passen sie jetzt gut auf: ein lied, das dich aus dem schlaf weckt und ein gedicht, das genau so beginnt

Diese Geschichte endet mit den Worten: At least you have loved. Und sie beginnt mit einem Zitat. Mal wieder. Langsam gehen mir die Verweise aus – außer ich verweise auf Nine Inch Nails, das ist etwas, worauf man andere Menschen immer bewusst aufmerksam machen muss. Sehr bewusst. Worauf ich eigentlich hinaus will. Das hier ist alles nur eine verschrobene Story, um Ihnen klar zu machen, dass Sie nicht gelebt haben, wenn Sie Trent Reznor nicht in ihr Herz aufgenommen haben. Ach ja, und dass alles endet. Die Liebe und das Leben, das wissen Sie wahrscheinlich bereits, Geschichten und ihre Helden, dass war Ihnen auch klar und ja, auch das Ende, der Tod und das Schicksal. Das Universum wird eines Tages in sich zusammenfallen, weil es nicht mehr wissen wird, wie es sich aus dem Chaos herauswinden soll, das es sich selbst eingebrockt hat. Das wussten Sie vielleicht auch, aber es ist Ihnen wahrscheinlich nicht bewusst. Ja, fast ein Wortspiel. Nicht immer zumindest. Es verkettet sich in undenkbare Konsequenzen und irgendwann schnüren die Regeln, die bisher alles in Ordnung hielten, die Knoten der Stricke in der es sich verfängt während die bildhässliche Königin Entropie es lustvoll erstickt und mitsamt allem Leben verschluckt. Und wir werden im Auge des Sturm stehen, am Rande aller Existenzen und werden mit den Schultern zucken und mit irrelevanten Gesten flüstern: „Weil es nicht mehr wirklich darauf ankommt, aber jetzt kann ich es ja sagen, war ganz nett, aber stellenweise etwas langatmig.“

Und dann. Beginnt es von vorne. Infinite loop, simultaneously, continuously. Eine Sicherungskopie. Und wenn sie das einmal wissen, sind sie entweder draußen und spielen Scrabble mit Gott („Was für ein Wort soll YHWH bitte sein?“), oder wie auch immer Sie sich ihren Nachlebensabend vorstellen oder Sie haben sich ihre zweite Chance erbeutet („Doppelter Buchstabenwert für das Y? Das ist Beschiss, Gott.“) oder Sie haben beschlossen, dass es keine Relevanz trägt. Das wir nichts tun können, das manches so kommt, wie es kommen wird, immer und immer wieder und jeder Versuch es nur etwas erträglicher macht. Loop yourself to infinity. Als ich beschlossen habe, mich nicht mehr zu drehen, habe ich die Welt zerstört, doch das machte nichts, da sie ohnehin irgendwann zu Grunde gehen würde. Auerdem bootete das Nichts von einer bestimmten Stelle wieder neu und ich sah mich wieder an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich nicht mehr konnte und nicht mehr wollte, doch diesmal war etwas anders. Eine beschissene Kleinigkeit genügt. Das Universum hätte mich immerhin auch aus seiner Existenz ausradieren können oder einen Bus schicken können – wenn wir Spielfilmdramen Glauben schenken können, minimalen, dann, dass sich alles durch Busse regulieren lässt; 59A ex machina. Doch das wäre zu kompliziert gewesen, zu viele lose Fäden – irgendwie müsste mich das ja schmeicheln (uns alle), da dies bedeutet, dass ich einen gewissen Wert, einen Sinn in der großen Geschichte hatte und meine Existenz irreparable Schäden mit sich trug, schwarze Löcher, die nicht so einfach gestopft werden konnten – doch andererseits, bedeutete es ebenso, dass das Universum einfach mit dem Aufräumen nicht mehr nach käme. Eigentlich simple Wirtschaftsmathematik; Aufwand und Ertragsrechnung und unser Beibehalten, sowie die Beibehaltung der Regeln, ist und war stets einfach, ja, einfacher.

Was heißt das für uns? Wollen Sie ihre Regel wissen? Wollen Sie wirklich wissen, dass immer wenn sie einen bestimmten Grauton erblicken, bei der nächsten Möglichkeit links abbiegen werden? Ist es relevant? Ist es das wert? Und was dann? Bauen Sie sich ein Labyrinth aus linken Sackgassen und rechten Wegen, welches Sie mit Tapeten dieser Farbe (CSS-3 Farbcode #708090, übrigens) schmücken? Gratulation, Sie haben das Universum ausgetrickst und einen neuen Schwierigkeitsgrad frei geschalten; die Aussicht auf eine neue Regel, die besagt, dass, sollten Sie sich in einem Labyrinth befinden, welches aus linken Sackgassen und rechten Wegen besteht, die vorherige Regel außer Kraft gesetzt wird. Applause! You’ve been officially fate-fucked. Es bedeutet nichts für uns, einfach nichts, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Gewissheit, dass das Leben einen Kein-Sinn besitzt und keinen Sinn ist mindestens genau so erleichternd, wie es erschreckend ist. Sollte es Ihnen doch gelingen, trotz aller widrigen Umstände, in einem fabelhaften Prestigio als Igel dazu stehen und den Hasen namens Schicksal in eine Grube, die sie als sie das letzte mal lachten gegraben haben, oder ähnliches gelockt zu haben (ich bemerke, wie ich mich in Idiome verlaufe…) vergessen Sie nicht: es gibt immer einen Reset-Button, eine Sicherung, einen Speicherstand. Und das Schicksal spielt immer auf very easy

Zusammenhänge verstehen ist in unserer Welt schon etwas, worauf Sie sich nicht verlassen sollten. Das gilt für jede SMS genau so wie für die unendlichen Spinnereien des Schicksals. Der Zusammenhang, der Konnex, der gezogen wurde, als Judith am Scheideweg stand und sich gegen ihren Tod und für etwas Leichtigkeit des Seins (Da, schauen Sie! Intertextualität, schon wieder!) entschied, war folgender: du lebst, weil du nun weißt, was dich erwartet. Dich immer erwartet hat. Es wurde nicht damit gerechnet, dass du so selbstsicher aus dem Leben scheidest und deswegen die Kontrolle über das Chaos deines Bewusstsein behieltst, als man dir anbot in ein schöneres Dasein, das Nachleben, zu schreiten. Du hast die symbolische Hand nicht ergriffen – eine Hand deswegen, weil es menschlich ist sich daran fest zu halten – und hast dich umgedreht, bist zurück gewankt und neben der Strom der Zeit gestanden. Du hast in die Maschine geblickt, in die Funktionalität der Existenzen, hast deinen Faden zurück verfolgt und neu gesponnen, die Fransen gefunden: ein Gesicht, ein Geruch, ein Gedanke und ein Gesuch. Du hast die Eventualität verstanden und bist abgetaucht. Dein Gesicht war nass, als du an diesem Morgen erwachtest, als du raus gingst um einen Freund zu suchen. Der Regen klebte dir noch an der Stirn, eine sickernde Warnung; alles was du liebst muss sterben.

Judith trug meine Regel in sich, weil sie sich ihrer widersetzt hatte und die Zusammenhänge verstand. Sie lag im Regen, dem Gewitter, dass an dem Tag über uns hinein brach, als wir aus dem Kino traten. Der letzte Konnex zu ihrem letzten Leben; und das Gewitter ging vorüber und wir hatten keinen Schirm und kein Telefon um uns ein Taxi zu rufen und so liefen wird durch die Strömen und Judith meinte, sie mochte den Regen, doch in Wirklichkeit liebte sie ihn. Wir trabten durch die leeren Straßen und sahen Zeitungsausschnitte an uns vorbei schwimmen und als wir in die Fluten eines einst kleinen Baches unsere Wünsche schrien (alles ihre Ideen), blickte ich sie an und flüsterte in das Wasser, dass ich sie liebte. Der Regen war laut und Judith lächelte (ein Zug, der ihr immer mehr abhanden kam) und einen Moment lang waren unsere Augen und unsere Münder synchron, unsere Gesichter starr, unsere Lippen geschwungen und wir musterten uns. Und als sie etwas in mir erkannte, senkte sie den Blick und betrachtete ihre durchnässten Chucks und dankte mir, trotzdem. Ich atmete tief ein und dann legte sich eine Hand sich auf meine Schulter.

Ich sog sie tief ein, als würde ich etwas wissen wollen. Ihr Schweiß, ihr Duft, ihr Lächeln war stets eine Nachricht an mich, eine Erinnerung, ein Appel. Das es anders geht; das wir das Glück nicht schmieden müssen, sondern es zersägen können, wenn wir wollen. Und aus den Trümmern und den Teilen es komplett neu erschaffen, ohne Anleitung, ohne Vorgaben. No fate. Judith, ein Phönix und ich liebte sie. Judiths Regel – haben Sie sicherlich bereits raus gefunden: sie war der erste Satz eines Buches, dass sie mir schenkte. 

Wusste Judith: Dass ich mich in sie verlieben werde? Dass wir sterben würden? Dass es anders besser gewesen wäre? Dass sie sterben musste? Dass sie mich auf einer Brücke erkennen würde? Dass Sie mich nicht lieben könne? Dass aus Leid nicht immer Wachstum entspringt, sondern Zorn? Dass wir uns im Kreis drehen, eine unendliche Spirale, die sich wiederholt und wiederholt und. Dass ich es ihr nicht verzeihen könnte, wenn auch nur die Antwort auf eine einzige dieser Fragen „ja“ wäre.

Ich hoffe, Sie haben Judith nicht all zu lieb gewonnen, weil wir werden sie nun sterben lassen. Sie lebt noch neun Monate, 11 Stunden und 24 Minuten. Schneeriesen. Hier eine Liste von Dingen, die nicht passieren hätten sollen:

Judith lacht noch 51 Mal.
Judith trifft mich und David.
Judith entdeckt ihre Liebe zu guten Drogenfilmen.
Judith tanzt acht Mal im Regen.
Judith schreibt eine SMS.
Judith ließt ein Gedicht, welches ich für sie geschrieben habe.
Judith summt einen Song, als sie meinen Text ließt.
Judith verbrennt eine Widmung.
Judith schließt die 7. Klasse ab.
Judith streitet sich wegen eines Buches mit mir.
Judith übernachtet auf meiner Couch.
Judith hält meine Hand.
Judith verfasst einen Brief an ihre Mutter.
Judith macht klar, dass es keine Rechtfertigung ist.
Judith erzählt mir von ihren Tabletten.
Judith schläft in meinem Bett ein.
Judith erkennt, das Glück süchtig macht.
Judith denkt an eine Strophe und ihr fällt ein, wo sie es schon einmal gehört hat.

Und hier eine Liste von Dingen, die passieren. Die immer passieren werden: Judith nimmt eine Überdosis ihrer Medikamente und stirbt im Schlaf. Sie hörte ein Lied namens The Water. Ein kleiner Unterschied.

Wissen Sie noch, wie dieser Text aufhören soll?
Eine Regel. Wir brechen sie jetzt.
Und trotzdem geschieht sie.

Der Soundtrack, der als Inspiration zu diesem Text diente, hier in Reihenfolge der Erwähnung/Referenz:
Nine Inch Nails: Only (El-P Remix):
Kid Cudi – Solo Dolo:
Feist – The Water:
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Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , ,

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