstentfremdung (…) jenen Grad erreicht, der sie [die Menschheit] ihre eigenen Vernichtung als ästhetischen Genuss ersten Ranges erleben lässt.“ (Seite 79)

Ich muss jedoch auch zugeben, dass Eagleton, vor allem wegen seiner oftmaligen Wiederholungen (oder ist dies nur subjektive Empfindung, da mir eventuell nicht immer alles klar erschien?) durchaus ein mühsamer Zeitvertreib sein kann: zwar ließt es sich genauso gut in der U-Bahn auf der Weg zur Arbeit, wie in der Ruhe der eigenen vier Wänden oder mit Privatbeschallung im eigenen Kopfhörermusikuniversum, jedoch verlangen viele Passagen – unter anderem jene, in denen Philosophen wörtlich zitiert werden – doch etwas Konzentration ab, die mich zumindest dazu gezwungen haben, den einen oder anderen Absatz noch mal zu lesen. Was Eagletons Werk jedoch allemal auslöst, ist ein hoher Mitteilungsdrang; schnell wird aufgenommenes Wissen an das nächstbeste Opfer weitergegeben und neu eröffnete Fragen, wollen auch der Umwelt gestellt werden, ob die nun wollen oder nicht. „Das Böse“ lässt sich auch gerne zitieren oder will vorgelesen werden, nicht zuletzt wegen seiner wunderbar ironischen und britischen Erzählweise, die selbst zwischen den gruseligsten Zeilen noch Platz für einen trockenen Kommentar hat:

Für ihn [Schoppenhauer] waren böse Taten durch das Bedürfnis motiviert, sich Erleichterung von der inneren Qual zu verschaffen, die er den Willen nannte; und diese Erleichterung sollte dadurch erzielt werden, dass man die Qual anderen zufügte. Psychoanalytisch ausgedrückt: Das Böse ist eine Form der Projektion. (S. 133)

Letzten Endes ist „Das Böse“ – für mich zumindest – ein massiver Appetitanreger; der Streifzug durch die Literaturgeschichte, der differenzierte Blick auf die verschiedenen Werke macht schlicht Spaß und ich hatte seit langem mal wieder Lust darauf ein Shakespeare-Stück zu lesen. Ebenso weckt Eagleton das Interesse auf bisher nicht beachtete Werke (der Gedanke „Gefährliche Liebschaften“ zu lesen kam mir nie in den Sinn, liegt jetzt jedoch sehr nah). Eagleton bleibt – vor allem durch seinen lässigen, nicht zu sterilen Stil-  ebenso auf meiner Literaturliste, wenngleich ich mir das eigentlich nicht lange Buch, manchmal etwas kürzer erwünscht hätte.

Terry Eagleton: DAS BÖSE.
Originaltitel: On Evil (Yale University Press 2010)

Berlin: List, Verlag der Ullstein Gruppe. Taschenbuch, 207 Seiten. € 9,30

9783548610962

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