es wird euch nicht gefallen: dinge, die vermeidbar sind

Es gibt immer noch unglaublich viele Menschen, die an das Konzept der Seele glauben. Und mit „Konzept der Seele“ meine ich im Grunde, den Glauben an ein Nachleben. Wozu sonst, sollte man sich an seine, oder generell an eine Seele klammern. Es ist verwunderlich deswegen, weil wir bereits wissen, dass unser Bewusstsein, unsere Persönlichkeit und die damit verbundenen Taten, Gedanken und dem daraus resultierendem Schicksal, nur Produkte elektrischer Impulse unseres zu einem Klumpen geflochtenen Nervennetz sind. Oder wie auch immer man das Gehirn sonst noch nennen mag, ich bin kein Biologe oder dergleichen und hab diesbezüglich keine Ahnung ob mein Begriff auch nur ansatzweise korrekt ist oder ich uns damit gerade zu Insekten degradiert habe. Dennoch bin ich mir darüber bewusst, dass meine Persönlichkeit und somit mein Leben und mein Tun nur deshalb besteht, weil mein Gehirn ohne größere Funktionsstörungen (etwaige Aussetzer in der Erinnerung sind, soweit ich weiß, ein notwendiges Übel um nicht dem Wahn zu verfallen) bereit ist, dem täglichen Leben gegenüber zu treten; sollte es sich eines Tages dagegen entscheiden – und sei es auch nur eine geringe Distraktion in meinem Denken und Handeln, welche sich nicht aus Erfahrung und deren Umsetzung ableiten lässt – bin ich ein anderer Mensch, mit einer neuen, einer differenten Persönlichkeit, die sich selbst und alle anderen anders wahrnimmt und sich deswegen anders benimmt und das bisherige Schicksal umdeutet, umschreibt und neu interpretiert. Chemische Substanzen, persönlichkeitsverändernde Drogen, Alkohol – eigentlich setze ich alles was möglich ist und mir leisten kann, daran, eine andere Persönlichkeit zu erschaffen, vielleicht tue ich das um mir selbst zu erklären, dass das Schicksal nicht existiert und die Seele eine Erfindung aus eben solcher (im übertragenen Sinne) ist. Gehirnaktivität ist/gleich Bewusstsein ist/gleich Seele.

Ist/gleich Schicksal.

Es gibt immer noch unglaublich viele Menschen, die an das Konzept des Schicksals glauben. Und mit „Konzept des Schicksals“ meine ich im Grunde den Glauben an eine Seele. Ergo an ein Nachleben. Schicksal bedeutet, dass unser freier Wille solange frei bleibt, bis er das Gleis seines Vorhanden-Sein nicht wechselt und den Rahmen nicht zu sehr dehnt. Von Sprengen ganz zu Schweigen. Schicksal bedeutet, dass ich mein Leben so zusammenfügen kann wie ich will: ich addiere und subtrahiere Erfahrungen und Menschen, von denen ich denke sie seien es Wert (oder eben nicht) und ergänze Erinnerungen durch meinen Lernwillen Lösungen und Fehler zu vermeiden oder zu wiederholen, ganz wie es mir beliebt, solange ich unterm Strich jeweils das selbe Ergebnis bekomme. Dass ist einerseits durchaus praktisch, da dadurch nichts schief gehen kann, andererseits auch furchtbar langweilig. Das war auch der Grund, warum ich mir letzten Herbst einen Strick um den Hals gebunden und mir mein Leben genommen habe. Beziehungsweise: versucht habe. Vielleicht sollte ich das nächste Mal aus dem Fenster springen. Doch ich vermute, dass das nicht viel bringen wird. Denn, soweit ich weiß, tu ich das alles nur, um mir selbst zu erklären, dass weder Schicksal noch Seele noch Nachleben existieren, sondern nur Erfindungen eben dieser Konzepte. Schicksal bedeutet Bestimmung bedeutet Ordnung.

Bedeutet Seele.

Ich rechne nicht gern, weil mir von Zahlen schwindlig wird und ich sie mir nicht merken oder vorstellen kann. Zweites gilt natürlich nur für große Summen, selbstverständlich kann ich mir unter „einem Dutzend Eier“ etwas vorstellen. Doch unter „7 Milliarden Menschen“ nicht. Oder „10 Millionen Euro“. Oder „50 000 Einwohner“. Irreale Zahlen und total irrelevant für mein Leben. Wahrscheinlich habe ich mir nie die Mühe gemacht, darüber nach zu denken, blöd, weil jetzt muss ich darüber nachdenken. Alles, was bisher geschehen ist, deutet darauf hin, dass jedes – zumindest menschliche – Lebewesen ein transzendentes Bewusstsein besitzt, eine „Seele“, wenn man so will. Etwas, dass an das chemisch zusammengestellte Bewusst sein unabdingbar gekappt wurde und dass bestimmt, was zu zu tun ist. Etwas, das genau weiß, was zu tun ist. Oder auch nicht, denn wenn ich ehrlich bin, wirkt es eher so, als ob es das nicht wüsste. Oder … ich verstehe es nicht. Wie es handelt, was es will, warum es was-auch-immer tut. Und es gibt ungefähr 7 Milliarden verschiedene davon. Muss es doch geben. Außer… Doch, wiederum. Was sind 7 Milliarden schon. Ein Planet. Und wiederum, was heißt das schon; ich kann mir nichts darunter vorstellen.

Es ist irgendwie schon merkwürdig; da hatte man Jahrhunderte gegen Hexen, Dämonen, dunkle Magier gekämpft nur um durch Rationalisierung und Wissenschaft heraus zu finden, dass alles Humbug war. Und dass nur um schließlich heraus zu finden, dass das alles auch nur Humbug war und dass Dämonen und Poltergeister doch existieren und dass es für Besessene keine Hoffnung gibt und dass, wenn es einen Teufel gibt, er sich gerade schlapp lachen muss, wie Unzurechnungsfähig wir doch sind. Und nicht besonders vertrauenswürdig, was es mit „Naturgesetzen“ auf sich hat, aber dass ist eine lange Geschichte und ich bin nicht gut in historischen Fakten, allen voran, weil ich mir zusammengewürfelte Zahlen nicht merken kann und für die meisten Leute, „historisches Wissen“ darauf basiert, wer wann was getan hat. Das Schicksal der Welt, also. Wie konnten wir nur so oft so viel falsch machen.

Eine zusammengewürfelte Kombination an Zahlen kann ich mir merken: am 6. November 2009 wurde meine Frau von einem Dämon ermordet, nach dem er zwei Tage lang Besitz von ihr ergriffen hatte – von ihrem Körper, von ihrem Bewusstsein; ihrer Seele. Wir waren Ende Zwanzig und hatten gerade unser erstes Kind bekommen, eine schwierige Entscheidung über die wir zwei Jahre lang nach gedacht hatten und die zu einer liebevollen Diskussion (deren Seiten immer wieder von beiden Parteien gewechselt wurden) wurde, welche mit folgenden Worten endete: „Vielleicht ist es unser Schicksal ein Kind zu bekommen.“ Vielleicht war es das auch. Oder vielleicht auch nicht. Oder vielleicht war es nur eine Eventualität, eine Ziffer, die später wieder ausradiert, gegen gerechnet werden konnte, damit der Rahmen nicht gesprengt wird. In den zwei Tagen der Besessenheit ertränkte meine Frau unseren Sohn, brach mir zwei Rippen, als sie mich mit unserem Volvo versuchte zu überfahren (ein Versuch, dessen Scheitern ich einer banalen SMS zu verdanken habe) und schnitt sich mit einem Küchenmesser alle Haare vom Kopf und jeden Nagel vom Finger und den Zehen ab. In den letzten Stunden, lief sie mit dem kahlen Kopf ständig gegen die Wand und die Tür; in dem Zimmer, in dem wir sie eingesperrt hatte, war soviel Blut (durch das kleine Fenster, war jegliches Sonnenlicht abgeschirmt worden, an der Decke klebten Hautfetzen!), dass der Arzt, ein Freund, den ich zu Hilfe gerufen hatte und der mit mir meine Frau – den Körper meiner Frau – in das Zimmer sperrte, meinte, sie hätte soviel verloren, dass sie unter keinen Umständen noch bei Bewusstsein hätte sein konnte. Als die Häme dieses übersinnlichen und bösen Wesen schließlich zu Ende ging und ich – noch unter Schock und nicht wirklich ich selbst, wie man doch so sagt – um eine Autopsie bat, wurde mir bestätigt, dass ihr Körper, ihr Herz und ihr Gehirn bereits Stunden vor dem von uns beobachteten „Tod“ gestorben sei. Meine Frau, starb an Blut und Erbrochenen in der Lunge, welches der Dämon sie zwang „einzuatmen“.

Ich war nicht der einzige oder der erste bestätigte Fall. Ich war einer von vielen. Schizophrenie. Multiple Persönlichkeitsstörung. Paranoide Wahnvorstellungen. Decknamen, war das Erste was ich mir dachte, doch je näher ich hinsah umso mehr wurde mir klar, dass die Fälle von „Besessenheit“ nicht vertuscht wurden. Sie waren einfach unwichtig. Medizinische Rätsel wurden sie in halb-wissenschaftlichen Unterhaltungsmagazinen genannt, die sich nicht erklären konnten, was zum Teufel gerade geschehen war. Menschen verschwanden, nicht erst seit kurzem, sondern schon immer. Unschuldige wurden am Scheiterhaufen von Hexen verbrannt, welche die Ironie wahrscheinlich süffisant genossen haben. Filme, Romane, Zeitungsartikel in Regionalblättern; es gab so viel Berichterstattung und Reflexion in den Medien, es war ein allgegenwärtiges Thema, doch das war der Terrorismus auch und niemand war wirklich davon betroffen. Und dann begegnet man eines Tages dem Unglaublichen, dem Unwahrscheinlichen, dem Schicksal. Dinge, die vermeidbar sind, weil es sie nicht gibt und weil man sie rationalisieren kann. Dinge die jeder kennt, aber noch nie gesehen hat. Wie „Der Pate“. Und dann wird man durch unnatürliche Kräfte durch einen Raum geschleudert und das einzige, was man vor sich her plappern kann ist das Wort „dämonisch“ und die Ärzte und Polizisten kommen und alle Anwesenden sind sich über die Dinge, die sie gesehen haben sicher und dann. Ein Familiendrama auf der zweiten Seite des Panorama-Teil. Neben dem Fleischer, der seine Großmütter zu Speck für die exquisiten Berner-Würste verarbeitet hat. Irre, Wahnsinnige, Paranoide. Fehltritte unserer Gesellschaft. Ärzte bestätigen die Ahnung von seelischen Missbrauch und erstellen eine Ferndiagnose des psychischen Verfalls. Die Ratlosigkeit und verschwommenen Aussagen der Zeugen finden eine Erwähnung in der vorletzten Zeile. Adjektive und Verben werden auf das Mindeste reduziert, die Sätze klingen wie ein Haiku: Zeugenaussagen, allesamt widersprüchlich, sprechen von Geistern. Alles unter Anführungszeichen.

Es gibt immer weniger Menschen, die an das Konzept des Übersinnlichen glauben. Und mit „Konzept des Übersinnlichen“ meine ich im Grunde Geister. Es klingt klischeehaft. Doch das ist der Determinismus auch. Die Unlogik die sich dahinter verbirgt, kommt mir jetzt zwar ungeheuerlich vor (ha), doch sie ist mir nicht fremd. Es kommt zwar immer wieder vor, doch es betraf mich nie. Und es kommt so oft vor, dass es mittlerweile keine Gründe mehr gibt, es andauernd zu erwähnen. Wir unterhalten uns, mit dem Schrecken, dass durch eine ganze Welt getragen wird, machen Filme und Novellen, liebliche Romanreihen daraus nur um uns einen Begriff dessen zu machen, was wir nicht begreifen können. Denn es wirft alles über Bord, woran wir glauben und nicht glauben. Können und wollen. Außerdem bedeutet etwas Unfassbares unweigerlich, dass wir keine Ahnung haben und wenn wir nicht wissen, was uns bevor steht, was uns bedroht und was uns bestimmt, dann können wir uns auch nicht schützen. Und das wiederum war Jahrhunderte lang das fälschlich erdachte Schicksal unserer Welt: beschützt euch.

Schicksal bedeutet Akzeptanz. Drückende, langweilige, unvorhersehbare Akzeptanz. Ich will nicht daran glauben, weil es bedeuten müsste, dass alles einen „Sinn“ ergeben muss – und ich glaube, dass wenn dem so ist, mir der Sinn nicht gefallen wird.

Advertisements
Getaggt mit , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: