Christopher Moore – Ein todsicherer Job (2006)

Frische Trauer besitzt eine besondere Schärfe, die die Nerven kappt und die Wirklichkeit abtrennt… eine scharfe Klinge ist barmherzig. Erst nach einer Weile, wenn die Scheide stumpf wird, setzt der echte Schmerz ein. (S. 15)

Christopher Moore hat ein Buch über den Tod geschrieben. Nicht unbedingt ein Buch, über das Sterben und die Stadien der Trauer, nicht wirklich über Todesfälle, nicht über das Totsein und nicht wirklich über das Leben danach. Oder eigentlich doch, verpackt in einer skurrilen Geschichte über den Tod – den Sensemann, den personifizierten diesmal – oder besser seinen Gehilfen, seine Boten, seine Beamten. „Ein todsicherer Job“ ist nämlich – legt man seine fantastische Rahmenhandlung beiseite – eine Geschichte liebenswürdiger Menschen, die, sobald das Buch geschlossen und einem nur noch die letzten Worte des Autors in Form der Danksagungen bleiben, vermisst werden.

Ich weiß nicht mehr, woher ich den Spruch gelesen oder gehört habe, beziehungsweise welcher meiner weisen Freunde ihn mir untergejubelt hat, aber er ging ungefähr so: „Wenn man ein gutes Buch zu Ende gelesen hat, fühlt es sich an, als wäre soeben ein guter Freund von einem gegangen.“ Und irgendwie stimmt es, und ohne überheblich klingen zu wollen; dafür dass es sich bei Moores Werk nur um Unterhaltungsliteratur haltet, schwirren mir seine Figuren, die Personen die „Ein todsicherer Job“ definitiv ausmachen, noch Tage später wild durch den Kopf und meine Gedanken weigern sich ein wenig, die schrulligen Leute die sich zwischen den Zeilen zu greifbaren Menschen entwickelt haben, loszulassen.

Von Beginn an, oder eher – vom Ende: unser Antiheld, Charlie Asher verliert bei der Geburt seiner Tochter deren Mutter und seine Frau Rachel unter merkwürdigen Umständen. Der Tod in Mint nahm Rachels Leben und die Sarah McLachlan CD, doch gab es außer Charlie keine Zeugen im Krankenzimmer und so bleibt er alleine zurück, mit stumpfer Trauer im Herzen, einer neugeborenen Tochter und der Gewissheit, man habe ihm die Liebe seines Lebens entwendet. Es bleibt jedoch nicht dabei, die Umgebung um Asher verändert sich, er hört Stimmen und Gegenstände beginnen sich um ihn herum rot zu verfärben. Und so ist es, dass der Tod ihn noch nicht verlassen hat, nein, die Welt hat sich gegen ihn verschworen und sobald sich Asher nach Wochen der Abgeschiedenheit aus der Schwelle seiner Haustür hinausbefördert, überfällt ihm der Sensenmann mit einer unsubtilen Nachricht (er lässt einen Mitbürger vom Bus überfahren), um den trauernden Mann darauf hinzuweisen: erledige deinen Job.

Charlie Asher – Herz des Romans, Hauptfigur und von Natur aus Betamännchen – muss sich seinem Schicksal fügen, natürlich nicht ohne anfängliche Schwierigkeiten. Dennoch ist er sich bald bewusst: er muss der Tod sein, der wahrhaftige, der Typ im Kapuzenpullover, mit dem Gartenwerkzeug, das Licht und die Dunkelheit, der Gevatter, das Ende und so weiter und sofort. Und, so will es die Geschichte, ist er damit selbstverständlich nicht einverstanden.

Man sollte sich von dem schrecklichen Cover nicht in die Irre führen lassen; zwar gehört „Ein todsicherer Job“ sicherlich noch zu den gelungenere Versionen der Außengestaltung Moores Werke, eine ansprechende Augenweide ist es dennoch nicht. Irrelevanz, wie sich bald herausstellt, denn Moore ist ein fabelhafter Erzähler, der vor allem durch seine trockenen, humorvollen und vor allem scheinbar unwichtigen Nebensätze überzeugt. Der Autor schafft es Figuren zu zeichnen, in dem er sich nicht auf seine Basis verlässt (perverser Ex-Polizist, zynische Gothheit, obszöne Schwester in Herrenanzügen, altrussische Nachbarin, etc) sondern sie liebevoll an ihren Handlungen und listig eingewebten Rahmenbemerkungen schleift, bis sich nicht ein weiterer Charakter in einem Romanensemble präsentiert, sondern eine eigenständige Figur, deren Handlungen man bereits ahnen kann und deren Anwesenheit man ebenso freudig erwartet.

Überhaupt; die Rahmenhandlung in Christopher Moores Buch wirkt – nicht vernachlässigbar; man ist stets interessiert an der Entwicklung des Plots, aber doch etwas zweitrangig: Charlie selbst ist natürlich nicht der Tod (oder doch?), sondern mehr sein Elfe, der sich der Seelen frisch verstorbener – oder bald zu versterbenden – anzueignen hat, um diese, nun ja, zu beschützen und anschließend weiterzugeben. Beschützen vor, ja, Mächten des Bösen, natürlich. Weitergeben durch – und da eignet es sich auch recht gut, dass Charlie Asher Second-Hand-Shopowner ist – Erwerb dieser Seelen. Klingt kapitalistisch, aber Asher ist das wahrscheinlich egal. Dieser muss sich nämlich im Laufe der Geschichte mit sexy Schattenkreaturen aus der Kanalisation herumschlagen, die ihm, wenn sie ihm nicht gerade einen runterholen die Klauen durch die Kehle treiben wollen. Ach und sein neues Glück, die freche Sophie kann im zarten alter von drei, Menschen mit dem Wort „Mietze“ töten, dass sollte dem frischen Vater schon etwas zu denken geben.

Man merkt schon, die Geschichte baut sich um die Charaktere auf und nicht selten stagniert sie ebenso und mündet eher in witzigen Anekdoten (wie bekommt man die Seele einer Frau, wenn diese sich in den Brustimplantaten jener befinden?), anstatt, dass sie den Plot vorantreiben. Das ist aber gar nicht so schlimm, denn langweilig wird einem bei Moore ohnehin nicht und zu guter letzt lässt er alle offenen Handlungsstränge geschickt ineinander greifen. Das Werk lebt ohnehin nicht davon, dass eine komplexe Handlung verarbeitet wird, sondern von seinen schon oft genannten Charakteren. Diese bewegen sich lebhaft durch den Roman hindurch und schaffen somit die Welt, in der man sich als Leser durchwegs wohl fühlt.

Moore erinnert gerade durch seine pfiffige Art sehr an Pratchetts Fantasiegebilde, reicht aber bezüglich Witz und Sprachgewandtheit nicht an dieses Vorbild heran. Ebenso begnügt sich Moore eher mit einfachen Konstrukten und baut in seinen Romanen keinerlei Scheibenwelt oder Ähnliches auf. Überhaupt fragt man sich, warum „Ein todsicherer Job“ nicht schon lang verfilmt wurde. Moore schreibt sehr bildlich und die Szenenabfolge ähnelt von der Struktur her an ein Storyboard; an sich könnte man das Buch ohne viele Änderungen so übernehmen – aber: nicht nur vager erinnert „Ein todsicherer Job“ an die Serie „Dead Like Me“, die Idee der vom Tod betroffenen Seelensammler scheint viel zu ähnlich, um zu sagen, die beiden hätten sich nicht gegenseitig beeinflusst. Ebenso der kühle Witz und die Schrulligkeit der Charaktere, der liebevolle Aufbau der Geschichte und das unoffensichtlich Komische, überlappen sich bei beiden Werken und Fans der Serie sollten durchaus einen Blick auf Moores Buch werfen und selbstredend vice versa.

Alles in allem habe ich Moores Werk sehr genossen und wenn sich die Geschichte mit seinem zwar vorhersehbaren aber doch herzhaftem Schluss zu Ende neigt – und wenn man sich dann sowohl vom Buch als auch im Buch von Charlie Asher verabschieden muss, verspürt man einen leichten Stich im Herzen und die Gewissheit erklingt, soeben von einem guten Freund Abschied genommen zu haben. Große Betamännchen leben nun mal nicht lange.

ISBN-10: 3-442-54225-1
Originaltitel: A Dirty Job
Erschienen: 13.11.2006
Verlag: Goldmann Taschenbuch
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 479
Preis: 10,30 €
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