James Wan: The Conjuring (2013)

the conjuring

 

Es war einmal das Gesiterjäger-Pärchen Ed und Lorraine Warren. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erforschte das Ehepaar Warren zahlreiche Fälle paranormaler Ereignisse, darunter auch der berüchtigte Fall Amityville. Bücher, Geschichten und zahlreiche Adaptionen folgten den Geschehnissen rund um das verfluchte Anwesen, doch über einen anderen, viel grausameren Fall der Warrens wurde nichts berichtet. Bis heute.

Es war einmal ein Remake und eine Fortsetzung und ein Reboot. Alle hatten sie eines gemeinsam; sie waren langweilige von-der-Stange Horrorkost, die über Jahre hinweg die Kinohöllen überfluteten und in schicker 3D-Manier den Zuschauern Spitzhacken und Augäpfel entgegen warfen. Publikum und Filmfiguren waren dabei gleichermaßen die Gefolterten, denn ein Ende der ewigen Repetition war nicht in Sicht. Überhaupt konnte man davon ausgehen, dass man den neusten Mainstream-Horrorfilm in die Tonne kloppen konnte. Vielleicht widerspricht mir diesbezüglich ja wer, aber Tittenjagt mit Piranhas und Final Destinations und Sägen in 3D und so weiter waren für mich nicht unbedingt die Filme, die mir das Fürchten lehrten.

Es war einmal ein Regisseur Namens James Wan, der seinen Namen in aller Munde brachte, als er 2004 den Folter-Schocker SAW auf den Filmmarkt beförderte . Hauptsächlich durch die massive Mundpropaganda und den Ruf, dem der Film vorauseilte, breitete sich die Beliebtheit zu SAW wie ein Lauffeuer aus und würgte auch noch 6 weitere Sequels aus der Produktionskehle. Doch so torture-y war der erste (und einzige von Wan inszenierte) Film gar nicht; die besten Momente zeigt das klein-gemeine Langfilmdebüt in seinen durchaus soliden Suspense-Szenen, in denen die Protagonisten sich vor unheimlichen Schweinsmasken verstecken oder durch dunkle Wohnungen tasten.

Es war einmal ein Dämon, der Besitz von einem unscheinbaren Jungen ergriff und ein Vater, der sich in die Geisterwelt begab um seinen Sohn zu retten. Die Rede ist von INSIDIOUS, den überaus gelungene und schaurigen Gruselfilm, von niemand anderen in Szene gesetzt als von dem Filmemacher, der den Torture-Porn salonfähig machte, scheinbar nur um danach das Genre komplett hinter sich zu lassen. Die horriblen Andeutungen und Schreckmomente die er in seinem Erstling bereits erprobte, ließ er diesmal (mit Hilfe seines Freund und Schreibers Leigh Whannell) zu Höchstleistungen anlaufen: heraus kam ein (den Umständen entsprechend) ungewöhnlich langsamer und stimmungsvoller Film, der mit den besten Schockmomenten aufwarten konnte, die der (sich selbst als abgebrühte Sau bezeichnender) Autor seit seinem traumatischen Erlebnis mit dem Ring-Video im Kino begutachten konnte. Nun, eine neue Hoffnung am Horrorhimmel und so sollte es sein, dass im Jahre 2013 sich Wan aufmachte um mit seinem neusten Werk THE CONJURING die Welt zu erschrecken.

Es war einmal eine wahre Geschichte. Schon wieder. Filme die sich mit dieser dreisten Behauptung kleiden, haben es immer schwere vom Publikum (sprich: von mir) akzeptiert zu werden; Geister, die gibt es ja gar nicht! Wobei – wer weiß das schon so genau. Die Familie Warren war sich überaus sicher, dass Dämonen, Geister und der Teufel persönlich existieren und dass sie oft nichts Gutes von uns wollen. THE CONJURING bewegt sich auf den tiefen Spuren des Haunted-House-Horrors, ohne sich dabei auf andere Strecken zu wagen; als Vorlage dienen die Unterlagen der beiden Para-Experten (Lorraine Warren habe sich angeblich zu dem Film geäußert und seine Authentizität bestätigt) und der Fall, der beinahe allen Beteiligten in Lebensgefahr brachte. Insgeheim stellt man sich dann doch die Frage, wie eine solche Geschichte entstanden sein konnte. Eine Folie à deux? Doch nur Lug und Trug? Eine Fall von häuslicher Gewalt, wo alle wegschauten und dem Geist die Schuld zu weisen wollten? Alles klingt nicht sonderlich plausibel. Das Label der „true story“ schiebt sich in Wans neuen Film bewusst in den Vordergrund (der Abspann wird sogar mit echten Fotografien der Warrens dekoriert) und direkte Zitate wurden übernommen. Das mag vielleicht aufdringlich wirken, stört aber letztendlich nicht weiter. Die erwünschte weitere Ebene kann der Film dadurch jedoch nicht erreichen.

Es war einmal eine junge Dame, die nach THE CONJURING nicht mehr schlafen konnte und eine andere, die verstört aus ihrem Schlaf gerissen wurde, die frischen Bilder der Horrorschau noch im Kopf. Die Rede ist von meinen Kinobegleiterinnen, die wacker dem Bösen gegenübertraten und den Saal mit Schreckensschreien füllten (meine Wenigkeit hielt sich übrigens genauso wenig zurück, aber das würde ich ja nie zugeben). Denn James Wan neuer Film ist unglaublich gruselig, atmosphärisch dicht und schleichend. Ein Trend hält an, im derzeitigen Horrorkino, die Entdeckung der Langsamkeit kehrt zurück und Filme wie SINISTER oder INSIDIOUS machen sich breit. Das ist gut, den eben genannte Werke berufen sich auf Charakterentwicklung und stellen die Stimmungsorgeln auf „düster“, führen ihre Filme nicht all zu hektisch in ein gekonntes Finale. Der Connaisseur fand solche Filme (z.b. Ti Wests fabelhafter THE INNKEEPERS oder beklemmender HOUSE OF THE DEVIL) zwar schon immer als Direct-to-DVD Produktionen – ergo: nichts Neues (nein, wirklich nicht) – aber es ist schön, derartige Schauemärchen auf einer großen Leinwand (abseits vom allseits beliebten /slash-Filmfestival) zu genießen.

Es war einmal das Rad, und das braucht niemand neu zu erfinden. Auch nicht Wan – der diesmal ohne seinen Schreiberling Whannell agierte – der sich bei THE CONJURING auf gewohnte Muster und beliebte Schablonen verlässt. Man kennt die Vorbilder, die Wan zitiert, nachahmt, klaut und reanimiert. In den Konglomerat aus Horrorelementen erkennt man beispielsweise den bereits erwähnten Darren-Vorfall AMITYVILLE HORROR (1979) oder POLTERGEIST (1982), Parallelen zu THE ENTITY (1982) und dem Klassiker schlechthin THE EXORCIST (1973) wird ziemlich ungeniert nachgeeifert. Das macht aber gar nichts, denn James Wan komponiert seinen Film mit viel Gespür und einer Zielsicherheit, die ich in dem Genre schon lange vermisst habe. Die zahlreichen Jump-Scares sind effektiv aber nicht aufdringlich wie beim modernen Horror üblich, fein inszeniert und so bewusst eingesetzt, dass man sie trotz aller Häufigkeit doch nicht kommen sieht. Oder besser: man sieht sie kommen, andauernd und jederzeit, die Schocks (und der letzte sitzt einem noch immer in den Knochen) und erwartet sie jeden Moment. Dadurch erreicht der Film eine greifbare Spannung, ein etwas-liegt-in-der-Luft-Feeling, eine ständige Bedrohung, die sich hinter den herbstlichen Farben und der familiären Idylle versteckt. Der beste Schock (oder einer der Besten) läuft dann ganz ohne die violente Violine, leise, in voller Erwartung und er lässt einen das Blut in den Adern gefrieren: mein Mund stand offen und meine Haare zu Berge. Penetrant, die Gewissheit: man ist hier nicht alleine.

Es war einmal ein Anfangssatz, zu dem mir langsam nichts mehr einfällt. Ähnlich erging es vielleicht Wan auch, der mit INSIDIOUS seine bereits eintrainierten Ideen endlich in die Tat umsetzte. Auch wenn das viele nicht so sehen, INSIDIOUS gehört meiner Meinung nach zu den originellsten Geisterfilmen der letzten paar Jahre; plausible Erklärungen, lockere aber doch ernst zu nehmende „Geisterjäger“ und nicht zuletzt die verruchte Astralebene, in der sich die Geister um die Hauptpersonen dreschen. Man kann zu Inszenierung sagen was man will, die Umsetzung enttäuschend finden, doch die Idee (und ich finde ja auch die Umsetzung) sind keineswegs alltäglich. Die Schrecksekunden waren beklemmend, die Figuren allesamt traurig, die Atmosphäre dunkelbunt. Mein erster Gedanke bei Wans neuen Film war die Befürchtung, dass THE CONJURING eine inoffizielles (und viel zu frühes) Remake seines Vorgängers wird: man sieht dem Film einfach zu sehr an, dass der selbe Typ hinter/neben/an der Kamera saß. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass direkte Verweise auf seine anderen Werke zu sehen sind (die Puppe sieht sehr nach DEAD SILENCE aus, der Spielzeugaffe & nicht zuletzt Patrick Wilson in der Hauptrolle erinnern an INSIDOUS). Die Antwort dazu ist ein etwas zerknirschtes Jein, denn THE CONJURING ist zwar anders, aber doch irgendwie gleich. Die Unterschiede sind zahlreich und erkennbar, genauso die Parallelen. Ob das einen stört, sei jedem selbst überlassen; ich finde es auf jeden Fall klug von Wan sich diesbezüglich auf sein altbewährtes Rezept zu verlassen. Für noch mehr Ideen soll dann INSIDOUS II bitte herhalten. So gesehen ist THE CONJRUING quasi die zu Perfektion geformte Geisterstunde.

Es war einmal ein Haus, dass die eigentlich Hauptrolle in einem Horrorfilm spielte. Es waren sogar mehrere… mir fallen partout ein Dutzend ein, sei es jetzt Hotel oder familiäres Landhaus. Die Inszenierung der verfluchten Location ist immer ein wichtiger Punkt in dem Genre und genauso wie man es gut machen kann (JU ON) kann man es auch versauen (THE GRUDGE – und das ist das selbe Haus!). Hier haben Wan und die Kameraführung von John R. Leonetti ganze Arbeit geleistet, die allwissende filmische Perspektive tanzt und schwebt durch das alte Haus und verleiht jedem relevanten Winkel einen eigenen Flair. Anders als bei vielen anderen Filmen, ergibt sich ein räumliches Empfinden zu den Haus so gut, dass man sich beinahe heimisch fühlt. Doch das Haus birgt Geheimnisse, dunkle Ecken, versteckte Zimmer und zwischen den Wänden bewegt es sich, die Türen knirschen, der Boden ächzt, das Gebäude stöhnt und die Atmosphäre sitzt perfekter als das schiefe Bild im Vorzimmer. Doch kein Haus spukt gut, wenn sich die Figuren starr verhalten. Den Drehbuchautoren Chad und Carey W. Hayes ist es jedoch zum Glück gelungen, den Filmfiguren (so echt ihre Hintergründe auch sein mögen) so viel Leben einzuhauchen, dass man sich als Zuschauer gleich verbunden und verstanden fühlt. Neben Patrick Wilson – den ich schon seit HARD CANDY toll finde – als Ed Warris, glänzen allen voran die zwei weiblichen Protagonisten, grandios besetzt mit Lili Taylor (SIX FEET UNDER) und vor allem Vera Farmiga (BATES MOTEL) die mit ihrem Schauspiel jedem Schockeffekt die um zu wirkende notwendige Substanz gibt. Der Aufbau des Filmes schreit dabei förmlich nach Fortsetzung und ich würde Wilson und Farmiga nur all zu gerne wieder als Ed und Lorraine Warren sehen, doch der „true story“-Faktor macht mir da wohl einen Strich durch die Rechnung. Vielleicht erbarmt sich James Wan ja zu einer AMITYVILLE-Neuinterpretation.

Und wenn sie dann gestorben sind… spuken sie fröhlich weiter, am besten im Showdown eines James Wan Films. Überambitioniert zeigte sich der Filmemacher bereits im Vorgänger (wie gesagt; Astralebene), doch in THE CONJURING setzt noch mal eines drauf. Wan weiß, dass sich seine Zuschauer nach einem solch gewaltigen Aufbau, ein noch gewaltigeres Finale erwarten. Also zieht er alle möglichen Register, die ihm zu Verfügung stehen – und dass sind einige. Die vielen Vorbilder der Heimsuchung anno 2013 „steigen sich in dem Haus fast auf die Füße“ wie die standard.at-Rezension etwas abwertend meint, wirkt aber auf Grund der guten Einführung in die Welt der Geister plausibel. Die Zeit des Spukgespenst als Einzelgänger ist auf jeden Fall vorbei, Wans Gespenster-Family sitzt im jeden Eck und wirft hier und dort wütend die Türen zu. Dass die Erinnerungen an bekannte Meisterwerke dazu nicht weggedacht werden können, ist nicht weiter schlimm – im Gegensatz zu anderen Filmen der Besessenheit, bemüht sich THE CONJURING dann sowenig wie möglich den Paten der Teufelsanbeterfilmen heraufzubeschwören und versteckt das Böse hinterlistig unter der Decke. Es reicht allemal – das Ende ist eine regelrechte Tour de Force aus der es kein entrinnen gibt.

Es war einmal ein Schlussstrich, mal wieder wurde zu viel gesagt, für das ohnehin schon Eindeutige. Besser kann moderner Geisterhorror eigentlich gar nicht werden, viel mehr gibt das Thema einfach nicht mehr her und James Wan feuert aus allen Röhren. THE CONJURING ist ein wundervoller Horrorfilm, der seine Schock so eindrucksvoll setzt, dass sie sich tief in die Haut graben (und die Finger in den Kinosessel). Die Ruhe des Filmes geht in eine ruhende Bedrohung über, die schließlich in einem fulminanten Finale endet, mit dem ich voll und ganz zufrieden war. Zitate und Anlehnungen reihen sich neben originellen Ideen und neuen Motiven ein und die gut gezeichneten Figuren tragen die Geschichte in ein glaubwürdiges Spektrum. Der finale Anspruch auf die wahren Geschehnisse mag vielleicht etwas irritierend wirken (der wahrste Gruselfilm bleibt für mich immer noch Ti Wests Hotelhorror) doch passt zu dem Stil des Filmes, der von Intro bis Abspann den Flair der 70er und 80er Jahre atmet (ja, ein indirektes Zitat dem Kritiker zu Ehren) ihn aber auf seine neue Art verdaut und modern präsentiert. James Wan ist der beste Horrorfilm des Jahres und wird auch noch lange auf einen ebenbürtigen Konkurrenten warten müssen. So long, have a nice nightmare.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: