Filmreview: THE ABCs OF DEATH

A steht für Anfang. B steht euch bevor. C für creativity und creepy. Doof und dadaistisch ist dieser Episodenfilm mit Fäkal- und Galgenhumor. Hundertvierundzwanzig Minuten. Indizierung! Jugendschutzbehörden, natürlich. Kill, kill, kill lautet das Losungswort. Makaber und Nihilistisch. Opfergaben für den Horrorgott. Pfui, schreien die Einen. Quatsch, meinen die Anderen. Respektlos, denken die Vielen. Siebenundzwanzig Köpfe denken sich sechsundzwanzigmal: Terror, ultimativ! Verwerflicher Wahnsinn für das X’indl. Nichts für Zimperliche & Zartbesaitete.

The Abcs of Death Poster

Also, was ist schon Kunst.

Am Anfang waren 26 Buchstaben, 26 Arten zu sterben. Die Namen wurden an 27 Regisseure aus 15 verschiedenen Ländern (worldwide) vergeben und die machten sich dann ans Werk. Wobei, an sich durften sich die Herrschaften ja einen Buchstaben aussuchen – nur wenige, ließen sich dies entgehen – zwei der 26 gingen einfach mit dem Flow (Adam Wingard und Srdjan Spasojevic, ja, genau der) und ließen sich von den Buchstaben überraschen: Wingard erntete durch den Ausdruck seiner Indifferenz das Q. Für jeden Beteiligten ein Glücksgriff, würde ich sagen.

Noch kurz ein Wort zum Thema Anthologie. An sich mag ich ja die Idee des Episodenfilms oder der Kurzfilmsammlung, doch wie zuvor schon besprochen, geht es oft in die Hose und ich kenne auch kaum einen Kurzfilmsammlung, die sich gut zusammenfügt. „Das liegt selbstverständlich daran, dass Kurzfilme kaum eine Tiefe aufbauen können, dass Anthologien schnell abschrecken“, schrieb ich über VHS – und ja, irgendwie stimmt dieses Statement für THE ABCs OF DEATH auch noch, was die Filmemacher sich da ausgedacht haben, ist schon überaus originell.

Das Problem, welches ich mit V/H/S – zurecht – war die substanzlose und unüberraschende Art, wie sich der Film mit seinem Thema auseinander gesetzt hat – das Tape als dämonisches Medium, die Faszination des Film als böser Vermittler; jedoch ging dieser Aspekt leider irgendwie verloren. Hoffen wir, dass Teil 2 es besser macht. Das Killer-ABC hat dieses Problem gleich gar nicht, weil dem Film eine Rahmenhandlung – wie sagt man so schön auf wienerisch – Blunzen ist (apropos ABC; im Residenz Verlag erschien 2012 das wundervolle, überaus handliche Wörterbuch „Der kleine Wappler“, für all jene, die gerne und authentisch auf österreichisch schimpfen, aber das nur am Rande). Und da es dem Film egal ist, dass die nächsten 2 Stunden alphabetisch gemetzelt wird, macht das ganze nur noch mehr Spaß.

Was nicht bedeutet, der Film sei eine seelenlose Aneinanderreihung von grausamen Todesarten die ihr Ziel auf äußerst makabrer und menschenverachtende Weise verfolgen. Oder, sorry, doch. Genau das bedeutet es.

Cirka 5 Minuten halten die ohne großartige Unterbrechung aneinander gereihten Filmchen im Durchschnitt; manche kosten dabei jeden Frame aus, manche lassen sich sogar etwas Zeit um auf den Punkt zu kommen und einige bieten für die begrenzte Zeit sogar ein weites Spektrum an Story. Was in fünf Minuten alles gezeigt, erzählt und erläutert werden kann ist erstaunlich. Es bedarf dabei manchmal nicht einmal an Wörtern um eine ausgereiften Charakter zu erstellen. Meist um ihn dann gebührend auszulöschen. Denn worum es wirklich geht sind ja die Todesszenen. Wir sind ja nicht hier um Charakter zu sezieren. Es wäre uns wahrscheinlich auch egal, wenn es diese nicht gäbe. Denn wie der Vorspann schon vermuten lässt (und zugleich die Vorfreude auf das kommende solche Bad bestätigt): es wird blutig. Bitterblutig.

Ich will die Filme selbst auch gar nicht zu sehr besprechen. Das wäre einfach nicht fair, sowohl den Zuschauern als auch den Werken selbst:  zu viele davon sind pointiert und extravagant erzählt, dass es eine Schande wäre auch nur ein Wort über die jeweiligen Buchstaben und vor allem ihre Bedeutung zu verlieren. Denn zu dem makabren Schauspiel gehört auch etwas Rätselfreude dazu; was könnte sich der Drehbuchschreiber denn dazu gedacht haben? Nicht immer sind die Geschichten eindeutig zu zuordnen, einige Regisseure machen sich auch den Spaß daraus, den Zuschauer erst mit der Titeleinblendung am Ende des Kurzfilms aufzuklären, was gerade passiert ist. Oder wie man diese Todesart genau (konkret) nennt.

5000 Dollar Budget standen den Filmemachern jeweils zu Verfügung, dies und kreativen Spielraum ohne Grenzen. Das Filmplakat sieht dabei sehr nach Horrorkomödie aus, der Trailer lässt Ähnliches vermuten und ja – es verläuft auch meistens in dieses Genre – doch finden sich in dem Konglomerat an Wahnsinn erstaunlich viele Filme, die sich den Ernst des Todes durchaus bewusst waren. Genregrenzen und Differenzen werden somit von Film auf Film als auch während des Films übersprungen und verwischt. Befindet man sich gerade noch in einem Neo-Western mit Gevatter Tod ist man bereit in einem verdreckten Crackloch und von Rodriguez’scher Coolheit wird zu einem sozialdramatischen Moment gewechselt. Manche Filme machen sich auch gar nicht erst die Mühe, Spaß anzudeuten und sind von der nervenaufreibenden ersten Sekunde bis zum letzten Atemzug ein beklemmender Kampf mit dem Tod.

Hier ergreift auch oft das Motiv der Perversion oft das Ruder: es scheint fast so, als ob THE ABCs OF DEATH ein Kommentar auf ein Horrorpublikum sein will, die sich vor vielen Jahren bereits gelangweilt von den Gesichtern des Todes weggedreht haben und stets nach dem neusten Kick suchen. So sind in einem Segment des Filmes nicht nur Zuschauer des zu Tode gefolterten Opfers die abgewichsten Drecksäcke sondern aus logischer Konsequenz auch die Zuschauer der Zuschauer, ergo: das brauche ich nun wirklich nicht beantworten. Irgendwie ist das dem Film aber nicht übel zu nehmen: wir wissen ja, warum wir solche Filme schauen und THE ABCs of DEATH befriedigt genau diesen Wunsch, den Voyeurismus des leicht zu befriedigenden Horrorfilmfans, der nur auf den nächsten blutigen Kill wartet. Ach – und je blutiger umso besser. Das die Kurzfilmsammlung dabei jederzeit das Niveau des Folterfranchises SAW locker hinter sich lässt, ist dennoch verwunderlich. Ich hätte mir bei einem Film, der ausschließlich zeigen will, wie Leute sterben gar nicht mal so viel erwarten.

THE ABCs of DEATH ist nämlich ein Kunstfilm. Aber; was ist schon Kunst. Ob man es nun glauben mag oder nicht, ob man das auch so sieht oder nicht, das bleibt im Endeffekt jedem selbst überlassen und was ich von den gespaltenen Meinungen auf verschiedensten Online-Portalen gelesen habe, ist die allgemeine Meinung zu dem Film eher negativ belastet („menschenverachtend“ und „sinnlos“ sind die Schlagwörter – interessanterweise hat er beim Mainstreamer-Portal  filmstarts.de ganze 7 Punkte abgeräumt). Denn wenn der Film etwas ergreift, ist es der Anspruch, geschmacklos zu sein. Kunst ist in dem Horrorfilmuniversum dann sicherlich auch wenn man zu Tode gefurzt wird. Wenn sich dann negativ dazu geäußert wird, kann man eigentlich nur damit argumentieren, dass man so etwas halt auch mögen muss. Nicht mein Lieblingsargument, aber okay. Und, naja – wie gesagt – was hat man sich den erwartet (ebenso keiner meiner Favoriten)? Dennoch kann man immer wieder damit argumentieren das Fart-Kills, wie sie in Fachkreisen genannt werden (behaupte ich jetzt mal), einen ästhetischen Aspekt haben, vor allem, wenn sie einem orgasmischen Farbenspiel gegenüber gestellt werden. Zum Beispiel. Ich finde doch.

Vor seiner Präsentation beim slashing-europe im Fimcasino – quasi die Minivariante des /slash Filmfestivals mit Europabezug – erreichte mich auch die Kunde der Kürzung von ABCs OF DEATH, sollte der Film demnächst auf DVD herauskommen. Dass ist bei Gott ja nichts neues, sondern mittlerweile eher die Regel. Trotzdem freut man sich, als eingefleischter Fan stets, wenn man ein solches Werk dann uncut auf Leinwand erleben darf; das Resultat war übrigens wie immer nicht so wie erwartet. Ja ja, der Film ist scheiß brutal und wirklich widerlich, aber, hey, das hab‘ ich mir ja gedacht. Die erwartete Grenzüberschreitung blieb in meinen Augen zumindest aus (meine Filmcompanions waren übrigens ähnlicher Ansicht).

Vielleicht liegt das auch daran, dass man kaum Zeit hat, das zu verarbeiten, was einem vorgesetzt wird. Ist man gerade noch dabei zu ertrinken, erstickt man schon, während die linke Hand brennt und Hunde sich in den Hals verbeißen. Die Regisseure haben dabei ganze Arbeit geleistet, so dass man kaum zum Verschnaufen kommt; und sollte dann doch ein Film dabei sein, der einen vielleicht zu ungustiös oder zu derb oder – ja, auch das war dabei –  zu langweilig und faul vorkommen mag, es ist einfach egal (s. o. „Blunzen“), weil einige Momente später, steckt man schon im nächsten Szenario. Dramaturgisch darf man sich diesbezüglich auch nur innerhalb der jeweiligen Filme etwas erwarten – aber das Fehlen der Rahmenhandlung hab‘ ich ja schon erwähnt.

Unter die Namen haben sich mehr oder weniger bekannte Vertreter gemischt; unter den Wahnsinnigen finden sich u. a. Ti West (der übrigens nur auf Filmspiellänge überzeugen kann und in der Sammlung imho das schlechteste Werk ablegt), Noboru Iguchi (eventuell bekannt für THE MACHINE GIRL und dafür, dass seine Adult-Video Filmographie au Wikipedia ausführlicher ausgefallen ist, als die der Kinofilme), Srdjan Spasojevic (der, keine Angst, nicht versucht, seinem Ruf treu zu bleiben – das schafft aber dafür ein anderer, nämlich) , Timo Tjahjanto (der mit dem wohl dem heftigsten Schlag in die Magengrube aufwartet), Bruno Forzani & Héléne Cattet (die ihr Amer’sches Farbenspiel wunderschön zur Schau stellen), Ben Wheatly (wundervoll britisch, dass man meint Edgar Wright hätte auf dem Regiestuhl Platz genommen), Jason „Hobo“ Eisener (der mir mit seinem unverwechselbaren Stil das Perverseste, über das ich jemals lauthals lachen musste, zeigte) und Yoshihiro Nishimura (der nach TOKYO GORE POLICE mal wieder beweisen wollte, wie sehr sie ihm nicht ins Hirn g’schissn haben. Danke, Japan!). Ehrlich gesagt waren mir auch nur wenige der Filmemacher ein Begriff, doch das Tötungskonglomerat macht auf jeden Fall Lust auf mehr. Übrigens, um den Buchstabe T und somit auch um 5 Minuten im Film wurde von den Produzenten ein Contest veranstaltet; die übrigen – sehenswerten? – Einsendungen kann man sich hier zu gemüte führen (und sollte man nach 26 Filmen noch immer nicht genug haben,…).

Eigentlich habe ich eh schon zu viel geschrieben um auf den eigentlichen Punkt zu kommen: THE ABCs of DEATH fetzt! Dadaisten und Horrorfans, Kurzfilmliebhaber und Langzeithorrorgucker, Experimentalfilmer und Kunststudenten: wenn ihr dieses Konglomerat an Abscheulichkeiten, diese Achterbahnfahrt einer Gruselbahn nicht wertschätzt, dann habt ihr es offensichtlich nicht verstanden (verhasstes Argument N°4).

Zu letzt bleibt nur noch zu erwähnen, dass THE ABCs OF DEATH ein fetter Partyfilm ist, der so richtig fetzt. Denn solche Filme machen einfach am meisten Spaß, wenn man sie in Gesellschaft von Freunden und Hülsen (und wahrscheinlich auch Pfeifen) genießt, aber der Film ist wie – nicht selten, wenn es um den Genuss von Gore-Splatter geht einfach ein Event. Also, wenn BRAINDEAD das Maibaumaufstellen ist, dann ist dieser Film hier das Oktoberfest des blutigen Filmabends. Da verzeiht man auch gerne etwas schwächere Episoden. Es sollte vielleicht noch erwähnt werden, dass ein Großteil der Perversionen ja der Schere zum Opfer fielen und somit in der deutschen Kaufversion dem Seher „erspart“ blieben (Capelight & NSM Media sind jedoch so höflich uns hierzulande mit einem schicken Mediabook zu beehren). So gerät der unwissende Käufer an einen Film mit dem Titel „22 Ways to Die“, der um die Buchstaben L, V, X & Y. Und hiermit schließe ich dieses ohnehin schon zu lange Review mit folgenden Worten: explodierende Babyköpfe sind offensichtlich zu viel des Bluten.

 

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Ein Gedanke zu „Filmreview: THE ABCs OF DEATH

  1. Muriel sagt:

    Ha, zu viel des Bluten.
    Pff.
    Tä-hä.
    Klingt aber durchaus nach einem Film, den ich mir auch ansehen würde.

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