Archiv für den Monat Juli 2013

Steven Spielberg: Minority Report (2002)

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In der Zukunft ist alles anders, nur das Böse bleibt gleich. Während manche Dystopien der Kriminalität ein Ende setzen, in dem sie diese frei erlauben (für einen gewissen Zeitraum zumindest), werden manche Visionen gar nicht mehr mit den ganzen bösen Buben fertig, so dass das Justizsystem neu definiert werden muss (Verurteilung innerhalb 24 Stunden, da man alle Anwälte abgeschafft hat). Und auch wenn – zumindest laut dem Psychologen Steven Pinker – die Gewalt mit den Jahren abgenommen hat, ist sie stets ein zentrales Thema diverser Zukunftsängste. Doch eine Zukunft hat es geschafft: im Jahre 2054 gibt es in Washington DC keine Morde mehr. Keinen einzigen. Das bedeutet jedoch nicht, dass keine mehr geplant werden, sondern lediglich, dass man sie mittlerweile vorhersehen kann: die Precrime-Division hat mithilfe eines hellsichtigen Geschwister-Trios geschafft, Morde mehrere Stunden, ja, sogar Tage vor der eigentlichen Tat zu erblicken und somit auch zu verhindern. Der mutmaßliche Täter wird dann geschnappt und in ein Koma-Gefängnis geworfen, die Gefahr ist gebannt. Alles läuft gut, bis leitender Offizier von Precrime John Anderton sich selbst in den Visionen der Mordträumer erblickt. Von nun an gibt es nur noch eine Möglichkeit: laufen und vereiteln.

PKD-Wochen, mit dem saftigen „totale Überwachungsburger“, der dritte. Die große Einleitung zu Philip K. Dicks Werk lasse ich diesmal weg, man kann sich getrost bei meiner Kritik über A SCANNER DARKLY nachlesen. Ich kannte MINORITY REPORT ja schon vom Kino, aber das ist eine Ewigkeit her – offensichtlich schon über zehn Jahre – und irgendwie hatte ich ihn nicht sonderlich überzeugend in Erinnerung. Ich kann mich vage erinnern, dass ich das Prinzip der Vorhersehung unzureichend fand und mich nicht damit anfreunden konnte, dass der Film dies als Basis verwendete. Das war’s aber auch schon. Nach der Sichtung der Linklater-Verfilmung jedoch, stieg das Interesse an intelligenten Sc-Fi wieder und immerhin ist man ja gewachsen und vielleicht ist ja ein Meisterwerk an mir vorbergegangen.

Kurze Antwort: Nein. MINORITY REPORT ist vieles und versucht auch vieles zu sein ist aber kein Meisterwerk. Pfff.

Derweil fängt alles ganz gut an: die erste Sequenz führt uns in das Setting ein und verfolgt Anderton (Tom Cruise) bein einer Mordüberführung. Sein augenscheinlicher Kontrahent Detective Witwer (Colin Farell, schmierig und bevor er mit Brügge cool wurde) sieht sich die ganze Precrime-Division mal an; immerhin soll man mit dem Programm landesweit gehen, deswegen ist es von dringender Notwendigkeit, dass die Makellosigkeit dieses Systems überprüft wird – man will doch in keiner Zukunft leben, in dem man für ein Verbrechen eingesperrt wird, was man eventuell gar nicht begehen wollte. So überprüft Witwer die Vorhersagungen der Precogs (wie das Orakel-Trio genannt wird) auf Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Wahrheit. Alle im Departement sind von der Perfektion des Systems überzeugt, allen voran Anderton – doch just als die Überprüfung abgeschlossen zu sein scheint, taucht Anderton selbst als Verdächtiger – nein, als Täter – auf dem Schirm auf.

Der Film springt sehr schnell zu den Fragen, die eine solche Gesellschaft mit sich bringen würde: Wie kann man jemanden für etwas einsperren, was er gar nicht begangen hat? Was bedeutet Bestimmung, wenn ein fix vorgesagtes Ereignis, von der Precrime-Division erfolgreich vereitelt wird? Gibt es alternative Pfade, oder sind alle mutmaßlichen Mörder, defintive Mörder. Und: kann ich meine Zukunft ändern? Oder führen alle Entscheidungen erst recht zu der Vorbestimmung?

Die Mythologie hinter MINORITY REPORT ist eine durchwegs spannende und auch verzwickte, moralische Frage. Spielberg und Screenwriter Scott Frank sind sich dieses Tatbestandes zum Glück bewusst und lassen die Figuren und die Story auf solchen Pfaden wandeln. Tom Cruise als John Anderton ist zwar von der Perfektion des Systems überzeugt, doch sobald er auf die Abschussliste gerät, kämpft er erbarmungslos um sein Überleben. Plötzlich zählen die vorhin genannten Maßnahmen der Precogs nicht mehr und der Ex-Jäger ist von seiner Unschuld überzeugt – und dass ist er eigentlich auch, denn getötet hat er noch nicht und sein Opfer ist ihm ebenso wenig bekannt. Wie und wieso kann man also jemanden töten, den man erst zur Stunde des Verbrechens kennenlernt? Doch da Anderton weiß, wie das System funktioniert, bleibt ihm nichts anderes als zu flüchten und sich auf die Suche nach Fehlern im Selbigen zu finden und aufzudecken. Natürlich – denkt man sich – kann er doch bleiben und seinen Kollegen in einer Zelle beweisen, dass er nicht der Schuldige ist; doch das Wissen um die Zukunft verändert diese und die Anweisungen sind klar: jeder Zukunfts-Mörder wird weggepackt, wer einmal auf dem Schirm erscheint, ist eine Gefahr für die Gesellschaft und gehört weggesperrt.

Perfect I agree, but there’s a flaw. It’s human.

Wie kann also ein fehlerloses System also gebrochen werden? Indem man selbst zum Fehler wird? Anderton findet bald heraus, dass sein geliebtes System nicht perfekt ist (zu seinem Glück). Jede Vorhersage wird gespeichert, doch manche verschwinden von der Festplatte. Dabei handelt es sich um sogenannte „Minority Reports“ – Minderheitenberichte, wie sie in der Übersetzung genannt werden – eine Vorhersage, die von den anderen abweicht. Eine Vorhersage, die das Gegenteil beweisen könnte. Eine Vorhersage, die im Geist des begabtesten Precogs sitzt. Ein Fehler des Systems und Anderton macht sich drauf und dran, seinen Minority Report auszugraben und seine Unschuld zu beweisen.

Der Film macht eigentlich alles richtig, wenn es sich um die Interpretation seiner Thematik handelt. Die Dialoge zwischen Cruise und Farrell sind spannend isnzeniert und werfen wichtige Fragen auf, die Figuren werden galubwürdig gezeichnet und selbst, wenn Cruise sei Schauspiel etwas zu kühl wiedergibt, wirken die Konsequenzen und Handlungen der Charaktere glaubhaft und nachvollziehbar. Colin Farrell gibt den schmierigen Unsympathler par excellence und sorgt bis zum Ende für Überraschungen – nicht zuletzt weil es eine der Figuren ist, zu der auf grund seiner Skepsis man immer noch am nächsten eine Bindung aufbauen kann.

Das waren soweit alle positiven Aspekte des Filmes. Die große Minuspunkte können eigentlich auf einen gemeinsamen Nenner heruntergebrochen werden: Steven Spielberg. Denn egal wie ernst das Thema ist, wie schön die ethischen Diskrepanzen auch dargestellt werden oder die Schattenseiten der Hauptfiguren erläutert werden, es gibt immer noch Platz für etwas Profanität. Und die zeigt sich in der – meiner Meinung nach grauenvollen – Inszenierung.

Everybody runs.

Der Film bzw. Spielberg kann es nicht lassen sein futuristisches Setting dafür einzusetzen, semi-spektakuläre Verfolgunsgjagden vom Band fließen zu lassen; das Wort welches mir dabei stets durch den Kopf ging, war cheesy. Natürlich bietet es sich an, den Charakter durch eine Zukunftsstadt zu hetzen, fliegende Autos, Laserstrahlen, Teleportation, Gott, was weiß ich – in der Zukunft kann man schließlich alles machen! Das Problem ist nur, dass es niemanden so recht interessiert, vor allem, wenn die Zukunft so farblos und generisch gestaltet wird, wie hier (als perfekten Vergleich zu einer ansprechenden Zukunftsvision nehme man einfach Referenzwerk BLADE RUNNER her). Im Washington DC des Jahres 2054 ist alles steril, weiß und mit futuristischen Rundungen versehen; die typische Utopie der Sci-Fi Filme der 2000er Jahre (I, Robot; A.I.; Paycheck; Die Insel, etc – diese Filme sind von ihrer Präsentation fast gleich!).

Doch es kommt schlimmer. Eine Blockbuster-Zukunftsvision kann nämlich ohne so Einiges auskommen, was aber auf gar keinen Fall fehlen darf, ist ein herausragendes und intensives Product-Placement. Ich weiß nicht, ob ich das schon mal geschrieben habe oder ob ich’s mir nur andauernd denke, aber die zwanghafte Werbung in Großproduktionen macht den Film kaputt. Und zwar von Innen heraus. Es ist ohnehin schon schrecklich genug wenn sich z.B. eine Serie mehrere Staffeln lang über hält, aber die einzigen Laptops die verwendet werden, die von Apple sind. Oder Will Smith der überdeutlich betonen muss, wie toll seine Converse aus der Vergangenheit sind, wenn er dann in einem Zukunftsaudi davon düst. Liebe Werbefacharschgeigen; so verachte ich eure Produkte nur noch mehr.

Und ganz blöd wird es, wenn sich das PP nicht nur als aufdringlich sondern auch noch als plump und inhaltsstörend erweist: wir haben es in MINORITY REPORT mit einer überaus sterilen Zukunft zu tun (die erst gegen Ende des zweiten Akts ihre düsteren Seiten zeigt); das Department, die Wohnhäuser, die Geräte die verwendet werden – nichts trägt eindeutige Zeichen von Corporate Design und niemand spricht auch nur ansatzweise als hätte er ein Markenverständnis („Gib mir mal ’ne Coke“, gibt’s hier einfach nicht). Bis der Film dann umso heftiger zuschlägt.

VIelleicht bin ich zu streng und lasse mich zu sehr davon stören, aber ich kann einfach nicht anders, als es zu hassen. Aufdringlich schiebt sich die Handymarke ins Bild, während Cruise ein lebenswichtiges Gespräch führt, weiter wird man durch eine Autofabrikhalle geführt die natürlich dem scheinbar einzigen amerikanischen Autoproduzenten der Zukunft gehört: nichts bringt die Dollarzeichen mehr auf die Retina, als der Actionstar im Zukunftsautomodell. „Das kommt auf’s Poster!“ Eine durchaus nette Szene, die den Verfolgungsstatus und die Überwachung des Regimes (und zugleich die Unmöglichkeit der Konsumflucht) verdeutlichen soll, wird durch die völlig sinnlose Überladung realer Markennamen zerstört. Wirklich, dass hätte eine eindrucksvolle Passage werden können, doch stattdessen ist es wichtiger, dem Zuschauer klar zu machen, dass genannte Firmen in der Zukunft den Marktführer geben (was, ehrlich gesagt, auch etwas amüsamt anmutet, wenn man bedenkt, dass die cineastisch omnipräsente Handymarke aus heutiger Hinsicht kaum den Sprung ins Next-Level geschafft hat). Brandwashing, I call bulshit.

Und ein Spielberg wäre kein Spielberg, gäbe es nicht „aufregende“ Actionszenen. Semi-Spektakel, hab ich schon erwähnt. Schlimm wird es, wenn diese dann zu einem comichaften Inszenierung mutiert, die in keinster Weise den Ernst des FIlmes widerspiegelt: Cruise verwandelt sich vom Charakter in den Actionstatisten, den offensichtlich alle sehen wollen (im Gegensatz zur allgemeinen Meinung finde ich Tom Cruise gar nicht schlecht, zwischen seinen Actionfilmen findet sich stets die eine oder andere Überraschung: MAGNOLIA, COLLATERAL, TROPIC THUNDER, ja sogar in KRIEG DER WELTEN (2005) fand ich ihn echt gut). So fliegt der soon-to-be-a-murderer mitsamt einem Jetpack der Polizei davon (Jetpacks… echt jetzt? Sind wir wieder in den 60ern?), hüpft in der besagten Autofabrik von Mechanismus zu Mechanismus (der Klassiker) und liefert sich dann auch noch einen waschechten Boxkampf mit seinem derzeitigen Archenemy (wobei ich ehrlich zugeben muss, dass die Box-Szene schon so überspitzt war, dass ich sie genießen konnte. Außerdem sieht man es gerne, wenn Colin Farrell eins in die Fresse bekommt). Hie und da springt Cruise von CGI-Karren in CGI-Fenster und so weiter und so fort. Unnötig lange Verfolgungssequenz #111. (Und irgendjemand müsste mir auch erklären, woher Andertons plötzlicher „everybody runs“ Anfall herkam.)

Das wäre ja auch okay, die Action steht ohnehin nicht zu sehr im Vordergrund. Wären da nicht die ebenso cheesigen Nebencharaktere, wie die Schöpferin der Precogs, die zwar interessanten Input liefert, diesen aber so lächerlich wie möglich von sich gibt. Nach ein paar Allegorien aus der Flora gehts zum Glück weiter und der Film stimmt einen düsteren Ton an. Finstere Gestalten, Augenoperationen, Verfolgungswahn, allesamt sauber in Szene gesetzt, wäre da nicht die ständige Erinnerung, dass Spielberg unbedingt einen Unterhaltungsfilm für ein breites Publikum abliefern will; an jeder Ecke findet man eine Comic-Relief, die Verfolgungsjagd dominieren und der Bösewicht ist nach der ersten Wendung entlarvt, die Spannung schleicht sich langsam davon.

Was wirklich schade ist, denn neben der persönlichen Story von John Anderton, spinnt sich auch noch eine spannende Verschwörung rund um die angebliche Makellosigkeit des Precops-Systems. Die Visionen der Precogs sind dabei visuell ansprechend (erinnnern ein bisschen an das Ring-Video) und die Suche nach der Wahrheit dunkel und die Auflösung gruselig, fesselnd und spannend. Überhaupt, die Story gibt genug her um einen Film der gänzlich auf Verfolgungsjagden verzichten würde, füllen könnte. Gerne hätte ich einen erwachsenen Film gesehen, der sich seinen Stoff ernsthaft zu Herzen nimmt und seine Geschichte ohne unnötige Actioncharaktere (die hie und da einen netten One-Liner abliefern) erzählt. Doch dazu reicht es leider nicht und man muss sich damit abfinden, dass zwischen den vielen dumben Sequenzen sich auch ab und zu, ganz werbefreie intelligente Szenen abspielen.  So unspannend ist MINORITY REPORT nämlich gar nicht: alleine für Colin Farrells Reaktion, als er Cruise in einem Aufzug stoppt und sich wagemutig gegen die dessen Pistole lehnt (immerhin gab es keine Vorhersehung und so auch keinen Mord) und plötzlich der Precime-Alarm losgeht… aber Spielberg will eben nur unterhalten. Sichere Quellen bestätigen das Gerücht, dass in MINORITY REPORT 2 – DOUBLE JEOPARDY ein hellsichtiger T-Rex (Shia Labeouf) einen alternden Archäologie-Professor jagt.

George Nolfi: Der Plan – The Adjustment Bureau (2011)

Your future has been adjusted.

Adjustment Bureau

Matt Damon spielt eine Version von Matt Damon, der als Politiker in New York um die Gunsten der Wählerschaft buhlt. Er verknallt sich in die freche Emily Blunt, die sich superb als Love-Interest herausstellt, aber – wie sie selbst zum Glück einmal erwähnt – vielleicht gar nicht so viel mit ihm gemein hat. Das wäre ziemlich blöd, weil die Politiker-Version von Matt Damon seine Karriere und sogar seine Erinnerungen auf das Spiel setzt; sich Verlieben steht nämlich nicht auf dem Plan und die Behörde für Schicksals-Anpassung findet das gar nicht cool. So wird der Jungpolitiker von einer Gruppe fein  angezogener Agenten verfolgt, die darauf aufpassen, dass sich unser Held nicht weiters mit seiner neuen Frischliebe durchbrennt. Doch Damon lässt sich nicht verschicksaln und nimmt die Beine, sowie seine Zukunft selbst in die Hand.

Erst letztens fiel mir auf, dass es sich bei dem Allerwelts-Titel DER PLAN (in roten unverwechselbaren Lettern) um eine Verfilmung eines Phil K. Dick-Stoffes handelt – und da ich eh grad auf dem Dick-Trip (no pun intended) bin, hab ich mir gedacht ich führe mir besagtes Werk mal zur Güte (die wirklich billige DVD beim Alles-Laden gab dann noch den letzten Impuls). Und wie erwartet, lief alles nach Plan (pun…, yeah you got it).

Freie Interpretation des Werbetextes: „romantische Mysteryspannung mit einem Hauch Science-Fiction“.

Die Story klingt ja ganz cool: alles was geschieht, passiert, weil jemand es so will. Und sollte mal doch etwas nicht so sein, wie es sein sollte, wird es einfach geradegebogen. Dafür verantwortlich ist das Planungsbüro – ebenso wie jedes andere Büro hat auch dieses Vorgesetzte, Urlaubsanträge, Mitarbeiter. Und jeder Mitarbeiter macht einmal Fehler. Einer dieser Fehler führt dazu, dass unser halb-gebrochener Held sich nicht rechtzeitig mit Kaffee bekleckert und deshalb in einen Bus steigt und deshalb — Reaktion und Wirkung. Oder so. Auf jeden Fall endet das Missgeschick des Planungsbüro damit, dass Matt Damon nicht nur Emily Blunt wieder sieht (was unter keinen Umständen passieren hätte sollen), ebenso erfährt er dadurch die ganze Wahrheit:

Sie haben gerade hinter einen Vorhang geblickt von dessen Existenz Sie gar nicht wissen dürften.

Natürlich wehrt sich der rebellische Politiker (der sich in keine Schublade drängen lässt, außer, dass er unsympathisch reich aussieht, was aber an Matt Damon liegt). Und natürlich lässt er sich nicht auf das Liebes-Embargo der Männer im Anzug ein. Man hat von Vornherein eine gewisse Vorstellung, wie dieser Film ablaufen wird und in genau dieser Manier geht auch weiter. Akzeptanz, Anzweiflung, Rebellion, Befreiung. Der Film geht dabei kaum Wege, die sich jetzt von anderen Filmen in diese Richtung unterscheiden und schafft es auch kaum zu überraschen.

Gelungen sind dafür die Figuren, die zwar unter dem Anstrich der Stereotypie leiden, aber trotzdem noch so viel Persönlichkeit besitzen, dass man sich mit ihnen nicht all zu langweilt. Matt Damon spielt zwar irgendwie immer sich selbst – einen kantigen Typen, den man es nicht abkauft, wenn er mal lächelt – bringt aber in die Figur des Politikers genügend Authentizität rein. Die Frau seiner Träume wird liebevoll und frech gezeichnet, alles in allem sympathisch und auch noch künstlerisch begabt (modernes, impressionistisches und gut choreographiertes Ballett – soweit ich das beurteilen kann), damit wir als Zuschauer auch erkennen, dass die Figur Tiefe besitzt. Anders ist das leider nicht möglich, da Emily Blunt wenig Screentime zugesprochen wird, was auch zur Folge hat, dass wir die Liebesmüh rund um die Protagonisten wenig nach voll ziehen können.

Beziehungsweise: als der junge Politiker das erste Mal seiner Zukünftigen (oder etwa doch nicht? – unheilvolle Musik) begegnet, verstehen wir seine Faszination und den Reiz, der von der jungen Dame ausgeht. Doch im Laufe des Filmes wird Damons Charakter beinahe manisch, wenn es um die Eroberung seiner Traumfrau geht (die er dann ebenso schnell wieder fallen lässt); immerhin kennt er Emily Blunt ja gar nicht so sehr um sicher zu gehen, dass es der einzige Mensch auf der ganzen Welt ist, mit welchem er sein Leben verbringen will. Beinahe hat man den Eindruck, dass Damon mit ihr zusammen sein will, weil er es nicht darf. Dass alle Zweifel mit einer kurzen Erklärung bei Seite gefegt werden, macht die Entwicklung letzten Endes dann auch nicht nachvollziehbarer.

Apropos Erklärungen. Davon mangelt es den Film irgendwie. Was ja nicht schlecht ist. Lieber zu viel offen lassen, als zu viel verraten, finde ich. Aber dennoch – der interessanteste Aspekt des Filmes (das Büro) wird kaum angesprochen und so müssen wir uns mit den Entscheidungen der Hintermänner einfach begnügen. Ein oder zweimal leuchtet die Story kurz auf, als wir erfahren, dass auch die Mitarbeiter des Büros gar nicht wissen, wieso sie diese Entscheidung oder jene Handlung so sein muss: es fehlt die notwendige Gehaltsstufe um solche Informationen zu besitzen. Dann ist auch mal von früheren Plänen die Rede, die ein anderes Schicksal für die Menschheit vorgesehen hatte. Was bedeutet dies? Sind neuere Versionen der Beweis für ein in sich geschlossenes Universum, welches sich immer und immer wiederholt? Überinterpretiere ich schon wieder? Der Film kommt mir diesbezüglich jedenfalls nicht entgegen.

Das meiste, was wir über das Büro erfahren bleibt – ebenso wie der ganze Film – vorhersehbar und kann anno 2011 und später niemanden mehr wirklich vom Hocker reißen. Hie und da wird ein bisschen MATRIX und BRAVE NEW WORLD eingeflochten, Determinismus wird (etwas lächerlich) angesprochen und der philosophische Diskurs, was zum Wohl aller geschehen solle (den auch schon HOT FUZZ beschäftigte, ja ja) wird abgehandelt. Die „Gründe“ die vom Büro genannt werden sind dabei ziemlich haarsträubend, in Anbetracht aber auch wieder plausibel (das liegt aber daran, dass Terence Stamp sie angewidert von sich gibt: ohne uns baut ihr nur Scheiße!). Dass sich das Uhrwerk aber nur dreht, weil uns die fehlenden Zahnräder nicht gezeigt werden, wird einem aber schnell klar; zu viele Ungereimtheiten und zu viele lose Schlussfolgerungen können im Plan erkannt werden und auch die Büromitarbeiter verhalten sich, in Anbetracht ihren Optionen, berfremdlich implausibel (Beispiel anhand eines Spoilers: Warum rekalibrieren sie nicht einfach einen der beiden Charaktere? Gut, das hätte zwar trotzdem keinen Sinn, wie wir später erfahren, aber das Büro hätte diese Vorgehensweise doch wenigstens in Betracht ziehen müssen; wer so viele Möglichkeiten hat, beschränkt sich doch nicht auf Kaffee-Kleckern).

Alles in allem ist DER PLAN herrlich unspektakulär. Die Bildsprache ist klar (und wie die Umgebung repräsentativ kühl) und schnörkellos, der dramaturgische Aufbau so, wie er im Lehrbuch steht, die Antagonisten nur so antagonistisch, wie wir es verkraften, die Guten unter den Halbbösen typisch angelegt (ein Planungsbüromitarbeiter mit Gefühl!) und das Schlupfloch vorprogrammiert. Irgendwie hat es dieser Film auch schwer, weil er sich auf die originelle Idee verlässt und dabei vernachlässigt, dass diese Idee nur auf zwei Arten enden kann. Dem Publikum jedoch, ist das zu jedem Zeitpunkt bewusst. Ja, klar, der Weg ist das Ziel und die noch so tolle Geschichte kann nur funktionieren, wenn die Charaktere ihre Aufgabe ernst nehmen und den Zuschauer mit auf die Reise nehmen. Beispiele im ähnlichen Genrespektrum: SOURCE CODE war zwar irgendwie generisch, funktionierte aber ohne zu sehr zu überraschen, LOOPER hatte neben einer grandiosen Story nicht nur fesselnde Figuren sondern auch noch eine Wahnsinn-Inszenierung, DER PLAN hat von all dem leider nichts.

Nein, das ist gemein. Natürlich hat der Film das, nur nicht so gut. Er läuft und läuft und je mehr man von der aalglatten Aufführung mitbekommt, umso bedeutungsloser wird sie. DER PLAN ist nicht schlecht – wie auch, er ist solide gestrickt und solide gefertigt – aber so unspektakulär, dass es sich schon wieder schlecht anfühlt. Die Zeit, die man in diesen Film investiert, wäre wo anders sicherlich besser aufgehoben. Trotz allem ist DER PLAN kein Film, bei dem man sich im Nachhinein ärgert. Viel mehr wird man nichts empfinden und dieses unspektakuläre Werk sehr schnell vergessen.

PS: Der Trailer ist gar nicht mal so schlecht.

Wolf Pussy

Im Vorzimmer von Wolf – der darauf besteht, dass man seinen Namen wie den englischen Wolf, also woolf [ˈwʊlf], ausspricht, hängt ein Bild, dass seit Monaten seine Freunde in Verwirrung bringt; es ist die Vagina seiner Ex-Freundin Vicky, die das allerdings nicht weiß. Das weiß niemand, nicht einmal Wolfs neue Freundin Clara, die ihre Möse schon viermal von Wolf hat fotografieren lassen. Für Verwirrung sorgt eigentlich auch nicht das Bild, sondern eher Wolf: er fordert jeden seiner Gäste auf, zu erraten, was das Bild zeigt. Niemand hat es bisher geschafft, wenige erkennen überhaupt, dass es eine Fotografie ist und Wolfs Beharrlichkeit jeden wiederholt zu fragen, was er sehe, ist äußerst aufdringlich, finden die meisten. Wolf hat das Bild so sehr vergrößert und an das Objekt herangezoomt, dass es zu einem unkenntlichen, fleischfarbenen Brei wurde. Wolf beschreibt es als ein abstraktes Kunstwerk, er nennt es – originell wie Wolf nun mal ist – LUST. Seine Freunde finden das Bild weniger lustvoll; es gab bereits Berichte von Unbehagen und obwohl man nicht mit dem Finger drauf deuten kann (was Wolf immer sehr erheiternd findet, wenn es jemand wirklich tut), gibt es etwas an Wolfs Vorzimmerbild, was einen nicht direkt abstößt, aber leicht zusammenzucken lässt. Das Bild hängt unübersehbar gegenüber der Einganstür und jeder der die Wohnung betritt, wird augenblicklich damit konfrontiert. Für Wolf ist das Bild mittlerweile zur Alltagsbeiläufigkeit verschwunden, selten erkennt er es bewusst, doch freut sich stets, wenn er jemanden bittet, sich sein Kunstwerk näher anzusehen. Manchmal, nachdem er einen verstörten Gast in das Wohnzimmer gebracht hat, geht Wolf noch einmal zu dem Bild zurück und schnuppert daran, als würde er Vickys Geruch darin erkennen. Doch es riecht nur nach Plastik und Wolf zuckt mit den Schultern. Man kann nicht genau sagen, warum Wolf das macht – das aufdringliche Zeigen, das Schnuppern, überhaupt das Aufhängen einer solch intimen Fotografie, auch wenn sie niemand als solche erkennt – aber ich denke er macht es nur, weil er uns ficken will. Wolf ist ein ziemlich verficktes Arschloch und er liebt es seine Freunde ins Hirn oder in den Arsch zu ficken; sollte man mit Wolf Taxi fahren, muss man unbedingt darauf achten, als erstes aus dem Auto zu steigen, da Wolf – wenn er sich irgendwo absetzen lässt, ohne zu zahlen versteht sich – einem das Portemonaie entwendet, nur um später die Geschichte zu hören, wie man den Taxifahrer die Fahrtkosten bezahlt hat. Insgeheim will Wolf einfach nur raus finden, wie niedrig der Preis für eine BJ seiner Freunde ist um sich die Peinlichkeit zu ersparen, selbst danach zu fragen. Das ist meine Theorie. Oder Wolf klaut einfach gerne, das ist die Theorie seiner Freunde, die alle sehr gut auf ihr Portemonnai aufpassen, wenn Wolf um sie herum schleicht. Manche behaupten auch, Wolf wolle uns befreien, uns vor unsere Grenzen stellen und dabei beobachten, wie wir sie überschreiten. Den Freunden, die eine Beziehung führen hat er – nicht selten ohne ihr Wissen – eine Prostituierte bezahlt (mit welchem Geld auch immer), die sich dann beim gemeinsamen Saufgelage in Wolfs Wohnung an den jeweiligen Schwerenöter rangemacht hat (jedoch nicht ohne vorher eine – mindestens – dreiminütige Abhandlung über Wolfs Fotokunst von sich zu geben). Wenn Wolf dann genug gesehen hatte, wirft er seinen Freund raus und lässt diesen dann mit der Hure alleine stehen, während er alleine oder mit seinen  übrigen Kumpanen, die es vielleicht wissen, oder vielleicht auch nicht, weiter trinkt. Die wenigsten haben sich über die einsamen Stunden mit Wolfs Freundin beschwert, was nur beweist, dass Wolf mit seinen Freunden nicht selten zurecht fickt. Das man Wolf nicht trauen kann hat sich mittlerweile herumgesprochen, doch er schafft es dennoch immer wieder Leute um sich herum zu scharen. Das mag allerdings daran liegen, dass jeder schon mal von fast oder so richtig schlimm von Wolf erwischt wurde und die Abenden mit ihm zu einem freundschaftlichen russischen Roulette ausarten, bei dem jeder an seinem Getränk schnüffelt. Nicht dass man K.O. Tropfen riechen könnte – niemand hier weiß, ob Wolf so etwas wirklich machen würde, aber wenn, dann sind wir uns sicher, dass wir nicht mehr in der selben Stadt aufwachen würden – Urin jedoch schon. Viele Abende vergingen jedoch auch recht ereignislos, was uns erleichtert aber auch enttäuscht hat. Die Mutigen unter uns – und ich gehöre nicht dazu – sprechen Wolf dann mit seinem bürgerlichen Namen „Wolfgang“ an und kassieren eine, dass es sich gewaschen hat.. Wenn Wolf gut drauf ist, schreit er noch ein wenig I am a wolf, und parodiert seinen Nickname mit einem Heulen. Das finden wir dann immer zu Brüllen komisch (was auch daran liegt, dass niemand von uns mehr nüchtern ist, wenn beschlossen wird, Wolf Wolfgang zu nennen). Seit Wolf Gras anbaut, ist es zu weniger aktiven Zwischenfällen geschehen; gut einem seiner Gäste hat er Senf in das Haar massiert, als dieser Schlief, aber das weckte bei mir nur noch ein mildes Lachen hervor. Gras macht Wolf träge, doch ich bezweifle, dass es ihn unkreativ macht. Das Bild in seinem Vorzimmer ist der beste Beweis dafür. Wolfs dunkle Seele erachtet es nicht mehr als notwendig uns an unserem Leid teilzuhaben, sondern erfreut sich schlicht an der Tatsache, dass wir nicht mehr wissen, wann wir gefickt werden. Wolf ist kein guter Freund. Man kann sich auf ihn nicht verlassen und niemand weiß, wie er es andauernd schafft, kein Single zu bleiben, obwohl jede Frau die ich kenne, ihn abstoßend findet. Übrigens auch jeder Mann. Wolf befreundet sich aber auf Grund seiner übereifrig kommunikativen Art schnell mit fremden Menschen und der Kern seiner Gefolgschaft beobachtet Wochenende ein und aus die verschiedenen Gestalten jeden Alters und Geschlechts in Wolfs Apartment ziehen und die Fotze seiner Ex begutachtend. An einem der frühen Sommermonate schaffte es Wolf eine ganze Maturantenklasse zu sich nach Hause zu bringen, da die frischgereiften und angetrunkenen Schüler offensichtlich ignorierten, dass es in der Welt der Erwachsenen nicht Gang und Gebe ist, mit 30-jährigen langhaarigen Borderlinern umher zu ziehen. Wolf bekam am diesen Abend sehr ausführliche Interpretationen seines Bildes, vor allem von zwei zukünftigen Kunststudenten und Coffee-Shop-Baristas die ihr angesammeltes Wissen in  eine extravagante Erläuterung fließen ließen, die immerhin satte 20 Minuten anhielt. Wolf war begeistert. Am selben Abend verkuppelte er einen unserer Gefährten mit einem 15jährigen Mädchen, die sich als Schwester einer der Maturantinnen entpuppte (aber, wie Wolf schwörte, viel älter als diese aussah). Irgendwann wurde ich jedoch müde von Wolf. Er hatte einen meiner Freunde beschimpft und anschließend in die Wohnung gesperrt, weil dieser sich weigerte all seine Kontaktdaten in seinem iPhone unter „Nigger“ zu speichern. Als mein Freund Wolf nach einer längeren Diskussion als bescheuerten Rassist beschuldigte, fuhr Wolf hoch und rannte aus der Wohnung. Als ich ihm nach lief, schlug er die Tür zu und sperrte blitzschnell ab. Mein Freund hämmerte gegen die Eingangstür und schrie, wir sollen ihn verfickt noch einmal aus der Wohnung lassen, doch Wolf grinste nur. „Sag es!“ schrie er zurück und ich schüttelte nur den Kopf und flüsterte, „Mann, du bist nicht einmal schwarz, was soll der Scheiß, Mann“. Wolf, der kein Rassist war, sondern alle Menschen gleich schlecht behandelte, grinste nur weiter und zeigte mir den Mittelfinger. Ich bin nicht besonders stark, doch meine ständigen Augenringe verleihen meinem Ausdruck einen gewissen Grad an Bedrohlichkeit und obwohl ich nicht weiß, ob Wolf darauf anspricht, zeigte es Wirkung als ich nah an ihn herantrat und finster zu Wolf hinauf sah. Durch die Zähne zischte ich einen leisen Befehl und Wolf machte abweisende aber verständnisvolle Gesten. An sich hätte ich es ja kommen sehen können, doch manchmal blenden auch mich Wolfs Manöver; in dem Moment, in dem der letzte Zahn in das Schloss eindrang, stemmte sich Wolf dagegen. Die Schläge aus der Wohnung wurden lauter und die Flüche obszöner und sehr persönlich. Wolf machte die „tja“-Gestik ohne dabei das Gesicht ins Komische zu verziehen. Wir mussten den Schlüsseldienst rufen, die Kosten trug natürlich ich, da niemand der beiden Beteiligten bereit war auch nur einen Teil der Summe zu leisten. Da es dauern konnte, bis der Schlüsseldienst da war, gingen Wolf und ich auf die Straße und tranken beim Wirten ums Eck zwei Halbe auf Kosten meines Freundes, der mit der Portemonnaie-Regel noch nicht vertraut war. Als ich auf der Toilette war, änderte Wolf gelassen alle meine Kontakte und speicherte ihre Namen auf „Goebbels“ um (außer seinen, der behielt den glorreichen Titel „Fuckbuddy“). Schließlich traf der Schlüsseldienst ein und nachdem dieser sich von Wolf auf ein Bier einladen ließ – die Gelegenheit sei nicht dringend und wir (sprich ich) würden ihn auch für die Zeit entlohnen; Wolf wollte unbedingt mit ihm auf ein Bier gehen – entschloss er sich dann, die Tür aufzubrechen. Als wir an Wolfs Wohnungstür gerieten, war es erschreckend still. Und dann fiel uns der Rauch auf, der unter Wolfs Tür heraus floss. Ich schrie und der Schlosser der auf den Namen Moe von Mohammed hörte, tat sein Bestes um die Tür so schnell wie möglich zu öffnen. Wolf stand still da und in seinen Augen leuchtete es; die Tür sprang auf und Wolf drängte sich zwischen mich und Mo, fegte den Rauch beiseite, der zum Glück nicht all zu erstickend war, wie wir befürchtet hatten und breitete die Arme aus um seinen neuen Märtyrer zu umarmen. Doch in dieser Bewegung stockte er. Was bisher geschah: als mein Freund – nennen wir ihn Jo, wie Johannes oder Joseph oder Joachim, wer weiß – bemerkt hatte, dass wir nicht mehr vor der Tür standen und der Irre tatsächlich seinen Schlüssel abgebrochen hatte, beschloss Jo ebenso den Schlüsseldienst anzurufen. Und dann die Polizei. Doch als er kehrt machte, blieb sein Blick erneut an Wolfs Fotografie hängen. Er neigte den Kopf etwas und dann noch etwas und dann noch etwas und plötzlich erkannte er, worum es sich dabei handelte. Was Jo erkannte, hat er uns nie gesagt, doch er war die zwei Stunden, die er in der Wohnung verbrachte erfüllt von Glück und einem innigen Gefühl von Heimkehr, dass er sich nicht von dem Bild lösen konnte. Jo betrachtete es genau, fuhr mit seinen Fingern die verschwommenen Konturen entlang und schnupperte an seinen Fingerkuppen (manche berührte er mit seinen Lippen). Er legte die flache Hand auf die Bildoberfläche und auf diese lies er sein Ohr nieder um durch seinen Puls die Energie des Bildes zu spüren. Jo hatte sich noch nie in seinem Leben so erfüllt und so sinnlich gefühlt. Und da fiel er die Entscheidung dem Wichser eins reinzuwürgen. Jo zerbrach den Rahmen und legte die lose Fotografie vor sich hin, die unter der fehlenden Spannung in sich zusammenfiel (und ironischer weise dadurch um einiges mehr nach dem eigentlich Modell aussah) suchte nach einem Feuer und fand einen halben Joint in Wolfs Wohnschlafküche, den er zur Feier des Tages in sich aufnahm. Die Rauchschwaden des Mary-Janes schwebten über dem Bild und die Konturen wurden immer feiner und Jo musste vom ganzen Herzen grinsen als er einen letzten Blick auf das Foto warf, bevor es unter der Hitze des Zippo, das Wolf mir gestohlen hatte, nachgab und in sich zusammenfiel. Das Foto brannte noch eine ganze Weile und Jo ließ es am Fußboden liegen, wo es einen dunklen, länglichen Fleck hinterließ, welcher der Form von Schamlippen nicht unähnlich war. Wolf würde die Ironie nicht gut heißen. Die Flammen verspeisten zudem noch einen linken Stoffschuh und Teile des Müllsacks, den Wolf seit Wochen neben der Wohnungstür deponiert hatte. Dies erklärte zumindest die Rauchentwicklung, doch der Schaden hielt sich in Grenzen. Nur Wolf war nicht mehr der selbe. Als Jo bekifft aus der Wohnung trat und mir den Mittelfinger entgegenstreckte, wich Wolf demütig seinem neuen Meister aus. Jo sah ihn lange an. Dann schlug er ihn mit voller Kraft auf die Nase. Mo und ich wichen erschrocken zurück. Hinter dem blutverschmierten Gesichts Wolfs erkannte ich das bekannte Leuchten in seinen Augen, dass er bekam, wenn er merkte, dass er mal wieder einen tief in die Scheiße geritten hatte. Jo nahm sein iPhone heraus und ich nahm an, dass er ein Bild seines verletzten Gegners machen wollte, doch schweigend drehte er den Bildschirm zu Wolf und ließ ihn ein paar Sekunden darauf Blicken. Dann wischte er kurz auf und ab und sah die Sache als „gelöscht“ wie er kund gab. Und vergessen, wie er uns alle drohend fragte. Niemand nickte. Kurz war es ruhig und dann forderte Mo auf, dass man ihn bezahlte und ich kramte nach einen sehr kurzen Diskussion mein Portemonnaie aus der Gesäßtasche meiner Jeans.

Hier ein paar Interpretationsvorschläge, die Wolf im Laufe der Jahre gesammelt hatte: Sonnenaufgang, Mondoberfläche, das Innere einer Kuh, Gulasch, die Augen einer Ameise, Himbeer-Joghurt, eine Vielzahl an Fleischgerichten, die Wandfarbe Apricot auf einer Leinwand, ein vergrößerter Ausschnitt aus Munchs Schrei, der Schrei des Schreienden in Munchs Schrei (Maturanten; Pseudo-Wissen), Bart Simpsons Zunge (nicht schlecht, wenn man mich fragt), Rost, ein Teil einer Collage, keine-Ahnung-was-weiß-ich-die-Muschi-deiner-Mutter (knapp, aber das gilt nicht), eine besoffenen Fotografie per se, Kakerlakenlarven unter dem Mikroskop, ein Baumstumpf, das Parkett eines Boden, die Sohle einer meiner Schuhe, Socken in der selben Farbe und mein Liebling: „wie ich Wolf kenne, könnte es auch sein Arschloch sein“.

Guillermo del Toro: Pacific Rim (2013)

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Kaiju VS Jaeger wäre ein ebenso guter Titel gewesen, wenn nicht sogar ein besserer. Denn darum geht es in Guillermo del Toros erster Regiearbeit seit HELLBOY II (2008): riesige Monster (aus dem japanischen gefladert: kaijus) und riesige Roboter (aus dem deutschen: jaeger). Man sieht es auf den Postern, man sieht es im Trailer – kein Zweifel, in diesem Film dreschen die Special-Effekte aufeinander ein, dass die 3D-Kinofunken verschwommen vor dem Gesicht tanzen.

Ja, mal wieder 3D, aber das haben wir bereits abgehackt. Keiner braucht’s. Nächster Punkt: PACIFIC RIM schadet das Ebenenschachteln im Kino gar nicht so sehr. Nach kurzer Eingewöhnung kann man sogleich den ersten Kampf hinter der Plastikbrille begutachten und der sieht gut aus, klar, deutlich und das 3D wird nicht ausgeschlachtet. Del Toro hat einen Film gemacht, der nicht darauf spezialisiert ist, dass einem die Kamera Stöcke ins Bild hängt. Das Bild bleibt dennoch dunkler und bei Reizüberflutung manchmal unscharf. That’s life.

Zum eigentlichen Film: Inhaltlich muss nicht mehr wirklich viel dazu gesagt werden. Ich meine, es sind Riesenroboter gegen verdammte Monster aus der Tiefe!! Duh. Natürlich baut der Film auf eine hoch komplexe Vernetzung sozialer Gefüge der zwischenmenschlichen Beziehungen seiner Charaktere auf und der politische Subtext ist klarer definiert als in Kevin Spaceys aktueller Serie. Psychologische Verhaltensmuster der menschlichen Rasse werden ebenso neu definiert und überhaupt hat PACIFIC RIM die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und den ganzen Rest. Dass sieht doch ein drei-äugiges Monster!

Aber ernsthaft: der Plot dürfte klar sein und del Toro nimmt sich zum Glück auch nicht die Zeit, die Hintergründe der Monster umständlich zu beschreiben. Der Film beginnt, das Voice-Over erklärt, wir sehen Bilder der Endzeit und Brücken die unter dem Gewicht gewaltiger Wesen zusammenklappen. Wir sehen im Schnelldurchlauf das Entstehen der Jaeger und den Siegeszug der Menschheit gegen die Bedrohung aus dem All, das aus der Tiefe kam (jup, deswegen auch der Titel). Und wir sehen den Anfang des Endes. Die Kaijus werden stärker, die Jaeger ineffizienter und da sind wir nun. Am Ende aller Dinge, zwischen Mauerbau und Monsterangst.

Und dann geht’s auch gleich los, mit einem Kampf, der den Ton angibt für die nächsten kommenden Highlights des Films und der ein Spektakel liefert, welches sich andere (Monster-)Filme nicht mal zum Showdown leisten. Ah, man sieht richtig wie viel Freude del Toro und sein Team dabei hatten, das überdimensionale Spielzeug gegeneinander antreten zu lassen; die Moves sind wie aus einem Wrestling-Event und der Soundtrack (gleich zum Einstimmen anhören: „Canceling the Apocalypse“ von Ramin Djawadi) bombardiert die Ohren mit einem gewaltigen Orchestralrock-Thema, das mir einen Tag später noch im Ohr sitzt. Die Monster kreischen, die Roboter fallen auseinander (wobei, „fallen“ ja untertrieben ist, sie werden geshreddert) und Regen, Feuer und Metall fliegt auf der Leinwand umher. Alles in allem ein Riesenspaß.

Natürlich – ohne Substanz. Beziehungsweise, mehr Substanz als ich erwartet habe, was aber bei einem Blockbuster ohnehin nie der Fall ist und in dieser Hinsicht auch nur das übliche Hollywood-Jargon beinhaltet, um die Hauptfiguren halbwegs nachvollziehbar zu machen („Wie war’s mit deiner Freundin?“ – „Sie liebt mich, aber ihr Freund nicht!“; glorreiche Dialogzeilen) und die Sympathiepunkte zu verteilen: da haben wir die junge aufstrebende Kämpferin, die aber keinen Jaeger betreten darf (ihr Chief/Adoptiv-Daddy erlaubt es ihr nicht); den jungen Helden, der seinen Bruder in einem Kampf (siehe Anfang) verloren hat und sich geschworen hat nie wieder einen Jaeger zu besteigen (bis es dann halt doch sein muss); der Arsch, der aber eh ganz lieb ist (es dürfen bereits Wetten auf das Opferlamm des Films gesetzt werden!), der harte aber gerechte Chief (fünf zu eins auf diesen Typen?); der quirlige Wissenschaftler mit seinem deutschen Kollegen mit „Hermann“, den deutschesten Namen überhaupt (oder „comic relief galore“) und noch ein paar Nebenfiguren, die es wohl nicht bis zum Abspann schaffen werden, aber die stereotypisierten, saucoolen Motherfucker sind.

Und, na ja, was soll ich sagen: die Figuren sind eigentlich allesamt liebenswert (natürlich total abgegriffen aber ich hab auch keinen Leos Carax bestellt sondern Monster, Mann!) und machen die meiste Zeit ihre Sache ganz solide. Erwähnenswert sind dabei Ron „Hellboy“ Perlman, Rinko Kikuchi (BROTHERS BLOOM), Idris Elba (THE WIRE) und allen voran Charlie Day, der einzige, bei dem ich mich geärgert habe, dass ich den Film nicht im O-Ton geschaut habe (wer nicht weiß, wer Charlie Day ist: u.a. killt er gerne seinen Boss aber was noch viel wichtiger ist, er ist einer der Schauspieler und Erschaffer der bösesten & witzigsten Serien, welche das Fernsehen je zu bieten hatte; del Toro hat ihn nicht zuletzt wegen seiner Darstellung in dieser besetzt). Ab und zu verliert sich der Film vielleicht in seine etwas unnötige „Charakterentwicklung“ und da wir ohnehin wissen, wer mit wem am Ende im Jaeger kuschelt, sind die Steine die del Toro den Figuren in den Weg legt ziemlich nichtig. Zu lange Rückblenden für selbsterklärende Situationen erschweren den Weg zum nächsten Kampf nur. Der Leerlauf wird dadurch entschädigt, dass den beiden Wissenschaftlern genug Zeit eingeräumt wird und wen die auf der Leinwand auftauchen, sind die Dialoge wenigstens halbwegs witzig (und wie gesagt: Charlie Day!).

Aber zum Wesentlichen: Spring Break, bitches! Oh, sorry. Falscher Film. Killing things from outta space, bitches! Ja, diese things: da kommt der Big-Budget-Trash-Fanboy aus mir heraus, wenn er sich das coole Design und die monströsen Gebilde an Fleisch und leuchtenden Augen und Panzerungen und Säure-Geschossen und so weiter, an sieht. Im Standbild sehen die Viecher ja noch cooler aus, und wenn sie aus dem nichts erscheinen ist das schon ein heftiges Kinofeeling. Leider regnet es in PACIFIC RIM andauernd und die Kaijus lieben nächtliche Angriffe, so dass man sie nie wirklich im ganzer Pracht begutachten kann, zumindest nicht alle. Ein bisschen mehr wäre da schon toll gewesen. Das ultimative Action-Moment, den peak, hat der Film dann gegen Ende des zweiten Akts (und läutet ebenso auch den letzten Akt des Spektakels ein) und da zeigt del Toro genau das, weshalb wir alle gekommen sind. Und hier wird auch nicht zu viel verraten, denn der Angriff der Kaijus auf Honk Kong ist die beste Szene dieses Films und die Kinokarte voll wert.

Leider nimmt die Intensität des Spektakels gegen Ende ab und der Film spult die üblichen Szenen vom Band; Freundschaften werden (wieder) geschlossen, Rivalitäten beiseite gelegt, Entscheidungen gefällt und Opfer gebracht. Bla bla bla, selbst Michael Bay sieht sich mittlerweile nach anderen Schemata um. Der letzte – bei weitem weniger spektakuläre – Kampf gibt dann noch kurz Einblick in die Welt der Kaijus und lässt mit ein paar kleinen Logikambivalenzen den Film so enden, wie man es sich von Anfang an erwartet, gedacht aber nicht unbedingt gewollt hat. Ca. 2 Stunden hat’s gedauert und, wie jeder Blockbuster hat es sich (meistens) nicht so lang angefühlt und der Unterhaltungs-Pegel stand stets auf gehobenem Mittelmaß.

Natürlich, damit muss man auch was anfangen können. Wer beim Gedanken an Riesenroboter und Tiefseekreaturen schon die Augen in die Unendlichkeit verdreht, sollte lieber Abstand von PACIFIC RIM nehmen (wem kann man schon übel nehmen, dass man bei Riesenroboter schnell Reißaus nimmt? Ach ja; ihm) und wer sich von Stereotypen genervt fühlt, wird hier trotz solider Schauspieler und nicht all zu abgenutzter Dialogzeilen nicht glücklich. Und das ist – wenn – auch mein großes Problem mit solchen Filmen; sie nutzen sich so schnell ab, dass (obwohl man Spaß hatte) sich kaum dazu durchringen kann, den Film begeistert noch einmal zu sehen (und seine ignoranten ich-schau-nur-französische-Sozialdramen-Freunde ins Kino zu zerren). Dafür haben solche Filme einfach zu wenig Tiefgang.

Und weil ich das Wort Kino so oft erwähnt habe: PACIFIC RIM ist ein Film der für die Leinwand gemacht wurde. Nur da kracht es und scheint es und schreit es und brüllt es und leuchtet es so laut & grell, wie es will. Während viele Filme durch ihre generischen Actionszenen mittlerweile kaum die Kinokarte wert sind und viel mehr zur verkaterten Sonntagnachmittags-Unterhaltung taugen, will PACIFIC RIM im Kino erlebt werden. Ist auch klar; es sind immerhin effin‘ Monster die sich da die Rübe einhauen und wie wirkt das besser, als wenn einem Roboter und Kreaturen in leibhaftiger Größe vor die Augen geworfen werden? Vielleicht – vielleicht – sehe ich mir PACIFIC RIM noch mal auf DVD an, aber das ist ein Gedanke, den ich wahrscheinlich kaum verwirklichen werde. Wenn überhaupt, gehe ich lieber noch mal ins Lichtspielbordell.

Überhaupt werde ich durch seinen neusten Film auch kein Freund von Guillermo del Toro: er bleibt für mich der von Fanboys glorifizierte substanzlose Märchenerzähler, der schöne Bilder zaubern kann, aber zu faul ist, sich einen richtigen Inhalt und richtige Charaktere auszudenken (siehe das allseits beliebte Videospiel in Filmform PANS LABYRINTH). Aber immerhin; Guillermo del Toro macht fantasievolle Blockbuster, die nicht die Frechheit besitzen, sich selbst zu ernst zu nehmen. Und was noch viel wichtiger ist; sie sind handwerklich und stilistisch immer aller erster Güte, was man von einem überladenen (und grauenhaft missratenen) SUCKER PUNCH zum Beispiel in keiner Weise behaupten kann (oder doch, und wie sie es behaupten).

Doch um wieder etwas Positives zu verlieren: für einen Blockbuster hat mich Guillermo del Toros Film erstaunlich wenig genervt. Klar, die Figurenzeichnung habe ich bereits angesprochen, doch diese wird durch die gut gelaunten Akteure wieder ins Gleichgewicht gebracht und immerhin wird man mit Monster-Fights entlohnt. Außerdem – und das ist jetzt ganz wichtig! – verzichtet der Film auf aufgesetzten Schmalz und den für das US-Amerikanische Kino üblichen Patriotismus (wobei die Ironie hat selbst dabei schon Einzug gehalten, man denke an IRON MAN 3), was die Sichtung um einiges erleichtert.

Überhaupt; in del Toros Film gibt es keinen Staat, keine Grenzen und kein Nationalgefühl – es ist eine multikulturelle Truppe, die sich die Aufgabe gemacht hat, die fiesen Viecher den Schädel zu brechen. Menschheit vereint gegen das Böse aus der Tiefe. Und während der Rest der Welt stets von den Amerikanern gerettet wird, sind es hier wirklich nur Männer und Frauen deren Herkunft eigentlich egal ist (es sind trotzdem hauptsächlich Amerikaner und Briten, ha!) die sich gegen die Bedrohung stellen, normale Menschen in einem Riesenroboter-Anzug. Und auch, wenn der Film es wahrscheinlich nicht gemein hat; diesen Hauch von Subtext lasse ich PACIFIC RIM (oder überinterpretiere ihn hinein) und sei es nur, um mich in Sicherheit zu wiegen, dass Big-Budget-Trash nicht ganz so blöd ist, wie ich es ihm gern vorhalte.

Richard Linklater: A Scanner Darkly (2006)

What does a scanner see?

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Während ich strauchle und versuche Wörter zu finden, die Philip K. Dicks schriftstellerisches Schaffen gebührend erläutern (und mir dabei nur abgenutzte Wörter wie „legendär“ oder „Visionär“ einfallen), stellt sich mir die Frage, ob es überhaupt relevant (und mir überhaupt möglich, beziehungsweise „erlaubt“) ist, über den Science-Fiction Autor zu schreiben. Dass Philip K. Dick neben Asimov, Orwell, Wells, Huxley und Lem zu den wichtigsten (u.a. Science-Fiction, aber auch überhaupt) Autoren des letzten Jahrhunderts gehört und das heutige Bild, welches wir von Raumfahrt, moderner Technologie und Existenzialismus weitgehend geprägt hat, wird dem Connaisseur bereits bekannt sein; dass seine Romane an Aktualität in Zeiten der totalen Überwachung nichts eingebüßt, sondern an gesellschaftlicher Brisanz und Importanz noch mehr dazu gewonnen haben, ergibt sich dem Leser, sobald er sich in die Seiten eines seiner Werke hinab begeben hat. Dick zeichnet in seinen Romanen ein Portrait einer Gesellschaft, die der heutigen vorauseilt: noch nie war Dicks albtraumhafte Zukunft näher, als heute und im rasanten Taumel wird der Pfad in eine medial manipulierte und freiwilliger staatskontrollierte Dystopie fortgesetzt.

Doch, anders als bei Orwell, Huxley und Bradbury (zumindest bei deren bekanntesten Parabeln über den Überwachungsstaat), ragt bei Philip K. Dick die menschliche Komponente stets ein Stück etwas mehr heraus. Selbstredend sind die Figuren in 1984 oder in FAHRENHEIT 451 Kernstück der Geschichte, doch fungierten sie – meiner Meinung nach – doch mehr als Kompass für den Leser, der sich durch die Augen der Protagonisten in die grausame Welt führen ließ und dann durch deren Erfahrung das System in Frage stellte, wobei die Figuren eines Philip K. Dick-Romans eingebettet in ihrer Welt liegen und sich eine Läuterung nicht immer einstellt. Das „System“ als Böses wird nicht mehr verfolgt und hintergangen, es ist ein notwendiges und omnipräsentes Übel, welches vom Mensch akzeptiert, willkommen und höchstens halbherzig hinterfragt wird: subversive Kritik durch den alltäglichen Wahnsinn.

Und auch wenn man noch nie in seinem Leben ein Philip K. Dick Buch gelesen hat, man wird aller Wahrscheinlichkeit nach eines gesehen haben: die IMDB-Liste reicht bereits in die 60er und der erste große Filmerfolg kam 1982 (ebenso Jahr seines Todes) mit Ridley Scotts zweitbesten Film (it’s an ALIEN, of course), der Dicks Stoff erstmal auf die Leinwand bannte. Es folgten TOTAL RECALL (inklusive einem Remake, welches von sich selbst behauptet sich am Buch und nicht am Film orientiere, was aber wahrscheinlich Bullshit ist), MINORITY REPORT, NEXT, PAYCHECK und (wie ich eben entdeckte) der „romantische Sci-Fi-Thriller“ DER PLAN [OT: The Adjustment Bureau] (wobei die Werke mit Nic Cage und Ben Affleck besser in die Schublade des Vergessen geschoben hören; überhaupt meine ich noch nie einen so derartig schwachsinnigen und lieblosen Film wie NEXT gesehen zu haben). Die Themen Philip K. Dicks – mit Anlehnungen an Franz Kafka und Max Frisch – sind durchgehend im Science-Fiction Genre vorhanden: Identität, Ethik, Kontrolle, Determinismus.

Fünf Jahre nach dem Patriot Act – 2006 also – nahm sich Richard Linklater den Stoffes des – angeblich sehr persönlichen und autobiographischen – Romans an: A SCANNER DARKLY beschreibt die Geschichte des Undercover-Polizisten Robert Arctor (Keanu Reeves), der sich unter eine Gruppe Drogensüchtiger gemischt hat um den Ursprung der highly addictive Droge Substanz D ausfindig zu machen; die Droge selbst überschwemmt die Straßen und vergiftet die Menschen, niemand ist vor ihr sicher und ein Runterkommen gibt es nicht – auf Substanz D bist du entweder drauf, oder hast es noch nie probiert. Doch da auch im Polizeipräsidium niemand weiß, wer die Ratte unter den Ratten ist, gerät Arctor schnell ins Fadenkreuz seiner eigenen Kollegen.

I know Bob Arctor. He’s a good person. He’s up to nothing. At least nothing too bad.

Bald verschwimmen für den – um für Authentizität zu bewahren – mittlerweile selbst drogensüchtigen Cop die Grenzen zwischen Realität und Rausch; Arctor hinterfragt seinen Job, seine Aufgabe, Staat und Behörden, seine „Freunde“ und bald auch seine eigene Existenz. Seine Persönlichkeit wird ein Gefangener einer Droge und hinter jeder Vermutung lauert die Frage, ob das alles wirklich passiert ist. Das einzige, was Arctor daran erinnert, dass alles nur eine Aufgabe bleibt, sind die nächtlichen Stunden, außerhalb seiner Undercover-Tätigkeit, die der Polizist hinter einem Schirm verbringt, der das Geschehen im Haus der Drogensüchtigen aufnimmt und verfolgt. Arctor ist Beobachter und zugleich Beobachtender; er gerät in einen Rollenkonflikt, der die Pfeiler auf denen seine Realität balanciert, zerbröckeln lasst.

Richard Linklater wäre wohl der letzte Regisseur, den ich mir hinter einer Verfilmung eines Philip K. Dick – ach was; jedes Science-Fiction! – Stoffes vorgestellt hätte. Nicht, dass ich etwas gegen Linklater hätte – im Gegenteil! Mit seinen Liebesfilmen BEFORE SUNSET & BEFORE SUNSET hat er sich direkt in mein Herz gefilmt und nebenbei noch bewiesen, dass er eine romantische Geschichte wundervoll unkitschig und bodenständig erzählen kann; bis heute gehören die beiden Teile (und der dritte folgt zugleich) zu meinen Lieblingsliebesfilmen. SCHOOL OF ROCK bereitete mir seinerseits auch ein großes Vergnügen und zeigte, dass auch familentaugliche Unterhaltungsfilme Substanz besitzen können und die Semi-Doku FAST FOOD NATION rief echtes Unbehagen aus. Richard Linklater, der Allrounder und Filmemacher mit Herzblut und einem mittlerweile über zehn Jahre alten (und immer noch im Entstehen begriffenen) Filmprojekt, ist also ein cooler Typ – aber Science-Fiction?

Zum einem: Linklaters A SCANNER DARKLY ist weniger Science-Fiction als reale Dystopie. Die Welt, in die das Geschehen gebettet ist, spielt seven years from now (und das reale 2013 unterscheidet sich von dem geahnten nur marginal – um die Beunruhigung zu verstärken) und weist nur wenige, futuristische Entwicklungen auf; die staatliche Überwachung hat mittlerweile jeden Lebensbereich erfasst, ähnlich wie in Spielbergs MINORITY REPORT, kann man sich in der nahen Zukunft nicht mehr fortbewegen, ohne dass jemand weiß, wo man gerade ist (und was man gerade isst). Nummernschilder werden durch Barcodes abgelöst, Fingerabdrücke durch Retina-Scans und – wohl der eindrucksvollste Fortschritt – die Polizei erarbeitet sich ihre Anonymität (die sie auf Grund der zahlreichen Undercover Missionen benötigt) mit einem Ganzkörperanzug, der es dem Betrachter unmöglich macht, herauszufinden, wer sich dahinter verbirgt: den „scramble suit“ bzw. den „Jedermann-Anzug“.

Und hier beginnt es: falls es noch niemand weiß und konsequent Szenenbilder und Posterpräsentation des Filmes ignoriert hat – A SCANNER DARKLY ist ein Animationsfilm, dessen „echte“ Schauspieler mit einem aufwendigen Rotoskopie-Verfahren nachbearbeitet wurden. Sprich; der Film wurde von Linklater und seinem Team komplett abgefilmt und im Nachhinein mit dem bunten Farbfilm übermalt. Der erste Verdacht, der Stil des Films dominiere und sei obendrein nur Mittel zum Zweck, wird mit der Darstellung des „Jedermann-Anzugs“ beiseite gefegt:  ein Farbengewirr aus Gesichtszügen, Haarfarben und Ausdrücken wird sich wild überlappend dem Auge des Zuschauers entgegengeschleudert, während dieses versucht, dass Gesehene zu verarbeiten. Was zunächst als Übungsbeispiel visueller Konzentration beginnt, wächst im Laufe des Films zu einer optischen Tour de Force, die gegen Ende hin Schwindel und Kopfweherzeugt.

Nein, wirklich. Der Stil des Filmes ist ohnehin schon gewöhnungsbedürftig und die Mischung aus realer Zeichentrickwelt wirkt echt und plastisch zugleich und ein sich ständig verändernder Vielfarben-Anzug ist dann nicht gerade entspannend für den Zuschauer: ebenso wenig für die Figuren des Filmes. Gegen Ende von Robert Arctors Geschichte entwickelt ebenso der Polizist ein halluzinogenes Bewusstsein, welches ihm verneint, Menschen als Personen und Individuen als solche, geschweige denn sich selbst, als solches zu erkennen oder anders gesagt zu erinnern. Wir erleben diese Szene direkt aus Arctors Blickfeld, der einem solchen Anzug gegenübersieht, ein sich stets veränderndes Produkt und wir fühlen, wie unsere Hauptfigur langsam den Verstand verliert.

Das Rotoskopie-Verfahren wurde vielerorts bemängelt, da es den Glanz von seinen Hauptdarstellern nimmt (die ohne Ausnahme eine fabelhafte Leistung erbringen) und vom angeblich oberflächlichen Inhalt ablenken soll. Beidem kann ich nur widersprechen; die Wirkung der Akteure wird durch den Film der sich über ihr Antlitz gelegt hat umso deutlicher, die Mimik ist klar und fällt überdeutlich auf und da Linklater sehr viel Wert auf Nahaufnahmen seiner Schauspieler genommen hat, kommt man nicht herum, sich in den Augen der Protagonisten zu spiegeln. Keanu Reeves spielt (vielleicht mit der Ausnahme von dem grandiosen Rory Cochrane) am besten und wie immer (!) exzeptionell und legt meiner Meinung nach die stärkste Leistung seiner Filmographie dar (oder zumindest die ehrlichste: keinen Moment zweifelte ich an Reeves Schauspiel, es war eher so, als ob es sich um seine eigen Biographie handelte). Seine Kollegen liefern ebenso eine – teils improvisierte – Vorstellung; Robert Downey Jr. als manipulativer Drogenjunkie ist redselig wie eh und je und Woody Harrelson ist sowieso super (mehr gibt’s dazu nicht zu sagen, der Ruf der Beiden eilt ihnen ohnehin voraus). Winona Ryder schafft es zwar mit keinem ihrer Filme mir im Gedächtnis zu bleiben, ist aber im Großen und Ganzen eine ordentliche Schauspielerin deren Charakter in Linklaters Film leider etwas farblos (ha!) daher kommt (mit durchaus berechtigten Gründen, but i won’t spoil the ending).

Zweitens ist der Inhalt von A SCANNER DARKLY alles andere als oberflächlich: (bereits oben genannte) Themen über die man ehrlich gesagt ungern nachdenkt wie Drogensucht, totale Überwachung und Identitätsverlust dominieren den Ton des Films, doch anstatt den Weg der düsteren Zukunftsvision zu gehen (siehe zum Beispiel Terry Gilliams Werke BRAZIL oder TWELVE MONKEYS, die irgendwie auch Dick-Verfilmungen sind, nur ohne es zu wissen), umgibt der Film einen wirren Esprit, der von drogengetränkten Dialogzeilen und paranoiden Attacken getragen wird (und hier wieder ein Gilliam Vergleich, da der Film in seinen Dialogen oft dem modernen Klassiker des Drogenfilms FEAR & LOATHING IN LAS VEGAS nacheifert, einzig: Gilliam ist einfach irrer und chaotischer). Die Handlung von Linklaters Werk steht dabei oft still (könnte man meinen) oder ist schwer nach zu vollziehen, da sich A SCANNER DARKLY gerne selbst beiseite nimmt und mal ein Wort über die Höllenfahrten verliert. Der bittere Ton des Filmes, die Verzweiflung und das sinnlose Streben und Arbeiten für etwas „Größeres“, nehmen dann bei Zeiten auch kurz ab um kurzen, trockenen humorvollen Passagen Platz einzuräumen („humorvoll“: es handelt sich dabei immer noch um einen Drogenfilm – der Humor spielt also in der selben Liga wie TRAINSPOTTING oder soeben genanntes Referenzwerk. Das sollte als Erklärung genügen). Die ständige Paranoia der Charaktere, das omnipräsente Nichtwissen und Überwachung und die Droge Substanz D selbst, stehen dabei sooft im Vordergrund, dass man als Zuschauer nicht selten den roten Faden verliert.

Das ist aber nicht weiter schlimm, denn A SCANNER DARKLY regt zum wiederholten Ansehen an und wird dabei auch noch jedes Mal besser. Beziehungsweise, die Welt, die Linklater und Dick ausgebaut haben (die ohnehin unsere ist, wir verschließen nur die Augen), legt sich einem um den Hals und begleitet einen noch Tage später. Gerade heute – und ich kann diese Formulierung und Stoff-Interpretation eigentlich nicht leiden, obwohl ich sie irgendwie andauernd verwende – wirkt A SCANNER DARKLY noch realistischer als 2006 und noch greifbarer als 1977, als das Buch publiziert wurde. Der Gläserne Mensch und Big Brother halten einen umjubelten Einzug in die Gesellschaft; die totale Überwachung wird mit täglichen Zeitungsberichten über allwissende amerikanische Geheimdienstorganisationen angeprangert und parallel dazu als nichtig abgeschrieben und großen Firmen (im Film: „New Path“, ein Reha-Zentrum für Substanz D-Junkies) kann man schon lange nicht mehr trauen, so dass einem nur noch übrig bleibt, dunkle Machenschaften hinzunehmen.

I hope it does see clearly, because I can’t any longer these days see into myself. (…) I hope, for everyone’s sake, the scanners do better. Because if the scanner sees only darkly (…) we’ll wind up dead this way, knowing very little and getting that little fragment wrong too.

A SCANNER DARKLY wird dabei nicht helfen: er will nicht anprangern oder beschuldigen, zeigt nicht auf, sondern beobachtet lediglich und vor allem – er will niemanden retten. Kann er auch nicht. Der Film erzählt vom Krieg (gegen Drogen, gegen die Institutionen, gegen dich selbst), von Opfern und Gefallenen, glorifiziert dabei keine der Seiten (sofern es welche gibt) und dämonisiert nur im Detail. Er beobachtet Szenen und beobachtet Menschen, wie sie fallen und verlangt weder Genugtuung noch Gerechtigkeit (beides wird es nicht geben) sondern will eigentlich nur eines; wenn sich der Staub gelegt hat und die Menschheit in ihrer Postapokalypse, die so aussieht wie in Linklaters Film, gebettet hat, die Nacht hereingebrochen und die Drogen abgebaut wurden, unsere Namen über den Abspann laufen und nichts mehr getan werden kann außer hoffnungslos zu gewinnen oder glorreich unterzugehen – will er dass wir uns an Robert Arctor erinnern.

http://http://www.youtube.com/watch?v=PJhmKF4npMs

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