passen sie jetzt gut auf: eine ikea-anleitung zur angstvollen zeitreise

Sie wollen durch die Zeit reisen? Das verstehe ich, also befolgen Sie folgende, nicht schwer nachzuahmende Instruktionen: greifen Sie sich einen scharfe Gegenstand und beachten Sie dabei, dass dieser auch wirklich scharf ist, ansonsten kann es sein, dass die Schmerzen unermesslich werden und Sie vom Wesentlichen abhalten. Das Wesentliche, um gleich auf den Punkt zu kommen, ist ein Suizidversuch. Also, behalten Sie die Klinge gut in der Hand und führen sie diese unbedingt mit dem Arm, den sie ansonsten eher weniger benutzen. Dies hat einen einfachen Grund: wenn Sie sich anschließend in den Arm schneiden, müssen sie dies ebenso auf der anderen Seite machen – keine halben Sachen – und (angenommen Sie sind Rechtshänder) Sie wissen ja wie schwierig es ist mit links zu schreiben, also stellen Sie sich vor, sie müssten mit einer verletzten linken Hand schneiden! Das Schneiden sollte stets von unten nach oben geschehen, sollten Sie sich nicht sicher sein, wo die Stelle zum richtigen Ansatz ist, fühlen Sie mit ihren Fingern den Puls. Und lassen Sie sich Zeit, es ist kein Wettbewerb und wir sterben ohnehin früher oder später und Zeit gibt es ja sowieso nicht, also hat es auch keinen Sinn sich zu beeilen. So, nun zum schwierigen Part der Übung: das Bewusstsein behalten. Dass könnte für den Großteil der Probanden die hauptsächliche Schwierigkeit darstellen. Der Cut ist noch leicht, was dann geschieht ist jedoch so speziell und individuell, dass ich es nicht beschreiben kann, also nicht genau, demnach muss ich ihnen einen halb übersetzte Möbelhausanleitung zum Zeitreisen anbieten. Sorry.

Denken Sie an all die Dinge, die Ihnen in letzter Zeit Leid erübrigt haben und akkumulieren Sie diese Dinge mit den schmerzhaften Erfahrungen Ihrer Kindheit. Garnieren Sie es mit einer Portion Trauma, von der Sie sicherlich eines haben und sei es, ihr Hund habe Sie nie wirklich geliebt (dass das ganze vielleicht an Ihnen lag können sie gleich mit einbeziehen). Sie sehen schon, je beschissener es Ihnen geht, um so besser funktioniert es. Wie fühlen Sie sich? Krank? Vergiftet? Des Lebens müde? Gut. Sie sollten mittlerweile heulend am Fenster stehen und die Stockwerke zählen, oder in Ihrer Wohnung auf und ab tigern, eventuelle Verwandte und Freunde und Seelenpartner schreien Sie vielleicht bereits schon an und unter Tränen drücken Sie dann aber trotzdem heraus, dass alles ihre Schuld sei. Alles. Konzentrieren Sie sich auf dieses Gefühl. Lassen Sie sich von Ihrer vernachlässigbaren Existenz, auf die selbst ein Schmetterling scheißen würde, treiben, holen sie zu wenig Luft. Ballen Sie die Fäuste, es wird schon gut gehen sagen und das Gegenteil denken. Weinen, oh ja, weinen hilft. Psychischen Schmerz körperlich erleben. Unter einem Tisch hocken. Die ganze große Erbärmlichkeit aufsaugen und vergessen Sie ja nicht; es ist so egal. Ihre Pein, geht mir, ihr und allen die Sie kennen sowas von am Arsch vorbei.

Und dann. Machen Sie sich Angst. Und ich meine nicht die Angst vor einer verpassten Rechnung, ich rede von der Angst die Sie verspürten, als das Licht ausging und der Schatten wuchs und ihre Eltern schon genervt waren, dass Sie diese Nacht schon wieder nicht schlafen konnten und Sie deswegen es nicht wagten auch nur einen Fuß in deren Schlafzimmer zu setzen und dann die dunklen Stunden versuchten durchzustehen, bis der Schatten schon bis zum Bett reichte und Sie die Sicherheit verspürten, den nächsten Tag nicht mehr zu erblicken und ihr Atem stockte und ihr Herz, es explodierte und das Schließen der Lider machte es nur noch schlimmer, denn Sie wussten, es ist da und es kommt. Diese Angst. Die Luft füllt sich mit Panik und jetzt schließen Sie die Augen, doch nichts hilft. Diese Angst. Laufen Sie hinaus, die Schuhe kaum angezogen, laufen Sie und blicken Sie sich um und bemerken Sie wie alles vorbei zieht an Ihnen und nichts hilft und niemand da ist. Und am Höhepunkt Ihrer Angst – aufgetürmt und thronend auf all dem Schlechten Ihres Universums – stoppen Sie und atmen tief durch. Und jetzt lenken Sie sich durch die Zeit.

Der Tod ist nichts Schönes, er ist nicht würdevoll und nicht leuchtend und es wird das Schlimmste sein, was sie jemals erleben werden beziehungsweise schon erlebt haben, was weiß ich schon. Vorausgesetzt, Sie haben es genossen am Leben zu sein. Nein, das wäre fast zu viel, sagen wir, sie haben es geduldet am Leben zu sein, aber auch nur, weil es halt alle anderen auch tun. Sozusagen ein gewollter Zwang, die Idee, worauf sich universitäre Konsumkritiker mit Converse immer stützen: insgeheim wollen sie (und Sie erst recht) es ja auch. Denn das Loslassen tut verdammt weh. Und dabei ist es egal, wie schnell oder langsam ihr Tod abläuft; in dem Moment, in dem ihr Bewusstsein in die (ich nenne es ungern) nächste Ebene tritt, überschüttet Sie ihr Hirn, ihr Gott und ihr Schicksal mit der ganzen Scheiße ihres gerade vergangenen Lebens und Sie haben eine solche Angst, dass Sie nicht wissen, wohin. Und genau das müssen Sie trainieren. Wohin, verdammt. Logisches Denken, ruhiger Geist und die verfickten Selbsthilfebücher über die wir ja schon geredet haben, helfen da herzlich wenig. Es ist, wie gesagt schwer zu beschreiben, da es immer anders abläuft. Die Angst kam sowohl bei mir, als auch bei Judith in Form einer Gestalt, doch aus jeweils verschiedenen Gründen. Und im Gegensatz zu Judith, habe ich die Hand ergriffen. Nun, das hab‘ ich jetzt davon.

Resumée: Steigen sie nicht zu Fremden, die Ihnen über den Styx helfen wollen, oder so. Klingt nach einer sauberen Regel. Unsauber hingegen ist die Sauerei, die Sie hinterlassen werden. Kluge Menschen lassen sich ja zurück holen, noch Klügere wissen, was Sie da tun und sind sich ihrer Sache sicher. Und zwar fucking 110 Prozent. Dann kann auch nichts passieren, keine Angst, keine Panik, keine Welt, die zugrunde geht. Hier gibt es nichts für dich. Natürlich, kann man sich auch betäuben und langsam in der Badewanne einschlafen, die Erfolgsquote soll da aber nicht so hoch sein. Außerdem mag ich es blutig. Stürzen Sie sich vom Dach, dann gibt es sicher kein Zurück mehr und ich hab was zu schauen. Ach und: sie haben nur eine einzige Chance. Verpassen Sie einmal die Einfahrt, geht es straight in die ewige Ewigkeit des Ewigen. Ist aber besser als ständig auf der Haltestelle zu stehen und auf den Zug dorthin zu warten. Believe me.

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