passen sie gut auf: dieser moment trägt einen namen, und dieser lautet

Es war einmal ein Bäckergeselle. Dieser hatte die Schule abgebrochen, seine Eltern um Geld erpresst, sich um dieses eine Wohnung gemietet und eine Lehre bei einem Backstubenfillialisten begonnen, weil er zu blöd war, seine Hormone im Zaum zu halten. Nein, das stimmt nicht. Es war einmal ein Bäckergeselle, der seine Hormone im Zaum halten konnte und nicht darüber hinweg sehen konnte, dass er ein Niemand war und immer bleiben würde und deswegen seine Eltern erpresst, eine Wohnung gemietet und eine Lehre begonnen hat. Wobei, das ist eigentlich auch nicht ganz die Wahrheit. Es war einmal ein junger Bäcker und sein Freund David. Ja. Jetzt stimmt die Geschichte. Ungefähr.

David sagte mir nie, dass ich Nichts bin, doch er sagte auch nie das Gegenteil. Das Beschissene daran ist ja, dass, egal wie gut man jemanden zu kennen glaubt, immer noch Gedanken und Dinge in den Ecken und Nischen gibt, die man nicht erkennt. Davids Nischen waren voll mit Bedrohungen und er selbst war voller Ecken, Kanten und Gedanken. Er war aber auch der einzige Grund, warum ich es mir leisten konnte, fort zu ziehen; ich will damit nicht sagen, dass er es war, der meine Eltern um das Geld erpresste, doch zu sagen, ich wäre ganz alleine darauf gekommen, würde meinem Einfallsreichtum schmeicheln und so klug bin ich nicht. Ich war sicherlich nicht klug genug, die Schule zu beenden und das lag nicht daran, dass ich Wahrscheinlichkeitsrechnungen nicht meistern konnte oder wollte – nein, ich konnte die Wahrscheinlichkeit gewisser Aspekte wahrscheinlich viel zu gut lösen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man mich heute nicht anspuckt? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mir ein liebevoller Blick zu geworfen wird. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich die Brüste der jungen Mathematik-Studentin (es ist so ein Klischee, ich weiß, was soll ich machen – lügen?) heute nicht ablenken und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich überhaupt den ganzen Tag in der Schule bleibe? Dann weiter, wenn ich weiter so mache; wie bald wird es auffallen, dass ich in Mathe nicht mehr erscheine? Und Schlussfolgerungen: wann muss ich mich der Erniedrigung eines Gesprächs mit dem Schulpsychiater wieder hingeben? Und meine persönliche Rechnung: wer war der Wichser, der mich verraten hat? David hatte zwar stets den Mund und die Mimik voller Ratschläge um unangenehme Situationen zu vermeiden, doch wenn es darum ging, sich einer Erniedrigung zu stellen, sich mit vollendeten Tatsachen zufrieden zugeben und die Kotze des Schicksals aufzuwischen, da wurde selbst sein prächtiges Antlitz matt und er stolperte in seiner Sprache und seine Wörter klangen hohl. Floskeln. Wir hassten Floskeln und wir liebten es, andere damit zu bewerfen, doch wenn es einmal vorkam, dass wir sie uns gegenseitig in den Weg legten, war es ein Zeichen dafür, dass die Situation auswegslos erscheint.

Und als ich schließlich den Wichser fand, der mein Fehlen im Unterricht ungeniert der scharfen Aushilfslehrerin verpetzte – sicherlich auch nur um sich bei ihr ein zu schleimen – wusste auch David mir nicht zu helfen. Als ich ihm sagte, dass es nicht einmal schwer war den Verräter zu identifizieren und mein Nächte langes Planen für den Anus waren  (Plaudertasche hatte sich stolz dazu bekannt, als ich bereits geplant habe, die ganze Klasse nach hinweisen zu durchforsten und profilierte sich mit der falschen Behauptung, ich sollte ihm Danken, da ich sonst das Schuljahr nicht abschließen könnte) konnte David nichts mehr dazu sagen. Er senkte den Blick und ich erkannte an seiner gebeugten Haltung, dass er keinerlei Schutzmechanismen kannte, die man anwenden konnten, sobald einem die Gefahr der Erniedrigung gegenüberstand. Sein Scharfsinn, den ich bis dahin bewundert hatte, war einer Angst gewichen; es war Erfahrung, die Erinnerung an ähnliche Vorfälle – das Gesperrt werden in einem Raum, die Überwachung und das Verhör. Das Unrecht. Beschuldigungen.

Die Bilder, die sie mir vorlegten, waren mir vollkommen neu, doch mein Ruf, meine Unscheinbarkeit und Undurchsichtigkeit war ein guter Vorwand, mich zum Hauptverdächtigen zu machen. Die Irrationalität und meine logische Argumentation, dass ich – selbstredend gefaked, Kopf ausgeschnitten und auf einen Körper kopiert und dabei wurde nicht einmal auf den richtigen Winkel geachtet – Nacktbilder der Aushilfslehrerin nie im Leben auf meiner Schulaccount speichern würde und schon gar nicht mit der von der Schule vorgefertigten Email-Adresse an alle meine Mitschüler weiterschicken würde, ja, dass ich den Email Account noch nicht einmal benutzt hatte und das Passwort noch immer aus den standardisierten sechs Zeichen (die ersten vier Buchstaben des Nachnamens und die letzten zwei Ziffern des Geburtsdatums) bestand, fruchteten nicht. Irgendwie machte es das nur schlimmer. Ebenso, die genaue Schilderung, wo ich den solche Bilder eher aufbewahren würde. Oder das Geständnis, dass mir die Attraktivität – ja, nennen wir es so, aber sie wissen ganz genau, was mein sechzehn jähriges Ich meinte – die von der Lehrerin ausging, aufgefallen sei. Als ich das sagte, lächelte ich verkrampft charmant in die Richtung der Mathematik-Studentin, die diesen Anflug an Verzweiflung wohl als letzten Flirt-Versuch erkannte, ihr Gesicht in die Hände vergrub und nach dem sie einige Sekunden so verharrte – und in diesen Sekunden lächelte sie aus Fremdscham und Peinlichkeit und auf Grund der Lächerlichkeit der Situation, ein amüsanter Schwenk, den sie ihren Kollegen am Abend erzählen würde, the tale of the horny student, und sie grinste, doch keine Sekunde, weil sie sich Geschmeichelt fühlte oder weil sie mir glaubte oder, bei Gott, „etwas“ erwidern wollte – knöpfte sie sich dann diskret den obersten Knopf ihrer Bluse zu (was e übrigens nicht besser machte, da ihre Attraktivität jetzt besonders spannte).

Als nach einem „klärendem Gespräch“, bei dem auch meine Eltern über ihren Sohn, den Päderasten, telefonisch benachrichtigt wurden, schließlich mein Klassenvorstand, die Mathestudentin und die Direktorin den Konferenzraum, oder wie auch immer sie das schäbige Zimmer, mit alten Büchern im zweiten Stock nannten, verließen blieb ich mit dem Schulpsychologen, einem dicken, bärtigen Hippie alleine in dem Raum. Und ich starb vor Scham und Angst und Wut und Trauer. Der Schulpsychologe fragte: „Wieso bist du so wütend?“ Weil ich es nicht war, sagte ich und ich glaube, dass er mir glaubte. Ich wischte mir die Tränen weg und ich blickte ihn an und schüttelte den Kopf und – ich hatte die Tür nicht gehört – plötzlich, kurz und beiläufig (doch ich kannte diese Bewegung nur zu gut um sie genau zu erkennen) entschwand sein Blick meinem Gesicht und er fixierte einen Bruchteil der Zeit einen Punkt hinter mir, sah mich dann aber erneut fest an. Und irritiert. David, flüsterte ich und er legte die Hand auf meine Schulter und als der fette Hippie die Situation fertig beobachtet hatte, erhob er sich mühselig und deutete mit einem Klatschen an, dass seine Arbeit hier getan sei. David grinste und dachte daran, wie falsch er damit lag.

Als wir ihn schließlich mit unserem mickrigen Mut das Maul blutig schlugen, hörte ich immer wieder den Satz in meinem Kopf hallen, der mich bis zum Tag meines Todes verfolgt hatte. Wir hatten den Verräter nur kurz zu Rede gestellt, da ich meinen Zorn nicht länger unter Kontrolle halten konnte und mit weinenden Blick mich auf ihn gestürzt hatte. Die Schlägerei dauerte nicht lange und ich hatte ihn auch nicht ernsthaft verletzt, was hauptsächlich daran lag, dass ich immer schon ein ziemlicher Schwächling war, die Wendigkeit meines Gegners übersehen hatte und David eigentlich nur rumstand und das Ganze mit gesenktem Blick beobachtete. Bei dem Wichser handelte es sich übrigens um einen französischen Austauschschüler – François – und ich bin mir ziemlich sicher, dass er meinen Nachnamen nicht kannte. Geschweige denn mein Geburtsjahr. Das ist aber auch nicht der Punkt; der Punkt ist, dass ich von einem wendigen, fluchenden Franzosen, vor meiner ganzen Klasse verarscht und verdroschen wurde und neben dem Ruf ein Perverser zu sein nun auch noch rassistische „Auffälligkeiten“ erkannt wurden . Ich ging nach diesem Tag immer weniger in die Schule, bis ich es vollkommen vermied. Den Mathematik Unterricht besuchte ich kein einziges Mal mehr.

David hielt sich bedeckt, erzählte mir wenig über meine Klassenkollegen – ich hatte den Verdacht, dass es einfach nichts zu erzählen gab, außer, dass sie, nachdem der Freak das Klassenzimmer verlassen hatte, ihren Alltag wieder aufgenommen hatten. Vier Jahre und 56 Tage später, konnte sich niemand mehr aus der Schule mehr korrekt an meinem Namen erinnern. Der letzte der meinen Namen vergaß, war der Schulpsychologe; er hat mittleweile etwas abgenommen und sich den Bart gestutzt und kurz bevor er einschläft, erklimmt seine Kehle, das Gefühl, welches er vor ein paar Jahren gefühlt hatte, als David das schäbige Zimmer im zweiten Stock betrat. Er schüttelt es dann zwar schnell ab, doch schlafen kann er dann nur schwer. Zum Glück erinnert er sich nur selten daran, dass er David gesehen hat. Und dann wurde es besser. Eigentlich das Beste. Denn nachdem sich alles wieder etwas beruhigt hatte und ich einen simplen Trott fand, der mich nicht wahn- und stumpfsinnig machte, hellte mein Leben etwas auf. Und dann, eines Morgens, konnte ich wieder lächeln, zuerst beiläufig und dann immer regelmäßiger, von Montag bis Freitag, stets zur selben Uhrzeit und stets nur für einen kurzen Moment, doch ich lernte diesen Moment zu schätzen und ich lernte diesen Moment auswendig und ich perfektionierte ihn und ich lernte diesen Moment kennen und ich lernte ihn lieben.

[Es läuft Peter von Poehl: Aurora]

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