passen sie gut auf: zwei gespräche // das ende von einer von drei geschichten 2

[Das Ende von einer von drei Gesprächen beginnt hier]

Eine Tür, die sich nicht öffnen lässt.

– Du weißt, dass er dich ficken will?
– David?
– Nicht David. Er. Dieser Idiot, der uns jetzt Chips und Bier holt und meint, dass wir nicht bemerken, wie dumm er sich schon den ganzen Abend anstellt.
– Wieso sagts du das?
– Weil es die Wahrheit ist? Gott, du bist wahrscheinlich genau so bescheuert wie er. Und er ist nicht einmal in der Lage, es zuzugeben.
– Was zugeben?- Dass er dich ficken will. Genauso wenig will er zugeben, dass er dich nur kennt, weil er auf eine andere scharf war. Und dass alles, einfach alles was er tut, nur dazu dient, dich ins Bett zu bekommen. Weist du, dass er manchmal wegen dir weint? Und du Fotze würdigst ihn nicht einmal eines Blickes, den ganzen Abend starrt er dich schon an.
– Wir… ich dachte…
– Du dachtest gar nichts. Du genießt, dass du endlich mal nicht die kaputteste Person im Raum bist!
– Wieso tust du das?
– Weil es stimmt und niemanden von euch geholfen ist, wenn ihr es noch weiter verleugnet. Ihr beide geht mir so auf den Sack mit eurem verfickten Selbstmitleid. Ich muss ihm zusehen, wie er stundenlang über einer einzigen SMS hockt und sie bearbeitet und dann endlich – ENDLICH – verschickt, nur um ihn dann dabei zu beobachten, wie er alle 5 Minuten auf sein Handy schaut.
– Mich…
– Nenn mich nicht so! Als ob dir jemals der Gedanke gekommen wäre, zurück zu schreiben! Gott, du bist so eine verdammte Heuchlerin. Und ich dachte am Anfang, du wärst anders. Besser. Ha.
– David. Ich weiß, dass dich das…
– Einen Dreck weißt du. Du weißt nicht wie es ihm geht. Und ich muss es dann wieder gerade biegen. Mich jeden Tag um ihn kümmern, als hätte ich nicht genug zu tun, als müsste ich nicht mein eigenes Leben auf die Reihe bekommen.
– Komm runter, ich weiß, dass dich das aufregt, aber…
– Aber was? Willst du ihn weiter ausnutzen, bis er sich auch erhängt?
– Das… das meinst du nicht.
– Was weist du schon, was ich meine und was nicht. Du kennst mich nicht. Und ihn genauso wenig. Was erzählt er dir? Dass er ebenso kaputt ist wie du? Das er Angst hat, vor dem, was in ihm schlummert? Dass er sich manchmal nicht beherrschen kann? Hat er dir von dem Jungen erzählt?
– David, hör auf.
– Aber dann war es wieder meine Idee.
– Komm runter. Ich kenne ihn. Und dich auch. Nicht so gut, aber ich kenne euch. Das geht vorbei.
– Ich weiß. Sag das ihm. Und sag ihm endlich, dass aus euch nichts wird, sonst kratzt er mir noch ab.
– Er weiß, David, sieh mich an, er weiß, dass wir Freunde sind. Ich…Wir haben darüber…
– Er weiß gar nichts. Er weiß das, was ich ihm sage. Und ich sage ihm, er soll dich so lange bearbeiten, bist du Angst hast, alleine zu sein. Bist du endlich erkannt hast, wie wichtig er für dich ist. Bist du zu Hause bist und es dir so beschissen geht, dass nur noch er dir helfen kann. Weil du verlernt hast, alleine zu sein. Weil alles, was dir Angst macht, er dir nehmen kann. Weil alles was dir Angst macht, er kontrolliert.
– Was. Wie, ich… hör auf damit.
– Ach, Bullshit. Du verstehst mich. Er weiß ja schon alles über dich. Und ich weiß es auch. Und irgendwann wirst du dir nicht mehr sicher sein können. Einer von uns wird dich so fertig machen, ohne dass du es weißt und nur er wird dir helfen können, weil ja nur er dich versteht. Und sobald du dass vergisst, werde ich warten. Fick jemanden anderen ins Herz, aber nicht ihn.
– David…
– Komm rein. Wir wissen, dass du da bist.

//

Ein Bus, der nicht kommt.

– Ich. Es.
– …
– Tut mir leid.
– …
– Ich hab… ich wollte euch nicht belauschen, aber ich… Was er gesagt hat, oder, was ich glaube, dass er gesagt hat –
– David.
– Ja, David. Das stimmt nicht. Er liebt es einfach mit Leuten zu ficken.
– Wieso?
– Weil die ganze Welt ein Spiel ist.
– Ich will dieses Spiel aber nicht mitspielen.
– Ich weiß, ich… ach. Judith, hör mir zu.
– Nein, hör du mir zu: David ist nicht gut für dich und das weist du. Du tust so, als ob dir nicht bewusst wäre, was er ist und was er tut und was demzufolge auch du tust, aber Menschen sind nicht so. Ich bin verfickt nicht so, dass ich… Gott! Fuck!
– Ich weiß, ich weiß! Ich werde mit ihm reden – ich, ich werde zu sehen, dass er die nächsten paar Male vielleicht nicht mehr dabei ist, das wäre mir ohnehin lieber…
– Bitte?
– Dann können wir mal alleine sein, das wär‘ doch auch, ach, ja. Cool.
– Cool. (Eine leise Frage, man bekommt es kaum mit, doch es ist eine Frage.)
– Nicht wahr?
– Hmm…

Winternächte haben den Ruf eine romantische Stille zu besitzen. Diese Stille brachte mich damals um den Verstand. Nicht wortwörtlich. Den hatte ich ja schon verloren.

– Judith?
– Ja…?
– Darf ich dich was fragen?

Was man hier nicht sieht und auch ich nicht sah, waren die Tränen in ihren Augen, und der verbissene Blick und die Gewissheit, mein Handeln erkannt zu haben.

– Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.
– Ich muss dich das aber fragen.
– Ich weiß. David hat es mir schon gesagt. Frag mich bitte nicht.

Was man hier nicht sieht und auch sie nicht sah, waren die Tränen in meinen Augen und der verbissene Blick und die Gewissheit, alles zerstört zu haben.

– Was hat er…? Judith, es tut mir leid, manchmal ist er…
– Es ist schon okay. Ich hab’s mir eh schon ein bisschen gedacht. Und es ist ja nicht so, dass… fuck. Egal, da vorn ist der 59er.

Es ist nicht der 59er und wir lassen den Bus passieren, doch wir beide wissen, dass das Gespräch zu Ende ist.

– Bist du sicher, dass er noch fährt?
– Hm.
– Du kannst auch wieder zu mir und wir schauen den Film noch und ich schlafe auf der Couch…
– Das ist keine so gute Idee. Ich kann im Notfall auch zu Fuß. Geh du lieber Heim, du hast ja nur ein Shirt an.
– Ach, mir ist nicht kalt. (Das war eine der größten Lügen die ich jemals erzählt habe.)
– Ach, ist dir nicht? (Sie grinst, doch es ist ein verkrampftes, unechtes Grinsen und ich erinnere mich mal wieder, wie beschissen es ist, ich zu sein.)
– Tja, kennst mich.
– Komm, geh rauf. Wir reden ein ander Mal. Ich nehme mir ein Taxi, dann musst du dir keine Sorgen machen.
– Dass du von Schneeriesen verspeißt wirst.
– Die lieben dieses Wetter.
– Ich weiß.
– Mörderische Taxifahrer aber auch. Die killen dich mit einem Messer – so, in die Kehle –  und lassen dich dann im Schnee ausbluten.
– Du bist so blöd.
– Du auch. Willst du sicher nicht wieder rauf? Der Anwalt liegt sicher schon in der Badewanne und will White Rabbit hören. Johnny Depp hält derweil die Orange…
– Ich weiß. Und wirfst sie dann rein. Aber danke.
– Letzte Chance.
– Ich weiß. Keine Angst, ich bin mir sicher.

Betonung auf sicher. Und ich umarme sie ein letztes Mal und dann stapft sie in den Schnee, den Schneeriesen in die Arme.

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