es wird euch nicht gefallen: der ort, an dem vor kurzem noch ein bild hing

An das Datum kann ich mich nicht mehr erinnern doch es begann an einem grauen Vormittag – bei Gott, alle Vormittage waren grau zu dieser Zeit – als ich irritiert an meinem Laptop saß und in nichtssagende Sites starrte. Ich fühlte mich erschöpft, aber auch das war nichts Neues. Die Medikamente, die ich nun wirklich nicht mehr nahm (zwei oder drei hatte ich am Wochenende dann doch noch eingeworfen, da ich Angst hatte, einer Panikattacke zu erliegen und auch wenn meine Ärztin gesagt hatte, dass die Medikamente keine präventive Wirkung zeigen würden, fühlte ich mich dennoch sicherer) machten mich noch Tage später zu einer langsam denkenden und verspätet reagierenden Wanderleiche und ich war versucht, auch den heutigen Tag nur zwischen Toilette, Kühlschrank und Bett zu verbringen; mittleres nur um fest zu stellen, dass ich ohnehin keine Lebensmittel zu Hause hätte, die mich über meine Apathie getröstet und wenigstens für einen gewissen Zeitraum abgelenkt hätten. Doch um einkaufen zu gehen fühlte ich mich noch zu schwach, nein, es hatte keinen Sinn, es zu beschönigen; ich fühlte mich zu ängstlich – ich wusste zwar, dass es kaum möglich war, dass ich in den 200 Schritten, die es zum Supermarkt benötigte, attackiert werden konnte und dass, sollte ich ein weiteres Mal heimgesucht werden, mich meine Wohnung ebenso wenig schützen würde, dennoch wagte ich mich an den „grauen Tagen“ (wie meine Schwester sie nannte) nicht vor die Haustür und an soziale Interaktion konnte ich beim besten Willen nicht denken.

So geschah es, dass ich nackt – einen bitteren Kaffee in der linken (zittrig und die Tasse war zu schwer) Hand – auf meinem Bett saß und die Aktualisierungen der 2.0-Netzwerke meines sozialen Umfelds nach Ablenkungen durchforstete (es waren immer nur das Selbe: bescheuerte Farmspiele, Haustierfütterungssimulationen oder Städtebau-Management, allesamt mit erbärmlichen und bemitleidenswerten Flash-Animationen). Während die Langeweile mich langsam auffraß und mir als möglicher Ausweg aus meiner Apathie nur noch die Angst blieb (in wenigen Momenten meines Daseins, bemängelte ich innerlich – auch wenn ich es nie zugeben würde – die Nichtexistenz eines Fernsehgerätes in meiner Wohnung, doch Linda hatte ihn – als es geschah – zerstört und da wir – kurze Pause/ tiefes Einatmen – es ohnehin nie wirklich genutzt haben, beschloss ich einfach keinen mehr zu kaufen. Beziehungsweise kaufen zu lassen). Ich atmete schroff ein und ich versuchte an etwas Schönes zu denken, doch jedes Mal, wenn sich meine Brust mit der Erinnerung an Wärme erfüllte, erschien Linda vor meinen Augen und ich –

– ich hatte solche Angst um dich, aber jetzt haben wir es geschafft, bitte sieh mich an, siehst du das? Siehst du das? Schatz, es wird alles wieder gut, die Rettung ist unterwegs, oh mein Gott, Schatz, bitte halte durch, ich bin es, du schaffst das, ich bin bei dir, ich bin –

begann schwerer zu atmen und versuchte die Angst zu unterdrücken, die sich von meiner Magengegend langsam in meinen Hals schob und nur darauf wartete laut entlassen zu werden. Runter schlucken hilft sogar, auch wenn es kein Verscheuchen ist, sondern ein Verbannen der Panik in die Fingerspitzen, in Fäuste, zwischen die Zähne. Ich wollte aufstehen und einen Rundgang durch die Wohnung machen, die ich nun bereits seit zwei Jahren bewohnte. Eine Zeit lang hatte ich bei meiner Schwester gelebt, die zwar versuchte sich um mich zu kümmern, aber immer mehr mit den Gedanken gespielt hat, mich in „Behandlung“ (was auch immer sie damit gemeint hatte)  zu stecken und noch einen Arzt konnte ich nicht gebrauchen, also schwindelte ich ihr den gebrochenen aber gefestigten Bruder vor, so dass ich zur Erleichterung unserer beider mir eine eigene Wohnung suchen konnte, nicht mich unweit meines (unseren) vorherigen Wohnortes (Zufall, wirklich und außerdem schlägt ein Blitz doch nicht zweimal in der selben Gegend ein, oder?) niederließ. Ich stapfte kurz in das Wohnzimmer und betrachtete die leeren Regale, vor denen sich Kisten mit Büchern, DVDs und sonstigen Zeug befand („Tand“, hätte Linda dazu gesagt, auch wenn ich immer vermutet habe, dass das kein passendes Synonym dafür war), einen gläsernen Couchtisch, der überaus parallel zu dem namensgebend Möbelstück stand: ich habe hier schon lange keine Zeit mehr verbracht, dachte ich mir. Im Keller befanden sich noch ein paar Kisten Bücher, die meisten von meiner ermordeten Frau, Werke die ich niemals lesen werde, zumindest nicht die Ausgaben die ihr gehörten, da ich mir das, glaube ich, nicht zu traute aber wenigstens als Erinnerung, schmückend, in die Regale stellen könnte. Ich fragte mich kurz, ob das Schleppen von verstaubten Kisten als Tagessoll ausreichen würde und beschloss dann das jeder, der es als „zu wenig“ verurteilen würde, sich ins Knie ficken könne und dann begann ich schließlich doch zu weinen und lehnte mich gegen die Wohnungstür (oberster Stock), sackte langsam in mich zusammen und als das Weinen nach einigen Minuten zu einem stummen Schluchzen wurde, war mir klar, dass ich es heute kaum aus der Tür schaffen würde und ich hasste mich ein bisschen dafür, dass ich überhaupt Gedanken daran verschwendet hatte. Zeit kaufen. Nur bezahle ich nicht dafür, ich borgte, wenn überhaupt! Denn letzten Endes holte mich dann doch wieder alles ein. Ich blieb ungefähr eine Stunde am Boden des Vorzimmer sitzen bis ich mich erhob und mich wieder auf das Bett setzte.

Die Leere starrte zurück. Es war ein unangenehmes Gefühl, doch alles war ein unangenehmes Gefühl, also konnte ich nicht mehr unterscheiden, was zwischen dem hier und den Gedanken an Kellerkisten besser sein sollte. Ich schüttelte den Kopf und lachte demonstrativ auf (für wen? Für sie?): und letzten Sommer, habe ich gedacht, ich hätte es endgültig geschafft (ha, genau!). Fast ein Jahr war vergangen, dass ich das letzte Mal von Angstattacken geplagt wurde, Panik und Paranoia, Zustände, die es mir nicht mehr erlaubten ein normales Leben zu führen und die ich meist eine Woche lang aushielt, ohne jemanden – außer meinen Arzt, der mich selbstredend krank schrieb – zu kontaktieren, bevor ich zu hungrig wurde und mir mein Bargeld für Pizzalieferungen ausging. Letztes Jahr stand nach 8 Tagen meine Schwester vor der Tür, 32 Minuten nach dem ich ihr eine SMS mit dem Inhalt „hilf mir“ getextet habe: 32 Minuten, das weiß ich noch, weil es das erste war, was sie sagte, nachdem sie den Schrecken über meine Verwahrlosung weggewischt hatte. Und: „Neuer Rekord.“ Sie lächelte dabei und ich wusste, dass es ab jetzt wieder gut werden würde.

(Immer wenn ich an die Floskel „gut werden“ denke, muss etwas in mir zynisch auflachen und etwas, dass ich mit Hass vergleichen würde, kommt in mir hoch.)

Wir räumten meine Wohnung auf, warfen die letzten Reste der Pizza weg, entsorgten mehrere Plastiksäcke an Müll (und schauten darauf, dass uns kein Nachbar bei der Massenentsorgung beobachtete), säuberten den Kühlschrank, ich rasierte und duschte mich, während ich durch die geschlossene Badezimmertür meine Schwester ein Lied pfeifen hörte, von dem ich dann den ganzen Tag einen Ohrwurm hatte, saugten mein Schlafzimmer und die Küche und ließen das Wohnzimmer unberührt, da ich mich ohnehin nie dort aufhielt und sie meinte, dass ich mir jemanden anderen suchen sollte, der meine verschimmelten Bücher einräumen würde. Dabei boxte sie mich spielerisch in die Rippen und ich musste lachen (und spürte wie alles – alles – einfach von mir abfiel). Wir redeten viel, als wir meine Wohnung und meiner Selbst wieder auf Vordermann brachten, zunächst über die Zeit, als sie selbst Angstzustände gehabt hatte – sie war öfters deswegen umgezogen, weil sie sich stets beobachtet und nie wohl in einer Wohnung fühlte, meiner Meinung nach musste sie einfach umherziehen, es lag in ihrem Wesen – und darüber, welches Medikament ihr am besten geholfen hatte, welcher Psychotherapeut welchen Mist verzapft hatte und was für Musik ich mir auf meinen mp3-Player spielen sollte. Als ich dann zu sprechen begann – zunächst mit dem Vorwand, meine Lieblingsinterpreten zur Bekämpfung einer Depression darzulegen (The Notwist, Editors und die Stones, ich weiß auch nicht warum, aber die Beatles passen einfach zu keiner Art von Traurigkeit) – bemerkte ich, wie sich etwas in mir löste und je länger ich redete umso unbeschwerter wurde ich und ich sprach und sprach (wie mit ihr damals), mit jedem Satz wurde ein Knoten eines immensen Angstknäuel gelockert und am Abend, als wir uns beide jeweils eine Flasche Rotwein gönnten, nahm ich Lindas Namen zum ersten mal in den Mund und die Stunden in die Nacht hinein waren durchzogen von schönen Erinnerungen, gemeinsamen Erlebnissen und einem Bild, welches ich etwas betrunken einrahmte und neben das Bett stellte. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich nicht weinend zu Bett ging.

Und es hielt. Natürlich plagte mich die Traurigkeit und die Angst, doch ich konnte mit ihr umgehen. Bis ich letzte Woche beim Anblick eines – oh Gott – und ich vergaß zu atmen und unter Tränen wankte ich nach Hause. Als ich die Türe schließlich abgesperrt hatte, begann es von vorne. Alles wieder und alles wieder umsonst. Und ich wollte einfach nicht mehr.

Und dann kam mir dieser Name in den Sinn. Ein Name, an den ich schon lange nicht mehr gedacht habe, ein Name, den ich noch länger nicht ausgesprochen habe und ein Gesicht, dass sich mittlerweile gravierend von meinen Erinnerungen verändert haben musste (würde ich sie überhaupt wieder erkennen, käme sie mir zwischen allen Leuten auf der Straße entgegen?). Ich schloss die Augen – ich saß noch immer nackt und mit kalten Kaffee in der Tasse vor meinem Computer – und als sich meine Lider beugten, blitzte ein Schriftzug auf, Lettern einer Schreibmaschine und – ich öffnete die Augen und holte tief Luft als ob ich gerade die Wasseroberfläche erreicht hätte. Ich öffnete meine Facebook-Page und tippte etwas nervös ihre Lettern ein. Sie war nicht schwer zu finden (und hatte zum Glück kein Pseudonym verwendet) und ich erkannte sie wieder, würde sie immer wieder erkennen und meine Hände zitterten etwas, doch die Angst war gewichen, augenblicklich; eine Ebene in den Hintergrund. Ich klickte mich durch ihr halböffentliches Profil und verlor mich kurz in einer Fotografie, welches von Sonnenschein durchtränkt war: ihre Silhouette war schemenhaft doch ihr Gesicht war deutlich zu vernehmen und die Lippen formten einen Satz (ich wusste welchen, ich wollte es wissen) und mich durchzog eine Traurigkeit die ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Sie war leicht und fremd, wie eine Berührung eines Menschen, den man irgendwie mag, sich aber nicht sicher ist, wie man das ausdrücken soll, der Anflug von Vermissen und das hier irgendwie etwas fehlt. Als würde man sich den Ort ansehen, an dem vor kurzem noch ein Bild hing; die helle Stelle lässt einen den Kopf neigen und suchen, fragen. Ein dunkelsüßes Gefühl, der Geschmack von 80-prozentiger Kakaoschokolade.

Meine Frage war: Wo? Und ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte, also brachte ich den Cursor in Stellung klickte, einmal (Freundschaftsanfrage), dann zweimal (Nachricht versenden) und ich nahm tief Luft, sehr tief, tiefer, noch tiefer und tiefer… und dann begann ich einen Brief zu tippen, den ich nie hätte schreiben sollen.

Hätte ich gewusst, was mich erwartet, hätte ich niemals – nein, das stimmt nicht. Ich hätte. Immer und immer wieder.

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