Archiv für den Monat Juni 2013

passen sie jetzt gut auf: ein lied, das dich aus dem schlaf weckt und ein gedicht, das genau so beginnt

Diese Geschichte endet mit den Worten: At least you have loved. Und sie beginnt mit einem Zitat. Mal wieder. Langsam gehen mir die Verweise aus – außer ich verweise auf Nine Inch Nails, das ist etwas, worauf man andere Menschen immer bewusst aufmerksam machen muss. Sehr bewusst. Worauf ich eigentlich hinaus will. Das hier ist alles nur eine verschrobene Story, um Ihnen klar zu machen, dass Sie nicht gelebt haben, wenn Sie Trent Reznor nicht in ihr Herz aufgenommen haben. Ach ja, und dass alles endet. Die Liebe und das Leben, das wissen Sie wahrscheinlich bereits, Geschichten und ihre Helden, dass war Ihnen auch klar und ja, auch das Ende, der Tod und das Schicksal. Das Universum wird eines Tages in sich zusammenfallen, weil es nicht mehr wissen wird, wie es sich aus dem Chaos herauswinden soll, das es sich selbst eingebrockt hat. Das wussten Sie vielleicht auch, aber es ist Ihnen wahrscheinlich nicht bewusst. Ja, fast ein Wortspiel. Nicht immer zumindest. Es verkettet sich in undenkbare Konsequenzen und irgendwann schnüren die Regeln, die bisher alles in Ordnung hielten, die Knoten der Stricke in der es sich verfängt während die bildhässliche Königin Entropie es lustvoll erstickt und mitsamt allem Leben verschluckt. Und wir werden im Auge des Sturm stehen, am Rande aller Existenzen und werden mit den Schultern zucken und mit irrelevanten Gesten flüstern: „Weil es nicht mehr wirklich darauf ankommt, aber jetzt kann ich es ja sagen, war ganz nett, aber stellenweise etwas langatmig.“

Und dann. Beginnt es von vorne. Infinite loop, simultaneously, continuously. Eine Sicherungskopie. Und wenn sie das einmal wissen, sind sie entweder draußen und spielen Scrabble mit Gott („Was für ein Wort soll YHWH bitte sein?“), oder wie auch immer Sie sich ihren Nachlebensabend vorstellen oder Sie haben sich ihre zweite Chance erbeutet („Doppelter Buchstabenwert für das Y? Das ist Beschiss, Gott.“) oder Sie haben beschlossen, dass es keine Relevanz trägt. Das wir nichts tun können, das manches so kommt, wie es kommen wird, immer und immer wieder und jeder Versuch es nur etwas erträglicher macht. Loop yourself to infinity. Als ich beschlossen habe, mich nicht mehr zu drehen, habe ich die Welt zerstört, doch das machte nichts, da sie ohnehin irgendwann zu Grunde gehen würde. Auerdem bootete das Nichts von einer bestimmten Stelle wieder neu und ich sah mich wieder an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich nicht mehr konnte und nicht mehr wollte, doch diesmal war etwas anders. Eine beschissene Kleinigkeit genügt. Das Universum hätte mich immerhin auch aus seiner Existenz ausradieren können oder einen Bus schicken können – wenn wir Spielfilmdramen Glauben schenken können, minimalen, dann, dass sich alles durch Busse regulieren lässt; 59A ex machina. Doch das wäre zu kompliziert gewesen, zu viele lose Fäden – irgendwie müsste mich das ja schmeicheln (uns alle), da dies bedeutet, dass ich einen gewissen Wert, einen Sinn in der großen Geschichte hatte und meine Existenz irreparable Schäden mit sich trug, schwarze Löcher, die nicht so einfach gestopft werden konnten – doch andererseits, bedeutete es ebenso, dass das Universum einfach mit dem Aufräumen nicht mehr nach käme. Eigentlich simple Wirtschaftsmathematik; Aufwand und Ertragsrechnung und unser Beibehalten, sowie die Beibehaltung der Regeln, ist und war stets einfach, ja, einfacher.

Was heißt das für uns? Wollen Sie ihre Regel wissen? Wollen Sie wirklich wissen, dass immer wenn sie einen bestimmten Grauton erblicken, bei der nächsten Möglichkeit links abbiegen werden? Ist es relevant? Ist es das wert? Und was dann? Bauen Sie sich ein Labyrinth aus linken Sackgassen und rechten Wegen, welches Sie mit Tapeten dieser Farbe (CSS-3 Farbcode #708090, übrigens) schmücken? Gratulation, Sie haben das Universum ausgetrickst und einen neuen Schwierigkeitsgrad frei geschalten; die Aussicht auf eine neue Regel, die besagt, dass, sollten Sie sich in einem Labyrinth befinden, welches aus linken Sackgassen und rechten Wegen besteht, die vorherige Regel außer Kraft gesetzt wird. Applause! You’ve been officially fate-fucked. Es bedeutet nichts für uns, einfach nichts, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Gewissheit, dass das Leben einen Kein-Sinn besitzt und keinen Sinn ist mindestens genau so erleichternd, wie es erschreckend ist. Sollte es Ihnen doch gelingen, trotz aller widrigen Umstände, in einem fabelhaften Prestigio als Igel dazu stehen und den Hasen namens Schicksal in eine Grube, die sie als sie das letzte mal lachten gegraben haben, oder ähnliches gelockt zu haben (ich bemerke, wie ich mich in Idiome verlaufe…) vergessen Sie nicht: es gibt immer einen Reset-Button, eine Sicherung, einen Speicherstand. Und das Schicksal spielt immer auf very easy

Zusammenhänge verstehen ist in unserer Welt schon etwas, worauf Sie sich nicht verlassen sollten. Das gilt für jede SMS genau so wie für die unendlichen Spinnereien des Schicksals. Der Zusammenhang, der Konnex, der gezogen wurde, als Judith am Scheideweg stand und sich gegen ihren Tod und für etwas Leichtigkeit des Seins (Da, schauen Sie! Intertextualität, schon wieder!) entschied, war folgender: du lebst, weil du nun weißt, was dich erwartet. Dich immer erwartet hat. Es wurde nicht damit gerechnet, dass du so selbstsicher aus dem Leben scheidest und deswegen die Kontrolle über das Chaos deines Bewusstsein behieltst, als man dir anbot in ein schöneres Dasein, das Nachleben, zu schreiten. Du hast die symbolische Hand nicht ergriffen – eine Hand deswegen, weil es menschlich ist sich daran fest zu halten – und hast dich umgedreht, bist zurück gewankt und neben der Strom der Zeit gestanden. Du hast in die Maschine geblickt, in die Funktionalität der Existenzen, hast deinen Faden zurück verfolgt und neu gesponnen, die Fransen gefunden: ein Gesicht, ein Geruch, ein Gedanke und ein Gesuch. Du hast die Eventualität verstanden und bist abgetaucht. Dein Gesicht war nass, als du an diesem Morgen erwachtest, als du raus gingst um einen Freund zu suchen. Der Regen klebte dir noch an der Stirn, eine sickernde Warnung; alles was du liebst muss sterben.

Judith trug meine Regel in sich, weil sie sich ihrer widersetzt hatte und die Zusammenhänge verstand. Sie lag im Regen, dem Gewitter, dass an dem Tag über uns hinein brach, als wir aus dem Kino traten. Der letzte Konnex zu ihrem letzten Leben; und das Gewitter ging vorüber und wir hatten keinen Schirm und kein Telefon um uns ein Taxi zu rufen und so liefen wird durch die Strömen und Judith meinte, sie mochte den Regen, doch in Wirklichkeit liebte sie ihn. Wir trabten durch die leeren Straßen und sahen Zeitungsausschnitte an uns vorbei schwimmen und als wir in die Fluten eines einst kleinen Baches unsere Wünsche schrien (alles ihre Ideen), blickte ich sie an und flüsterte in das Wasser, dass ich sie liebte. Der Regen war laut und Judith lächelte (ein Zug, der ihr immer mehr abhanden kam) und einen Moment lang waren unsere Augen und unsere Münder synchron, unsere Gesichter starr, unsere Lippen geschwungen und wir musterten uns. Und als sie etwas in mir erkannte, senkte sie den Blick und betrachtete ihre durchnässten Chucks und dankte mir, trotzdem. Ich atmete tief ein und dann legte sich eine Hand sich auf meine Schulter.

Ich sog sie tief ein, als würde ich etwas wissen wollen. Ihr Schweiß, ihr Duft, ihr Lächeln war stets eine Nachricht an mich, eine Erinnerung, ein Appel. Das es anders geht; das wir das Glück nicht schmieden müssen, sondern es zersägen können, wenn wir wollen. Und aus den Trümmern und den Teilen es komplett neu erschaffen, ohne Anleitung, ohne Vorgaben. No fate. Judith, ein Phönix und ich liebte sie. Judiths Regel – haben Sie sicherlich bereits raus gefunden: sie war der erste Satz eines Buches, dass sie mir schenkte. 

Wusste Judith: Dass ich mich in sie verlieben werde? Dass wir sterben würden? Dass es anders besser gewesen wäre? Dass sie sterben musste? Dass sie mich auf einer Brücke erkennen würde? Dass Sie mich nicht lieben könne? Dass aus Leid nicht immer Wachstum entspringt, sondern Zorn? Dass wir uns im Kreis drehen, eine unendliche Spirale, die sich wiederholt und wiederholt und. Dass ich es ihr nicht verzeihen könnte, wenn auch nur die Antwort auf eine einzige dieser Fragen „ja“ wäre.

Ich hoffe, Sie haben Judith nicht all zu lieb gewonnen, weil wir werden sie nun sterben lassen. Sie lebt noch neun Monate, 11 Stunden und 24 Minuten. Schneeriesen. Hier eine Liste von Dingen, die nicht passieren hätten sollen:

Judith lacht noch 51 Mal.
Judith trifft mich und David.
Judith entdeckt ihre Liebe zu guten Drogenfilmen.
Judith tanzt acht Mal im Regen.
Judith schreibt eine SMS.
Judith ließt ein Gedicht, welches ich für sie geschrieben habe.
Judith summt einen Song, als sie meinen Text ließt.
Judith verbrennt eine Widmung.
Judith schließt die 7. Klasse ab.
Judith streitet sich wegen eines Buches mit mir.
Judith übernachtet auf meiner Couch.
Judith hält meine Hand.
Judith verfasst einen Brief an ihre Mutter.
Judith macht klar, dass es keine Rechtfertigung ist.
Judith erzählt mir von ihren Tabletten.
Judith schläft in meinem Bett ein.
Judith erkennt, das Glück süchtig macht.
Judith denkt an eine Strophe und ihr fällt ein, wo sie es schon einmal gehört hat.

Und hier eine Liste von Dingen, die passieren. Die immer passieren werden: Judith nimmt eine Überdosis ihrer Medikamente und stirbt im Schlaf. Sie hörte ein Lied namens The Water. Ein kleiner Unterschied.

Wissen Sie noch, wie dieser Text aufhören soll?
Eine Regel. Wir brechen sie jetzt.
Und trotzdem geschieht sie.

Der Soundtrack, der als Inspiration zu diesem Text diente, hier in Reihenfolge der Erwähnung/Referenz:
Nine Inch Nails: Only (El-P Remix):
Kid Cudi – Solo Dolo:
Feist – The Water:
Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , ,

passen sie jetzt gut auf: wie judith das schicksal zu ihrer schlampe machte (als sie noch jünger war)

Der Titel dieses Kapitels ist eine Anspielung auf den Namen eines Filmes; als ich noch lebte, schrieb ich gerne Kritiken über Filme, die sich niemand ansehen würde und über das Horrorfilm „The Sick Thing that Happened to Emily When She Was Younger“ kann ich mich erinnern, nur den Namen toll gefunden zu haben (und in der Rezension dies auch so geäußert zu haben). Beziehungsweise, Judith fand ihn schlecht und ihr gefiel der Name. Aber woran kann ich mich schon richtig erinnern. An das: nachdem wir uns den Film angesehen haben, regnete es.

Judith kam eines morgens zu spät in meine Bäckerei. Es war der Tag, an dem sie zurück fuhr. Der Tag des Gewitters. Judith McFly kämpfte sich ihren Weg zurück und schickte ihre Dämonen zurück in die Hölle, aus der sie entsprungen waren. Eine Kriegerin, heroisch und zitternd und sie bahnte sich ihren Weg durch den frischen Geruch des städtischen Morgens und in ihrer linken Hand hielt sie ein Buch und in ihrer rechten Hand eine Blatt Papier.

At least you have been loved.

„Ich habe etwas für dich“, waren die ersten Worte, die Judith – abseits der Höflichkeiten und den schüchternen, langen Blicken (ich bin mir sicher) – mit mir wechselte. Normalerweise – ein in sich geschlossener Widerspruch, wenn man bedenkt, wer ich bin – hätte ich mein übliches Programm abgezogen, skeptische Blicke, Pointen, gespielte Schüchternheit oder offene Abweisung, jedoch stets humorvoll, so dass sich die „Leute“ nicht vor den Kopf gestoßen fühlen. Doch die Situation erlaubte es nicht, zu schnell wurden die Szenen abgespielt, perplex drückte ich dem letzten Kunden (der es gar nicht gerne sah, dass er bei der Semmelumverteilung unterbrochen wurde) seine 10 Euro Rückgeld in die Hand und öffnete die Lippen um einen krächzenden Laut zu fabrizieren. Nicht meine beste Vorstellung, ich gebe es ja zu. Ich war den ganzen Vormittag über ziemlich übel gelaunt gewesen (mein Filialleiter mied mich, nachdem ich ihn einen giftigen, vielsagenden Blick zugeworfen hatte), ganz zu schweigen von meiner steigenden Nervosität; meine Fingernägel waren mir keinerlei Dank verpflichtet, meine Kunden, die mich angewidert beobachteten, wie ich den wenigen Rest des Daumennagels, der gerade noch über die Fingerkuppe ragte mit Konsequenz abnagte und im Mund zerkaute, während ich ihren Doppelten Espresso zum Mitnehmen zubereitete, ebenso wenig. Ich vermute, es lag an den zahlreichen „Doppelten“, die ich mir pro jeweils Bestellten genehmigte (ein kleines Spiel, welches ich mir heute morgen überlegt hatte und zum puren Selbstzweck verfallen war, als ich merkte, dass sowohl mein Chef – der schon mein Nagelbeißen nicht besonders akzeptabel fand – als auch meine Blase sich daran störten und die Anzahl von „Doppelten“ die an diesem sturmverdächtigen Tag geordert wurde, war immens!). Oder es lag an Ausfall der Routine, Sicherheit durch Wiederholung und Angst durch Zerstörung der Normen. Als Judith nicht wie unausgesprochen versprochen an diesen Morgen zwischen 7:30 und 7:36 in der Bäckerei erschien hasste ich sie und mich gleichwertig und gleichzeitig und ich kam mir blöd vor, wollte die vorgefertigte Packung mit einer Topfentasche (die sie fix bestellte) und dem zufällig hinzugefügten Nougatcroissant (dem schönsten, welches wir heute hatten; die Schokoladenverziehrung war nicht gebrochen oder abgeblättert, die Form bröselte nicht und hielt die mindeste Symmetrie, die man von einem Kipferl erwarten konnte) schon öfters in den Mistkübel werfen oder ihren Kaffee austrinken (eine eigenartige Faszination ging von dem immer kälter werdenden Pappbecher aus; einerseits verlangte er regelrecht, dass ich meine Lippen um seinen heißen Rand legte, andererseits reagierte jede Faser meines Körpers unterhalb meines Herzen mit ausgesprochen scharfer Abneigung), beziehungsweise, wenigstens hineinspucken. Letzteres – das wusste ich sobald ich nur den Gedanken in die Nähe meines Bewusstseins brachte – konnte ich jedoch nicht über mein kaltes, koffeingetränktes und -lüsterndes Herz bringen.

Und dann war es soweit; die Terroristin meines Alltags, eine Kriegerin – heroisch – bahnte sich den Weg an die Theke, brachte die Zeit aus den Fugen und desynchronisierte den Kassenschnitt um weitere zehn Euro (ja, weitere, bedenken Sie meinen Zustand) und sie sprach und ihre Stimme klang bestimmter als ich es in Erinnerung hatte, doch diese Erinnerung orientierte sich an abgenutzten Worten und den mir verhassten Floskeln (bei ihr dennoch akzeptabel und aus den Umständen herableitend nachvollziehbar), also schenkte ich dieser Abweichung keiner weiteren Beachtung, wie auch, ich war gefangen in einer Szene, deren Abfolge ich stundenlang geprobt hatte, doch deren Weiterführung mir im Moment unmöglich war, weil der Souffleur meiner Sätze entweder besoffen in der Toilette einer fensterlosen Bar oder sich in seinem Zimmer erschossen hatte, da er erkannt hatte, dass es keinen Sinn machte, mir die Grundzüge menschlicher Kommunikation begreifbar zu machen (und er sich stets als dramatischer Regisseur gesehen und nie für die Farce meines Lebens unterschrieben hatte). Trotzdem, the fucking show must go fucking-fuck on: stellen Sie sich also mein erstes Gespräch mit der ersten Liebe meines Lebens unter jaulenden Streichern, aufbrausenden Pauken und imposanten Trompeten vor – ein episches Feuerwerk, welches sein großes Finale in dem Moment erfuhr, dass ich ohne Angst und ohne Abscheu sprach und dass, obwohl mir trotz meiner geschärften Sinne und meiner sensiblen Aufmerksamkeit (vor allem, was ihr Verhalten betraf), das Wichtigste verloren ging, es mir einfach entfallen war.

Sie hielt mir das Buch hin. Ich blutete mittlerweile an der Spitze des linken Zeigefingers.
„Ich habe etwas für dich.“
(dein Schicksal)
„Das waren jetzt 27 Sekunden“, sagte sie. „Ich habe mitgezählt.“ Pause. „Ich weiß, dass ist komisch. Aber das mache ich manchmal. Ich hoffe, das… äh, geht in Ordnung, I guess?“
Endlich zeigte ich eine Reaktion, Anglizismen bringen mich aus dem Konzept (ich weiß, dass das hier nicht der Fall, aber es ist ein thematischer – freud’scher – Nachbar, oder zumindest Bewohner selber Gasse und die Vermengung mehrerer Sprachen steht weit oben auf der Liste der Dinge, die meine konversationeller – ist das ein Wort? – Versiertheit mit Rissen durchzieht):
I guess?
Na toll, das Erste, was ich je zu Judith sagte, war eine Nachahmung und Herabwürdigung ihrer Dialogzeilen. Judith zog ihren Arm mitsamt den Buch wieder an sich.
„Wow, da kauf ich jeden Tag diesen, da musst du mir aber Recht geben, ziemlich mäßigen“ (wobei sie dem Wort „mäßig“ einer Schaaf-ischen Konnotation verleite, was mich zum Lächeln brachte, unmerklich) „Kaffee und das erste was du zu mir sagst? Nach Wochen und dann trau ich mich endlich, äh – “
Sie stockte und ich brach endlich aus meiner Starre: „Nein, sorry, ich. Nein, ich wollte dich nicht, äh, verarschen.“
„Das klang aber so.“
Für nächsten Satz nahm ich tief Luft: „Es war auch so gemeint.“
Sie lächelte: „Ich weiß.“ Nein, jetzt lächelte sie. Und: „Wo bleibt jetzt mein Kaffee?“
„Ich dachte, der wäre nicht gut.“
„Mäßig. Aber trinkbar.“
„Hallo-ho?“ (Eine Kundin hatte sich hinter Judith bemerkbar gemacht, wie immer war es eine von diesen „Leuten“, ein unfreundliches Arschloch, der ich am liebsten den heißen, mäßigen, Kaffee in das Dekolleté gegossen hätte).
„Einen Augenblick. Ich bin gleich – “ Kurz irritiert, und dann blickte ich wieder in Judiths freundliches Gesicht. Ich glaube, ich war – „Und was darf es für dich sonst noch sein?“
„Hm, was können Sie mir denn empfehlen. Ich. Hab. Zeit.“ (Mit Betonung auf jede. Einzelne. Silbe. Und auf „Zeit“. Judith hatte offenbar einen besonders subtilen Sinn für Humor.
„Topfentaschen.“ Mir blieb meine Schlagfertigkeit im Hals stecken und außerdem war ich zu nervös um auf Judith Provokation angemessen zu reagieren und das Schnaufen, der Kundin, die den Verweis auf Judith nicht vorhandene Eile und den dazugehörigen Seitenhieb auf ihre rüde Unterbrechung von vorhin erkannte, irritierte mich erneut. Doch Judith rettete mich:
„Ach, erledigen Sie doch bitte die Dame hinter mir.“ Subtiler Humor, once again.

Später; ich war kurz (unter Anführungszeichen) auf der Toilette gewesen und den Filialleiter um vorzeitigen Schluss gebeten, den er mir debattenlos überließ (keine Überraschung) und als Judith dann immer noch da war – wie sie es versprochen hatte, diesmal ausgesprochen – blickte ich ihr lange ins Gesicht und in mein Bewusstsein formte sich ein bestimmter Gedanke, eine Zukunft, ein Schicksal und ich glaube, ich war –
„Wie heißt du eigentlich?“
„Judith. Und du bist – “
Sie las mein Namensschild, dass ich nicht abgenommen hatte und formte ihre Lippen zu meinen Namen. Und ich glaube, ich wusste, ich war verliebt.
„Schön dich kennen zu lernen“, eine theatralische Geste die einen Knicks parodieren sollte, irgendwie gelang mir an diesem Vormittag nicht alles so, wie ich es mir gewünscht hätte, doch das war egal – so egal, „Judith.“
„Danke.“
„Auf so etwas sagt man doch nicht Danke“, meinte ich.
„Ach und wär’s dir lieber ich würde, ich weiß nicht, was äh, angemessenes sagen? Wie, par exemple“, sie stotterte kurz und ich musste grinsen, „auch schön dich kennen zu lernen.“ Jedes Wort, ein hämisches Abbild, seiner abgenutzten Bedeutung. Ich war ihr verfallen.
„I guess?“
„Oh mann, das bleibt mir jetzt, was?“
Ich lachte. Laut. Wirklich! Lauthals. Und ich war nicht einmal überrascht. Es geschah von selbst. Und dann: „Ja, genau. Was hast du damit eigentlich gemeint?“
„Ich weiß nicht, manchmal mache ich das. Wir lernen so viele Sprachen, irgendwie… und ein paar Ausdrücke gefallen mir.“
„Par exemple?“
„Zum Beispiel.“ Ein Handbewegung wie ein Dirigent.
„Und was meintest du mit, dass du – „, ich versuchte, meine Gefühle ihr zu zuschreiben, oder hoffte zumindest, diesbezüglich ihr etwas zu entlocken, doch ich rang mit den Worten, irgendwie tat ich mir schwer, Judiths Gedanken zu umschiffen und mit Worten Wellen in ihr zu schlagen, „äh, dass du, seit Wochen…“ Ich holte tief Luft: „Dass du dich heute getraut hast. Das erste, äh, zum ersten Mal mit mir zu reden.“
„Ja?“
Zaghaft: „Ja?“ Ich verlor die Hoffnung, augenblicklich und mein Blick senkte sich. Ein Brummen erhob sich in meinem Hinterkopf.
„Ja. Irgendwie war heute der richtige Tag, findest du nicht?“
„Ich find’s super!“, platzte ich heraus, aufgeregt. Von keiner Peinlichkeit berührt.
„Ja, ich auch.“
„Und wieso heute?“
„Das habe ich doch gerade gesagt.“
„Na gut: wieso ist dieser Tag der richtige?“ Es war ein Herumreden, ein Tanz um die Essenz meiner Intention, doch ich genoss es, Gott, ich genoss jedes Wort davon. Jedes verfickte Wort.
„Well played. Hm. Weil ich morgen vielleicht nicht mehr die Möglichkeit gehabt hätte.“
„Ziehst du um?“
„Du bist lustig“, sagte sie, aber meinte dabei nicht das lustige lustig. Das betrübte mich etwas.
„Und weil es heute regnen wird.“
Wir blickten beide nach oben.

„Wo gehen wir eigentlich hin?“
Judith hatte einen Pyjama unter ihrer Wollweste an und das war mir erst jetzt aufgefallen. Ihre braunen Strähnen lugten schlampig frisiert in verschiedene Richtungen; nicht schäbig, nur etwas voreilig.
„Das weiß ich noch nicht“, sagte sie. „Zunächst bringst du mich mal nach Hause, wenn du magst.“
„Natürlich mag ich.“ Ich versuchte wirklich meine Begeisterung etwas einzugrenzen.
„Und dann… Ich weiß nicht. Soweit hab ich noch nicht gedacht.“
Ich: „Das ist schon komisch, irgendwie. Alles… heute.“
„Ja, heute ist ein komischer Tag“, ihre Stimme war etwas leiser geworden: „Als würde es nicht so sein, wie es eigentlich sein sollte.“
(es soll so sein, ich bete darum)
„Was wolltest du mir eigentlich vorhin geben? Ein Buch, oder…“
„Ah ja!“ Ihre Augen leuchteten kurz auf, ihr Stimme erhob sich: „Hier!“
Sie gab mir den Roman von Joey Goebel in die Hand: Tut mir leid, dass Du es ausgerechnet von mir erfährst , aber Du wirst nie glücklich sein. Das Schmutzblatt war herausgerissen.
„Was ist da passiert?“
„Nichts.“ Sie sah mich etwas böse an, nicht feindselig, aber eine feline Haltung die mir zeigte, dass ich die fehlende Seite nichts anging. Nach einem kurzen Zögern fuhr sie fort: „Nichts. Nur eine Erinnerung. Ein Freund von mir, also, er war mal ein Freund, mein‘ ich… er hat mir etwas hineingeschrieben und dass wollte ich nicht hergeben.“
„Und deswegen zerreist du ein Buch?“ Ich muss entsetzt ausgesehen haben.
„Drastische Maßnahmen, ich weiß. Aber ich wollte es dir geben. Sieh es als, äh, Einweihungsgeschenk.“
„Einweihungs… für welche, äh? Ich bin nicht umgezogen, also, schon, aber… außerdem wie…“
„Ach komm, nimm das nicht so wörtlich. Du weißt schon, was ich mein‘. Einstandsgeschenk. Willkommensgruß. Weil wir uns jetzt kennen.“
„Du wolltest mir etwas schenken, damit wir uns kennen lernen. Und, dann, ja. Schenkst du mir es weil wir uns kennen gelernt haben?“
„Mann, bist du immer so – „, sie fischte, ich nahm an, nach etwas weniger gemeinem, als ihrem ersten Entwurf: „Skeptisch?“
„Es ist nur komisch. Nicht, unheimlich komisch, oder clown-komisch…“
„Schon klar.“
„Nein, wirklich!“
„Ja, wirklich: schon klar! Ich weiß, was du meinst. Außerdem ist es wirklich komisch…“. Judith lächelte. Ich zerbrach.
„Aber – ist doch cool, das wir uns jetzt kennen, oder?“
„Bringst du mich jetzt um?“
„Was?“
„Sorry, manchmal versuche ich lustig zu sein“, ich strauchelte, „und dann kommt sowas.“
„Haha. Okay. Und ja.“ Subtiler Humor und eindeutige Zweideutigkeit. Und mein Herz knallte gegen die Decke, als sie sprach.

Wir waren mittlerweile bei ihr angekommen; keine zwanzig Minuten, viel zu kurz, fand ich. Viel zu viel zu kurz.
„So.“
„Cool.“
Eine kurze Pause.
„Und… möchtest du mal mit mir ins Kino gehen?“ Ich würgte innerlich, und biss mit den Zähnen aufeinander. Sie bemerkte es.
„Du sagst das so, als ob das eine Qual wäre.“ Sie legte mir die Hand auf die Schulter. Und mir fiel plötzlich etwas auf, etwas wichtiges war mir entfallen und unter dem Getöse des Konzerts in meinem Kopf hatte ich das Wichtigste verloren: David war nicht da.
„Hallo?“
Mein Blick richtete sich wieder auf Judith; ich war perplex – und erleichtert:
„Was? Äh, nein. Es ist nur, der Satz. Er klingt so…“, meine Hände formten das fehlende Wort in der bedeutungsschwangeren Aprilluft.
„Abgedroschen?“
Ich zielte mit meinem Zeigefinger, der mit einer leichten Blutkruste überzogen war, langsam auf ihre Brust: „Genau!“
„Ist es aber nicht. Nicht wenn du nicht willst, dass es ist.“
„Ein Klischee, dass trotzdem schön und nicht abgenutzt ist“, murmelte ich vor mich hin. Judith neigte den Kopf und ich war mir nicht sicher, ob sie mich gehört hat.
„Also?“. Sie fragte. „Willst du?“
„Ein Klischee?“, fragte ich und mir war schwindlig, Judiths Wesen und David Abwesenheit, die kryptischen Dialoge (offensichtlich kryptisch) der verheißungsvolle Ton in unseren Stimmen und der Geruch nach Regen.
„Willst du das es ein Klischee ist?“ Es war, als ob wir aneinander vorbei redeten und uns dennoch trafen. In mir weinte etwas und ich hoffte, wünschte und betete, dass es bleiben möge.
„Das ist mir egal“, sage ich. Und: „Also. Gehen wir ins Kino?“
„Ja, klar.“ Sie lächelte. Ihr Eyeliner war von gestern, sie war bleich und unwiderstehlich, ihr braunes Haar war wild und schüchtern, das Bandshirt ausgewaschen, die Jogginghose definitiv für das Bett gemacht und ihr Lächeln für mich. Unverfälscht. Mich ergriff das Gefühl, sie besitzen zu wollen, zu bergen und beschützen und irgendwie schämte ich mich dafür, doch zugleich war – bin – ich stolz darauf, dass ich einen Menschen gefunden hatte, der mich nicht anwiderte, nein, mehr noch; den ich mochte. Richtig mögen. Und dass der Mensch, den ich mag, der mir gefällt, ein solcher Mensch ist.
„Jetzt?“
„Jetzt gleich?“
„Ja, klar,
(vielleicht ist es das)
ich muss nur noch kurz rauf, mir richtige Schuhe anziehen.“
Sie lief zu Tür, ihr Schlapfen fielen ihr dabei fast von den Füßen. Vor ihrer Haustür drehte sie sich um, ein Bus fuhr vorbei, sie wartete und als er in der Ferne verstummte war, rief sie mir zu: „Ach, was ich dich fragen wollte
(vielleicht ist er es)
backst du die Croissants eigentlich selber?“
„Willst du wissen, ob ich für dich koche?“
Sie lachte. Laut. Wirklich.
„Danke für das Buch.“

Judith blickte aus dem Fenster und betrachtete den Himmel. In 7 Stunden und 23 Minuten würde sich der Himmel öffnen und die Stadt ertränken. Zwei Minuten später, als Judith es zum erste Mal erlebt hatte. Noch etwas hatte sich geändert: ihr Handy flackerte, er hatte ihr eine SMS geschickt, die erste seit Monaten. Vielleicht ist es das, dachte Judith, als sie ihr Mobiltelefon in ihrer Hand spürte. Sie atmete tief ein und plötzlich fiel ihr etwas auf; etwas war ihr entfallen, das Wichtigste war ihr verloren gegangen. Schnell packte sie einen Hoodie in den Rucksack und zog sich ihre alten Chucks an (sie fühlten sich gut an, wie eine vergessene Erinnerung an ihre Mutter) und hastete nach unten. Auf dem Beistelltisch im Vorzimmer ließ sie den Regenschirm liegen und neben dem Regenschirm, ihr Handy. Als sie schließlich unten ankam und mir den Arm um die Schultern legte, stieß sie einen fröhlichen Seufzer aus („Hey, wieder da, hey.“) und nach einigen Minuten die wir über den Film diskutierten, den wir uns ansehen wollten und schließlich die Auswahl durch einen Titel entschieden wurde, stiegen wir in den Bus und als ich erwähnte, dass ich mich Öffentliche Verkehrsmittel entspannten, bemerkte sie, wie sie es nicht bemerkt hatte, wie verdammt einfach (vielleicht ist es das, endlich) es schon den ganzen Tag voran ging.

Getaggt mit , , , , , , ,

es wird euch nicht gefallen: der ort, an dem vor kurzem noch ein bild hing

An das Datum kann ich mich nicht mehr erinnern doch es begann an einem grauen Vormittag – bei Gott, alle Vormittage waren grau zu dieser Zeit – als ich irritiert an meinem Laptop saß und in nichtssagende Sites starrte. Ich fühlte mich erschöpft, aber auch das war nichts Neues. Die Medikamente, die ich nun wirklich nicht mehr nahm (zwei oder drei hatte ich am Wochenende dann doch noch eingeworfen, da ich Angst hatte, einer Panikattacke zu erliegen und auch wenn meine Ärztin gesagt hatte, dass die Medikamente keine präventive Wirkung zeigen würden, fühlte ich mich dennoch sicherer) machten mich noch Tage später zu einer langsam denkenden und verspätet reagierenden Wanderleiche und ich war versucht, auch den heutigen Tag nur zwischen Toilette, Kühlschrank und Bett zu verbringen; mittleres nur um fest zu stellen, dass ich ohnehin keine Lebensmittel zu Hause hätte, die mich über meine Apathie getröstet und wenigstens für einen gewissen Zeitraum abgelenkt hätten. Doch um einkaufen zu gehen fühlte ich mich noch zu schwach, nein, es hatte keinen Sinn, es zu beschönigen; ich fühlte mich zu ängstlich – ich wusste zwar, dass es kaum möglich war, dass ich in den 200 Schritten, die es zum Supermarkt benötigte, attackiert werden konnte und dass, sollte ich ein weiteres Mal heimgesucht werden, mich meine Wohnung ebenso wenig schützen würde, dennoch wagte ich mich an den „grauen Tagen“ (wie meine Schwester sie nannte) nicht vor die Haustür und an soziale Interaktion konnte ich beim besten Willen nicht denken.

So geschah es, dass ich nackt – einen bitteren Kaffee in der linken (zittrig und die Tasse war zu schwer) Hand – auf meinem Bett saß und die Aktualisierungen der 2.0-Netzwerke meines sozialen Umfelds nach Ablenkungen durchforstete (es waren immer nur das Selbe: bescheuerte Farmspiele, Haustierfütterungssimulationen oder Städtebau-Management, allesamt mit erbärmlichen und bemitleidenswerten Flash-Animationen). Während die Langeweile mich langsam auffraß und mir als möglicher Ausweg aus meiner Apathie nur noch die Angst blieb (in wenigen Momenten meines Daseins, bemängelte ich innerlich – auch wenn ich es nie zugeben würde – die Nichtexistenz eines Fernsehgerätes in meiner Wohnung, doch Linda hatte ihn – als es geschah – zerstört und da wir – kurze Pause/ tiefes Einatmen – es ohnehin nie wirklich genutzt haben, beschloss ich einfach keinen mehr zu kaufen. Beziehungsweise kaufen zu lassen). Ich atmete schroff ein und ich versuchte an etwas Schönes zu denken, doch jedes Mal, wenn sich meine Brust mit der Erinnerung an Wärme erfüllte, erschien Linda vor meinen Augen und ich –

– ich hatte solche Angst um dich, aber jetzt haben wir es geschafft, bitte sieh mich an, siehst du das? Siehst du das? Schatz, es wird alles wieder gut, die Rettung ist unterwegs, oh mein Gott, Schatz, bitte halte durch, ich bin es, du schaffst das, ich bin bei dir, ich bin –

begann schwerer zu atmen und versuchte die Angst zu unterdrücken, die sich von meiner Magengegend langsam in meinen Hals schob und nur darauf wartete laut entlassen zu werden. Runter schlucken hilft sogar, auch wenn es kein Verscheuchen ist, sondern ein Verbannen der Panik in die Fingerspitzen, in Fäuste, zwischen die Zähne. Ich wollte aufstehen und einen Rundgang durch die Wohnung machen, die ich nun bereits seit zwei Jahren bewohnte. Eine Zeit lang hatte ich bei meiner Schwester gelebt, die zwar versuchte sich um mich zu kümmern, aber immer mehr mit den Gedanken gespielt hat, mich in „Behandlung“ (was auch immer sie damit gemeint hatte)  zu stecken und noch einen Arzt konnte ich nicht gebrauchen, also schwindelte ich ihr den gebrochenen aber gefestigten Bruder vor, so dass ich zur Erleichterung unserer beider mir eine eigene Wohnung suchen konnte, nicht mich unweit meines (unseren) vorherigen Wohnortes (Zufall, wirklich und außerdem schlägt ein Blitz doch nicht zweimal in der selben Gegend ein, oder?) niederließ. Ich stapfte kurz in das Wohnzimmer und betrachtete die leeren Regale, vor denen sich Kisten mit Büchern, DVDs und sonstigen Zeug befand („Tand“, hätte Linda dazu gesagt, auch wenn ich immer vermutet habe, dass das kein passendes Synonym dafür war), einen gläsernen Couchtisch, der überaus parallel zu dem namensgebend Möbelstück stand: ich habe hier schon lange keine Zeit mehr verbracht, dachte ich mir. Im Keller befanden sich noch ein paar Kisten Bücher, die meisten von meiner ermordeten Frau, Werke die ich niemals lesen werde, zumindest nicht die Ausgaben die ihr gehörten, da ich mir das, glaube ich, nicht zu traute aber wenigstens als Erinnerung, schmückend, in die Regale stellen könnte. Ich fragte mich kurz, ob das Schleppen von verstaubten Kisten als Tagessoll ausreichen würde und beschloss dann das jeder, der es als „zu wenig“ verurteilen würde, sich ins Knie ficken könne und dann begann ich schließlich doch zu weinen und lehnte mich gegen die Wohnungstür (oberster Stock), sackte langsam in mich zusammen und als das Weinen nach einigen Minuten zu einem stummen Schluchzen wurde, war mir klar, dass ich es heute kaum aus der Tür schaffen würde und ich hasste mich ein bisschen dafür, dass ich überhaupt Gedanken daran verschwendet hatte. Zeit kaufen. Nur bezahle ich nicht dafür, ich borgte, wenn überhaupt! Denn letzten Endes holte mich dann doch wieder alles ein. Ich blieb ungefähr eine Stunde am Boden des Vorzimmer sitzen bis ich mich erhob und mich wieder auf das Bett setzte.

Die Leere starrte zurück. Es war ein unangenehmes Gefühl, doch alles war ein unangenehmes Gefühl, also konnte ich nicht mehr unterscheiden, was zwischen dem hier und den Gedanken an Kellerkisten besser sein sollte. Ich schüttelte den Kopf und lachte demonstrativ auf (für wen? Für sie?): und letzten Sommer, habe ich gedacht, ich hätte es endgültig geschafft (ha, genau!). Fast ein Jahr war vergangen, dass ich das letzte Mal von Angstattacken geplagt wurde, Panik und Paranoia, Zustände, die es mir nicht mehr erlaubten ein normales Leben zu führen und die ich meist eine Woche lang aushielt, ohne jemanden – außer meinen Arzt, der mich selbstredend krank schrieb – zu kontaktieren, bevor ich zu hungrig wurde und mir mein Bargeld für Pizzalieferungen ausging. Letztes Jahr stand nach 8 Tagen meine Schwester vor der Tür, 32 Minuten nach dem ich ihr eine SMS mit dem Inhalt „hilf mir“ getextet habe: 32 Minuten, das weiß ich noch, weil es das erste war, was sie sagte, nachdem sie den Schrecken über meine Verwahrlosung weggewischt hatte. Und: „Neuer Rekord.“ Sie lächelte dabei und ich wusste, dass es ab jetzt wieder gut werden würde.

(Immer wenn ich an die Floskel „gut werden“ denke, muss etwas in mir zynisch auflachen und etwas, dass ich mit Hass vergleichen würde, kommt in mir hoch.)

Wir räumten meine Wohnung auf, warfen die letzten Reste der Pizza weg, entsorgten mehrere Plastiksäcke an Müll (und schauten darauf, dass uns kein Nachbar bei der Massenentsorgung beobachtete), säuberten den Kühlschrank, ich rasierte und duschte mich, während ich durch die geschlossene Badezimmertür meine Schwester ein Lied pfeifen hörte, von dem ich dann den ganzen Tag einen Ohrwurm hatte, saugten mein Schlafzimmer und die Küche und ließen das Wohnzimmer unberührt, da ich mich ohnehin nie dort aufhielt und sie meinte, dass ich mir jemanden anderen suchen sollte, der meine verschimmelten Bücher einräumen würde. Dabei boxte sie mich spielerisch in die Rippen und ich musste lachen (und spürte wie alles – alles – einfach von mir abfiel). Wir redeten viel, als wir meine Wohnung und meiner Selbst wieder auf Vordermann brachten, zunächst über die Zeit, als sie selbst Angstzustände gehabt hatte – sie war öfters deswegen umgezogen, weil sie sich stets beobachtet und nie wohl in einer Wohnung fühlte, meiner Meinung nach musste sie einfach umherziehen, es lag in ihrem Wesen – und darüber, welches Medikament ihr am besten geholfen hatte, welcher Psychotherapeut welchen Mist verzapft hatte und was für Musik ich mir auf meinen mp3-Player spielen sollte. Als ich dann zu sprechen begann – zunächst mit dem Vorwand, meine Lieblingsinterpreten zur Bekämpfung einer Depression darzulegen (The Notwist, Editors und die Stones, ich weiß auch nicht warum, aber die Beatles passen einfach zu keiner Art von Traurigkeit) – bemerkte ich, wie sich etwas in mir löste und je länger ich redete umso unbeschwerter wurde ich und ich sprach und sprach (wie mit ihr damals), mit jedem Satz wurde ein Knoten eines immensen Angstknäuel gelockert und am Abend, als wir uns beide jeweils eine Flasche Rotwein gönnten, nahm ich Lindas Namen zum ersten mal in den Mund und die Stunden in die Nacht hinein waren durchzogen von schönen Erinnerungen, gemeinsamen Erlebnissen und einem Bild, welches ich etwas betrunken einrahmte und neben das Bett stellte. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich nicht weinend zu Bett ging.

Und es hielt. Natürlich plagte mich die Traurigkeit und die Angst, doch ich konnte mit ihr umgehen. Bis ich letzte Woche beim Anblick eines – oh Gott – und ich vergaß zu atmen und unter Tränen wankte ich nach Hause. Als ich die Türe schließlich abgesperrt hatte, begann es von vorne. Alles wieder und alles wieder umsonst. Und ich wollte einfach nicht mehr.

Und dann kam mir dieser Name in den Sinn. Ein Name, an den ich schon lange nicht mehr gedacht habe, ein Name, den ich noch länger nicht ausgesprochen habe und ein Gesicht, dass sich mittlerweile gravierend von meinen Erinnerungen verändert haben musste (würde ich sie überhaupt wieder erkennen, käme sie mir zwischen allen Leuten auf der Straße entgegen?). Ich schloss die Augen – ich saß noch immer nackt und mit kalten Kaffee in der Tasse vor meinem Computer – und als sich meine Lider beugten, blitzte ein Schriftzug auf, Lettern einer Schreibmaschine und – ich öffnete die Augen und holte tief Luft als ob ich gerade die Wasseroberfläche erreicht hätte. Ich öffnete meine Facebook-Page und tippte etwas nervös ihre Lettern ein. Sie war nicht schwer zu finden (und hatte zum Glück kein Pseudonym verwendet) und ich erkannte sie wieder, würde sie immer wieder erkennen und meine Hände zitterten etwas, doch die Angst war gewichen, augenblicklich; eine Ebene in den Hintergrund. Ich klickte mich durch ihr halböffentliches Profil und verlor mich kurz in einer Fotografie, welches von Sonnenschein durchtränkt war: ihre Silhouette war schemenhaft doch ihr Gesicht war deutlich zu vernehmen und die Lippen formten einen Satz (ich wusste welchen, ich wollte es wissen) und mich durchzog eine Traurigkeit die ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Sie war leicht und fremd, wie eine Berührung eines Menschen, den man irgendwie mag, sich aber nicht sicher ist, wie man das ausdrücken soll, der Anflug von Vermissen und das hier irgendwie etwas fehlt. Als würde man sich den Ort ansehen, an dem vor kurzem noch ein Bild hing; die helle Stelle lässt einen den Kopf neigen und suchen, fragen. Ein dunkelsüßes Gefühl, der Geschmack von 80-prozentiger Kakaoschokolade.

Meine Frage war: Wo? Und ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte, also brachte ich den Cursor in Stellung klickte, einmal (Freundschaftsanfrage), dann zweimal (Nachricht versenden) und ich nahm tief Luft, sehr tief, tiefer, noch tiefer und tiefer… und dann begann ich einen Brief zu tippen, den ich nie hätte schreiben sollen.

Hätte ich gewusst, was mich erwartet, hätte ich niemals – nein, das stimmt nicht. Ich hätte. Immer und immer wieder.

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es wird euch nicht gefallen: dinge, die vermeidbar sind

Es gibt immer noch unglaublich viele Menschen, die an das Konzept der Seele glauben. Und mit „Konzept der Seele“ meine ich im Grunde, den Glauben an ein Nachleben. Wozu sonst, sollte man sich an seine, oder generell an eine Seele klammern. Es ist verwunderlich deswegen, weil wir bereits wissen, dass unser Bewusstsein, unsere Persönlichkeit und die damit verbundenen Taten, Gedanken und dem daraus resultierendem Schicksal, nur Produkte elektrischer Impulse unseres zu einem Klumpen geflochtenen Nervennetz sind. Oder wie auch immer man das Gehirn sonst noch nennen mag, ich bin kein Biologe oder dergleichen und hab diesbezüglich keine Ahnung ob mein Begriff auch nur ansatzweise korrekt ist oder ich uns damit gerade zu Insekten degradiert habe. Dennoch bin ich mir darüber bewusst, dass meine Persönlichkeit und somit mein Leben und mein Tun nur deshalb besteht, weil mein Gehirn ohne größere Funktionsstörungen (etwaige Aussetzer in der Erinnerung sind, soweit ich weiß, ein notwendiges Übel um nicht dem Wahn zu verfallen) bereit ist, dem täglichen Leben gegenüber zu treten; sollte es sich eines Tages dagegen entscheiden – und sei es auch nur eine geringe Distraktion in meinem Denken und Handeln, welche sich nicht aus Erfahrung und deren Umsetzung ableiten lässt – bin ich ein anderer Mensch, mit einer neuen, einer differenten Persönlichkeit, die sich selbst und alle anderen anders wahrnimmt und sich deswegen anders benimmt und das bisherige Schicksal umdeutet, umschreibt und neu interpretiert. Chemische Substanzen, persönlichkeitsverändernde Drogen, Alkohol – eigentlich setze ich alles was möglich ist und mir leisten kann, daran, eine andere Persönlichkeit zu erschaffen, vielleicht tue ich das um mir selbst zu erklären, dass das Schicksal nicht existiert und die Seele eine Erfindung aus eben solcher (im übertragenen Sinne) ist. Gehirnaktivität ist/gleich Bewusstsein ist/gleich Seele.

Ist/gleich Schicksal.

Es gibt immer noch unglaublich viele Menschen, die an das Konzept des Schicksals glauben. Und mit „Konzept des Schicksals“ meine ich im Grunde den Glauben an eine Seele. Ergo an ein Nachleben. Schicksal bedeutet, dass unser freier Wille solange frei bleibt, bis er das Gleis seines Vorhanden-Sein nicht wechselt und den Rahmen nicht zu sehr dehnt. Von Sprengen ganz zu Schweigen. Schicksal bedeutet, dass ich mein Leben so zusammenfügen kann wie ich will: ich addiere und subtrahiere Erfahrungen und Menschen, von denen ich denke sie seien es Wert (oder eben nicht) und ergänze Erinnerungen durch meinen Lernwillen Lösungen und Fehler zu vermeiden oder zu wiederholen, ganz wie es mir beliebt, solange ich unterm Strich jeweils das selbe Ergebnis bekomme. Dass ist einerseits durchaus praktisch, da dadurch nichts schief gehen kann, andererseits auch furchtbar langweilig. Das war auch der Grund, warum ich mir letzten Herbst einen Strick um den Hals gebunden und mir mein Leben genommen habe. Beziehungsweise: versucht habe. Vielleicht sollte ich das nächste Mal aus dem Fenster springen. Doch ich vermute, dass das nicht viel bringen wird. Denn, soweit ich weiß, tu ich das alles nur, um mir selbst zu erklären, dass weder Schicksal noch Seele noch Nachleben existieren, sondern nur Erfindungen eben dieser Konzepte. Schicksal bedeutet Bestimmung bedeutet Ordnung.

Bedeutet Seele.

Ich rechne nicht gern, weil mir von Zahlen schwindlig wird und ich sie mir nicht merken oder vorstellen kann. Zweites gilt natürlich nur für große Summen, selbstverständlich kann ich mir unter „einem Dutzend Eier“ etwas vorstellen. Doch unter „7 Milliarden Menschen“ nicht. Oder „10 Millionen Euro“. Oder „50 000 Einwohner“. Irreale Zahlen und total irrelevant für mein Leben. Wahrscheinlich habe ich mir nie die Mühe gemacht, darüber nach zu denken, blöd, weil jetzt muss ich darüber nachdenken. Alles, was bisher geschehen ist, deutet darauf hin, dass jedes – zumindest menschliche – Lebewesen ein transzendentes Bewusstsein besitzt, eine „Seele“, wenn man so will. Etwas, dass an das chemisch zusammengestellte Bewusst sein unabdingbar gekappt wurde und dass bestimmt, was zu zu tun ist. Etwas, das genau weiß, was zu tun ist. Oder auch nicht, denn wenn ich ehrlich bin, wirkt es eher so, als ob es das nicht wüsste. Oder … ich verstehe es nicht. Wie es handelt, was es will, warum es was-auch-immer tut. Und es gibt ungefähr 7 Milliarden verschiedene davon. Muss es doch geben. Außer… Doch, wiederum. Was sind 7 Milliarden schon. Ein Planet. Und wiederum, was heißt das schon; ich kann mir nichts darunter vorstellen.

Es ist irgendwie schon merkwürdig; da hatte man Jahrhunderte gegen Hexen, Dämonen, dunkle Magier gekämpft nur um durch Rationalisierung und Wissenschaft heraus zu finden, dass alles Humbug war. Und dass nur um schließlich heraus zu finden, dass das alles auch nur Humbug war und dass Dämonen und Poltergeister doch existieren und dass es für Besessene keine Hoffnung gibt und dass, wenn es einen Teufel gibt, er sich gerade schlapp lachen muss, wie Unzurechnungsfähig wir doch sind. Und nicht besonders vertrauenswürdig, was es mit „Naturgesetzen“ auf sich hat, aber dass ist eine lange Geschichte und ich bin nicht gut in historischen Fakten, allen voran, weil ich mir zusammengewürfelte Zahlen nicht merken kann und für die meisten Leute, „historisches Wissen“ darauf basiert, wer wann was getan hat. Das Schicksal der Welt, also. Wie konnten wir nur so oft so viel falsch machen.

Eine zusammengewürfelte Kombination an Zahlen kann ich mir merken: am 6. November 2009 wurde meine Frau von einem Dämon ermordet, nach dem er zwei Tage lang Besitz von ihr ergriffen hatte – von ihrem Körper, von ihrem Bewusstsein; ihrer Seele. Wir waren Ende Zwanzig und hatten gerade unser erstes Kind bekommen, eine schwierige Entscheidung über die wir zwei Jahre lang nach gedacht hatten und die zu einer liebevollen Diskussion (deren Seiten immer wieder von beiden Parteien gewechselt wurden) wurde, welche mit folgenden Worten endete: „Vielleicht ist es unser Schicksal ein Kind zu bekommen.“ Vielleicht war es das auch. Oder vielleicht auch nicht. Oder vielleicht war es nur eine Eventualität, eine Ziffer, die später wieder ausradiert, gegen gerechnet werden konnte, damit der Rahmen nicht gesprengt wird. In den zwei Tagen der Besessenheit ertränkte meine Frau unseren Sohn, brach mir zwei Rippen, als sie mich mit unserem Volvo versuchte zu überfahren (ein Versuch, dessen Scheitern ich einer banalen SMS zu verdanken habe) und schnitt sich mit einem Küchenmesser alle Haare vom Kopf und jeden Nagel vom Finger und den Zehen ab. In den letzten Stunden, lief sie mit dem kahlen Kopf ständig gegen die Wand und die Tür; in dem Zimmer, in dem wir sie eingesperrt hatte, war soviel Blut (durch das kleine Fenster, war jegliches Sonnenlicht abgeschirmt worden, an der Decke klebten Hautfetzen!), dass der Arzt, ein Freund, den ich zu Hilfe gerufen hatte und der mit mir meine Frau – den Körper meiner Frau – in das Zimmer sperrte, meinte, sie hätte soviel verloren, dass sie unter keinen Umständen noch bei Bewusstsein hätte sein konnte. Als die Häme dieses übersinnlichen und bösen Wesen schließlich zu Ende ging und ich – noch unter Schock und nicht wirklich ich selbst, wie man doch so sagt – um eine Autopsie bat, wurde mir bestätigt, dass ihr Körper, ihr Herz und ihr Gehirn bereits Stunden vor dem von uns beobachteten „Tod“ gestorben sei. Meine Frau, starb an Blut und Erbrochenen in der Lunge, welches der Dämon sie zwang „einzuatmen“.

Ich war nicht der einzige oder der erste bestätigte Fall. Ich war einer von vielen. Schizophrenie. Multiple Persönlichkeitsstörung. Paranoide Wahnvorstellungen. Decknamen, war das Erste was ich mir dachte, doch je näher ich hinsah umso mehr wurde mir klar, dass die Fälle von „Besessenheit“ nicht vertuscht wurden. Sie waren einfach unwichtig. Medizinische Rätsel wurden sie in halb-wissenschaftlichen Unterhaltungsmagazinen genannt, die sich nicht erklären konnten, was zum Teufel gerade geschehen war. Menschen verschwanden, nicht erst seit kurzem, sondern schon immer. Unschuldige wurden am Scheiterhaufen von Hexen verbrannt, welche die Ironie wahrscheinlich süffisant genossen haben. Filme, Romane, Zeitungsartikel in Regionalblättern; es gab so viel Berichterstattung und Reflexion in den Medien, es war ein allgegenwärtiges Thema, doch das war der Terrorismus auch und niemand war wirklich davon betroffen. Und dann begegnet man eines Tages dem Unglaublichen, dem Unwahrscheinlichen, dem Schicksal. Dinge, die vermeidbar sind, weil es sie nicht gibt und weil man sie rationalisieren kann. Dinge die jeder kennt, aber noch nie gesehen hat. Wie „Der Pate“. Und dann wird man durch unnatürliche Kräfte durch einen Raum geschleudert und das einzige, was man vor sich her plappern kann ist das Wort „dämonisch“ und die Ärzte und Polizisten kommen und alle Anwesenden sind sich über die Dinge, die sie gesehen haben sicher und dann. Ein Familiendrama auf der zweiten Seite des Panorama-Teil. Neben dem Fleischer, der seine Großmütter zu Speck für die exquisiten Berner-Würste verarbeitet hat. Irre, Wahnsinnige, Paranoide. Fehltritte unserer Gesellschaft. Ärzte bestätigen die Ahnung von seelischen Missbrauch und erstellen eine Ferndiagnose des psychischen Verfalls. Die Ratlosigkeit und verschwommenen Aussagen der Zeugen finden eine Erwähnung in der vorletzten Zeile. Adjektive und Verben werden auf das Mindeste reduziert, die Sätze klingen wie ein Haiku: Zeugenaussagen, allesamt widersprüchlich, sprechen von Geistern. Alles unter Anführungszeichen.

Es gibt immer weniger Menschen, die an das Konzept des Übersinnlichen glauben. Und mit „Konzept des Übersinnlichen“ meine ich im Grunde Geister. Es klingt klischeehaft. Doch das ist der Determinismus auch. Die Unlogik die sich dahinter verbirgt, kommt mir jetzt zwar ungeheuerlich vor (ha), doch sie ist mir nicht fremd. Es kommt zwar immer wieder vor, doch es betraf mich nie. Und es kommt so oft vor, dass es mittlerweile keine Gründe mehr gibt, es andauernd zu erwähnen. Wir unterhalten uns, mit dem Schrecken, dass durch eine ganze Welt getragen wird, machen Filme und Novellen, liebliche Romanreihen daraus nur um uns einen Begriff dessen zu machen, was wir nicht begreifen können. Denn es wirft alles über Bord, woran wir glauben und nicht glauben. Können und wollen. Außerdem bedeutet etwas Unfassbares unweigerlich, dass wir keine Ahnung haben und wenn wir nicht wissen, was uns bevor steht, was uns bedroht und was uns bestimmt, dann können wir uns auch nicht schützen. Und das wiederum war Jahrhunderte lang das fälschlich erdachte Schicksal unserer Welt: beschützt euch.

Schicksal bedeutet Akzeptanz. Drückende, langweilige, unvorhersehbare Akzeptanz. Ich will nicht daran glauben, weil es bedeuten müsste, dass alles einen „Sinn“ ergeben muss – und ich glaube, dass wenn dem so ist, mir der Sinn nicht gefallen wird.

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