Ein Wort für alles, was ich dir noch sagen will (würde niemals genügen) – Prolog

Das ist ein leiser Beginn.

Ich weiß nicht, wieso du es nicht anders formuliert hast; keine kleinen Schritte, kein endlich einkehrender Ruhezustand, kein neuer Anfang. Ich beginne nichts, denke ich mir noch, als ich aus deiner Praxis gehe und die Tür hinter mir schließe. Ich habe aufgehört, doch im selben Moment ballen sich meine Fäuste und ich recke meinen Kopf in die Höhe und sauge Luft durch die Nase. Ich spüre meine Zähne bis in meinen Hinterkopf und die Übelkeit kehrt zurück.

Es sind zwei Tage vergangen seit dem ich das letzte Mal geweint habe und seit zwei Tagen kann ich nicht schlafen. Es ist zu still in unserer Wohnung. Ich habe aufgehört die Schlafzimmertür unter Schleiern anzustarren und ich habe aufgehört Radio und Fernsehen gleichzeitig einzuschalten. Ich habe aufgehört die Fenster andauernd zu öffnen und ich habe aufgehört ihre Wäsche zu waschen. Ich habe aufgehört im Internet nach Selbsthilfegruppen zu googlen und ich habe aufgehört, Leute anzurufen. Ich habe auch aufgehört Anrufe entgegen zu nehmen. Wo mein Handy ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe aufgehört den Müll runter zubringen um das surrende Geräusch des Lifts zu vernehmen und ich habe aufgehört mich über das Gebell des Nachbar-Chow Chows zu freuen. Ich habe aufgehört, den Polster zu umklammern, jedenfalls habe ich mir das vorgenommen, aber stets wenn ich aufwache, sind meine Finger in ihren Geruch vergraben.

Illusion: Ich hätte aufhören sollen, mir die Hände zu waschen. Ich hätte aufhören sollen, den Scheiß mitzumachen. Aufhören, das wird-schon-wieder zu ertragen, sondern hätte es im Keim ersticken sollen. Aufhören zu resignieren, Stagnation ist Selbstmord, oh gott, ich hätte aufhören sollen zu atmen. Doch dazu fehlte mir das Verständnis von Realität, welches Jeden um mich herum plötzlich mit einer gewaltsamen Wucht überrollt hat. Das und die Aura des Verstehens.

Und als ich es begriff, als ich mit dem Suchen aufhörte und ich bemerkte, dass ich mein Atmen nicht mehr an ihren angleichen konnte, die Blicke meiner Mitmenschen immer müder wurden und ich mich selbst nicht mehr vernahm, hörte ich auf zu weinen.

Fick dich, dass ist kein Beginn. Und er ist nicht leise. Er ist, wenn er überhaupt ist, still. Ohrenbetäubend still. Mir bleibt nichts, als mich auf diese Stille zu konzentrieren; sie unterdrückt die Übelkeit und den damit verbundenen Drang zu heulen und unter selbigen Tränen zu kotzen.

Noch einmal; fick dich. Was weißt du schon. Ich drehe um, immerhin habe ich die Klinke immer noch in der Hand. Ich öffne die Tür und sehe ich dich erschrocken, eine Hand vor dem Mund. Nicht meinetwegen und mich überkommt Wut, weil ich dich trotz der Ereignisse der letzten Wochen heute zum ersten Mal weinen sehe. Speichel sammelt sich an meinem Gaumen. Ich atme erneut durch die Nase, wage es nicht den Mund zu öffnen.

„Ja“, fragst du mich, unbemerkte Gestik, doch ich bin geübt im Erkennen von Tränen-Entfernungskommandos.

Meine Brust schwellt an, doch den Mut, dich anzusprechen, habe ich noch nicht gefunden. Ich muss aufpassen, um dir meine Worte nicht regelrecht vor den Stuhl zu kotzen. Aus meiner Erfahrung mit Erbrochenen würde sich die Farbe des Lederbezugs jedoch nicht mit meinen Körperflüssigkeiten schlagen.

Na, das ist ein Anfang. Und ich entschließe mich genau dafür.

„Dein Therapeutensessel passt gut zu meiner Kotze“, und sobald ich diese Worte ausgesprochen habe, will mein Magen auch den dementsprechenden Beweis liefern. Rechtzeitig schaffe ich es noch auf den Tisch und sowohl Teppichboden noch Sessel bleiben von meinem innenarchitektonischen Vergleich bewahrt; meine Akte – sofern, ich eine solche besitze und ich gehe davon aus, dass du mir eine gewidmet hast, soviel darf ich als Freund hoffentlich verlangen – ist wenige Sekunden später mit einer spärlichen Schicht recycledter Sonntagssuppe bezogen. Mit noch feuchten Wangen, reichst du mir, nach Sekunden perplexen Erstaunens, eine Flasche Evian und ich verdrehe die Augen.

Keine Minute später bin ich wieder zu Atem gekommen, unzufrieden auf den Stuhl zurückgefallen. Ich stelle die Plastikflasche, in den ich den letzten Schluck zwecks Mundhygiene wieder hinein gespuckt habe, auf den Tisch und schaue auf – wie gesagt, wahrscheinlich – meine Akte, diesmal ohne mich zu übergeben.

„Ice Breaker. Keine Angst, so reagiere ich immer, wenn ich ein Mädchen um ein Date fragen will“ und komme mir sogleich unglaublich beschissen und dumm vor, aus Gründen, die in jedem der millionen Paralleluniversen legitim wären. Du hast dir deine Tränen mittlerweile weggewischt oder sie sind von selbst verdunstet und verschwunden und versickert – ein leiser Beginn – und du setzt dein Therapeutengesicht auf, welches ich unglaublich gerne habe; ich greife mir schnell zum Mund und atme sicherheitshalber durch die Nase ein.

„Das waren jetzt“, künstlerische Pause, ich weiß, du hast diesen Satz sicherlich schon seit meiner nonchalanten Wiederkehr in deinem Therapeutengehirn gedreht und gewendet und der Aussprache für würdig empfunden, „2 Witze.“ Pause, noch künstlerischer, aber ich gebe zu, sie passt und zwar beißend perfekt. „Hintereinander.“

Ich rechne nach (und überlege mir gleichzeitig, was ich mit „beißend perfekt“ eigentlich aussagen wollte) und beiße mir perfekt auf meine Lippen, in Gedanken, versteht sich.

„Eigentlich waren es drei Witze“ und ich merke, wie ich aus meinem Run nicht mehr hinauskomme ohne dabei alles anzusprechen, alles fallen zu lassen, alles beim Namen nennen, all den heißen Brei; verspeisen, mit den Fäusten voran.

„Ich kotze nicht immer, wenn ich jemanden nach einem Date frage. Und ich wollte dich nicht nach einem Date fragen. Und überhaupt frage ich nicht nach einem Date, weil ich das Wort Date eigentlich – “

und das Wort eigentlich ziehe ich dabei unschön in die Länge, nicht meine rhetorische Glanzstunde, das gebe ich zu, aber ich spreche immerhin noch mit dem Odeur von Erbrochenen auf den Geschmacksknospen, so gesehen schlage ich mich eigentlich nicht schlecht,

„- nicht benutze. Wie alt bin ich? Dreißig?“

Sofern ich mich nicht verzählt habe, waren das nun mindestens fünf. Insgesamt, versteht sich. Ich hoffe inständig, dass du darauf anspringst, anbeißt, die Kotzlunte nicht witterst, doch du scheinst nicht darauf anzuspringen, anzubeißen und die Kotzlunte dampft auf dem Tisch vor sich hin, weil ich noch keinerlei Anstalten gemacht habe, sie wegzuwischen und den Tisch zu verbrennen. Du allerdings auch nicht

(und es sind mittlerweile schon mehrere Minuten vergangen, der Tisch wird dich hassen. Mich sowieso.)

und ich bewundere aufrichtig deine Professionalität, die du beruflich an den Tag legst.

Ich überlege in den kurzen Bruchteilen, die mir zwischen den Momenten in denen ich entweder Zeit aufschiebe oder mir weitere Schenkelklopfer vom Leib rede, in welcher Situation ich nicht augenblicklich auf gesprungen wäre und mit einer nervösen Miene, mein, dein und das Ausgekotzte von Allen die wir kennen, gesäubert hätte: mir fallen nur weitaus ungustiösere und meilenweit unangenehmere – sofern Stimmung nicht mit dem metrischen System gemessen wird – Eventualitäten ein, in denen ein bisschen Kotze das irrelevantere Problem (oder in manchen Szenarien, der irrelevantere Körperinhalt) darstellt.

Erfreulich zu wissen, dass der Moment, in der man seiner Therapeutin und langjährigen, besten Freundin quasi (auch hier ziehe ich das Wort quasi rechtfertigend in die Länge) gesagt hat, dass man mit ihr seine vermutlich tote Freundin betrügen will

(sollte sie wirklich tot sein, ist es insofern kein Betrügen mehr, als ein Gewissensbiss weniger und wir sind dir alle so dankbar, beschissen Gewissen),

während man, vor lauter Heulen nur noch buch – stäb – lich kotzen kann und in Gedanken schlechte Reimwortspiele bildet und sich – um den Ernst der Lage gravierend auszubauen – darüber ärgert, dass man das Wort buchstäblich auf englisch viel besser unterzeichnend betonen kann; ja, dass dieser Moment offensichtlich zu einem solchen (Kotz-irrelevanten) Moment dazu gehört.

Ich meine, nur zur Einordnung, falls mich mal jemand fragen, oder noch Platz auf meinem Testament sein sollte – und das wird es, außer ich erstelle eine chronologische Liste meiner illegal gebrannten LOST Episoden – und ich meine letzten Wünsche mit einer Reihung unangenehmer Momente (erweiterbar durch den zuvor genannten Kotz-Irrelevantismus, ich beschließe die allgemein akzeptierte Gültigkeit dieses Terminus) schmücke:

Sie müssen nicht alle mir widerfahren (Kategorie A) oder wirklich überhaupt jemanden widerfahren (Kategorie B) sein, aber ich ordne diesen Moment über den eventuell unmöglichen Angriff eines rasenden Spei-Zombie (die es wirklich gibt – als nicht wirklich, aber wirklich) und definitiv vor den viel zu realen Fete-Blanche mit Schaum-Party und Getränkechipspflicht der kärntner Dorfjugend. Wertung nach Wiederlichkeit, absteigend.

Und du hast noch immer nichts gesagt.

„Fünf“ sage ich, doch merke, dass ich selbst nicht mehr wirklich weiß, ob das noch einen Sinn ergibt. Deine Augen weiten sich und ich glaube zu erkennen, dass ich dich ebenso aus einer Gedankenspirale gezerrt habe, doch meine Wunschvorstellung entspringt stets einem auf Projektion ausgerichtetem Denken: kurz erkenne ich den Anflug eines schmutzigen Gedanken, als du dir überlegst, dir den Rock hochzuziehen und deine Strumpfhalter zu lösen, es jedoch bleiben lässt, da es gegen deine Professionalität spricht. Apropos.

„Dürfte ich noch“ und ich zeige hilfesuchend und so ge(er-)brochen wie möglich auf ein ungeöffnetes Evian neben deiner Schulter.

„Wasser?“, brichst du dein Schweigen.

Ich nicke.

„Benutze Wörter“, und das Wort Wörter wird mit deinen Worten großgeschrieben, „wie wir es gelernt haben.“ Das Kinder-Wir. Was haben wir ausgemacht? Geh nicht ins Schlafzimmer, wenn Mama und Papa es trieben.

Ich muss grinsen, unwillkürlich. Das war es mit meiner Fassade; von arm auf Arsch in 0,31415 sec. Aber immerhin habe ich dich auf mein Niveau hinunter gezogen. Und auf diesem bin ich besser, sweetheart.

Ich knackse mit meinen Handgelenken und bringe meinen Nacken mit einer runden Bewegung in Kampfstellung. In Gedanken. Versteht sich.

„Fünf.“ Künstlerische Pause, abwarten, wir lehnen uns nach Vorne, fragender Blick und (und das Wort und ziehe ich dabei unschön lang, ich weiß, das mache ich oft) jetzt: „Zu eins.“

Du lehnst dich zurück und deine Augenbrauen formen in faszinierender Präzision das Wort touché. Du greifst über die Schulter und reichst mir das versnobteste Wasser der Welt. Und ich kann nicht aufhören die Augen zu verdrehen.

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