Archiv für den Monat Mai 2013

Filmreview: THE ABCs OF DEATH

A steht für Anfang. B steht euch bevor. C für creativity und creepy. Doof und dadaistisch ist dieser Episodenfilm mit Fäkal- und Galgenhumor. Hundertvierundzwanzig Minuten. Indizierung! Jugendschutzbehörden, natürlich. Kill, kill, kill lautet das Losungswort. Makaber und Nihilistisch. Opfergaben für den Horrorgott. Pfui, schreien die Einen. Quatsch, meinen die Anderen. Respektlos, denken die Vielen. Siebenundzwanzig Köpfe denken sich sechsundzwanzigmal: Terror, ultimativ! Verwerflicher Wahnsinn für das X’indl. Nichts für Zimperliche & Zartbesaitete.

The Abcs of Death Poster

Also, was ist schon Kunst.

Am Anfang waren 26 Buchstaben, 26 Arten zu sterben. Die Namen wurden an 27 Regisseure aus 15 verschiedenen Ländern (worldwide) vergeben und die machten sich dann ans Werk. Wobei, an sich durften sich die Herrschaften ja einen Buchstaben aussuchen – nur wenige, ließen sich dies entgehen – zwei der 26 gingen einfach mit dem Flow (Adam Wingard und Srdjan Spasojevic, ja, genau der) und ließen sich von den Buchstaben überraschen: Wingard erntete durch den Ausdruck seiner Indifferenz das Q. Für jeden Beteiligten ein Glücksgriff, würde ich sagen.

Noch kurz ein Wort zum Thema Anthologie. An sich mag ich ja die Idee des Episodenfilms oder der Kurzfilmsammlung, doch wie zuvor schon besprochen, geht es oft in die Hose und ich kenne auch kaum einen Kurzfilmsammlung, die sich gut zusammenfügt. „Das liegt selbstverständlich daran, dass Kurzfilme kaum eine Tiefe aufbauen können, dass Anthologien schnell abschrecken“, schrieb ich über VHS – und ja, irgendwie stimmt dieses Statement für THE ABCs OF DEATH auch noch, was die Filmemacher sich da ausgedacht haben, ist schon überaus originell.

Das Problem, welches ich mit V/H/S – zurecht – war die substanzlose und unüberraschende Art, wie sich der Film mit seinem Thema auseinander gesetzt hat – das Tape als dämonisches Medium, die Faszination des Film als böser Vermittler; jedoch ging dieser Aspekt leider irgendwie verloren. Hoffen wir, dass Teil 2 es besser macht. Das Killer-ABC hat dieses Problem gleich gar nicht, weil dem Film eine Rahmenhandlung – wie sagt man so schön auf wienerisch – Blunzen ist (apropos ABC; im Residenz Verlag erschien 2012 das wundervolle, überaus handliche Wörterbuch „Der kleine Wappler“, für all jene, die gerne und authentisch auf österreichisch schimpfen, aber das nur am Rande). Und da es dem Film egal ist, dass die nächsten 2 Stunden alphabetisch gemetzelt wird, macht das ganze nur noch mehr Spaß.

Was nicht bedeutet, der Film sei eine seelenlose Aneinanderreihung von grausamen Todesarten die ihr Ziel auf äußerst makabrer und menschenverachtende Weise verfolgen. Oder, sorry, doch. Genau das bedeutet es.

Cirka 5 Minuten halten die ohne großartige Unterbrechung aneinander gereihten Filmchen im Durchschnitt; manche kosten dabei jeden Frame aus, manche lassen sich sogar etwas Zeit um auf den Punkt zu kommen und einige bieten für die begrenzte Zeit sogar ein weites Spektrum an Story. Was in fünf Minuten alles gezeigt, erzählt und erläutert werden kann ist erstaunlich. Es bedarf dabei manchmal nicht einmal an Wörtern um eine ausgereiften Charakter zu erstellen. Meist um ihn dann gebührend auszulöschen. Denn worum es wirklich geht sind ja die Todesszenen. Wir sind ja nicht hier um Charakter zu sezieren. Es wäre uns wahrscheinlich auch egal, wenn es diese nicht gäbe. Denn wie der Vorspann schon vermuten lässt (und zugleich die Vorfreude auf das kommende solche Bad bestätigt): es wird blutig. Bitterblutig.

Ich will die Filme selbst auch gar nicht zu sehr besprechen. Das wäre einfach nicht fair, sowohl den Zuschauern als auch den Werken selbst:  zu viele davon sind pointiert und extravagant erzählt, dass es eine Schande wäre auch nur ein Wort über die jeweiligen Buchstaben und vor allem ihre Bedeutung zu verlieren. Denn zu dem makabren Schauspiel gehört auch etwas Rätselfreude dazu; was könnte sich der Drehbuchschreiber denn dazu gedacht haben? Nicht immer sind die Geschichten eindeutig zu zuordnen, einige Regisseure machen sich auch den Spaß daraus, den Zuschauer erst mit der Titeleinblendung am Ende des Kurzfilms aufzuklären, was gerade passiert ist. Oder wie man diese Todesart genau (konkret) nennt.

5000 Dollar Budget standen den Filmemachern jeweils zu Verfügung, dies und kreativen Spielraum ohne Grenzen. Das Filmplakat sieht dabei sehr nach Horrorkomödie aus, der Trailer lässt Ähnliches vermuten und ja – es verläuft auch meistens in dieses Genre – doch finden sich in dem Konglomerat an Wahnsinn erstaunlich viele Filme, die sich den Ernst des Todes durchaus bewusst waren. Genregrenzen und Differenzen werden somit von Film auf Film als auch während des Films übersprungen und verwischt. Befindet man sich gerade noch in einem Neo-Western mit Gevatter Tod ist man bereit in einem verdreckten Crackloch und von Rodriguez’scher Coolheit wird zu einem sozialdramatischen Moment gewechselt. Manche Filme machen sich auch gar nicht erst die Mühe, Spaß anzudeuten und sind von der nervenaufreibenden ersten Sekunde bis zum letzten Atemzug ein beklemmender Kampf mit dem Tod.

Hier ergreift auch oft das Motiv der Perversion oft das Ruder: es scheint fast so, als ob THE ABCs OF DEATH ein Kommentar auf ein Horrorpublikum sein will, die sich vor vielen Jahren bereits gelangweilt von den Gesichtern des Todes weggedreht haben und stets nach dem neusten Kick suchen. So sind in einem Segment des Filmes nicht nur Zuschauer des zu Tode gefolterten Opfers die abgewichsten Drecksäcke sondern aus logischer Konsequenz auch die Zuschauer der Zuschauer, ergo: das brauche ich nun wirklich nicht beantworten. Irgendwie ist das dem Film aber nicht übel zu nehmen: wir wissen ja, warum wir solche Filme schauen und THE ABCs of DEATH befriedigt genau diesen Wunsch, den Voyeurismus des leicht zu befriedigenden Horrorfilmfans, der nur auf den nächsten blutigen Kill wartet. Ach – und je blutiger umso besser. Das die Kurzfilmsammlung dabei jederzeit das Niveau des Folterfranchises SAW locker hinter sich lässt, ist dennoch verwunderlich. Ich hätte mir bei einem Film, der ausschließlich zeigen will, wie Leute sterben gar nicht mal so viel erwarten.

THE ABCs of DEATH ist nämlich ein Kunstfilm. Aber; was ist schon Kunst. Ob man es nun glauben mag oder nicht, ob man das auch so sieht oder nicht, das bleibt im Endeffekt jedem selbst überlassen und was ich von den gespaltenen Meinungen auf verschiedensten Online-Portalen gelesen habe, ist die allgemeine Meinung zu dem Film eher negativ belastet („menschenverachtend“ und „sinnlos“ sind die Schlagwörter – interessanterweise hat er beim Mainstreamer-Portal  filmstarts.de ganze 7 Punkte abgeräumt). Denn wenn der Film etwas ergreift, ist es der Anspruch, geschmacklos zu sein. Kunst ist in dem Horrorfilmuniversum dann sicherlich auch wenn man zu Tode gefurzt wird. Wenn sich dann negativ dazu geäußert wird, kann man eigentlich nur damit argumentieren, dass man so etwas halt auch mögen muss. Nicht mein Lieblingsargument, aber okay. Und, naja – wie gesagt – was hat man sich den erwartet (ebenso keiner meiner Favoriten)? Dennoch kann man immer wieder damit argumentieren das Fart-Kills, wie sie in Fachkreisen genannt werden (behaupte ich jetzt mal), einen ästhetischen Aspekt haben, vor allem, wenn sie einem orgasmischen Farbenspiel gegenüber gestellt werden. Zum Beispiel. Ich finde doch.

Vor seiner Präsentation beim slashing-europe im Fimcasino – quasi die Minivariante des /slash Filmfestivals mit Europabezug – erreichte mich auch die Kunde der Kürzung von ABCs OF DEATH, sollte der Film demnächst auf DVD herauskommen. Dass ist bei Gott ja nichts neues, sondern mittlerweile eher die Regel. Trotzdem freut man sich, als eingefleischter Fan stets, wenn man ein solches Werk dann uncut auf Leinwand erleben darf; das Resultat war übrigens wie immer nicht so wie erwartet. Ja ja, der Film ist scheiß brutal und wirklich widerlich, aber, hey, das hab‘ ich mir ja gedacht. Die erwartete Grenzüberschreitung blieb in meinen Augen zumindest aus (meine Filmcompanions waren übrigens ähnlicher Ansicht).

Vielleicht liegt das auch daran, dass man kaum Zeit hat, das zu verarbeiten, was einem vorgesetzt wird. Ist man gerade noch dabei zu ertrinken, erstickt man schon, während die linke Hand brennt und Hunde sich in den Hals verbeißen. Die Regisseure haben dabei ganze Arbeit geleistet, so dass man kaum zum Verschnaufen kommt; und sollte dann doch ein Film dabei sein, der einen vielleicht zu ungustiös oder zu derb oder – ja, auch das war dabei –  zu langweilig und faul vorkommen mag, es ist einfach egal (s. o. „Blunzen“), weil einige Momente später, steckt man schon im nächsten Szenario. Dramaturgisch darf man sich diesbezüglich auch nur innerhalb der jeweiligen Filme etwas erwarten – aber das Fehlen der Rahmenhandlung hab‘ ich ja schon erwähnt.

Unter die Namen haben sich mehr oder weniger bekannte Vertreter gemischt; unter den Wahnsinnigen finden sich u. a. Ti West (der übrigens nur auf Filmspiellänge überzeugen kann und in der Sammlung imho das schlechteste Werk ablegt), Noboru Iguchi (eventuell bekannt für THE MACHINE GIRL und dafür, dass seine Adult-Video Filmographie au Wikipedia ausführlicher ausgefallen ist, als die der Kinofilme), Srdjan Spasojevic (der, keine Angst, nicht versucht, seinem Ruf treu zu bleiben – das schafft aber dafür ein anderer, nämlich) , Timo Tjahjanto (der mit dem wohl dem heftigsten Schlag in die Magengrube aufwartet), Bruno Forzani & Héléne Cattet (die ihr Amer’sches Farbenspiel wunderschön zur Schau stellen), Ben Wheatly (wundervoll britisch, dass man meint Edgar Wright hätte auf dem Regiestuhl Platz genommen), Jason „Hobo“ Eisener (der mir mit seinem unverwechselbaren Stil das Perverseste, über das ich jemals lauthals lachen musste, zeigte) und Yoshihiro Nishimura (der nach TOKYO GORE POLICE mal wieder beweisen wollte, wie sehr sie ihm nicht ins Hirn g’schissn haben. Danke, Japan!). Ehrlich gesagt waren mir auch nur wenige der Filmemacher ein Begriff, doch das Tötungskonglomerat macht auf jeden Fall Lust auf mehr. Übrigens, um den Buchstabe T und somit auch um 5 Minuten im Film wurde von den Produzenten ein Contest veranstaltet; die übrigen – sehenswerten? – Einsendungen kann man sich hier zu gemüte führen (und sollte man nach 26 Filmen noch immer nicht genug haben,…).

Eigentlich habe ich eh schon zu viel geschrieben um auf den eigentlichen Punkt zu kommen: THE ABCs of DEATH fetzt! Dadaisten und Horrorfans, Kurzfilmliebhaber und Langzeithorrorgucker, Experimentalfilmer und Kunststudenten: wenn ihr dieses Konglomerat an Abscheulichkeiten, diese Achterbahnfahrt einer Gruselbahn nicht wertschätzt, dann habt ihr es offensichtlich nicht verstanden (verhasstes Argument N°4).

Zu letzt bleibt nur noch zu erwähnen, dass THE ABCs OF DEATH ein fetter Partyfilm ist, der so richtig fetzt. Denn solche Filme machen einfach am meisten Spaß, wenn man sie in Gesellschaft von Freunden und Hülsen (und wahrscheinlich auch Pfeifen) genießt, aber der Film ist wie – nicht selten, wenn es um den Genuss von Gore-Splatter geht einfach ein Event. Also, wenn BRAINDEAD das Maibaumaufstellen ist, dann ist dieser Film hier das Oktoberfest des blutigen Filmabends. Da verzeiht man auch gerne etwas schwächere Episoden. Es sollte vielleicht noch erwähnt werden, dass ein Großteil der Perversionen ja der Schere zum Opfer fielen und somit in der deutschen Kaufversion dem Seher „erspart“ blieben (Capelight & NSM Media sind jedoch so höflich uns hierzulande mit einem schicken Mediabook zu beehren). So gerät der unwissende Käufer an einen Film mit dem Titel „22 Ways to Die“, der um die Buchstaben L, V, X & Y. Und hiermit schließe ich dieses ohnehin schon zu lange Review mit folgenden Worten: explodierende Babyköpfe sind offensichtlich zu viel des Bluten.

 

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passen sie jetzt gut auf: revision und reflexion

Dies ist keine Rechtfertigung. Irgendwo, beginnt ein Gedicht – genau so. Dies ist keine Rechtfertigung. Oder vielleicht ist es kein Gedicht, sondern ein Lied, dass dich aus dem Schlaf weckt, eine Phrase, die dir im Ohr stecken bleibt. Eine Melodie, zusammengesetzt aus Harfe und Piano, leichte Streicher. Ein Klang, der davon treibt, Wellen, wissen Sie, Wellen und das einzige was nun scheitert ist der Moment, in dem sie abbrechen. Abrupt wie das Wort „abrupt“. We don’t go with the Flow.

Offensichtlich kryptisch, ich weiß. Sorry. Ich muss unbedingt aufhören, auf meinen eigenen Text Bezug zu nehmen. Also, dies ist keine Rechtfertigung, und diese Kombination aus Worten, war der Satz den wir hörten als wir durch die Zeit reisten, es war der Satz den ich einmal geschrieben habe, als ich noch jung war und jemanden suchte und es war der Satz, der im Hintergrund eines Liebeslied spielt, den sie sehr mochte. Und es sind folgende Zeilen – nicht, aber; ein Geständnis. Tut mir leid, ich versuche mich zu konzentrieren, doch die Ewigkeit verlangt vieles von mir, unter allem dass ich mir alles merke. Ich bemerke, wie alles verschwimmt. Eine dumme Nebenwirkung, wenn man erkennt, dass Zeit nicht mehr existiert und die Wellen der Kontinuität brechen. Und dabei sind noch nicht einmal alle Schleusen geöffnet (hoffen wir, dass die Dämme nicht brechen). Doch dass alles bedeutet nicht, dass mir der Unterschied zwischen Geschehenem und Ungeschehenen nicht bewusst ist. Im Gegenteil, er ist mir nicht nur bewusst, ich spüre Ihn jeden Moment summen, ein langer stetiger Ton – ein flackerndes Brummen – und je weiter ich mich von der Wahrheit entferne, umso stärker und dunkler wird er. Fade in. Etwas, dass Sie die Zähne zusammenbeißen lassen würde. Ähnlich, wie das Gefühl, bei einer Lüge ertappt zu werden und der Blick sich nur noch auf die eigenen Füße richten kann, nur nicht exklusive des eigenen Körpers sondern inklusive der gesamten Aura. Ein Knistern lag in der Luft… Also, ich kenne den Unterschied. Doch Sie kennen Ihn nicht, und für Sie stimmt alles, woran ich Sie aufmerksam mache, Sie erinnere, Ihnen mitteile. Ich habe den Kopf einer Ziege und Sie können nichts dagegen machen. Und die Wahrheit ist, dass wir jetzt ein Problem haben.

Und dieses Problem: es ist von äußerster Wichtigkeit, dass sie mich mögen. Das Geständnis: ich habe Sie belogen. Das letzte Mal, oder war es das andere letzte Mal, irrelevant, Relevanz spricht nur für die Tatsache, dass Sie belogen wurden. Ja, von mir. Habe ich doch schon gesagt. Ein Brummen. Aber die Wahrheit ist bitter und macht keinen Spaß. Die Wahrheit sagt, es gibt keinen Leben nur Warten, die Wahrheit sagt, dass es hier nichts für Sie gibt, nur Tod und Wut und die Wahrheit sagt nichts über mich aus. Und derweil war es alles gar nicht so schlecht konstruiert (was nicht schwer ist, wenn man bedenkt, dass sie mir glauben müssen). Aber Sie sind ja klug, Sie haben dass alles sicher schon mal in Erwägung gezogen (ein Freund – ein Bekannter – hat mir vor nicht all zu langer Zeit – vor meinem Tod, selbstredend –  gesagt, ich solle die Erzähltechnik des „Unreliable Narrators“ mal nachlesen und endlich mit dem Scheiß aufhören; wir wissen genau, was du abziehst), Sie sahen es schon kommen. Wie bei Jacks Leber aus Fight Club. Oder die Sicht der Dinge eines Bruce Willis in The Sixth Sense. Nicht alles ist richtig und alles Richtige scheint. Es strahlt! Es brummt. Irgendwie so. Also, die Wahrheit ist, dass ich genau wusste, was David wollte – nicht wer er war, dass müssen Sie mir glauben – doch immer, wenn ich mich für ihn entschuldigte, war das nur die eine Seite. Und auch nur halb gelogen. Im Nachhinein wollte ich das alles nicht. Dennoch ist es für folgende Geschichte wichtig, dass sie mich mögen.

Folgende Geschichte beginnt mit einem Namen. Nein, dass hatte ich schon einmal. Ein Moment (das ist es!). Der Moment, das haben Sie sicherlich bereits raus gefunden, war jener, in dem Judith in mein Leben trat und dann tat sie das immer wieder, jeden morgen um die selbe Uhrzeit, zuerst beiläufig (Gott, ich beginne schon wieder mich selbst zu zitieren, es tut mir Leid) und dann regelmäßig. Wiederholung. Und Wiederholung schafft Sicherheit, irgendwie  – Vertrautheit, verstehen Sie? Ich weiß nicht, was genau es war, doch sie sprach mich in meiner inneren Zerstörung an, in der Wut und dem Zorn, der sich versuchte zu verflüchtigen doch immer wieder hochkam, stand plötzlich ein Mensch, den ich nicht einmal kannte und dessen Gelüste für Croissants und Topfentaschen bekannt waren und für traurige Bücher und vielleicht für etwas zu viel Eyeliner, aber das war dann auch irgendwie sexy und ich wunderte mich über jede Veränderung und ich wunderte mich darüber, dass ich mich wunderte und am ende wunderte ich mich – ein englisches Wundern – I wonder, if she sees me. Und dann hoffte ich und von da an wurde es mal wieder so richtig beschissen. Beschissen und toll. Wie nennt man das, wenn man Lächeln muss obwohl man Kotzen will? Alle zeigen auf. Ja, ich weiß. Sie können den Arm jetzt wieder senken, es war eh mehr so ’ne rhetorische Frage. Judith war der Beginn eines Gefühls und der Beginn eines Knotens. Das Gefühl: Zurückhaltung. Der Knoten: Liebe und diese steckt im Hals. Und sie schluckt am liebsten Vernunft und Wörter. Also konnte ich nur unvernünftig wie ich war mich auf morgen freuen, dass Wochenende hassen und mich jedes Mal sorgen, wenn sie nicht um 7:36 vor meinem Geschäft stand. Cappuccino. Croissant. Ich lasse mir Zeit, doch lasse sie nicht ihre Straßenbahn verpassen. Und eines Tages kam sie später – ich dachte schon, sie käme gar nicht, verrückt. Und hier teilt sich die Geschichte.

Man sieht etwas und will zurück: Judith sah eine unscharfe Gestalt und wollte weg von ihr und in dem Moment des vollkommen Chaos sah sie plötzlich die Gesichtszüge und hier teilt sich die Geschichte. Erstens: Judith starb. Ich lernte sie nie kennen und eines Tages starb ich auch, ohne je geliebt zu haben. Zweitens: Judith wurde vom prasselnden Regen wieder zurück in unsere Welt geholt – nicht ganz ihre Entscheidung, dass müssen wir alle genau beachten – und ich sehe sie weiter jeden Tag, doch wir verlieben uns nicht und sie verstreicht irgendwann und ich wachse aus ihr heraus und ich habe zu viel Zeit verschwendet und mehrere Gelegenheiten verpasst und am Ende sterben wir beide sehr jung – noch jünger als jetzt – und es ist gut so. Drittens: Judith erkennt plötzlich die Gesichtszüge und sie erkennt mich – den Bäckergesellen, der sie jeden Tag angelächelt hat – und plötzlich verspürt sie Hoffnung (sie fragt sich wieso, wieso verdammt jetzt?) und diese weckt Neugierde auf alles was noch sein könnte, sie riecht Orte an denen sie noch sein wird, schmeckt den Regenduft auf ihrer Zunge und in diesem Moment, weiß sie was zu tun ist. Judith war sich ihrer Sache sicher, es war nicht so, doch Sicherheit ist immer nur eine Sache der Perspektive. Sicherheit ist Wiederholung. Dieser Moment hat einen Namen und er nennt sich Chaos. Zeitreise. Wiedergeburt. Paralleluniversum. Letzte Chance. Revision. In diesem dritten Moment, liebte Judith mich, wie sie es nie wieder tun würde. Ich wurde zu einer Idee, dass es nicht nur sie gibt, sondern noch mehr, etwas mehr vom Leben: Blitze am Horizont. Und selbst wenn es Selbstzerstörung war. Was hatte sie schon zu verlieren.

Und so reiste Judith zurück in der Zeit, zurück an den Morgen des Tages, an dem sie sich das Leben nahm. Es roch nach Regen und Judith wurde zum ersten Mal bewusst, dass sie versuchen musste, glücklich zu werden.

Eigentlich müsste ich es wissen. Doch wie gesagt, es verschwimmt. Irgendwer hat es mir gesagt und ich weiß nicht mehr wann. Vielleicht sah Judith in der Zeit ihre Regel, meine Regel und alles was uns noch bevor stand. Oder vielleicht sah sie mein Wesen, vielleicht sah sie David. Es ist verdammt beschissen, angeblich allwissend zu sein und dann darauf zu kommen, dass man nichts weiß. Fucking Platon. Vielleicht hat Judith auch einfach versucht das Gegenteil des Nichts und sein Gleichgewicht zur Hölle zu schicken Das würde passen. Ich steh auf Frauen, die versuchen das Universum in den Arsch zu ficken. Naja, alles hat seinen Preis. Panta rhei. Alles blutet. Doch ich müsste wissen, ob. Es ist nicht nur wichtig für diese Geschichte, doch seit ich von den Regeln erfuhr und mir bewusst wurde, was es zu bedeuten hatte, fragte ich mich die ganze Zeit, ob Judith es auch wusste, und dass sie wusste, dass ich sie lieben werde. Und viel wichtiger; ob sie wusste, dass die Welt untergeht, wenn ich –

Wellen und wenn sie abbrechen. Abrupt. Ich weiß, Selbstreferenzen, again. Ach ja, ich bin Ihnen noch eine Lüge schuldig. Nein, so sagt man das nicht: ich bin Ihnen die Auflösung einer Lüge schuldig. Die Wahrheit ist nämlich, dass es nie einen Verrat gab, nie eine Falle und nie eine sexy Lehrerin, deren Kopf auf Nacktbilder aus dem Internet gephotoshopt wurde. Also, die Lehrerin gab es schon und die war auch verdammt scharf, aber sie hat kaum etwas mit der Geschichte zu tun. Oder alles. Zumindest besuchte ich wirklich irgendwann nicht einmal mehr den Mathematikunterricht, weil es mir – ich weiß auch nicht – unangenehm war, ihrer Anwesenheit und ihre Attraktivität zu genießen. Außerdem widerten mich meine Klassenkollegen an. Das lag nur marginal an ihrem Gegaffe, welches natürlich peinlich und ein Grund war, dass ich den Unterricht nicht ertrug, doch die Art, wie sie miteinander redeten, sich bewegten und sich berührten – gewalttätig und prahlerisch, verängstigt, natürlich – sammelte ein galliges Gefühl in meinen Gliedmaßen, welches ich nicht abschütteln konnte. Es war lächerlich, David sah das genauso, doch – um ehrlich zu sein – ich war immer schlimmer. Er sagte mir zumindest, wie ich damit umgehen sollte, wie ich den Hass umschiffen sollte, den die Heuchelei der gesamten menschlichen Kommunikation in mir weckte. Doch wenn ich nicht auf David hörte, stellte ich mir vor, wie es sein müsste, diesen verdammten Idioten, die Zähne aus der Mundhöhle zu ziehen und ihr Gesicht an rauen Wänden blutig zu schleifen. Und eines Tages – ich schlenderte, den Mathematikunterricht wegen einer bestimmten Person schwänzend, den leeren Schulhof auf und ab schlendernd – tat ich es dann. Man beschrieb es mit den erschreckenden und monotonen Worten „Ohne Grund“. Die Eckdaten stimmen wenigstens; das klärende Gespräch, der Augenblick, in dem der Schulpsychologe David erblickte, die Rassismusvorwürfe („Ohne Grund“ kann die Leute schnell dazu bringen, Mutmaßung an zu stellen um ihrem Entsetzen eine Richtung zu geben, ungelenktes Entsetzen führt zur Insomnie und die Leute hassen es, unausgeschlafen sich zu echauffieren). Außerdem wahr: „Wieso bist du so wütend?“, doch meine Antwort war eine andere und ich glaube auch heute noch, dass er mir glaubte. Meine Klassenkameraden konnten mich aus dem dritten Stock beobachten, wie ich François an seinen Haaren packte und ihn auf den brüchigen Beton (der Löwenzahn brach an vielen Stellen bereits durch) schleuderte und ihn mit Fäusten eine seiner Gesichtshälften bearbeitete. Als die Leute dann aus den Haupttoren der Schule auf mich zu liefen, hatte sich das Wiesel bereits aus der Falle befreit und mittlerweile lag ich auf dem Boden und musst die Tritte des hasserfüllten Austauschschülers über mich ergehen lassen. Er hätte es aber durchaus kommen sehen; sein pubertäres Geschwafel über den Blowjob den er gern von einer bestimmten Lehrerin bekommen würde hatte mich wirklich zutiefst in meiner Meditation gestört. Und sein affiger Akzent auch. Als diese Tatsache (nicht die mit dem Akzent) bei dem „klärenden Gespräch“ aufkam, wurde mein Verhalten als dominierend, rivalisierend und beschützend interpretiert, was mir überaus unangenehm – ja, richtig peinlich – war. Der Studentin offensichtlich auch; wie gesagt, sie knöpfte sich ihre Bluse zu. Wie gesagt, die Eckdaten stimmen.

Dies ist übrigens keine Rechtfertigung. Dennoch hoffe ich, dass sie mögen mich. Das ist wichtig. Das ist das einzige, was zählt. Ich war ehrlich. Auch ein Kniff, ich weiß. Aber einer, der Sie an mich binden sollte. Einer, der beweist, dass es doch noch okay ist. Dass man mir durchaus vertrauen kann. Hier kommt noch einer. Übrigens: dass ich meine Eltern erpresste, stimmt auch nicht so ganz. Sie bemerkten irgendwann, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt, sie bemerkten David und er gefiel ihnen nicht (obwohl ich nicht glaube, dass sie jemals Angst vor ihm hatten, da war ich ihnen schon um einiges unheimlicher) und so beschlossen sie, dass es völlig okay sei, wenn ich mir eine eigene Wohnung am Stadtrand suche. Bis ich sie mir leisten konnte, wurde sie mir auch für alle anfallenden Kosten aufkommen. So gewann ich meine Freiheit. Jetzt wissen sie ungefähr, wie sich das alles abgespielt hat, was alles – naja nicht alles, aber das Wichtigste – dazu beigetragen hat, dass ich Judith kennen gelernt habe. Darum geht es übrigens. Der Anfang von einer von drei Geschichten.

„Sorry.“ In Klammer: ein Seufzen. Wenn ich mir dass alles genau überlegt habe, dann muss hier jedes Satzzeichen eine Bedeutung haben. „Ja, ich weiß.“ Noch ein Seufzen – ein Brummen: „Es tut mir Leid.“

Passen Sie von Anfang an gut auf!

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passen sie gut auf: dieser moment trägt einen namen, und dieser lautet

Es war einmal ein Bäckergeselle. Dieser hatte die Schule abgebrochen, seine Eltern um Geld erpresst, sich um dieses eine Wohnung gemietet und eine Lehre bei einem Backstubenfillialisten begonnen, weil er zu blöd war, seine Hormone im Zaum zu halten. Nein, das stimmt nicht. Es war einmal ein Bäckergeselle, der seine Hormone im Zaum halten konnte und nicht darüber hinweg sehen konnte, dass er ein Niemand war und immer bleiben würde und deswegen seine Eltern erpresst, eine Wohnung gemietet und eine Lehre begonnen hat. Wobei, das ist eigentlich auch nicht ganz die Wahrheit. Es war einmal ein junger Bäcker und sein Freund David. Ja. Jetzt stimmt die Geschichte. Ungefähr.

David sagte mir nie, dass ich Nichts bin, doch er sagte auch nie das Gegenteil. Das Beschissene daran ist ja, dass, egal wie gut man jemanden zu kennen glaubt, immer noch Gedanken und Dinge in den Ecken und Nischen gibt, die man nicht erkennt. Davids Nischen waren voll mit Bedrohungen und er selbst war voller Ecken, Kanten und Gedanken. Er war aber auch der einzige Grund, warum ich es mir leisten konnte, fort zu ziehen; ich will damit nicht sagen, dass er es war, der meine Eltern um das Geld erpresste, doch zu sagen, ich wäre ganz alleine darauf gekommen, würde meinem Einfallsreichtum schmeicheln und so klug bin ich nicht. Ich war sicherlich nicht klug genug, die Schule zu beenden und das lag nicht daran, dass ich Wahrscheinlichkeitsrechnungen nicht meistern konnte oder wollte – nein, ich konnte die Wahrscheinlichkeit gewisser Aspekte wahrscheinlich viel zu gut lösen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man mich heute nicht anspuckt? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mir ein liebevoller Blick zu geworfen wird. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich die Brüste der jungen Mathematik-Studentin (es ist so ein Klischee, ich weiß, was soll ich machen – lügen?) heute nicht ablenken und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich überhaupt den ganzen Tag in der Schule bleibe? Dann weiter, wenn ich weiter so mache; wie bald wird es auffallen, dass ich in Mathe nicht mehr erscheine? Und Schlussfolgerungen: wann muss ich mich der Erniedrigung eines Gesprächs mit dem Schulpsychiater wieder hingeben? Und meine persönliche Rechnung: wer war der Wichser, der mich verraten hat? David hatte zwar stets den Mund und die Mimik voller Ratschläge um unangenehme Situationen zu vermeiden, doch wenn es darum ging, sich einer Erniedrigung zu stellen, sich mit vollendeten Tatsachen zufrieden zugeben und die Kotze des Schicksals aufzuwischen, da wurde selbst sein prächtiges Antlitz matt und er stolperte in seiner Sprache und seine Wörter klangen hohl. Floskeln. Wir hassten Floskeln und wir liebten es, andere damit zu bewerfen, doch wenn es einmal vorkam, dass wir sie uns gegenseitig in den Weg legten, war es ein Zeichen dafür, dass die Situation auswegslos erscheint.

Und als ich schließlich den Wichser fand, der mein Fehlen im Unterricht ungeniert der scharfen Aushilfslehrerin verpetzte – sicherlich auch nur um sich bei ihr ein zu schleimen – wusste auch David mir nicht zu helfen. Als ich ihm sagte, dass es nicht einmal schwer war den Verräter zu identifizieren und mein Nächte langes Planen für den Anus waren  (Plaudertasche hatte sich stolz dazu bekannt, als ich bereits geplant habe, die ganze Klasse nach hinweisen zu durchforsten und profilierte sich mit der falschen Behauptung, ich sollte ihm Danken, da ich sonst das Schuljahr nicht abschließen könnte) konnte David nichts mehr dazu sagen. Er senkte den Blick und ich erkannte an seiner gebeugten Haltung, dass er keinerlei Schutzmechanismen kannte, die man anwenden konnten, sobald einem die Gefahr der Erniedrigung gegenüberstand. Sein Scharfsinn, den ich bis dahin bewundert hatte, war einer Angst gewichen; es war Erfahrung, die Erinnerung an ähnliche Vorfälle – das Gesperrt werden in einem Raum, die Überwachung und das Verhör. Das Unrecht. Beschuldigungen.

Die Bilder, die sie mir vorlegten, waren mir vollkommen neu, doch mein Ruf, meine Unscheinbarkeit und Undurchsichtigkeit war ein guter Vorwand, mich zum Hauptverdächtigen zu machen. Die Irrationalität und meine logische Argumentation, dass ich – selbstredend gefaked, Kopf ausgeschnitten und auf einen Körper kopiert und dabei wurde nicht einmal auf den richtigen Winkel geachtet – Nacktbilder der Aushilfslehrerin nie im Leben auf meiner Schulaccount speichern würde und schon gar nicht mit der von der Schule vorgefertigten Email-Adresse an alle meine Mitschüler weiterschicken würde, ja, dass ich den Email Account noch nicht einmal benutzt hatte und das Passwort noch immer aus den standardisierten sechs Zeichen (die ersten vier Buchstaben des Nachnamens und die letzten zwei Ziffern des Geburtsdatums) bestand, fruchteten nicht. Irgendwie machte es das nur schlimmer. Ebenso, die genaue Schilderung, wo ich den solche Bilder eher aufbewahren würde. Oder das Geständnis, dass mir die Attraktivität – ja, nennen wir es so, aber sie wissen ganz genau, was mein sechzehn jähriges Ich meinte – die von der Lehrerin ausging, aufgefallen sei. Als ich das sagte, lächelte ich verkrampft charmant in die Richtung der Mathematik-Studentin, die diesen Anflug an Verzweiflung wohl als letzten Flirt-Versuch erkannte, ihr Gesicht in die Hände vergrub und nach dem sie einige Sekunden so verharrte – und in diesen Sekunden lächelte sie aus Fremdscham und Peinlichkeit und auf Grund der Lächerlichkeit der Situation, ein amüsanter Schwenk, den sie ihren Kollegen am Abend erzählen würde, the tale of the horny student, und sie grinste, doch keine Sekunde, weil sie sich Geschmeichelt fühlte oder weil sie mir glaubte oder, bei Gott, „etwas“ erwidern wollte – knöpfte sie sich dann diskret den obersten Knopf ihrer Bluse zu (was e übrigens nicht besser machte, da ihre Attraktivität jetzt besonders spannte).

Als nach einem „klärendem Gespräch“, bei dem auch meine Eltern über ihren Sohn, den Päderasten, telefonisch benachrichtigt wurden, schließlich mein Klassenvorstand, die Mathestudentin und die Direktorin den Konferenzraum, oder wie auch immer sie das schäbige Zimmer, mit alten Büchern im zweiten Stock nannten, verließen blieb ich mit dem Schulpsychologen, einem dicken, bärtigen Hippie alleine in dem Raum. Und ich starb vor Scham und Angst und Wut und Trauer. Der Schulpsychologe fragte: „Wieso bist du so wütend?“ Weil ich es nicht war, sagte ich und ich glaube, dass er mir glaubte. Ich wischte mir die Tränen weg und ich blickte ihn an und schüttelte den Kopf und – ich hatte die Tür nicht gehört – plötzlich, kurz und beiläufig (doch ich kannte diese Bewegung nur zu gut um sie genau zu erkennen) entschwand sein Blick meinem Gesicht und er fixierte einen Bruchteil der Zeit einen Punkt hinter mir, sah mich dann aber erneut fest an. Und irritiert. David, flüsterte ich und er legte die Hand auf meine Schulter und als der fette Hippie die Situation fertig beobachtet hatte, erhob er sich mühselig und deutete mit einem Klatschen an, dass seine Arbeit hier getan sei. David grinste und dachte daran, wie falsch er damit lag.

Als wir ihn schließlich mit unserem mickrigen Mut das Maul blutig schlugen, hörte ich immer wieder den Satz in meinem Kopf hallen, der mich bis zum Tag meines Todes verfolgt hatte. Wir hatten den Verräter nur kurz zu Rede gestellt, da ich meinen Zorn nicht länger unter Kontrolle halten konnte und mit weinenden Blick mich auf ihn gestürzt hatte. Die Schlägerei dauerte nicht lange und ich hatte ihn auch nicht ernsthaft verletzt, was hauptsächlich daran lag, dass ich immer schon ein ziemlicher Schwächling war, die Wendigkeit meines Gegners übersehen hatte und David eigentlich nur rumstand und das Ganze mit gesenktem Blick beobachtete. Bei dem Wichser handelte es sich übrigens um einen französischen Austauschschüler – François – und ich bin mir ziemlich sicher, dass er meinen Nachnamen nicht kannte. Geschweige denn mein Geburtsjahr. Das ist aber auch nicht der Punkt; der Punkt ist, dass ich von einem wendigen, fluchenden Franzosen, vor meiner ganzen Klasse verarscht und verdroschen wurde und neben dem Ruf ein Perverser zu sein nun auch noch rassistische „Auffälligkeiten“ erkannt wurden . Ich ging nach diesem Tag immer weniger in die Schule, bis ich es vollkommen vermied. Den Mathematik Unterricht besuchte ich kein einziges Mal mehr.

David hielt sich bedeckt, erzählte mir wenig über meine Klassenkollegen – ich hatte den Verdacht, dass es einfach nichts zu erzählen gab, außer, dass sie, nachdem der Freak das Klassenzimmer verlassen hatte, ihren Alltag wieder aufgenommen hatten. Vier Jahre und 56 Tage später, konnte sich niemand mehr aus der Schule mehr korrekt an meinem Namen erinnern. Der letzte der meinen Namen vergaß, war der Schulpsychologe; er hat mittleweile etwas abgenommen und sich den Bart gestutzt und kurz bevor er einschläft, erklimmt seine Kehle, das Gefühl, welches er vor ein paar Jahren gefühlt hatte, als David das schäbige Zimmer im zweiten Stock betrat. Er schüttelt es dann zwar schnell ab, doch schlafen kann er dann nur schwer. Zum Glück erinnert er sich nur selten daran, dass er David gesehen hat. Und dann wurde es besser. Eigentlich das Beste. Denn nachdem sich alles wieder etwas beruhigt hatte und ich einen simplen Trott fand, der mich nicht wahn- und stumpfsinnig machte, hellte mein Leben etwas auf. Und dann, eines Morgens, konnte ich wieder lächeln, zuerst beiläufig und dann immer regelmäßiger, von Montag bis Freitag, stets zur selben Uhrzeit und stets nur für einen kurzen Moment, doch ich lernte diesen Moment zu schätzen und ich lernte diesen Moment auswendig und ich perfektionierte ihn und ich lernte diesen Moment kennen und ich lernte ihn lieben.

[Es läuft Peter von Poehl: Aurora]

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Kurzrezension „Blut muss fließen“

Kurzrezension „Blut muss fließen“

Rezension.

Man möchte es so schnell wie möglich weglegen. Der Bann, in den einen Kubans investigative Journale über die deutschsprachige Rechts-Rock-Szene ziehen, entspricht einer dualen Faszination: Einerseits ist da die morbide Schaulust angesichts einer Gesellschaft, die so fremd und zugleich nah erscheint, und andererseits ist da das Erschrecken über die politische und soziale Vernachlässigung des – ohne Zweifel abscheulichen – Themas. Beides zwingt einen zum Weiterlesen. Ähnliche Diskrepanz muss Thomas Kuban gefühlt haben, als er Jahre seines Privatlebens geopfert und seine finanzielle Existenzgrundlage aufs Spiel gesetzt hat, um die musikalisch motivierte Neonazi-Szene zu unterwandern. Das Bild, das sich dem wagemutigen Journalisten dabei bot, war erschreckend und oft bizarr. Die Organisatoren der Nazi-Konzerte bewegen sich jenseits unserer scheinbar sicheren gesellschaftlichen Normen. Sie wirken über „politisch nicht motivierte“ Veranstaltungen der NDP bis in die Wohnzimmer konservativer Weltanschauungen hinein, stets mit dem Ziel, ihre menschenverachtenden Ideologien gängig zu machen. Die Vorgehensweise ist dabei oft konspirativ: Flugzettel als Wegweiser, Autobahnraststätten als Treffpunkte, geheime Telefonnummern etc. Der Weg des Reporters zu den Hasskonzerten hat dabei den Touch einer Schnitzeljagd, die bis hin zu Organisationen wie der NSU führt. Blut muss fließen, ist nicht zuletzt aufgrund der erschreckenden Szenarien während der Konzerte, sondern auch wegen des allgemeinen öffentlichen und medialen Desinteresses, auf das Kuban während seiner Recherchen stieß, überaus beklemmend.

Thomas Kuban, Blut muss fließen: Undercover unter Nazis, Campus Verlag: 2012, 317 S., EUR 19,99.