David Wong VS Don Coscarelli: JOHN DIES AT THE END

Don’t spoil the ending.

Dies hier ist nicht nur ein Film-Review. Klar, hauptsächlich ist es das schon, aber zusätzlich ist es ein Exempel, wie man geschickt den altklugen „Das Buch ist immer besser“-Nase-Hoch-Pseudo-Intellektuelen mimt. Ich gehe ja eigentlich immer davon aus, dass das Buch nicht immer besser sein muss, meistens nur um dem Vertretern dieses Lagers Paroli zu bieten; gegen das Gegen-Reden dagegen reden, quasi; der Hipster der Argumentation. Ist aber schwerer als man glaubt, denn was Vorurteile, Klischees und Scherze immer wieder in sich tragen ist das Fünkchen Wahrheit. Und die richtig große Auswahl an misslungenen Buchadaptionen, lässt die großartigen (ich finde ja, dass „Der Herr der Ringe“ ausgezeichnet adaptiert wurde, zum Beispiel) zur Ausnahme der Regel werden. Auch hier: es lässt sich nicht von der Hand weißen, dass dieser Film Potential hatte und auch richtig gut beginnt, doch das Vernachlässigen der Vorlage ergibt dann den üblichen, enttäuschenden Brei. Und dass, bei einem Werk, welches Vielen nicht einmal bekannt sein und durch diese durchwachsene Verfilmung danach auch kaum jemanden interessieren wird. Und das ist unglaublich schade. Also: das ist nicht nur ein Film-Review, das ist eine Gegenüberstellung.

JOHN HOT DOG

David Wong ist nicht sein richtiger Name und auch der seines besten Freundes John ist nicht echt. Das wäre zu gefährlich. Es gibt nämlich Mächte, die nicht wollen, dass wir wissen, was los ist. Und, Mann, es ist ganz schön viel los. Und ziemlich viel beschissenes auch noch! David und John können auch gar nichts dafür, sie sind da mehr oder weniger hineingeraten; als erster war da Bob Marley und dann der Hund Molly und dann der Polizist dessen Schnurrbart David attackierte und das alles nur wegen der verdammten „Soy Sauce“ – natürlich nicht wirklich Soja Sauce – einer Droge, die dich andere Welten sehen lässt, dude. Nur blöd, dass diese anderen Welten nicht so rosig aussehen und aus den Löchern und Türen dieser Welten tropft die Scheiße förmlich raus. Gut, dass die beiden Nobodys gerade nichts Besseres zu tun haben. Nun, es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig.

I serve none but Korrok.

Augen auf und durch. Es kommt nicht oft vor, dass ich bei Büchern lachen muss (meistens, weil ich nihilistisches Bret-Easton-Ellis-Zeugs lese), doch David Wong hat genau eine Seite lang gebraucht, bis ich laut vor mich her kichern musste, in der vollen U-Bahn; die alte Dame mir gegenüber, sah den jungen Mann neben sich an und meinte „Schauen’s, dass müssen’s auch lesen, wenn’s Spaß haben wollen“. Allerdings. David Wongs (übrigens wirklich ein Pseudonym) Roman über das Ende der Welt, beginnt mit dem antiken philosophischen Rätsel „Schiff des Theseus“, welches die Frage stellt, ob etwas noch das selbe ist, nachdem viele oder alle Teile des ursprünglichen Gegenstands ersetzt wurden. Wong wirft diese Frage anhand Äxten, Neonazi-Zombies und glitschigen Schleimmonstern auf. Ein furioser Anfang und die eigentliche Frage, des Romans. Auch eine Frage, die sich der Film stellt und den Prolog der Vorlage, beinahe 1:1 wiedergibt – und mir ein mächtiges Grinsen auf das Gesicht zauberten. Meine ersten Gedanken; DER Film macht es richtig.

Außer dass David Wong – derzeit zwei – Endzeitromane schreibt, ist er Redakteur und Kolumnenschreiber des Kuriositätenkabinetts und Online-Magazin cracked.com (deren Schreiber sich hauptsächlich damit beschäftigen, warum welches Ende welcher Filme gar nicht happy ist). Seine Artikel die sich zwischen Videospielliteratur und Analysen misogyner Gesellschaftszustände und sind äußerst unterhaltsame Betrachtungen einer nerdigen, aus den Fugen geratenen Welt. Inklusive sehr vieler Penis Witze. Letzteres hat dann auch den Weg in sein Debüt gefunden; diese sind jetzt nicht unbedingt der einzige Grund, warum David Wong (wahrscheinlich seit Douglas Adams und Terry Pratchett, ja ja, ich übertreibe) der lustigste Science-Fantasy-Autor zur Zeit ist, aber sie tragen einiges dazu bei.

Und der ist Wahnsinn und wahnsinnig blöd. Von Türknäufen, die sich in männliche Genitalien verwandeln, anarchistische Musikprojekte mit jugendgefährdenden Liedtexten (Camel Holocaust) und Dämonen die auf den Namen Shitload hören, es ist alles dabei, was sich ein junger Irrer, der zwischen eben zuvor genannten Schriftstellern, Kevin Smith-Filmen, Nintendo, The Sixth Sense und George A. Romero und aufgewachsen ist nur ausdenken kann. Überhaupt begibt sich der junge Schriftsteller auf ein vielschichtiges Niveau, welches zwischen der – mittlerweile fast schon konventionellen – Vierwand-Überschreitung und vorahnenden Philip K. Dick Novellen keinen Halt macht. Das klingt und liest sich zuweilen etwas wirr und hektisch. Und das gehört irgendwie zu den Stärken des Romans.

Die – um gleich den Schwenk auf den Film zu machen – zunächst gut übernommen zu sein scheinen. Mit fast präziser Genauigkeit und exakter Wortwahl bleibt Don Coscarelli an der Vorlage dran; eine apathische Stimme übernimmt die, meiner Meinung nach für Romanverfilmungen oft unerlässlichen, Erzähler – David Wong, wie wir dann erfahren – und erklärt uns gleich den Sachverhalt: you’re fucked and it’s about to get worse. So viel schlimmer. Schummrige Restaurants, Fleischmonster mit sauberen Effekte die wundervoll nach Edeltrash riechen, ein perfekt besetzter John Cheese (blöd grinsend: Rob Mayes) und Leute: Paul Giamati!!! Wow, das sieht sich schon mal toll an! Ist ja auch Don Coscarelli – gut von dem kenne ich nur BUBBA HO TEP, aber der war dafür äußerst unterhaltsam und solide inszeniert, der Mann versteht sein Handwerk sicherlich. Und es sieht auch danach aus: der Film schreitet wirr  (aber wie gesagt, das war das Buch auch), bleibt inhaltlich und vor allem humoristisch seiner Vorlage treu, setzt die wundervoll schrägen Ideen auch richtig um (habe ich schon erwähnt, dass hier die Schnurrbärte auf Menschen losgehen? Ich glaube schon) und die Figur des Davids – zunächst meiner Meinung nach etwas zu hübsch gecastet – wird immer besser und seine Apathie und Verwirrung mit jeder Sekunde liebenswerter. John fegt mit seiner, hm, Blödheit ohnehin jeden weg. Das haben er und der Film gemein.

Doch dann bröckelt es auf einmal. Eben noch telefoniert man heiter durch ein Hot Dog oder plappert mit autofahrenden Hunden und plötzlich merkt man, wie sich der Film zu Ende neigt. Und derweil sind wir erst bei einer Stunde und 20 Minuten! Die letzten 80 Minuten haben sich dermaßen unterhaltsam angefühlt, dass der Film seine Laufzeit von knapp 100 Minuten durchaus verdoppeln hätte können. Aus mehreren Gründen:

Natürlich; ein Film ist ein anderes Medium und erzählt seine Geschichte anders als ein Buch. Dessen bin ich mir durchaus bewusst und eventuelle Änderungen finde ich manchmal nicht einmal schlecht. Auch das Weglassen von Geschichtsteilen gehört zum daily business der Filmadaptionen, is‘ ok, die Möglichkeit einen Film zu erzählen sind nun mal in vielen Punkten weit geöffnet und in anderen wiederum äußerst beschränkt. Was ich jedoch nicht akzeptieren kann, ist ein Drittel des Buches her zu nehmen und dann zu behaupten, das wäre die Story. Meine Güte, selbst der Anhalter aus 2005 hat dieses Dilemma gut gelöst und der hatte ungefähr das fünffache an Stoff und Ideen zu verarbeiten und rein zu quetschen (und derweil hielt man sich auch hier nur an den ersten Teil der Trilogie von fünf Büchern). Ich hätte Don Coscarelli vieles Verziehen, das Weglassen von Charakteren, das Vertauschen von Plotelementen, die Namensänderung des Hundes (das war aber schon ein harter Brocken), zu viel macht er richtig und natürlich ist es zu schön um wahr zu sein.

Ja ja, ich weiß. Ich klinge wie der typische Miesmacher den ich vorhin schon die lange Nase zeigen wollte. Nomen est Omen, auch wenn das hier nicht wirklich passt. Aber David Wongs Roman beginnt erst, wo Don Coscarellis Film aufhört. Die ganze Geschichte um Paul Giamattis Charakter ist im Film zwar ein nettes Gimmick, aber ergibt im Kontext keinen Sinn. Überhaupt, die Hauptfigur des David Wongs wird höchstens angedeutet und – und dass ist die größte Frechheit – der eigentliche Sinn, des Buches, überhaupt, die eigentliche verdammte Geschichte, der wirkliche Plot und die Bedeutung hinter dem anfänglichen Rätsel, wird einfach ignoriert. Sie wird nicht ansatzweise diskutiert. Der Film beschränkt sich auf gerade mal ein Drittel der Vorlage und das merkt man.

Denn sobald es dann zum Showdown kommt, wird Don Coscarellis Werk fade, verwirrend und vor allem äußerst billig. Ich kenne die Produktionsgeschichte des Filmes nicht, aber ich schätze, den Produzenten ist das Geld und die Zeit (die ja eigentlich ein Ozean ist) ausgegangen. Konzentrierte man sich zuvor liebevoll auf fast jedes Ereignis, jede Zeitreise und jedes Paralleluniversum, sahen die Effekte amüsant billig aber immer passend aus, verwandelt sich der Film JOHN DIES AT THE END gegen Ende immer mehr in ein unsympathisch billiges und lieblos abgehandeltes, zu dem noch technisch enttäuschendes Werk. Der Humor der Vorlage wird durch kurze Andeutungen abgeerntet (siehe Korrok) und aus einer Erwartung wird nur noch ein Warten, hauptsächlich, dass jemand den Film beendet und als gescheitert betrachtet. Figuren werden dann noch zusammengefügt, Clancy Brown noch kurz auf die Bühne geführt um sie dann aber auch so schnell wie möglich zu verlassen und der zunächst schön anzuschauende Film sieht plötzlich aus wie eine 80er Jahre Actionserie. Ohne Charme, leider. Kleine witzige Ideen (Bill & Ted-Anspielungen, das Wort „Arachnizid“) und Cartoon-Einschübe sorgen zwar für ein kurzes Schmunzeln, machen aber das Kraut nicht mehr fett (passt das hier? Ich bin nicht gut mit Sprichwörtern, hab ich das schon mal erwähnt?).

Vielleicht ist es auch die Enttäuschung, vielleicht auch die Frustration und natürlich ist es jetzt schwer, den Film ohne Vorwissen und Vorurteile zu bewerten; dennoch – es ist schwer vorstellbar, das Coscarellis JOHN als Film funktioniert. Zu wirr ist es gegen Ende, zu schnell abgehackt, zu viele Fragen bleiben offen und überhaupt – die Figuren werden Schablonen und die Originalität macht dem Drang fertig-zu-werden Platz. Wenn ich sage, dass der Roman an der Stelle an welcher der Film zum voreiligen Finale springt, erst beginnt, dann lüge ich nicht. Was Don Coscarelli macht, ist es lediglich den Aufbau zu verwenden um dann schnell ein Filmchen zu flicken. Und derweil wäre es mit den irren Ideen noch nicht zu Ende gewesen: fliegende Höllenhunde, Schattenwesen aus anderen Universen, Dämonenklone, Zeitsprünge und Dimensions-Hopping – alles stets mit einem sinistren Lächeln auf den Lippen. David Wongs Roman ist nicht nur wegen seiner ausgefallenen Ideen und Anspielungen lesenswert, er bringt es auch zu Stande, das Genre der Urban Fantasy mal nicht aus der Sicht eines Helden zu erzählen, sondern aus dem Blickwinkel eines (Beinahe-)Statisten. Hauptfigur David ist nämlich bei weitem nicht so cool, wie er im Film vielleicht überkommt (und wahrscheinlich auch nicht so hübsch gedacht), er ist eine tragischer, trauriger Antiheld; keiner, der das Mädchen bekommt, sicherlich nicht jener, der die Welt rettet und er ist vor allem real tragisch. Keine komische Figur wie Donald Duck, sondern ein ehrlicher, vernachlässigbarer Nobody, ein Woyzeck auf dem sein Leben lang rumgetrampelt wurde und der im Schatten des etwas debilen aber trotzdem coolen John steht. Und diese Figur steht – in Mitten eines Chaos aus Zitaten und Videospielliteratur, multidimensionalen Weltenden und drogen-induzierten Zeitreisen – alleine da und ist der Beobachter einer Welt, die zu Grunde geht. Und so wie wir, kann er nur mit den Schulter zucken und hoffen, dass er morgen nicht alleine sein wird. Und dass noch Bier im Kühlschrank ist.

Der Film mag die Lust auf das Buch nehmen, aber ich versichere euch – ich habe schon sehr lange keinen so guten und lustige Horrorfantasy gelesen. Douglas Adams und Terry Pratchett machen bereits Platz im Bücherregal sowie in der Ruhmeshalle und mit viel Glück versucht sich ein paar Jahre später wer an Wongs Stoff – sobald sein Gesamtwerk fertig ist (sein zweiter Roman THIS BOOK IS FULL OF SPIDERS, SERIOUSLY DUDE, DON’T TOUCH IT knüpft an die Ereignisse des Debüts an) macht ja vielleicht wer eine Serie daraus. Somit eine klare Empfehlung für die Vorlage (9 von 10, bitches!) und für den Versuch, den Willen und die solide Umsetzung die 80 Minuten lang sehr gut funktioniert gibt es von mir sehr gönnerhafte 6 von 10 Hot-Dog-Handys.

(Das Buch gibts natürlich bei Amazon.)

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