Handbuch der Einsamkeit und des Vergessens: Fickende Schwäne (und das Wort Tautologie)

Der Weg war öde und McCherrys Stimmung ödete mit ihm. Erde und Zigarettenasche schob sich lästig zwischen seine Zehen und beim Gedanken, dass er sich von Toki zu Flip Flops hat hinreißen lassen, verdrehte er die Augen. Toki ging im Schlurfgang neben ihm und wirbelte absichtlich Staub unter ihren Sandalen auf, der sich nicht nur auf ihre Füße sondern auch auf seine legten. Beide blickten auf den Boden und verfolgten jeden ihrer Schritte. Wenig erstaunt, stellte McCherry fest, dass der Urschrei bereits zu solch früher Tageszeit exerziert wurde. Seine Augen sprangen Saltos, als er sich entsinnte, wer ihn dazu getrieben hatte, so früh – es gab noch immer das Frühstücksmenü bei Burger King, verdammt, so früh war er höchstens noch auf! – aufzustehen um der prallen Sonne und dem ohnehin exponentiell ansteigendem Lärm zu entgehen. Doch anstatt auf der Stelle kehrt zu machen, näherte sich Toki unbeirrten Schrittes – eine für ihn untypische Formulierung, dachte McCherry lakonisch – dem Epizentrum des Entsetzens (nicht diese, „Epizentrum des Entsetzens“ war eine schöne Phrase, die McCherry gerne öfters verwenden wollte, vielleicht ergab sich ja im Laufe des nächsten, ohne Zweifel unvermeidbaren Gespräch die Option, seine Wortkreation geübt einfließen zu lassen. Er heftete sich in seinem Gedankenhaus einen Zettel an die Toilette).

„Hier?“
Toki drehte sich um und blickte ihm müde in die Augen: „Nein, weiter vorne.“
„Du hast nicht mal geschaut.“
Toki seufzte. Anscheinen bereute auch sie das voreilige Aufstehen. Sicher war sie verkatert. McCherry grinste in sich hinein.
„Hier liegen überall Tschick-Stummel herum. Und die Sonne wird uns töten. Töten.
„Der Baum gibt sicher genügend Schatten.“ McCherry zeigte auf ein wildes Ästeallerlei, dass sich eher als Gestrüpp klassifizieren ließe.
Toki erwiederte mit einem are-you-effin-with-me?-Blick: „Dieser“, sie nickte unbeholfen zum Gestrüpp hinüber, „Baum bietet einen Scheiß. Zerfleddertes irgend-dings. Außerdem ficken Schwäne dort drin.“
„Wie kommst du auf das?“. McCherry kramte bemüht gelangweilt eine Zigarette aus seinem Etui. Fickende Schwäne, murmelte er zwischen Anzünden und Zug.
„Komm, das sieht man.“
Toki ließ die Tasche fallen und ging näher zum Gestrüpp. Nach einer auffordernden Geste, trottete McCherry ihr nach.
„Siehst du?“ Sie zeigte auf eine besonders in Mitleidenschaft geratene Zweigansammlung, deren dürre Arme bittend in die Höhe ragten (im Anbetracht des Zustands, ergab dieses Wort höchsten als lieb gemeintes Kompliment eine erträgliche Semantik) und nach Wasser, Berührungen und Schatten lechzten. Tötet mich, sprachen die Äste und McCherry nickte zustimmend zurück.
„Das ist definitiv ein Schwanficknest.“ Überzeugt grinste Toki ihn an. Sie war besoffen!
„Du bist betrunken. Das ist kein… und außerdem, haben Schwäne überhaupt“, er nahm einen tiefen Zug um dem kommenden Wort die notwendige Substanz zu verleihen, seine Hand hatte die betonende Geste bereits geformt, gab den Takt an, „Beischlaf?“ Und aus.
Tokis Blick schien ihm zu verdeutlichen, dass er ein Idiot war: „Alter, ja-a? Außerdem heißt es Beischlaf halten, du grammatikalischer Harry Potter,“
„The f-? Was hat… dass ist wohl, die… grammatikalisch?“ McCherry zog mit seiner Zigarette bedeutungsschwangere Kreise. „Die dümmste Refer… der dümmste Vergleich überhaupt.“
„Überhaupt, ja. Außerdem bin ich nicht besoffen, nur etwas-“ Toki stemmte ihre Finger in die Stirn.
„Salutierst du jetzt? Vor den Schwänen?“ McCherry achtete, dass er ihr den Rauch nicht direkt ins Gesicht blies.
„Was? Hallo-o?“ (McCherry konnte die Ausnutzung des verlängerten Vokals nicht ausstehen.) „Das ist das internationale Zeichen für Kopfweh! Für -“ und dabei presste sie bei jedem Wort ihre Finger gegen den Kopf, „fucking-hair-of-the-dog-fuck-kater.“
McCherry schnippte seine Zigarette ins Gestrüpp. Es hoffte auf lodernde Zungen, doch der Stummel verglühte ereignislos und bettete sich zu seinen gefallenen Brüdern.
„Erstens“, setzte er an, „geht das internationale Zeichen für Kopfweh so.“ McCherry hielt ihr Zeige- und Mittelfinger vor die Nase und erlaubte sich bei Gelegenheit eine öbszöne Geste, die Toki zum Grinsen brachte. „Und zweitens: Hangover. I got a haaangover, nana…, you know. Heißt Kater auf englisch.“
„Das weiß ich du Wappler.“
„Nichts als Beleidigungen. Drittens: Hair of the Dog passt…“
„Ich-brauche-einen-Drink-Kopfweh, jetzt okay? Dass du endlich Frieden gibst.“ Sie salutierte, Mittelfinger only. „Und außerdem ja, die ficken die Schwäne. Genau hier.“
„Ich glaub, die benutzen Kloaken…“
„Noch widerlicher. Und Hier willst du dich hinlegen?“
McCherry seufzte. Kurz hatte er vergessen, weswegen er hier war. „Nicht hier… da.“
„Alter, im Ficknest, neben dem Ficknest, dass ist doch egal. Es stinkt hier und außerdem kann man nie sicher sein. Du schläfst -„.
„In der prallen Sonne, wohlgemerkt!“ McCherry hatte das Gestrüpp aufgegeben. Es flehte ihn noch ein letztes Mal ein, bevor es sich mutlos krümmte.
Bejahend tippte Toki (immer noch mit dem MIttelfinger) auf McCherrys Brust: „Du schläfst in der prallen Sonne ein und ahnst nichts und plötzlich -“
„Sag ohne Warnung!
„- und ohne Warnung steckt dir ein geiler Schwan seine Kloake in den Mund.“
„In den Mund?“ McCherry sah Toki angewidert an.
„Oder in den Arsch, was weiß ich.“
„Alter, ich bin zu nüchtern, für so ’ne…“
„Einen Scheiß bist du nüchtern! Der Punkt ist auf jeden Fall, dass dich der Schwan fickt, wenn du hier bleibst.“
„Ich bin ja nicht einmal… ich seh‘ nicht einmal ansatzweise aus wie ein Schwan oder eine Gans oder sonst welche Vögel auf der to-do-list von jedem noch so notgeilen Schwan. Ich bin eine komplett andere Rasse. Dass muss ein Schwan doch sehen.“
„Hey, du liegst im Ficknest-“
„Beim.“
„Whatever, beim Ficknest vom Schwan; dem ist das egal, dass ist das internationale Zeichen für kloakengeil.“ Toki wiederholte McCherrys öbszöne Geste von vorhin. Er musste lachen (was ihm sonst schwer fiel, vor allem zu noch keiner zweistelligen Zeit).

Sie gingen erneut die beige Meile entlang. Meilenweit kam es McCherry vor und man sah nur trockenes Gras, zertretene Stummel und alle paar Meter ein überfüllter Mistkübel. Seine Stimmung war schnell wieder abgeflaut. Wahrscheinlich unbewusst – doch wer kann das schon so genau sagen – packte er die Luftmatratze etwas fester: vielleicht konnten seine ungepflegten Nägel ihm die Schmach ersparen, das Ding auch zurück schleppen zu müssen. Das Gespräch war verebbt und Toki nuschelte eine schreckliche Nummer von den Black Eyed Peas (welch Tautologie – aber so konnte er endlich dieses Wort in einem Satz verwenden) vor sich hin und er fragte sich, ob sie den Mist wirklich hörte oder vom welcher Arschgeige sie sich den Ohrwurm geholt hatte. Sicher eines der Kinder, meinte McCherry als ihm etwas einfiel.
„Wieso müssen wir überhaupt in das Epizent– “
„Da!“, Toki warf in hohen Bogen Badetücher und Tragtasche auf das Wiesenstück, die von einer Baumkette begrenzt wurde. McCherry wollte sie erwürgen.
„Wieso verbringen wir überhaupt, ich meine hier, im Schatten der Schatten auf dieser Wüste, wenn du doch einen Tag in der Sonne liegen willst. Und jetzt…“ Mittlerweile war er schlecht drauf; die übliche zu ihm passende dunkle Stimmung und bewusst gelangweilte Art, war einer unbewussten Missgunst gewichen, deren Pfade nur weitere Enttäuschungen an diesem Bade-Wetter-Scheiß-Tag bereithalten konnte. Toki ignorierte ihn und ließ sich ungalant auf das Tuch fallen, fischte aus dem im Umfeld verteilten Items das passende Heraus und verspeiste das Schmerzmittel mit einem süßen Energy-Drink: „Aww yiss.“ Und weg war sie, begraben unter einem Buch, dessen Einband McCherry nicht bekannt war. Einen weiteren Blick würdigte er dem Titel nicht.

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , ,

Ein Gedanke zu „Handbuch der Einsamkeit und des Vergessens: Fickende Schwäne (und das Wort Tautologie)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: