Steven Spielberg: Minority Report (2002)

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In der Zukunft ist alles anders, nur das Böse bleibt gleich. Während manche Dystopien der Kriminalität ein Ende setzen, in dem sie diese frei erlauben (für einen gewissen Zeitraum zumindest), werden manche Visionen gar nicht mehr mit den ganzen bösen Buben fertig, so dass das Justizsystem neu definiert werden muss (Verurteilung innerhalb 24 Stunden, da man alle Anwälte abgeschafft hat). Und auch wenn – zumindest laut dem Psychologen Steven Pinker – die Gewalt mit den Jahren abgenommen hat, ist sie stets ein zentrales Thema diverser Zukunftsängste. Doch eine Zukunft hat es geschafft: im Jahre 2054 gibt es in Washington DC keine Morde mehr. Keinen einzigen. Das bedeutet jedoch nicht, dass keine mehr geplant werden, sondern lediglich, dass man sie mittlerweile vorhersehen kann: die Precrime-Division hat mithilfe eines hellsichtigen Geschwister-Trios geschafft, Morde mehrere Stunden, ja, sogar Tage vor der eigentlichen Tat zu erblicken und somit auch zu verhindern. Der mutmaßliche Täter wird dann geschnappt und in ein Koma-Gefängnis geworfen, die Gefahr ist gebannt. Alles läuft gut, bis leitender Offizier von Precrime John Anderton sich selbst in den Visionen der Mordträumer erblickt. Von nun an gibt es nur noch eine Möglichkeit: laufen und vereiteln.

PKD-Wochen, mit dem saftigen „totale Überwachungsburger“, der dritte. Die große Einleitung zu Philip K. Dicks Werk lasse ich diesmal weg, man kann sich getrost bei meiner Kritik über A SCANNER DARKLY nachlesen. Ich kannte MINORITY REPORT ja schon vom Kino, aber das ist eine Ewigkeit her – offensichtlich schon über zehn Jahre – und irgendwie hatte ich ihn nicht sonderlich überzeugend in Erinnerung. Ich kann mich vage erinnern, dass ich das Prinzip der Vorhersehung unzureichend fand und mich nicht damit anfreunden konnte, dass der Film dies als Basis verwendete. Das war’s aber auch schon. Nach der Sichtung der Linklater-Verfilmung jedoch, stieg das Interesse an intelligenten Sc-Fi wieder und immerhin ist man ja gewachsen und vielleicht ist ja ein Meisterwerk an mir vorbergegangen.

Kurze Antwort: Nein. MINORITY REPORT ist vieles und versucht auch vieles zu sein ist aber kein Meisterwerk. Pfff.

Derweil fängt alles ganz gut an: die erste Sequenz führt uns in das Setting ein und verfolgt Anderton (Tom Cruise) bein einer Mordüberführung. Sein augenscheinlicher Kontrahent Detective Witwer (Colin Farell, schmierig und bevor er mit Brügge cool wurde) sieht sich die ganze Precrime-Division mal an; immerhin soll man mit dem Programm landesweit gehen, deswegen ist es von dringender Notwendigkeit, dass die Makellosigkeit dieses Systems überprüft wird – man will doch in keiner Zukunft leben, in dem man für ein Verbrechen eingesperrt wird, was man eventuell gar nicht begehen wollte. So überprüft Witwer die Vorhersagungen der Precogs (wie das Orakel-Trio genannt wird) auf Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Wahrheit. Alle im Departement sind von der Perfektion des Systems überzeugt, allen voran Anderton – doch just als die Überprüfung abgeschlossen zu sein scheint, taucht Anderton selbst als Verdächtiger – nein, als Täter – auf dem Schirm auf.

Der Film springt sehr schnell zu den Fragen, die eine solche Gesellschaft mit sich bringen würde: Wie kann man jemanden für etwas einsperren, was er gar nicht begangen hat? Was bedeutet Bestimmung, wenn ein fix vorgesagtes Ereignis, von der Precrime-Division erfolgreich vereitelt wird? Gibt es alternative Pfade, oder sind alle mutmaßlichen Mörder, defintive Mörder. Und: kann ich meine Zukunft ändern? Oder führen alle Entscheidungen erst recht zu der Vorbestimmung?

Die Mythologie hinter MINORITY REPORT ist eine durchwegs spannende und auch verzwickte, moralische Frage. Spielberg und Screenwriter Scott Frank sind sich dieses Tatbestandes zum Glück bewusst und lassen die Figuren und die Story auf solchen Pfaden wandeln. Tom Cruise als John Anderton ist zwar von der Perfektion des Systems überzeugt, doch sobald er auf die Abschussliste gerät, kämpft er erbarmungslos um sein Überleben. Plötzlich zählen die vorhin genannten Maßnahmen der Precogs nicht mehr und der Ex-Jäger ist von seiner Unschuld überzeugt – und dass ist er eigentlich auch, denn getötet hat er noch nicht und sein Opfer ist ihm ebenso wenig bekannt. Wie und wieso kann man also jemanden töten, den man erst zur Stunde des Verbrechens kennenlernt? Doch da Anderton weiß, wie das System funktioniert, bleibt ihm nichts anderes als zu flüchten und sich auf die Suche nach Fehlern im Selbigen zu finden und aufzudecken. Natürlich – denkt man sich – kann er doch bleiben und seinen Kollegen in einer Zelle beweisen, dass er nicht der Schuldige ist; doch das Wissen um die Zukunft verändert diese und die Anweisungen sind klar: jeder Zukunfts-Mörder wird weggepackt, wer einmal auf dem Schirm erscheint, ist eine Gefahr für die Gesellschaft und gehört weggesperrt.

Perfect I agree, but there’s a flaw. It’s human.

Wie kann also ein fehlerloses System also gebrochen werden? Indem man selbst zum Fehler wird? Anderton findet bald heraus, dass sein geliebtes System nicht perfekt ist (zu seinem Glück). Jede Vorhersage wird gespeichert, doch manche verschwinden von der Festplatte. Dabei handelt es sich um sogenannte „Minority Reports“ – Minderheitenberichte, wie sie in der Übersetzung genannt werden – eine Vorhersage, die von den anderen abweicht. Eine Vorhersage, die das Gegenteil beweisen könnte. Eine Vorhersage, die im Geist des begabtesten Precogs sitzt. Ein Fehler des Systems und Anderton macht sich drauf und dran, seinen Minority Report auszugraben und seine Unschuld zu beweisen.

Der Film macht eigentlich alles richtig, wenn es sich um die Interpretation seiner Thematik handelt. Die Dialoge zwischen Cruise und Farrell sind spannend isnzeniert und werfen wichtige Fragen auf, die Figuren werden galubwürdig gezeichnet und selbst, wenn Cruise sei Schauspiel etwas zu kühl wiedergibt, wirken die Konsequenzen und Handlungen der Charaktere glaubhaft und nachvollziehbar. Colin Farrell gibt den schmierigen Unsympathler par excellence und sorgt bis zum Ende für Überraschungen – nicht zuletzt weil es eine der Figuren ist, zu der auf grund seiner Skepsis man immer noch am nächsten eine Bindung aufbauen kann.

Das waren soweit alle positiven Aspekte des Filmes. Die große Minuspunkte können eigentlich auf einen gemeinsamen Nenner heruntergebrochen werden: Steven Spielberg. Denn egal wie ernst das Thema ist, wie schön die ethischen Diskrepanzen auch dargestellt werden oder die Schattenseiten der Hauptfiguren erläutert werden, es gibt immer noch Platz für etwas Profanität. Und die zeigt sich in der – meiner Meinung nach grauenvollen – Inszenierung.

Everybody runs.

Der Film bzw. Spielberg kann es nicht lassen sein futuristisches Setting dafür einzusetzen, semi-spektakuläre Verfolgunsgjagden vom Band fließen zu lassen; das Wort welches mir dabei stets durch den Kopf ging, war cheesy. Natürlich bietet es sich an, den Charakter durch eine Zukunftsstadt zu hetzen, fliegende Autos, Laserstrahlen, Teleportation, Gott, was weiß ich – in der Zukunft kann man schließlich alles machen! Das Problem ist nur, dass es niemanden so recht interessiert, vor allem, wenn die Zukunft so farblos und generisch gestaltet wird, wie hier (als perfekten Vergleich zu einer ansprechenden Zukunftsvision nehme man einfach Referenzwerk BLADE RUNNER her). Im Washington DC des Jahres 2054 ist alles steril, weiß und mit futuristischen Rundungen versehen; die typische Utopie der Sci-Fi Filme der 2000er Jahre (I, Robot; A.I.; Paycheck; Die Insel, etc – diese Filme sind von ihrer Präsentation fast gleich!).

Doch es kommt schlimmer. Eine Blockbuster-Zukunftsvision kann nämlich ohne so Einiges auskommen, was aber auf gar keinen Fall fehlen darf, ist ein herausragendes und intensives Product-Placement. Ich weiß nicht, ob ich das schon mal geschrieben habe oder ob ich’s mir nur andauernd denke, aber die zwanghafte Werbung in Großproduktionen macht den Film kaputt. Und zwar von Innen heraus. Es ist ohnehin schon schrecklich genug wenn sich z.B. eine Serie mehrere Staffeln lang über hält, aber die einzigen Laptops die verwendet werden, die von Apple sind. Oder Will Smith der überdeutlich betonen muss, wie toll seine Converse aus der Vergangenheit sind, wenn er dann in einem Zukunftsaudi davon düst. Liebe Werbefacharschgeigen; so verachte ich eure Produkte nur noch mehr.

Und ganz blöd wird es, wenn sich das PP nicht nur als aufdringlich sondern auch noch als plump und inhaltsstörend erweist: wir haben es in MINORITY REPORT mit einer überaus sterilen Zukunft zu tun (die erst gegen Ende des zweiten Akts ihre düsteren Seiten zeigt); das Department, die Wohnhäuser, die Geräte die verwendet werden – nichts trägt eindeutige Zeichen von Corporate Design und niemand spricht auch nur ansatzweise als hätte er ein Markenverständnis („Gib mir mal ’ne Coke“, gibt’s hier einfach nicht). Bis der Film dann umso heftiger zuschlägt.

VIelleicht bin ich zu streng und lasse mich zu sehr davon stören, aber ich kann einfach nicht anders, als es zu hassen. Aufdringlich schiebt sich die Handymarke ins Bild, während Cruise ein lebenswichtiges Gespräch führt, weiter wird man durch eine Autofabrikhalle geführt die natürlich dem scheinbar einzigen amerikanischen Autoproduzenten der Zukunft gehört: nichts bringt die Dollarzeichen mehr auf die Retina, als der Actionstar im Zukunftsautomodell. „Das kommt auf’s Poster!“ Eine durchaus nette Szene, die den Verfolgungsstatus und die Überwachung des Regimes (und zugleich die Unmöglichkeit der Konsumflucht) verdeutlichen soll, wird durch die völlig sinnlose Überladung realer Markennamen zerstört. Wirklich, dass hätte eine eindrucksvolle Passage werden können, doch stattdessen ist es wichtiger, dem Zuschauer klar zu machen, dass genannte Firmen in der Zukunft den Marktführer geben (was, ehrlich gesagt, auch etwas amüsamt anmutet, wenn man bedenkt, dass die cineastisch omnipräsente Handymarke aus heutiger Hinsicht kaum den Sprung ins Next-Level geschafft hat). Brandwashing, I call bulshit.

Und ein Spielberg wäre kein Spielberg, gäbe es nicht „aufregende“ Actionszenen. Semi-Spektakel, hab ich schon erwähnt. Schlimm wird es, wenn diese dann zu einem comichaften Inszenierung mutiert, die in keinster Weise den Ernst des FIlmes widerspiegelt: Cruise verwandelt sich vom Charakter in den Actionstatisten, den offensichtlich alle sehen wollen (im Gegensatz zur allgemeinen Meinung finde ich Tom Cruise gar nicht schlecht, zwischen seinen Actionfilmen findet sich stets die eine oder andere Überraschung: MAGNOLIA, COLLATERAL, TROPIC THUNDER, ja sogar in KRIEG DER WELTEN (2005) fand ich ihn echt gut). So fliegt der soon-to-be-a-murderer mitsamt einem Jetpack der Polizei davon (Jetpacks… echt jetzt? Sind wir wieder in den 60ern?), hüpft in der besagten Autofabrik von Mechanismus zu Mechanismus (der Klassiker) und liefert sich dann auch noch einen waschechten Boxkampf mit seinem derzeitigen Archenemy (wobei ich ehrlich zugeben muss, dass die Box-Szene schon so überspitzt war, dass ich sie genießen konnte. Außerdem sieht man es gerne, wenn Colin Farrell eins in die Fresse bekommt). Hie und da springt Cruise von CGI-Karren in CGI-Fenster und so weiter und so fort. Unnötig lange Verfolgungssequenz #111. (Und irgendjemand müsste mir auch erklären, woher Andertons plötzlicher „everybody runs“ Anfall herkam.)

Das wäre ja auch okay, die Action steht ohnehin nicht zu sehr im Vordergrund. Wären da nicht die ebenso cheesigen Nebencharaktere, wie die Schöpferin der Precogs, die zwar interessanten Input liefert, diesen aber so lächerlich wie möglich von sich gibt. Nach ein paar Allegorien aus der Flora gehts zum Glück weiter und der Film stimmt einen düsteren Ton an. Finstere Gestalten, Augenoperationen, Verfolgungswahn, allesamt sauber in Szene gesetzt, wäre da nicht die ständige Erinnerung, dass Spielberg unbedingt einen Unterhaltungsfilm für ein breites Publikum abliefern will; an jeder Ecke findet man eine Comic-Relief, die Verfolgungsjagd dominieren und der Bösewicht ist nach der ersten Wendung entlarvt, die Spannung schleicht sich langsam davon.

Was wirklich schade ist, denn neben der persönlichen Story von John Anderton, spinnt sich auch noch eine spannende Verschwörung rund um die angebliche Makellosigkeit des Precops-Systems. Die Visionen der Precogs sind dabei visuell ansprechend (erinnnern ein bisschen an das Ring-Video) und die Suche nach der Wahrheit dunkel und die Auflösung gruselig, fesselnd und spannend. Überhaupt, die Story gibt genug her um einen Film der gänzlich auf Verfolgungsjagden verzichten würde, füllen könnte. Gerne hätte ich einen erwachsenen Film gesehen, der sich seinen Stoff ernsthaft zu Herzen nimmt und seine Geschichte ohne unnötige Actioncharaktere (die hie und da einen netten One-Liner abliefern) erzählt. Doch dazu reicht es leider nicht und man muss sich damit abfinden, dass zwischen den vielen dumben Sequenzen sich auch ab und zu, ganz werbefreie intelligente Szenen abspielen.  So unspannend ist MINORITY REPORT nämlich gar nicht: alleine für Colin Farrells Reaktion, als er Cruise in einem Aufzug stoppt und sich wagemutig gegen die dessen Pistole lehnt (immerhin gab es keine Vorhersehung und so auch keinen Mord) und plötzlich der Precime-Alarm losgeht… aber Spielberg will eben nur unterhalten. Sichere Quellen bestätigen das Gerücht, dass in MINORITY REPORT 2 – DOUBLE JEOPARDY ein hellsichtiger T-Rex (Shia Labeouf) einen alternden Archäologie-Professor jagt.

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