passen sie jetzt gut auf: revision und reflexion

Dies ist keine Rechtfertigung. Irgendwo, beginnt ein Gedicht – genau so. Dies ist keine Rechtfertigung. Oder vielleicht ist es kein Gedicht, sondern ein Lied, dass dich aus dem Schlaf weckt, eine Phrase, die dir im Ohr stecken bleibt. Eine Melodie, zusammengesetzt aus Harfe und Piano, leichte Streicher. Ein Klang, der davon treibt, Wellen, wissen Sie, Wellen und das einzige was nun scheitert ist der Moment, in dem sie abbrechen. Abrupt wie das Wort „abrupt“. We don’t go with the Flow.

Offensichtlich kryptisch, ich weiß. Sorry. Ich muss unbedingt aufhören, auf meinen eigenen Text Bezug zu nehmen. Also, dies ist keine Rechtfertigung, und diese Kombination aus Worten, war der Satz den wir hörten als wir durch die Zeit reisten, es war der Satz den ich einmal geschrieben habe, als ich noch jung war und jemanden suchte und es war der Satz, der im Hintergrund eines Liebeslied spielt, den sie sehr mochte. Und es sind folgende Zeilen – nicht, aber; ein Geständnis. Tut mir leid, ich versuche mich zu konzentrieren, doch die Ewigkeit verlangt vieles von mir, unter allem dass ich mir alles merke. Ich bemerke, wie alles verschwimmt. Eine dumme Nebenwirkung, wenn man erkennt, dass Zeit nicht mehr existiert und die Wellen der Kontinuität brechen. Und dabei sind noch nicht einmal alle Schleusen geöffnet (hoffen wir, dass die Dämme nicht brechen). Doch dass alles bedeutet nicht, dass mir der Unterschied zwischen Geschehenem und Ungeschehenen nicht bewusst ist. Im Gegenteil, er ist mir nicht nur bewusst, ich spüre Ihn jeden Moment summen, ein langer stetiger Ton – ein flackerndes Brummen – und je weiter ich mich von der Wahrheit entferne, umso stärker und dunkler wird er. Fade in. Etwas, dass Sie die Zähne zusammenbeißen lassen würde. Ähnlich, wie das Gefühl, bei einer Lüge ertappt zu werden und der Blick sich nur noch auf die eigenen Füße richten kann, nur nicht exklusive des eigenen Körpers sondern inklusive der gesamten Aura. Ein Knistern lag in der Luft… Also, ich kenne den Unterschied. Doch Sie kennen Ihn nicht, und für Sie stimmt alles, woran ich Sie aufmerksam mache, Sie erinnere, Ihnen mitteile. Ich habe den Kopf einer Ziege und Sie können nichts dagegen machen. Und die Wahrheit ist, dass wir jetzt ein Problem haben.

Und dieses Problem: es ist von äußerster Wichtigkeit, dass sie mich mögen. Das Geständnis: ich habe Sie belogen. Das letzte Mal, oder war es das andere letzte Mal, irrelevant, Relevanz spricht nur für die Tatsache, dass Sie belogen wurden. Ja, von mir. Habe ich doch schon gesagt. Ein Brummen. Aber die Wahrheit ist bitter und macht keinen Spaß. Die Wahrheit sagt, es gibt keinen Leben nur Warten, die Wahrheit sagt, dass es hier nichts für Sie gibt, nur Tod und Wut und die Wahrheit sagt nichts über mich aus. Und derweil war es alles gar nicht so schlecht konstruiert (was nicht schwer ist, wenn man bedenkt, dass sie mir glauben müssen). Aber Sie sind ja klug, Sie haben dass alles sicher schon mal in Erwägung gezogen (ein Freund – ein Bekannter – hat mir vor nicht all zu langer Zeit – vor meinem Tod, selbstredend –  gesagt, ich solle die Erzähltechnik des „Unreliable Narrators“ mal nachlesen und endlich mit dem Scheiß aufhören; wir wissen genau, was du abziehst), Sie sahen es schon kommen. Wie bei Jacks Leber aus Fight Club. Oder die Sicht der Dinge eines Bruce Willis in The Sixth Sense. Nicht alles ist richtig und alles Richtige scheint. Es strahlt! Es brummt. Irgendwie so. Also, die Wahrheit ist, dass ich genau wusste, was David wollte – nicht wer er war, dass müssen Sie mir glauben – doch immer, wenn ich mich für ihn entschuldigte, war das nur die eine Seite. Und auch nur halb gelogen. Im Nachhinein wollte ich das alles nicht. Dennoch ist es für folgende Geschichte wichtig, dass sie mich mögen.

Folgende Geschichte beginnt mit einem Namen. Nein, dass hatte ich schon einmal. Ein Moment (das ist es!). Der Moment, das haben Sie sicherlich bereits raus gefunden, war jener, in dem Judith in mein Leben trat und dann tat sie das immer wieder, jeden morgen um die selbe Uhrzeit, zuerst beiläufig (Gott, ich beginne schon wieder mich selbst zu zitieren, es tut mir Leid) und dann regelmäßig. Wiederholung. Und Wiederholung schafft Sicherheit, irgendwie  – Vertrautheit, verstehen Sie? Ich weiß nicht, was genau es war, doch sie sprach mich in meiner inneren Zerstörung an, in der Wut und dem Zorn, der sich versuchte zu verflüchtigen doch immer wieder hochkam, stand plötzlich ein Mensch, den ich nicht einmal kannte und dessen Gelüste für Croissants und Topfentaschen bekannt waren und für traurige Bücher und vielleicht für etwas zu viel Eyeliner, aber das war dann auch irgendwie sexy und ich wunderte mich über jede Veränderung und ich wunderte mich darüber, dass ich mich wunderte und am ende wunderte ich mich – ein englisches Wundern – I wonder, if she sees me. Und dann hoffte ich und von da an wurde es mal wieder so richtig beschissen. Beschissen und toll. Wie nennt man das, wenn man Lächeln muss obwohl man Kotzen will? Alle zeigen auf. Ja, ich weiß. Sie können den Arm jetzt wieder senken, es war eh mehr so ’ne rhetorische Frage. Judith war der Beginn eines Gefühls und der Beginn eines Knotens. Das Gefühl: Zurückhaltung. Der Knoten: Liebe und diese steckt im Hals. Und sie schluckt am liebsten Vernunft und Wörter. Also konnte ich nur unvernünftig wie ich war mich auf morgen freuen, dass Wochenende hassen und mich jedes Mal sorgen, wenn sie nicht um 7:36 vor meinem Geschäft stand. Cappuccino. Croissant. Ich lasse mir Zeit, doch lasse sie nicht ihre Straßenbahn verpassen. Und eines Tages kam sie später – ich dachte schon, sie käme gar nicht, verrückt. Und hier teilt sich die Geschichte.

Man sieht etwas und will zurück: Judith sah eine unscharfe Gestalt und wollte weg von ihr und in dem Moment des vollkommen Chaos sah sie plötzlich die Gesichtszüge und hier teilt sich die Geschichte. Erstens: Judith starb. Ich lernte sie nie kennen und eines Tages starb ich auch, ohne je geliebt zu haben. Zweitens: Judith wurde vom prasselnden Regen wieder zurück in unsere Welt geholt – nicht ganz ihre Entscheidung, dass müssen wir alle genau beachten – und ich sehe sie weiter jeden Tag, doch wir verlieben uns nicht und sie verstreicht irgendwann und ich wachse aus ihr heraus und ich habe zu viel Zeit verschwendet und mehrere Gelegenheiten verpasst und am Ende sterben wir beide sehr jung – noch jünger als jetzt – und es ist gut so. Drittens: Judith erkennt plötzlich die Gesichtszüge und sie erkennt mich – den Bäckergesellen, der sie jeden Tag angelächelt hat – und plötzlich verspürt sie Hoffnung (sie fragt sich wieso, wieso verdammt jetzt?) und diese weckt Neugierde auf alles was noch sein könnte, sie riecht Orte an denen sie noch sein wird, schmeckt den Regenduft auf ihrer Zunge und in diesem Moment, weiß sie was zu tun ist. Judith war sich ihrer Sache sicher, es war nicht so, doch Sicherheit ist immer nur eine Sache der Perspektive. Sicherheit ist Wiederholung. Dieser Moment hat einen Namen und er nennt sich Chaos. Zeitreise. Wiedergeburt. Paralleluniversum. Letzte Chance. Revision. In diesem dritten Moment, liebte Judith mich, wie sie es nie wieder tun würde. Ich wurde zu einer Idee, dass es nicht nur sie gibt, sondern noch mehr, etwas mehr vom Leben: Blitze am Horizont. Und selbst wenn es Selbstzerstörung war. Was hatte sie schon zu verlieren.

Und so reiste Judith zurück in der Zeit, zurück an den Morgen des Tages, an dem sie sich das Leben nahm. Es roch nach Regen und Judith wurde zum ersten Mal bewusst, dass sie versuchen musste, glücklich zu werden.

Eigentlich müsste ich es wissen. Doch wie gesagt, es verschwimmt. Irgendwer hat es mir gesagt und ich weiß nicht mehr wann. Vielleicht sah Judith in der Zeit ihre Regel, meine Regel und alles was uns noch bevor stand. Oder vielleicht sah sie mein Wesen, vielleicht sah sie David. Es ist verdammt beschissen, angeblich allwissend zu sein und dann darauf zu kommen, dass man nichts weiß. Fucking Platon. Vielleicht hat Judith auch einfach versucht das Gegenteil des Nichts und sein Gleichgewicht zur Hölle zu schicken Das würde passen. Ich steh auf Frauen, die versuchen das Universum in den Arsch zu ficken. Naja, alles hat seinen Preis. Panta rhei. Alles blutet. Doch ich müsste wissen, ob. Es ist nicht nur wichtig für diese Geschichte, doch seit ich von den Regeln erfuhr und mir bewusst wurde, was es zu bedeuten hatte, fragte ich mich die ganze Zeit, ob Judith es auch wusste, und dass sie wusste, dass ich sie lieben werde. Und viel wichtiger; ob sie wusste, dass die Welt untergeht, wenn ich –

Wellen und wenn sie abbrechen. Abrupt. Ich weiß, Selbstreferenzen, again. Ach ja, ich bin Ihnen noch eine Lüge schuldig. Nein, so sagt man das nicht: ich bin Ihnen die Auflösung einer Lüge schuldig. Die Wahrheit ist nämlich, dass es nie einen Verrat gab, nie eine Falle und nie eine sexy Lehrerin, deren Kopf auf Nacktbilder aus dem Internet gephotoshopt wurde. Also, die Lehrerin gab es schon und die war auch verdammt scharf, aber sie hat kaum etwas mit der Geschichte zu tun. Oder alles. Zumindest besuchte ich wirklich irgendwann nicht einmal mehr den Mathematikunterricht, weil es mir – ich weiß auch nicht – unangenehm war, ihrer Anwesenheit und ihre Attraktivität zu genießen. Außerdem widerten mich meine Klassenkollegen an. Das lag nur marginal an ihrem Gegaffe, welches natürlich peinlich und ein Grund war, dass ich den Unterricht nicht ertrug, doch die Art, wie sie miteinander redeten, sich bewegten und sich berührten – gewalttätig und prahlerisch, verängstigt, natürlich – sammelte ein galliges Gefühl in meinen Gliedmaßen, welches ich nicht abschütteln konnte. Es war lächerlich, David sah das genauso, doch – um ehrlich zu sein – ich war immer schlimmer. Er sagte mir zumindest, wie ich damit umgehen sollte, wie ich den Hass umschiffen sollte, den die Heuchelei der gesamten menschlichen Kommunikation in mir weckte. Doch wenn ich nicht auf David hörte, stellte ich mir vor, wie es sein müsste, diesen verdammten Idioten, die Zähne aus der Mundhöhle zu ziehen und ihr Gesicht an rauen Wänden blutig zu schleifen. Und eines Tages – ich schlenderte, den Mathematikunterricht wegen einer bestimmten Person schwänzend, den leeren Schulhof auf und ab schlendernd – tat ich es dann. Man beschrieb es mit den erschreckenden und monotonen Worten „Ohne Grund“. Die Eckdaten stimmen wenigstens; das klärende Gespräch, der Augenblick, in dem der Schulpsychologe David erblickte, die Rassismusvorwürfe („Ohne Grund“ kann die Leute schnell dazu bringen, Mutmaßung an zu stellen um ihrem Entsetzen eine Richtung zu geben, ungelenktes Entsetzen führt zur Insomnie und die Leute hassen es, unausgeschlafen sich zu echauffieren). Außerdem wahr: „Wieso bist du so wütend?“, doch meine Antwort war eine andere und ich glaube auch heute noch, dass er mir glaubte. Meine Klassenkameraden konnten mich aus dem dritten Stock beobachten, wie ich François an seinen Haaren packte und ihn auf den brüchigen Beton (der Löwenzahn brach an vielen Stellen bereits durch) schleuderte und ihn mit Fäusten eine seiner Gesichtshälften bearbeitete. Als die Leute dann aus den Haupttoren der Schule auf mich zu liefen, hatte sich das Wiesel bereits aus der Falle befreit und mittlerweile lag ich auf dem Boden und musst die Tritte des hasserfüllten Austauschschülers über mich ergehen lassen. Er hätte es aber durchaus kommen sehen; sein pubertäres Geschwafel über den Blowjob den er gern von einer bestimmten Lehrerin bekommen würde hatte mich wirklich zutiefst in meiner Meditation gestört. Und sein affiger Akzent auch. Als diese Tatsache (nicht die mit dem Akzent) bei dem „klärenden Gespräch“ aufkam, wurde mein Verhalten als dominierend, rivalisierend und beschützend interpretiert, was mir überaus unangenehm – ja, richtig peinlich – war. Der Studentin offensichtlich auch; wie gesagt, sie knöpfte sich ihre Bluse zu. Wie gesagt, die Eckdaten stimmen.

Dies ist übrigens keine Rechtfertigung. Dennoch hoffe ich, dass sie mögen mich. Das ist wichtig. Das ist das einzige, was zählt. Ich war ehrlich. Auch ein Kniff, ich weiß. Aber einer, der Sie an mich binden sollte. Einer, der beweist, dass es doch noch okay ist. Dass man mir durchaus vertrauen kann. Hier kommt noch einer. Übrigens: dass ich meine Eltern erpresste, stimmt auch nicht so ganz. Sie bemerkten irgendwann, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt, sie bemerkten David und er gefiel ihnen nicht (obwohl ich nicht glaube, dass sie jemals Angst vor ihm hatten, da war ich ihnen schon um einiges unheimlicher) und so beschlossen sie, dass es völlig okay sei, wenn ich mir eine eigene Wohnung am Stadtrand suche. Bis ich sie mir leisten konnte, wurde sie mir auch für alle anfallenden Kosten aufkommen. So gewann ich meine Freiheit. Jetzt wissen sie ungefähr, wie sich das alles abgespielt hat, was alles – naja nicht alles, aber das Wichtigste – dazu beigetragen hat, dass ich Judith kennen gelernt habe. Darum geht es übrigens. Der Anfang von einer von drei Geschichten.

„Sorry.“ In Klammer: ein Seufzen. Wenn ich mir dass alles genau überlegt habe, dann muss hier jedes Satzzeichen eine Bedeutung haben. „Ja, ich weiß.“ Noch ein Seufzen – ein Brummen: „Es tut mir Leid.“

Passen Sie von Anfang an gut auf!

Advertisements
Getaggt mit , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: