Richard Linklater: A Scanner Darkly (2006)

What does a scanner see?

A_Scanner_Darkly

Während ich strauchle und versuche Wörter zu finden, die Philip K. Dicks schriftstellerisches Schaffen gebührend erläutern (und mir dabei nur abgenutzte Wörter wie „legendär“ oder „Visionär“ einfallen), stellt sich mir die Frage, ob es überhaupt relevant (und mir überhaupt möglich, beziehungsweise „erlaubt“) ist, über den Science-Fiction Autor zu schreiben. Dass Philip K. Dick neben Asimov, Orwell, Wells, Huxley und Lem zu den wichtigsten (u.a. Science-Fiction, aber auch überhaupt) Autoren des letzten Jahrhunderts gehört und das heutige Bild, welches wir von Raumfahrt, moderner Technologie und Existenzialismus weitgehend geprägt hat, wird dem Connaisseur bereits bekannt sein; dass seine Romane an Aktualität in Zeiten der totalen Überwachung nichts eingebüßt, sondern an gesellschaftlicher Brisanz und Importanz noch mehr dazu gewonnen haben, ergibt sich dem Leser, sobald er sich in die Seiten eines seiner Werke hinab begeben hat. Dick zeichnet in seinen Romanen ein Portrait einer Gesellschaft, die der heutigen vorauseilt: noch nie war Dicks albtraumhafte Zukunft näher, als heute und im rasanten Taumel wird der Pfad in eine medial manipulierte und freiwilliger staatskontrollierte Dystopie fortgesetzt.

Doch, anders als bei Orwell, Huxley und Bradbury (zumindest bei deren bekanntesten Parabeln über den Überwachungsstaat), ragt bei Philip K. Dick die menschliche Komponente stets ein Stück etwas mehr heraus. Selbstredend sind die Figuren in 1984 oder in FAHRENHEIT 451 Kernstück der Geschichte, doch fungierten sie – meiner Meinung nach – doch mehr als Kompass für den Leser, der sich durch die Augen der Protagonisten in die grausame Welt führen ließ und dann durch deren Erfahrung das System in Frage stellte, wobei die Figuren eines Philip K. Dick-Romans eingebettet in ihrer Welt liegen und sich eine Läuterung nicht immer einstellt. Das „System“ als Böses wird nicht mehr verfolgt und hintergangen, es ist ein notwendiges und omnipräsentes Übel, welches vom Mensch akzeptiert, willkommen und höchstens halbherzig hinterfragt wird: subversive Kritik durch den alltäglichen Wahnsinn.

Und auch wenn man noch nie in seinem Leben ein Philip K. Dick Buch gelesen hat, man wird aller Wahrscheinlichkeit nach eines gesehen haben: die IMDB-Liste reicht bereits in die 60er und der erste große Filmerfolg kam 1982 (ebenso Jahr seines Todes) mit Ridley Scotts zweitbesten Film (it’s an ALIEN, of course), der Dicks Stoff erstmal auf die Leinwand bannte. Es folgten TOTAL RECALL (inklusive einem Remake, welches von sich selbst behauptet sich am Buch und nicht am Film orientiere, was aber wahrscheinlich Bullshit ist), MINORITY REPORT, NEXT, PAYCHECK und (wie ich eben entdeckte) der „romantische Sci-Fi-Thriller“ DER PLAN [OT: The Adjustment Bureau] (wobei die Werke mit Nic Cage und Ben Affleck besser in die Schublade des Vergessen geschoben hören; überhaupt meine ich noch nie einen so derartig schwachsinnigen und lieblosen Film wie NEXT gesehen zu haben). Die Themen Philip K. Dicks – mit Anlehnungen an Franz Kafka und Max Frisch – sind durchgehend im Science-Fiction Genre vorhanden: Identität, Ethik, Kontrolle, Determinismus.

Fünf Jahre nach dem Patriot Act – 2006 also – nahm sich Richard Linklater den Stoffes des – angeblich sehr persönlichen und autobiographischen – Romans an: A SCANNER DARKLY beschreibt die Geschichte des Undercover-Polizisten Robert Arctor (Keanu Reeves), der sich unter eine Gruppe Drogensüchtiger gemischt hat um den Ursprung der highly addictive Droge Substanz D ausfindig zu machen; die Droge selbst überschwemmt die Straßen und vergiftet die Menschen, niemand ist vor ihr sicher und ein Runterkommen gibt es nicht – auf Substanz D bist du entweder drauf, oder hast es noch nie probiert. Doch da auch im Polizeipräsidium niemand weiß, wer die Ratte unter den Ratten ist, gerät Arctor schnell ins Fadenkreuz seiner eigenen Kollegen.

I know Bob Arctor. He’s a good person. He’s up to nothing. At least nothing too bad.

Bald verschwimmen für den – um für Authentizität zu bewahren – mittlerweile selbst drogensüchtigen Cop die Grenzen zwischen Realität und Rausch; Arctor hinterfragt seinen Job, seine Aufgabe, Staat und Behörden, seine „Freunde“ und bald auch seine eigene Existenz. Seine Persönlichkeit wird ein Gefangener einer Droge und hinter jeder Vermutung lauert die Frage, ob das alles wirklich passiert ist. Das einzige, was Arctor daran erinnert, dass alles nur eine Aufgabe bleibt, sind die nächtlichen Stunden, außerhalb seiner Undercover-Tätigkeit, die der Polizist hinter einem Schirm verbringt, der das Geschehen im Haus der Drogensüchtigen aufnimmt und verfolgt. Arctor ist Beobachter und zugleich Beobachtender; er gerät in einen Rollenkonflikt, der die Pfeiler auf denen seine Realität balanciert, zerbröckeln lasst.

Richard Linklater wäre wohl der letzte Regisseur, den ich mir hinter einer Verfilmung eines Philip K. Dick – ach was; jedes Science-Fiction! – Stoffes vorgestellt hätte. Nicht, dass ich etwas gegen Linklater hätte – im Gegenteil! Mit seinen Liebesfilmen BEFORE SUNSET & BEFORE SUNSET hat er sich direkt in mein Herz gefilmt und nebenbei noch bewiesen, dass er eine romantische Geschichte wundervoll unkitschig und bodenständig erzählen kann; bis heute gehören die beiden Teile (und der dritte folgt zugleich) zu meinen Lieblingsliebesfilmen. SCHOOL OF ROCK bereitete mir seinerseits auch ein großes Vergnügen und zeigte, dass auch familentaugliche Unterhaltungsfilme Substanz besitzen können und die Semi-Doku FAST FOOD NATION rief echtes Unbehagen aus. Richard Linklater, der Allrounder und Filmemacher mit Herzblut und einem mittlerweile über zehn Jahre alten (und immer noch im Entstehen begriffenen) Filmprojekt, ist also ein cooler Typ – aber Science-Fiction?

Zum einem: Linklaters A SCANNER DARKLY ist weniger Science-Fiction als reale Dystopie. Die Welt, in die das Geschehen gebettet ist, spielt seven years from now (und das reale 2013 unterscheidet sich von dem geahnten nur marginal – um die Beunruhigung zu verstärken) und weist nur wenige, futuristische Entwicklungen auf; die staatliche Überwachung hat mittlerweile jeden Lebensbereich erfasst, ähnlich wie in Spielbergs MINORITY REPORT, kann man sich in der nahen Zukunft nicht mehr fortbewegen, ohne dass jemand weiß, wo man gerade ist (und was man gerade isst). Nummernschilder werden durch Barcodes abgelöst, Fingerabdrücke durch Retina-Scans und – wohl der eindrucksvollste Fortschritt – die Polizei erarbeitet sich ihre Anonymität (die sie auf Grund der zahlreichen Undercover Missionen benötigt) mit einem Ganzkörperanzug, der es dem Betrachter unmöglich macht, herauszufinden, wer sich dahinter verbirgt: den „scramble suit“ bzw. den „Jedermann-Anzug“.

Und hier beginnt es: falls es noch niemand weiß und konsequent Szenenbilder und Posterpräsentation des Filmes ignoriert hat – A SCANNER DARKLY ist ein Animationsfilm, dessen „echte“ Schauspieler mit einem aufwendigen Rotoskopie-Verfahren nachbearbeitet wurden. Sprich; der Film wurde von Linklater und seinem Team komplett abgefilmt und im Nachhinein mit dem bunten Farbfilm übermalt. Der erste Verdacht, der Stil des Films dominiere und sei obendrein nur Mittel zum Zweck, wird mit der Darstellung des „Jedermann-Anzugs“ beiseite gefegt:  ein Farbengewirr aus Gesichtszügen, Haarfarben und Ausdrücken wird sich wild überlappend dem Auge des Zuschauers entgegengeschleudert, während dieses versucht, dass Gesehene zu verarbeiten. Was zunächst als Übungsbeispiel visueller Konzentration beginnt, wächst im Laufe des Films zu einer optischen Tour de Force, die gegen Ende hin Schwindel und Kopfweherzeugt.

Nein, wirklich. Der Stil des Filmes ist ohnehin schon gewöhnungsbedürftig und die Mischung aus realer Zeichentrickwelt wirkt echt und plastisch zugleich und ein sich ständig verändernder Vielfarben-Anzug ist dann nicht gerade entspannend für den Zuschauer: ebenso wenig für die Figuren des Filmes. Gegen Ende von Robert Arctors Geschichte entwickelt ebenso der Polizist ein halluzinogenes Bewusstsein, welches ihm verneint, Menschen als Personen und Individuen als solche, geschweige denn sich selbst, als solches zu erkennen oder anders gesagt zu erinnern. Wir erleben diese Szene direkt aus Arctors Blickfeld, der einem solchen Anzug gegenübersieht, ein sich stets veränderndes Produkt und wir fühlen, wie unsere Hauptfigur langsam den Verstand verliert.

Das Rotoskopie-Verfahren wurde vielerorts bemängelt, da es den Glanz von seinen Hauptdarstellern nimmt (die ohne Ausnahme eine fabelhafte Leistung erbringen) und vom angeblich oberflächlichen Inhalt ablenken soll. Beidem kann ich nur widersprechen; die Wirkung der Akteure wird durch den Film der sich über ihr Antlitz gelegt hat umso deutlicher, die Mimik ist klar und fällt überdeutlich auf und da Linklater sehr viel Wert auf Nahaufnahmen seiner Schauspieler genommen hat, kommt man nicht herum, sich in den Augen der Protagonisten zu spiegeln. Keanu Reeves spielt (vielleicht mit der Ausnahme von dem grandiosen Rory Cochrane) am besten und wie immer (!) exzeptionell und legt meiner Meinung nach die stärkste Leistung seiner Filmographie dar (oder zumindest die ehrlichste: keinen Moment zweifelte ich an Reeves Schauspiel, es war eher so, als ob es sich um seine eigen Biographie handelte). Seine Kollegen liefern ebenso eine – teils improvisierte – Vorstellung; Robert Downey Jr. als manipulativer Drogenjunkie ist redselig wie eh und je und Woody Harrelson ist sowieso super (mehr gibt’s dazu nicht zu sagen, der Ruf der Beiden eilt ihnen ohnehin voraus). Winona Ryder schafft es zwar mit keinem ihrer Filme mir im Gedächtnis zu bleiben, ist aber im Großen und Ganzen eine ordentliche Schauspielerin deren Charakter in Linklaters Film leider etwas farblos (ha!) daher kommt (mit durchaus berechtigten Gründen, but i won’t spoil the ending).

Zweitens ist der Inhalt von A SCANNER DARKLY alles andere als oberflächlich: (bereits oben genannte) Themen über die man ehrlich gesagt ungern nachdenkt wie Drogensucht, totale Überwachung und Identitätsverlust dominieren den Ton des Films, doch anstatt den Weg der düsteren Zukunftsvision zu gehen (siehe zum Beispiel Terry Gilliams Werke BRAZIL oder TWELVE MONKEYS, die irgendwie auch Dick-Verfilmungen sind, nur ohne es zu wissen), umgibt der Film einen wirren Esprit, der von drogengetränkten Dialogzeilen und paranoiden Attacken getragen wird (und hier wieder ein Gilliam Vergleich, da der Film in seinen Dialogen oft dem modernen Klassiker des Drogenfilms FEAR & LOATHING IN LAS VEGAS nacheifert, einzig: Gilliam ist einfach irrer und chaotischer). Die Handlung von Linklaters Werk steht dabei oft still (könnte man meinen) oder ist schwer nach zu vollziehen, da sich A SCANNER DARKLY gerne selbst beiseite nimmt und mal ein Wort über die Höllenfahrten verliert. Der bittere Ton des Filmes, die Verzweiflung und das sinnlose Streben und Arbeiten für etwas „Größeres“, nehmen dann bei Zeiten auch kurz ab um kurzen, trockenen humorvollen Passagen Platz einzuräumen („humorvoll“: es handelt sich dabei immer noch um einen Drogenfilm – der Humor spielt also in der selben Liga wie TRAINSPOTTING oder soeben genanntes Referenzwerk. Das sollte als Erklärung genügen). Die ständige Paranoia der Charaktere, das omnipräsente Nichtwissen und Überwachung und die Droge Substanz D selbst, stehen dabei sooft im Vordergrund, dass man als Zuschauer nicht selten den roten Faden verliert.

Das ist aber nicht weiter schlimm, denn A SCANNER DARKLY regt zum wiederholten Ansehen an und wird dabei auch noch jedes Mal besser. Beziehungsweise, die Welt, die Linklater und Dick ausgebaut haben (die ohnehin unsere ist, wir verschließen nur die Augen), legt sich einem um den Hals und begleitet einen noch Tage später. Gerade heute – und ich kann diese Formulierung und Stoff-Interpretation eigentlich nicht leiden, obwohl ich sie irgendwie andauernd verwende – wirkt A SCANNER DARKLY noch realistischer als 2006 und noch greifbarer als 1977, als das Buch publiziert wurde. Der Gläserne Mensch und Big Brother halten einen umjubelten Einzug in die Gesellschaft; die totale Überwachung wird mit täglichen Zeitungsberichten über allwissende amerikanische Geheimdienstorganisationen angeprangert und parallel dazu als nichtig abgeschrieben und großen Firmen (im Film: „New Path“, ein Reha-Zentrum für Substanz D-Junkies) kann man schon lange nicht mehr trauen, so dass einem nur noch übrig bleibt, dunkle Machenschaften hinzunehmen.

I hope it does see clearly, because I can’t any longer these days see into myself. (…) I hope, for everyone’s sake, the scanners do better. Because if the scanner sees only darkly (…) we’ll wind up dead this way, knowing very little and getting that little fragment wrong too.

A SCANNER DARKLY wird dabei nicht helfen: er will nicht anprangern oder beschuldigen, zeigt nicht auf, sondern beobachtet lediglich und vor allem – er will niemanden retten. Kann er auch nicht. Der Film erzählt vom Krieg (gegen Drogen, gegen die Institutionen, gegen dich selbst), von Opfern und Gefallenen, glorifiziert dabei keine der Seiten (sofern es welche gibt) und dämonisiert nur im Detail. Er beobachtet Szenen und beobachtet Menschen, wie sie fallen und verlangt weder Genugtuung noch Gerechtigkeit (beides wird es nicht geben) sondern will eigentlich nur eines; wenn sich der Staub gelegt hat und die Menschheit in ihrer Postapokalypse, die so aussieht wie in Linklaters Film, gebettet hat, die Nacht hereingebrochen und die Drogen abgebaut wurden, unsere Namen über den Abspann laufen und nichts mehr getan werden kann außer hoffnungslos zu gewinnen oder glorreich unterzugehen – will er dass wir uns an Robert Arctor erinnern.

http://http://www.youtube.com/watch?v=PJhmKF4npMs

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3 Gedanken zu „Richard Linklater: A Scanner Darkly (2006)

  1. Muriel sagt:

    Ich fand die paar Geschichten, die ich von Dick gelesen habe, ja ulkiger Weise gar nicht gut und tödlich langweilig.
    Das einzige, was mir zusagte, war der sprachliche Stil, aber der würde von der inhaltlichen Nichtigkeit völlig erschlagen.

    • Federico sagt:

      ich bin jetzt kein meister auf den spezialgebiet p.k.d., aber was mir immer gefallen hat, waren eben die kleinigkeiten, mit denen sich er abgibt; erinnerungsfetzen oder andeutungen, welche die (haupt)person erlebt, im gegensatz zu dem großen bösen, welches dunkel im hintergrund trohnt

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