passen sie gut auf: soziale paranoia // das ende von einer von drei geschichten 1

Ist eigentlich alles egal. Und doch. Sehen Sie?

Jetzt haben Sie ungefähr einen Vorgeschmack auf das bekommen, was Ihnen blüht, sollten Sie den YouTube-Kanals meines ehemaligen Lebens abonnieren und regelmäßig schauen. Überlegen Sie sich das gut; nur zwei Klicks weiter gähnen Katzen und Babys lachen, weil sie zu viel Hustensaft abbekommen haben. Hier gibt es nichts, nur aufgewärmte Pizza, eine Stehlampe im Hintergrund und eine regelmäßige Erhöhung der Frequenz von zu mir genommen alkoholischen Getränken, die im Notfall auch am nächsten Tag ausgetrunken werden. Tödliche Langeweile. Und den Tod. Aber hauptsächlich Langeweile. Also kommen wir gleich zum Punkt. Sie wollen es ja auch. Mir wäre sehr geholfen gewesen, wäre irgendwann einer meiner Zuseher aufgestanden und hätte mich in den Arm genommen und hätte gesagt, dass es nicht unbedingt besser wird, aber dass ich wenigstens nicht alleine mit dem Ganzen bin, aber, wie Sie bereits erkannten, waren auch diese der Ansicht, alleine zu sein. Na, hätte uns das mal einer gesimst. Ach ja, in meiner Lehrerin geht es gut; sie ist nicht gestorben und sieht wahrscheinlich heute genauso scharf aus, wie vor ein paar Jahren. Und natürlich war ich in sie nicht verliebt, höchstens verknallt, in diese Lippen und so weiter. Eine sanfte Brise, wie es so heißt, die meine pubertären Nervosität dennoch so sehr beeinflusst hat, dass es schließlich dazu kam, dass mein Universum mehrere Male zusammenbrach.

Der Punkt, genau. Ihr Tod, das Ende ihrer Geschichte und mein Prolog. Sie war stets traurig, doch niemand glaubte ihr. Als ich ihre Traurigkeit sah, war es bereits zu spät, der sogenannte Zug bereits abgefahren. Doch David war rechtzeitig aufgesprungen, dieser Arsch. Ich hörte eines Abends, wie sich die beiden unterhielten und auch wenn ich nur Fragmente wahrgenommen hatte, war mir Davids Schuld wenige Stunden später bereits bewusst. Wir hatten uns auf ein unverbindliches Film-Rendezvous getroffen, eine ungezwungene Angelegenheit deren Mittelpunkt ein Werk stand, welches wir alle schon kannten um uns so besser zu unterhalten, mit zu reden und unsere Lieblingsszenen aufzuzeigen. Doch dieses Mal herrschte während Terry Gilliams Adaption des Hunter S. Thompsons Buches ein unerbittliches Schweigen. Ich wollte von Anfang an nicht, dass David dabei war – er war es auch, der Fear & Loathing ausgesucht hatte – doch er saß von Anfang an still in seinem – ich wiederhole: seinem – Halbliegesessel (diese hässlichen Dinger, die man bei Ikea um kaum 10 Euro bekommt, geschwungene Form und beiger Stoffüberzug, eine ungünstige Farbe, die schnell mit sichtbaren Flecken dekoriert ist) und verfolgte ohne ein Wort zu sprechen das Geschehen auf meinem, für damalige Verhältnisse überaus großen Röhrenfernseher. Die Stimmung blieb trotz Benico del Toro angespannt und ich konnte spüren, wie sie David immer wieder kurz fixierte und als mein Blick dann ihren kreuzte, sie diesen gespielt irritiert wieder gen Film drehte. Ich hingegen legte meine Hände nervös in die Schale voller Buggles und schob sie in mich hinein, so dass neben dem irren Geräuschsturm des Drogenrausches in Las Vegas das dauernde Knirschen meiner mahlenden Zähne zu hören war; ein beruhigender Lärm, der meine Ohren beschäftigte und den Schein des – ha, beinahe hätte ich „Normalen“ geschrieben – Alltäglichen vorgaukelte. Erleichtert stellte ich dann auch fest, dass die Schüssel schleunigst nachgefüllt werden musste und ich sprang auf, meine authentische, wundervolle Art vorlügend, bis mich bereits im Stehen, der Gedanke niederzog, dass ich sie nicht mit David alleine lassen wollte. Nicht mit David alleine lassen sollte. Ich wollte mich wieder setzen, doch bemerkte früh genug die dadurch eventuell resultierende Bizarrerie meines Verhaltens und wenn ich etwas sein wollte – vor allem vor ihr – dann war es sicherlich nicht bizarr. Weird, strange, geeky, nerdy, komisch, merkwürdig das war ich schon genug, ich musste nicht noch meine soziale Impotenz vor ihr zur Schau stellen. Ich kaschierte es geschickt und fragte, ob jemand etwas brauche. „David?“

Und dann beobachtete ich: kurz, ich weiß, doch ich musste diesen Blick deuten können, ich musste herausfinden, ob es in Ordnung war, ob mein Gefühl reiner sozialer Paranoia entsprang, ob es sicher war für sie. David steckte sich ein einzelnes Buggle in den Mund, er hatte noch drei neben sich auf der Stuhllehne (aus hellem Holz, Buche – widerlich) liegen und kaute langsam. Seine Augen waren blind, sein Gesicht – oder zumindest was ich in den Fernsehlichtblitzen erkennen konnte – fahl. Seine sonst sympathisch strubbeligen Haare, klebten verschwitzt an seiner Stirn, er muss sich schon länger nicht geduscht haben, obwohl ich ihn nicht gerochen hatte. Sein Kiefer bewegte sich langsam. Er nahm einen Schluck von seinem Bier und griff dann nach dem vorletzten Snack. Mir gefiel es nie, wenn er so war; still, blass – tobend. Ich kannte die Indikatoren, seine Finger wurden länger und er klammerte sie fest um seine Arme – ineinander verschränkt und seine Haut reibend, so sehr, dass es weh tut, wie ein Kind, dass mit sich selbst Brennnessel spielt. Doch seine Hände waren beschäftigt, also musste ich auf seinen Blick warten. Wir warteten und mein Blick kreuzte ihren und sie sah dann geschwind zu mir und in diesem Moment meiner Unaufmerksamkeit – warum musste sie auch diese tiefbraunen Augen haben? Ich verlor mich immer, wenn ich mit ihr Sprach, das war vielleicht auch der Grund, warum ich sie nicht hörte, nicht wirklich hörte – sah mich David an, ich bin mir sicher. Ich löste mich schwer und lächelnd von ihrem Blick und sie – mir stockte der Atem und die Schale fiel mir aus den Händen, Brösel auf dem Couchtisch, nicht schlimm und die Schüssel war sowieso aus Plastik, Glas kann ich mir nicht leisten – lächelte mich zurück an. Was äußerst selten vorkam, müssen sie wissen. Schon gar nicht, wenn es sich um eines dieser besonderen Lächeln handelt, ein verbindendes Lächeln, eines welches man aufsetzt, wenn man sich wirklich gut in dem anderen Lächeln fühlt und nicht anders kann, als zurück zulächeln, weil. Nichts schöneres Geborgenheit ausdrückt. Meine soziale Impotenz und mein grässliche Fingerfertigkeit waren für einen kurzen Moment meines Lebens irrelevant und als ich beschämt blickend aber nicht beschämt fühlend, die Schüssel (ebenso von Ikea, grell grün, ohne Zierde) aufhob fühlte ich mich wohl und es fühlte sich endlich einmal gut an, ich zu sein.

„David“, fragte ich noch einmal, ohne seine Antwort zu erwarten. Als ich seinen Namen aussprach, war ihr Lächeln verschwunden und sie konzentrierte sich wieder auf den Film. Indifferent hielt mir David seine leere Bierdose her und schüttelte sie, der Verschluss klimperte im Inneren. Wir zogen beide immer die Verschlussklappe ab und versenkten sie in unseren Bier, „Für den Geschmack“, meinten wir dabei. Ich deutete sein Brummen als „Refill, please“ und griff seufzend nach der Dose. Ich überschaute die Situation ein weiteres Mal und da meine soziale Paranoia – und ich war mir sicher, dass es sich nur um eine solche handelte, Gott, wirklich – war verschwunden. „Brauchst du etwas?“ und ich legte Wert, dass das du zwischen dem brauchst und dem etwas besonders schön zu Geltung kam. Sie verzog die Mundwinkel leicht nach oben (nicht mehr ganz so vertraut aber wer will sich bei einem so schönen Anblick schon beschweren) und schüttelte dankend den Kopf. Ich fragte noch einmal: „Bist du sicher“, die Betonung leise auf dem sicher. Ich war besonders nachsichtig und noch ein Stück zuvorkommender geworden, als ich es ohnehin schon war, sobald ich erfahren hatte, dass sie unter Depressionen litt. Selten trank sie Alkohol und wenn, dann exzessiv und ich Exzess-te mit ihr. Ich hatte den Vorteil, bereits eine eigene Wohnung zu besitzen, also trafen wir uns – auch unter der Woche – nie bei jemanden anderem; denn bei mir konnte man trinken, ohne, dass sich wer beschwerte. Die Sonntage verbrachten wir ebenso bei mir; wir drei auf der Couch, verkrochen, jeder eine Suppe vor sich und einer Decke um die Schultern. Es war ein Sonntag gewesen, als sie uns von ihren Medikamenten erzählt hatte. Und es war ein Sonntag, als sie mir – und nur mir – vom Selbstmord ihrer Mutter erzählte. Man hat es nicht kommen sehen. Sie hatte eines Abends in der Waschküche des Wohnhauses gehangen, da dies der einzige Ort im Gebäude gewesen war, der einen Balken zum auf- und, tja, erhängen bereit gestellt hatte. Sie schien nicht traurig, als sie mir es erzählte. Nur etwas in Eile. Dies war keine 48 Stunden her.

Und dann stand ich vor ihr, sie lächelte mich ein letztes Mal noch an – und ich meine, wirklich ein aller letztes Mal, ich wiederhole – und ich fragte sie wie ein Idiot, ob sie noch etwas brauche. Betonung auf sicher. Ich bin mir sicher.

„Ich bin mir sicher“, waren übrigens ihre letzten Worte. Als ich aus der – übrigens sehr schäbigen Küche, aber das wussten Sie sicherlich bereits – zurückkehrte, musste ich vor der Türe zum Couchzimmer (es war nicht wirklich ein Wohnzimmer, weil das implizieren würde, dass in dem Zimmer, jemand wohnen wollen würde und das konnte sich bisher niemand, den ich in das Couchzimmer geführt habe, wirklich vorstellen) innehalten um die Bierdosen und die bereits angefüllte Schüssel Käse-Nachos (ein Meister der Organisation, wie Sie sehen!) so zu balancieren, dass ich die Türschnalle zu greifen bekam. Da dies einige Sekunden in Anspruch nahm, konnte ich Bruchteile des Gesprächs mitverfolgen. Soziale Paranoia, yeah, right. Wenn man unter Paranoia leidet und man stellt fest, dass man wirklich die ganze Zeit verfolgt wurde, war man dann trotzdem – im schizophren-verstandenen Maß – paranoid? Ich hielt die Türschnalle bestimmt einige Sekunden lang in der Hand, bis die Stimmen verstummten und dies wahrscheinlich nur aus dem Grund, weil sie – wobei auch ich – gerade eben bemerkt hatten, dass die Schnalle nach unten gedrückt war. Ich trat langsam in den Raum und David starrte bereits wieder auf den Fernseher. Blitz. Lichter. Gewitter. Fernsehblitzlichtgewitter und mein Herz schlug so stark, dass ich noch lauter kauen musste, um nicht dabei ertappt zu werden. Contenance, eines der ersten Gebote in Davids Buch „How to fake a conversation“. Ich kicherte bemüht und ich bemerkte, wie es sich gar nicht mehr toll anfühlte ich zu sein und als Johnny Depp gerade dabei war die Gewohnheiten der luziden Schlange in seinem Hotelzimmer zu studieren, stand sie auf und brach auf. Ich brachte sie zu Tür, David brummte zum Abschied doch sie drehte sich nicht um. Als ich sie zur Türe gebracht hatte, brachte ich sie auch noch ins Stiegenhaus und als ich sie in den ersten Stock gebracht hatte, brachte ich sie noch zur Haustür und als ich sie auf die Straße gebracht hatte, brachte ich sie noch zur Busstation. Dort wagte ich es das erste Mal meinen Mund zu öffnen und mit einem kargen „ich“ und „es“ und – Pause – einem in die nächtliche Winterkälte gehauchten „tut mir leid“ brachte ich sie dann um.

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