Archiv für den Monat März 2013

passen sie jetzt gut auf – Intermission 1: wir sehen nackt sehr gut aus

Es läuft „Hurra! Hurra! So nicht.“ von Gisbert zu Knyphausen.

 Couchgespräch.

– Kann es sein, dass ich immer sterbe, wenn du etwas schreibst?
– Ha! Ja. So hab ich das noch gar nicht betrachtet.
– Natürlich nicht, du stribst ja auch nicht.
– Stimmt.
– Muss ich mir sorgen machen?
– Um mich?
– Um dich? Nein, um mich, ha! Das wär ja…
– Nein, es geht nun mal nicht anders.
– Offensichtlich. Sehr beruhigend, übrigens.
– Ach was. Wir sterben alle.
– Aber nicht jeder wird, warte… hier; mit einem Wörterbuch der Kopf eingeschlagen.
– Ja, ich weiß.
– Hör auf zu grinsen.
– Wenigtstens lasse ich dich nicht ertrinken.
– Soll mich das jetzt beruhigen?
– Ertrinken soll eine der schlimmsten Todeasarten sein.
– Gut zu wissen, dass du das im Repertoire hast.
– Eine der qualvollsten, schmerzhaftesten.
– Na, wenn das nicht beruhigt.
– Sag ich doch.
– Kannst du’s noch ändern?
– Wie meinst du?
– Na, du schreibst doch, die Geschichte. Hör auf zu grinsen.
– Du weißt jetzt schon, was ich sagen werde.
– Du siehst aus wie der Hase, hör auf…
– Ry hat mir auf Facebook gepostet…
– Nein, nicht wie der Hase, so ein Blödsinn…
Wir sterben alle, wenn unsere Geschichte am Ende ist.
– Kryptisch, offensichtlich. Wie Donnie Darko. Ja, jetzt noch mehr.
– Ich liebe es, wenn du meine Referenzen erkennst.
– Das ist die einzige Art, wie man mit dir kommunizieren kann.
– Und wie du lachst!
– Und wie ich nackt aussehe.
– Weil du nackt sehr gut aussiehst.
– Ich weiß und danke.
– Ich betone auf nackt.
– Ich höre auf sehr.
– Vielleicht lasse ich dich doch nicht sterben.
– Naja, du hast es versprochen.
– Ich wäre nicht der einzige unzuverlässige Erzähler, zum Beispiel…
– Ich weiß. Jack.
– Chuck.
– Du könntest mich wieder auferstehen lassen.
– Ja, weil’s eh schon wurscht ist.
– Parla…irgendwie.
– Außerdem. Überhaupt, wer sagt, dass es dabei um dich geht? He, scheiße. Im Endeffekt geht’s dann auch um mich!
– Nicht?
– Doch, aber ich will mich nicht rechtfertigen.
– Was willst du dann?
– Dich ins Bett kriegen. Und zum Arzt, schaff‘ ich’s leider nicht.
– Wer sagt, dass ich… schreibst du das auch mit?
– Das kommt ganz auf die Betonung an.
– Auch. Meta.
– Genau. Und nein. Jetzt nicht.
– Auch Betonung. Aufnahmegerät?
– Das wäre eine tolle Idee.
– Die du ohnehin nicht umsetzen würdest.
Ich esse gerne Toast.
– Du würdest es nicht benutzen.
– Vielleicht lass ich dich doch sterben.
– Hallo? Details folgen!
– Ich weiß. Oder du kommst in Form einer anderen Person vor.
– So dass du mich ficken kannst, ohne sie zu betrügen?
– Hm?
– Sie; die Geschichte. Die Leser. Deine Freundin. Die Wahrheit. Such’s dir aus.
So dass du mich ficken kannst.
– Sterbe ich dann auch?
– Ich hab’s versprochen.
– Du kannst ja meine Leiche ficken!
– Ich liebe dich.
– Wie du lachst. Ha! Hör auf zu grinsen, su siehst aus wie Jim Carrey.
– Das ist etwas Gutes.
– Ja, Eternal-Sunshine. Maske-Jim-Carrey nicht. Ich weiß, ich weiß, so nicht.
– Maske-Jim-Carrey ist der einzige Jim Carrey, den ich kann.
– Und Ace Ventura!
– Ah, ja!
– Genau so!
– Gehen sie da lieber nicht rein!

– Gehe da lieber nicht lang,
– kein zurück,
– ich verstehe dich,
– ich verstehe dich auch,
– du musst jetzt weiter,
– schreibst du für mich mit?
– ich weiß jetzt schon, was du sagen wirst:
– wir schreiben alle,
– gleichzeitig,
– gibt es nicht,
– ich weiß;
wenn unsere geschichten zu ende ist, sehen wir alle nackt gut aus.

– Offensichtlich kryptisch.

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passen sie jetzt sehr gut auf

Es hat keinen Zweck, die Spannung künstlich zu erhalten; ich sterbe am Ende dieser Geschichte, einen großen Teil des Geschehens entspringt meiner Fantasie, David gibt es nicht wirklich und ich küsse sie auf Seite 93 oder 117, kommt darauf an, ob das Kapitel mit dem unsichtbaren Stern (welches ich mir ebenso total aus den Finger gesaugt habe um eben die bald zu küssende Person zu beeindrucken) mit rein genommen oder zu Gunsten der Leser ausgelassen wird. Das ist alles sehr schade, vor allem letzteres, da ich sie wirklich sehr gerne noch einmal geküsst hätte. Und natürlich, dass ich sterbe, aber allen voran, hätte ich sie wirklich, wirklich gerne noch einmal geküsst. Doch das sollte aus mehreren Gründen nicht möglich sein, einer davon wäre der Umstand, dass David ihr den Kopf mit einem Wörterbuch einschlägt. Keine Angst, auf weitere Details wird eingegangen. Überhaupt werde ich versuchen, alles notwendige zu erklären und zu erläutern. Nur nicht zur seiner Zeit. Weshalb ich das alles bereits jetzt vorwegnehme? Nun, sie werden es ohnehin erfahren, sollten sie weiter lesen. Und für jene, die es nicht tun; ich verstehe, es geht vollkommen in Ordnung, Sie verpassen nichts, versprochen, für euch habe ich es geschrieben. Eigentlich sollten Sie das ja alles noch nicht wissen, mein Tod, Davids Nonexistenz, den Kuss und die ganze erfundene Sache. Aber das macht es mir etwas einfacher und unter uns; ihnen wäre es doch auch missfallen,wenn ich zum Schluss offenbare, dass der ganze Mist für die Katz’ war. Also, machen wir es gleich so: Sie wissen es, sie wissen es auch, und ich muss mir keinen Druck machen. Zudem werden Sie sich die Rezension am Anfang schon durchgelesen haben, oder? Ich mache dem Verfasser keinen Vorwurf, er hat gut erkannt, dass ich die meiste Zeit unter Drogen stand, als ich es schrieb und ebenso als es mir passiert ist. Diesbezüglich möchte ich jedoch einwerfen, das alles was hier geschrieben steht und Sie in Begriff sind zu lesen, mir auch wirklich so passiert ist. Also die Sache mit David, die erfundenen Teile und der Kuss. Und der Tod. Zur meiner Verteidigung; ich wusste ja nicht, dass es das alles nicht gibt, nicht geben kann und ja, hätte ich aufgepasst, hätte es mir durchaus auffallen sollen, aber ich war verfickt noch mal sehr, sehr abgelenkt (Siehe S. 93 bzw. 117).

Gut, bisher wissen wir, dass zwei Personen sterben und eine dritte nicht existiert. Ich versuche auch nicht all zu verwirrend zu sein und sehe zu, bei der Sache zu bleiben. Dies ist ein Problem, welches mir des öfteren mitgeteilt wurde, das und das ich nicht weiß, was ich mit meinen Händen machen soll, während ich Geschichten erzähle. Zum Glück sehen Sie meine Hände nicht und bei der Sache zu bleiben, sollte kein Problem sein, solange Sie mich nicht unterbrechen. Tut mir Leid, das war anmaßend. Unterbrechen Sie mich bitte, stellen Sie mir fragen, sollte etwas nicht klar sein, immerhin ist es wichtig, dass Sie am Ende alles ganz genau nach erzählen können. Wie ich vorhin erwähnt habe, steht das Ende der Welt, oder einer Welt, kommt ganz darauf an, aus welcher Position man das ganze beobachtet, vor der Tür.

Doch, das habe ich erwähnt. Gleich im ersten Satz. Da steht klar und deutlich, ich sterbe am Ende dieser Geschichte, einen großen Teil des Geschehens entspringt meiner Fantasie, David gibt es nicht wirklich, ich küsse sie auf Seite 93 oder 117 und wenn sie hier nicht aufpassen, geht die Welt unter. Sie brauchen gar nicht umblättern, ich weiß, was ich schreibe. Einigen wir uns darauf, dass sie ab jetzt aufpassen und ich lege auch den Joint weg. Versprochen.

Also, sollte etwas nicht klar sein, stellen Sie ruhig fragen. Auch wenn ich gerne angeschrien werde (das erkläre ich später) wird es Ihnen leider kaum etwas bringen, dieses Buch anzubrüllen, da ich Sie durch Papier nicht hören kann. Außerdem bin ich tot (ich unterstelle Ihnen diesmal nicht, dass Ihre Aufmerksamkeit meiner gleicht, denn ich weiß, dass man sich an das Tot-Sein von jemanden erst gewöhnen muss, vor allem, wenn er vom Ende der Welt berichtet und so, da kann diese Tatsache schon mal untergehen).

Vielleicht sollte ich, bevor wir beginnen, ein paar grundlegende Fragen klären, der eine oder andere wird sich sicher nämlich schon folgendes gefragt haben:

  1. Wie kann ich von meinen Geschehnissen berichten wenn ich tot bin?
  2. Warum geht die Welt unter?
  3. Wann geht die Welt unter?
  4. Meine ich das ernst?
  5. Warte, warte. Woher weiß ich, dass das stimmt?
  6. Wer ist die Person die ich küsse?
  7. Würde ich lügen um meiner Geschichte die nötige Würze zu verleihen?
  8. Kann ich deine Telefonnummer haben?
  9. Welche Musik höre ich gerne?
  10. Gibt es noch etwas Hasch?

Beginnen wir von hinten.

10.Ja, gibt es und ich würde mich freuen, wenn Sie nicht gleich alles verbrauchen.

09. Vorwiegend höre ich aggressiven Girliepop, aber davon wurde mir in meinem Freundeskreis, zumindest als ich noch einen hatte, dringend abgeraten. Da ich aber mit deren exquisiten Geschmack des kanadischen Folk-Post-Rock nichts anfangen konnte, haben sich mein Freundeskreis und ich auf elektronische Alternative geeinigt. Die Mitte von Ke$ha und godspeed you! black emperor ist demzufolge Does It Offend You, Yeah?. Jetzt gerade – und jetzt gerade ist sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr – ich kann es wirklich nicht genug betonen, deswegen schreibe ich es kursiv, damit Sie merken, dass es mir ernst ist – sehr relativ – läuft Monarchy „Disintegration feat. Dita von Teese“. Für den notwendigen ammount of electropop.

08. Wenn Sie mir das Du-Wort anbieten, gerne. Schick ich mir diesbezüglich eine SMS an 0680 11 76550 und lade mich auf ein Bier ein.

07. Niemals.

06. Die Liebe meines Lebens. Das ist ziemlich blöd und ziemlich logisch, aus folgenden Gründen. Blöd, weil sie stirbt und – sollten wir uns dann endlich auf dieses Bier treffen, von dem du vorhin geredet hast – in einem Gespräch kommt der Satz „Die Liebe meines Lebens wurde von einem Irren getötet“ ist jetzt nicht so der Burner. Und logisch, weil mein Leben nicht sehr lange anhielt und der Teil, der mit Liebe verbunden war beschränkt sich auf circa 6%. Ich habe es ausgerechnet und gerundet, periodischen Zahlen sind nicht wirklich was, für eine Erzählung. (*Für alle die es dennoch interessiert; ich war, als ich starb 25 Jahre, 3 Monate und 16 Tage alt, was einem Gesamtsatz von 9239 Tagen ausmacht. 547 Tage 20 Stunden 38 Minuten und 24 Sekunden davon war ich verliebt. Das macht umgerechnet – und die Mathematiker unter euch können das ausrechnen – genau 5,9 periodisch, gerundet.)

05. Fragt einen Mathematiker oder übt Prozent rechnen. Oder glaubt mir einfach. Wie gesagt, ich würde doch nicht lügen. Außerdem bin ich tot und irgendwie kann man eine gewisse mathematische Allwissenheit doch vorraussetzen.

04. Nun, ja. Ich habe sie zumindest vorrausgesetzt. Als sie dann nicht einsetzte, die Allwissenheit, mathematisch als auch generell, war ich doch etwas enttäuscht. Das Tod-Sein birgt weniger Spannung in sich, als man es sich denken könnte. Die Wahrheit ist, dass ich mich einige Male verrechnet habe. Aber das tut nichts zur Sache – ich hab ja Zeit.

03. Apropos. Zeit, ja. Das ist so eine Sache. Eigentlich, und in dem Wort eigentlich steckt ja stets ein Widerspruch, ist die Welt ja schon untergegangen. Und ich berichte euch davon aus der Zukunft, aber in einer Vergangenheit. Das ist durchaus verwirrend, deswegen würde ich vorschlagen, wir lassen diese Frage mal beiseite oder ihr setzt euch jetzt hin und ließt Slaughterhouse 5 von Vonnegut. Der erklärt das ganz gut.

02. Wegen mir, aber ich kann das noch gerade biegen. Dafür brauche ich aber euch. Also, bitte. Bitte passt auf.

01. Gut, diese Frage, könnt ihr euch doch mittlerweile selbst beantworten. Ich schreibe, also bin ich und ich bin hier, wo ihr mich nicht fassen könnt. Früher habe ich das Tod genannt, den jetzigen Namen habe ich noch nicht gelernt zu schreiben (und man weigert sich ihn mir zu buchstabieren) und ihn euch zu erläutern wäre ebenso ein Nullsummenspiel, da ihr es dann doch nur mit „Tod“ gleichsetzen würdet. Also belassen wir es dabei. Ach und bevor mich wer unterbricht, weil Leben nach dem Sterben und so: 42 stimmt wahrscheinlich, da sind sie sich noch nicht sicher. Für alle Agnostiker; was weiß ich. Alle anderen; nein. Und ewig ist es im menschlichen Sinne nur bedingt. Okay? Gut. Für all jene, die sich nicht pflanzen lassen, ich weiß, das hat die Frage nicht beantwortet. Gut aufgepasst, ich hoffe, ihr hält eure Motivation bis zum Ende. In Wirklichkeit bin ich in einem Zustand von nahtloser Erschaffungsgabe, sprich, meine Wörter formen sich vor meinem jetzigen materiellen Zustand, der leider immer noch mein etwas plumper Körper ist, quasi in Luft und in Luft auf und gelangen von selbst auf ein Medium eurer, meiner, unserer Wahl. Ich hoffe ja inständig, dass es ein Buch ist. Oder wenigstens ein Manuskript. Bitte, lass es kein Blog sein. Gott (nein), ich hasse Blogs.

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Buchkritik: Doris Knecht – „Besser“

Wir sind selbst unser Glückes Schmied. Vergangenheitsbewältigung funktioniert. Psychotherapie oder tot. Ein besseres Leben für bessere Menschen. Bitte jeder nur ein Kreuz. Und ja nicht stolpern.

Denn irgendwann steht man mitten drin und sieht nicht mehr nach vorne, sondern nur noch zurück. Gruber konnte weder noch, Antonia Pollack – Knechts neue Romanheldin – nicht in die Zukunft. Denn, was die – eigentlich namenlos gedachter Alter Ego, so scheint es zumindest – nicht kann, ist ihr derzeitiges Leben zu akzeptieren. Zu schwer wiegt die Vergangenheit, zu banal legt sich der Gestank der bürgerlichen Mittelschicht um ihr Haupt. Verziert wird ihr Bild mit Geheimnissen, Alltagsfrivolitäten, die sich wie eine modische Handtasche tragen, die eigentlich jedem bewusst sind oder zumindest unbewusst wahrgenommen werden und sich unter Freunden und Schwestern trés chic teilen lassen.

Pollacks Umfeld erinnert vage an das Universum durch die Bret Easton Ellis seine indifferenten Hauptfiguren schickt; doch anstatt die Banalität des Bösen in der Brokerszene der 80er spuken zu lassen, setzt Doris Knecht ihre Figuren in das gegenwärtige Wien und lässt dort die linken Gutmenschen Kommunikationsbrücken über ihre Abgründe bauen. Selbstredend wird bei Knecht nicht gemordet und gefoltert sondern nur fremdgevögelt. Und die Kinder wünscht man sich auch manchmal weg. Überhaupt wünscht man sich weg, sowohl Hauptfigur als auch als Leser. Weg von politischen Meinungen, weg von der politischen Korrektheit und der Intoleranz der selbigen Verneinung, weg von dieser Realität, weg von Amazon, iPhones, Facebook und Twitter, weg von der Falter oder Presse-Meinung, weg von Werbung und Fernsehlügen, weg von der Familie und weg, einfach weg von Gesprächen die nur vorangegangenes repetieren und bis in alle Einzelheiten analysieren, bis man endlich weiß wie man Leben soll, wie man es besser macht.

„Besser“ von Doris Knecht ist vorwiegend ein Gesellschaftsroman, ein demaskierender Kommentar einer weltfremden bürgerlichen Elite, die Knecht offensichtlich aus eigener Erfahrung kennt; die Details scheinen zu konkret, die Stimmung zu authentisch zu sein, als dass die Kolumnistin diese erfinden könnte. Und ja, Knecht ist dabei vorschnell mit ihren Urteilen und rennt gewissermaßen offene Türen ein, dennoch scheint der süffisante Stil, indem sich die Autorin über die goldene Mitte auslässt, den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf zu treffen. Ausgelassen wird dabei weder der heiligen Geist des modernen Menschen, das Künstlergenie, der Vegetarismus-Verweigerer, die zuckersüchtige Unterschicht, der Gutmensch von nebenan (ein verächtliches Wort, welches ich hier nur als Mittel zum Zweck rechtfertige), der Vollzeit-Pädagoge und Lehrmeister zu einer besseren Gesellschaft zeitgleich liebevoller Vater und natürlich die „Anderen“. Das Fremde, welches sich in unsere Gesellschaft geschlichen hat, vom Mitschüler, über den Babysitter der Tochter bis zum Hauswärter, ist „es“ stets dabei und reibt sich ungemütlich an der Fassade. Dass der größte Schwindel dabei bei einem selber liegt (und wir unsere Kinder lieber in Privatschulen schicken, so dass diese sich ebenso für eine fair-traded Welt engagieren können), wird viele sauer aufstoßen lassen. Ganz ehrlich – Doris Knecht wischt den beschlagenen Spiegel dabei nur sauber, die unschöne Reflektion war jederzeit präsent. Dabei schlägt die Autorin wohl zwei Fliegen mit einer Klappe; die Zielgruppe der Bobos, die DINKS, wir unverbesserlichen Weltverbesser wird sich ertappt fühlen und zugleich in der selbstreflexiven Betrachtung suhlen, nach einander aufstehen und dramatisch applaudieren. Welch‘ außerordentliche Beobachtungsgabe!

Leider bleibt es nicht dabei – durchgehend glänzt, ja, brilliert Knecht mit einem unvergleichlichen österreichischem Stil, der zwischen feiner, ästhetischer Wortwahl und dem typisch wienerischen keine Ausnahme kennt – aber die Geschichte rund um unsere beinahe namenlose Hauptfigur hängt sich zu sehr an der – wie zuvor erwähnten – Banalität auf. Die scharfen Beobachtungen sind die eine Seite der Medaille, die andere zeigt sich vorwiegend in ausschweifenden Gedanken, Hassbriefe an das Landleben und zugleich selbstbestätigende Prosa über die Schönheit eben dieses. Knechts Worte mögen oft schön klingen, münden aber nicht selten in oberflächlicher Dramatik. Kreise schließen sich, auch in „Besser“ und auch Ein-Satz-Kapitel beweisen im Verlauf des Textes Sinn – und ja, ein Schriftsteller schreibt kein Wort zu viel, alles steht und sitzt dort, wo es hingehört – doch manchmal herrscht der Stil über der Aussage. Das möchte man dennoch so stehen lassen. Danke.

Auf leisen Sohlen und mit dezenter Schönheit sind hingegen die stilistischen Mittel, die Knecht vorsichtig dafür aber gekonnter einsetzt, die bereits „Gruber geht“ wahrscheinlich den Platz auf der Longlist des deutschen Buchpreises beschert haben: Du-Perspektiven, authentisch geschriebene Dialoge und allen voran Momente die von einer Zärtlichkeit durchzogen sind, die wie ein Hilferuf nach menschlicher Nähe klingen. Lässt man Knechts gesellschaftssatirische Polemik bei Seite, bleiben eben diese Momente in Erinnerung: da leuchtet Lionel Shivers Gedankenspiel durch, Wachstumsschmerzen (wobei Knecht Kuttners Sprache in Stil und Timing Welten voraus ist) und verbinden sich mit einer Romantik, einer Sinnes-Sehnsucht, die ich in letzter Zeit selten gelesen habe. Und das ist was Gutes.

Ja, Knechts Buch ist eines der guten, eines, welches nicht leichtfertig übersehen werden sollte. Knecht spricht viele Themen an, die einem so selbstverständlich und so alltäglich erscheinen, dass man sie schon wieder vergessen hat und es gut ist, dass es eine Autorin gibt, die uns den ganzen Wahnsinn, den ganzen Scheiß, der sich vor uns auftut, unseren ganz persönlichen Mist und der stille Irrsinn in den Augen unserer Mitmenschen aufzeigt. Da verzeiht man gerne, dass sich das Ende mit zu vielen Lösungsansätze (Clint Eastwood Filme und Kronen-Zeitung) vergreift und durch ein denkbar fades dramatisches Moment, die Hauptfigur wachrüttelt. Zurück bleibt lediglich die Frage, ob sich Knecht hierbei nicht der Demagogie verfällt; der Zwang ein besseres Leben zu führen zieht sich als roter Faden durch „Besser“ verläuft aber in ein schlampig geschnürtes Finale. Natürlich, vieles bleibt offen, wie das Leben so spielt, wie sich Sehnsüchte entwickeln und wer weiß schon was morgen geschieht. Doch als das Licht erlischt und die Tür geschlossen wird, Knechts Alter Ego und wir endlich zur Ruhe gekommen sind, im Bett liegen und unser besseres Leben einatmen und akzeptieren, bleibt der leicht bittere Nachgeschmack, dass wir nicht erwacht, sondern letzten Endes eingeschlafen sind.

Und vielleicht ist das doch nicht Demagogie, vielleicht ist das die beruhigende Doppelmoral, die in jedem von uns wohnt und die notwendig ist, dieses Leben zu genießen. Lediglich die Hingabe zu dieser; klingt nach einem kleinem Schritt. Doch Knecht weiß es besser.

http://www.rowohlt.de/buch/Doris_Knecht_Besser.2958537.html

Rowohlt Berlin
08.03.2013
288 Seiten
19,95 € (20,60 €)
ISBN 978-3-87134-740-5

Eine Rezension / Kritik / Besprechung von Federico Grössing, 2013

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Als wir paranoid wurden

Das Problem ist nämlich, dass ich mittlerweile aufpassen muss, was ich mit wem und vor allem warum bespreche. Vor ein paar Tagen, war es noch nicht so und vor ein paar Monaten, ja, vor ein paar, lass mich überlegen, ja, vor drei Monaten hat es angefangen, dass ich bemerkte habe, dass alles irgendwie, ja, zurück kommt.

Ich nicke, Zustimmung, großer Gott, Zustimmung, ansonsten. Aber es stimmt schon, was er sagt, ich muss auch aufpassen, denke ich mir und plötzlich kommt es mir. Aber natürlich und mein Körper nimmt automatisch eine alarmierende Stellung ein, doch mein Geist beschwichtigt mich und sagt, nein, um Himmels willen, nein! Lass es dir nicht anmerken. Dopppeltes Spiel, damit wurde nicht gerechnet und ich lächle verschmitzt. Nicht zu verschmitzt. Verständnissvoll verschmitzt. Verständnissvoll und vertrauensvoll verschmitzt! Nur die Ruhe bewahren, du bist sehr gut darin.

Und weißt du,

nein weiß ich nicht, sagen meine Augenbrauen,

ich dachte ich bin gut darin,

da verschlägt es mir glatt die Sprache, in Gedanken natürlich und diese werfen schnell ein, das war sicher nur Zufall, wie verdammt auch, natürlich nur Zufall.

also, ich meine, gut darin, im Leute erkennen. Äh, zu, zu, wieso strauchelt er, nach welchen Wort bitte sucht er denn jetzt, ein zu schätzen, da ist es, zu wissen, wem man vertrauen kann! Wie dir!

Ja, wie mir, natürlich wie mir und ich öffne den Mund halb um zu antworten. Da ich noch nicht weiß was, stocke ich und im selben Moment fällt mir ein, wie ich mich verbrüdern könnte, noch mehr verbrüdern, die Sicherheit wiegen, wie sagt man doch so schön. Und ich schließe meine Lippen, beuge mich etwas nach vorne und sehe mich dann verschwörerisch um.

Ja, ein leißes ja, jetzt hab ich ihn, mir schon. Aber. Und Hoch den Kopf, elegant blicke ich nun auf ihn herab, er weiß, dass ich mehr weiß, soweit ich weiß.

Soweit ich weiß, gibt es hier einige, die lieben es sich über einen auszulassen. Und sie machen das noch nicht einmal geschickt. Entrüstet, grandios, wie ich am Ende aus mir hinaus ging. Ich seh’s an seinen Augen. Die kommen gar nicht mehr raus, aus ihrer Zustimmung. Diese Wiener, denke ich unvermittelt, ich weiß ehrlich nicht gesagt wieso, naja, doch, denn wienerischer geht es im Moment nicht, so sehr Wien sieht aus seinen Augen raus, gemeinsame Feinde mögen wohl viele zusammenschweißen, doch noch nie hab‘ ich es mit so viel Inbrunst gesehen. Und Genuss.

Oh, ich weiß genau wen du meinst. Weiß er nicht. Er will, dass ich glaube, dass ich weiß, wen er meint, doch auf diesen billigen Trick falle ich nicht rein. Was mich jedoch in eine etwas missliche Lage bringt: sollte ich nicht binnen weniger Sekunden mit wenigstens einen Namen ins Haus fallen, wittert er, dass ich hierzu nichts zu sagen habe und er bemerkt, dass ich sein Spiel schon länger durchschaut habe. Natürlich, vielleicht deutet er meine Zögerlichkeit als eventuelle Vorsicht, oder er glaubt zu wissen, dass ich nicht einer von der Sorte bin, die gerne über andere reden, was mich zugleich auf die Seite der ihm wohlgesonnen stellen würde, doch das Eis ist dünn. Gefährliches Terrain, denn eher bemerkt er mein Spiel und dann steh ich auf der Liste. Ein Namen ist bei näherer Betrachtung definitiv die bessere Lösung. Ein Name verbindet mich und er bleibt in meiner Wiege. Andererseits kann ich nicht mit irgendeinen Namen daher kommen, die Gefahr einen seines Gefolge als Klassenfeind zu demaskieren wäre ein schwerwiegender Fehler, der mich zwar nicht auffliegen lassen würde, aber meinem Gesicht, meiner Fassade massiven Schaden zufügen würde. Dabei stünde nicht mein Spiel auf den, tja, Spiel sondern wirklich mein Ruf, mein wahres Ich.

 

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