Jeff Wadlow: Kick-Ass 2

Kick-Ass-2-Motherfucker

Das Kreuz des Filmkritikers: während alle rund um einem das bunte Treiben verfolgen, brüllen und lachen, sitzt der „Cineast“ (Auffassungssache) da, vergleicht und bestätigt sich in der üblichen Annahme, dass Fortsetzungen nie der Quelle das Wasser reichen können. Es fließt ohnehin immer abwärts, also warum nicht gleich genießen. Aber trotzdem, die Erwartungen bleiben – trotz eines wenig überzeugenden Trailers – hoch, die Summe der Erfahrungen hält sich in einem überschaubaren Ausmaß. Und am Ende ist man der arrogante Arsch, der einem dem Spaß vemießt, wenn man die sinnfreie Actionkost auch noch bemängelt. Der Killersatz: „Was hast du denn erwartet?“ Immerhin sind wir nicht auf der Pont-Neuf sondern in Kick-Ass 2: Balls to the Walls! – so der Comictitel. Vielleicht kleben die Eier im Comic ja wirklich irgendwo an der Wand, aber hier kriegen sie nur ab und zu einen Tritt. Aber alles der Reihe nach.

Also, wo fängt man an. Ja, beim Anfang. KICK-ASS Numero uno war der Überraschungsfilm 2010; groteske Brutalität & kleine Mädchen mit Gossendialekt. „Guter Geschmack“ (alles relativ) und Moral war der Comicverflimung des Anti-Comics ein Fremdwort und der überraschende Arschtritt saß perfekt. Verwunderlich war das – für mich zumindest – nicht; der Red-Band-Trailer (auf deutsch: Trailer für Erwachsene) zeigte die eigentliche Heldin Hit-Girl in einer fulminanten One-Girl-Show, wie sie Bösewicht nach Bösewicht mit Messer und Kanonen den Tod einhauchte.  Matthew Vaughn – LAYER CAKE und STARDUST – Regisseur war auf Grund der beiden genannten Filme auch für mich ein Garant für gute Unterhaltungsfilme und mit gut meine ich wirklich gut und nicht Iron-Man-3-gut (schaut man sich halt an, aber is einem eigentlich eh egal). Von der X-Men Verflimung mal abgesehen  (aber mir liegen die Schema-F-Comicverflimungen halt nicht), hat mich Matthew Vaughn noch nie enttäuscht (STARDUST ist einer dieser Filme, den ich mir eigentlich immer anschauen kann), umso bitterer war die Erkenntnis, dass Vaughn die Fortsetzung nicht mehr inszeniert. Vielleicht sah er bereits, dass die Vorlage nicht das Potential des ersten Teils erreichen würde, vielleicht ist er auch einfach kein Freund von Fortsetzungen. Warum auch.

Kurzer persönlicher Exkurs zum Thema Fortsetzung. Wen’s nicht interessiert, der überspringe einfach diesen Absatz: vor nicht all zu langer Zeit sah ich zum ersten Mal James Camerons ALIEN Nachfolger angesehen, der ja in der großen weiten Welt der Filmkritiker ausnahmslos als Klassiker gehandhabt wird. Volle Punktezahl bei den Filmstartern, stolze 8,5 auf der gelben Movie-Database und kein schlechtes Wort über das monströse Werk des Terminator-Schöpfers.  Der Film ist geradezu das Paradebeispiel des „Zweiten Teils“: mehr ist mehr, lautet die Devise und aus eins wird eintausend. Und – dafür kassiere ich sicher Schläge – mir hat er nicht gefallen. Ich liebe den grandiosen ersten Teil, Ridley Scotts ALIEN (und übrigens auch BLADE RUNNER) ist nicht nur der beste Sci-Fi-Film überhaupt sondern einer der besten Filme, die ich kenne. ALIEN ist so gut – so verdammt gut – düster, spannend, explizit, tiefgründig, wiederwärtig, angsteinflößend, existenziell und beklemmend auf einem beängstigenden Niveau und dass habe ich mir auch von der Fortsetzung erwatet. Ein Fehler? Mein Fehler? Selber Schuld? DIE RÜCKKEHR war ein solider Actionfilm mit unsympathischen Nebenfiguren und einer immer tollen Ripley, aber die Essenz des ersten Teils hat er nicht im geringsten versprüht. Das Exempel von James Cameron bleibt auf jeden Fall ein aktuelles: Fortsetzungen. Die ewigen Enttäuschungen.

Also: mehr ist mehr. Altbewährtes wird aufgewärmt aber einfach mit einer Prise mehr. Extremfälle bilden Filme wie THE HANGOVER PART II, der gleiche Ideen und selbe Dramatugie verwendet, aber das ganze nur einfach noch ärger als das Original. CRANK 2 ist ebenso ein gutes Beispiel für einen schlechten Film und für die typisch unoriginelle Fortsetzung. Und in die Liga der ordinären Actionfilme reiht sich nun auch KICK-ASS 2 ein. Jeff Wadlow – Regiesseur von CRY_WOLF oder NEVER BACK DOWN, beides Filme, von denen ich allerhöchstens die DVD um 4,99 beim Medien-Pusher kurz (und ich gebe zu: missbilligend) beäugt hatte – setzt also auf die bewährte Formel und geht keine wirklichen Risiken ein. Sein Film trägt zwar die Maske des ersten Teils, dahinter verbirgt sich jedoch ein weitgehend äh, abgestandener Film.

Das Böse ist tot, lang lebe das Böse. Chris D’Amico will nach dem Tod seines Gangster-Vaters Rache üben und zwar an dem Möchtegern-Superheld Kick-Ass, der Daddy mit einer Bazooka in die Luft gejagt hat. Also zieht er sich Mamas Klamotten an und legt seinen ehemaligen Alias Red Mist ab um zum ultimative supervillain zu mutieren: dem Motherfucker. Doch Kick-Ass hat sich zur Ruhe gesetzt; zuviel des Guten und viel zu viel des Bösen, dachte sich der Teenager und konzentrierte sich lieber auf das, was Teenies nun mal am besten können: masturbieren und träumen. Doch natürlich kommt alles anders…

Ja, bla bla. Natürlich kommt alles immer anders als geplant, das ist auch gut so, sonst hätten wir keine Geschichte und Mark Miller keinen dritten Teil, der für die Leinwand umgeschrieben werden soll. Von der Story wird hier jedoch nicht mehr verraten, was nicht daran liegt, dass KICK-ASS 2 den Twist des Jahres abliefert, sondern, weil Wadlows Film keine wirkliche Story mehr hat. Wie gesagt; das was im ersten schon funktionierte wird im zweiten Teil ebenso gekaut, nur – wie der Wiener sagt – a wengerl aundas. Und mit a wengerl meine ich wirklich nur a wengerl: der Tod einer Vaterfigur aus dem ersten Teil? Wieso nicht gleich alle Vorbilder für unsere Antihelden abmurksen? Eine Handvoll Superhelden? Wie wär’s mit einer Armee? Chloe Mortez flucht wie ein Barkeeper im Zehnten? Jetzt mit noch mehr Kraftausdrücken! Der Humor war derb? Let’s make it derber! Okay, ihr seht, worauf ich hinaus will. Das Problem an dem ganzen ist leider, dass der erste KICK-ASS ein Umfeld hatte, in der er seine Ideen einbetten konnte, während der zweite nur versucht die Grundzüge nachzuzeichnen und hie und da die Leute daran zu erinnern, dass das, was jetzt kommt, schon vor drei Jahren lustig war.

Nur, vor drei Jahren war es auch noch originell. Oder zumindest überraschend. Überraschend brutal und überraschend konsequent. Das war man nicht gewohnt, schon gar nicht von amerikanischen Comicverflimungen. Natürlich erwartet man sich auch heute kein Blutbad bei den Justice Leagues dieser und anderer Welten, doch wer KICK-ASS eins sah, wird wissen was KICK-ASS zwei zu bieten haben muss. There goes the surprise party. Nichts desto trotz ist die Fortsetzung herrlich brutal und das Blut spritzt an allen Ecken und Enden. Das muss man dem Film lassen; er hat sich durch die Aussicht auf ein breiteres Publikum zumindest nicht klein kriegen lassen und bleibt so wild, wie sein Vorgänger. Die FSK 18 für das Kino tut sein übriges und schon heißt es, die Gewalt übertreffe den ersten Teil. Das tut sie nicht, aber das liegt daran, dass KICK-ASS 2 keinen Kontext versteht. Die Bilder, die Wadlow liefert sind sicherlich die Altersfreigabe wert (aber das waren die von Vaughn auch, ab 16? Das wundert mich heute noch.), doch gehen sie einem in keinem Moment so nahe, wie die Exekutionen des ersten Teils (Mikrowelle, par exemple).

Hab ich schon erwähnt, dass KICK-ASS 2 kein schlechter Film ist? Das kommt vielleicht nicht so rüber, bei dem ganzen Gesudere. Wadlows bemüht sich sehr, seinen Film unterhaltsam zu gestalten und dafür, dass der Film fast zwei Stunden dauert, Aber das haben diese Filme so an sich, da vergeht die Zeit im Flug, weil’s dauernd was zu schießen gibt. Und viele bunten Charaktere. Die meisten davon haben zwar nicht wirklich etwas zu tun, aber gut dass sie da sind. Und dann ist da auch noch Jim Carrey, der sich meiner Meinung nach nur von dem Film distanziert hat, weil er nur in ein paar Szenen vorkommt. Der Alt-Komiker hat sichtlich Spaß an der Rolle des Colonel Stars & Stripes und noch mehr Spaß hat er, wenn er seinen Schäferhund mit dem Befehl „Schwanz!“ (O-Ton, übrigens) dem Mob an die Eier jagt. Er, Hit-Girl und The Motherfucker sind auch die vielversprechensten Charaktere und zum Glück nimmt sich der Film wenigstens für eine dieser Figuren etwas mehr Zeit: Hit-Girls Selbstfindungstrip ist zwar deutlich prädestiniert und niemand im Publikum dürfte sich über ihre Entscheidung gewundert haben, aber die kleine Coming-of-Age Episode gleicht den Film etwas aus. Außerdem ist sie sehr komisch und bietet abseits der grotesken Tötungsszenen den einen oder anderen Lacher.

Doch auch hier scheint sich Wadlow nicht sicher zu sein, was er machen soll: der bissige Humor, die cleveren Zitate und der sarkastische Ton der Teenie-Comic-Fans aus dem ersten Teil, sind einem frechen Standard gewichen. Viele Szenen bieten zwar wirklich Potential für (zugegeben, kaum zu übersehene) Situationskomik, doch KICK-ASS 2 findet, er muss noch eins drauf packen und schon spritzt die braune Soße nur aus allen Röhren und Analkugeln sorgen für peinliche Momente. Hey, nicht falsch verstehen; ich finde Analkugeln wahrscheinlich so lustig wie jeder andere Mensch auch, aber wenn KICK-ASS 1 die Reflexion einer nerdigen Comic-Subkultur sein soll, dann ist der zweite Teil eine Spiegelung davon, was die Leute glauben, was eine nerdige Subkultur witzig findet. Und das ist in diesem Fall altbackener Scary-Movie Humor. Jeff Wadlow ist wie Philip J. Frey, dem zwar immer wieder gesagt wird, dass er seine Geschichten immer einen Satz vorher beenden soll, dies aber nicht tut.

Neben dem schlechten Timing kommt dann noch das halbherzige Drumherum hinzu: Regie, Schnitt, Kamera, irgendwie alles an der Technik des Films wirkt so straight und gewöhnlich. Schießerei am Autodach schön und gut, doch keine Szene kommt an Hit-Girls Racheakt zu Joan Jett and the Blackhearts ran (der Ausschnitt zeigt ebenso, dass sogar die Songauswahl als Referenz zu Superhelden gedacht wurde). Fällt sowas sonst niemanden auf? Ist es einfach, weil Matthew Vaughn seinen Film noch aus Überzeugung und Jeff Wadlow seinen Film auf Grund der Arbeitsverteilung gemacht hat? Wobei, was weiß ich, vielleicht hat sich Wadlows ja um das Projekt gerissen und ich bezeichne ihn schlicht aus zu schneller Konklusion als Auftragsregisseur. Auf jeden Fall beherrscht er die schöne Bildsprache seines Vorgänger-Directors nicht wirklich. Alleine die Titeleinblendung zu Beginn wirkt billiger. Uninteressiert fast.

Uninteressant bleibt der Film zumindest im Subtext, derweil hätte man wirklich viel rausholen können aus diesem zweiten Teil. Und das ist es, was mich am meisten nervt an diesem so-la-la-Film: er ist nicht schlecht er ist einfach nur zu faul. Ich würde zu weit gehen, wenn ich sage, dass es dem Film an einem richtigen dritten Akt mangelt, aber wie KICK-ASS 2 mit seiner Idee umgeht, ist einfach nur ärgerlich. Ja, klar – Comicverflimung und Subtext, Überinterpretation nennen die meisten dass, aber der erste Teil kannte sein Thema; Teenage-Angst, romantische Sehnsucht nach einem anderen Ego, first love, etc. Eingebettet in bluttriefenden Battles, aber unübersehbar präsent. Doch der zweite Teil hat kein Thema, keine Tiefe. Er versucht zwar Mindys (aka Hit-Girl) Plot mit ein bisschen MEAN GIRLS zu seinem Thema zu machen, aber die Idee verläuft im Sand.

Derweil ist die Thematik sehr offensichtlich (und nicht einmal neu): die Idee „Kick-Ass“ hat sich verselbstständigt und ist in das Herz der Menschen eingedrungen, motiviert und bewegt sie. Doch auch auf der Gegenseite treffen die Beweggründe auf fruchtigen Boden und der Superbösewicht erschafft eine Armee aus weiteren Bösewichten, bis er seine eigene Idee aus den Augen verliert. Beides wächst den Figuren, die sich viel ähnlicher sind, als sie glauben, über den Kopf, doch bevor sie es aufhalten können, konsumiert ihr Produkt, was sie lieben und wovon sie träumen, hinterlässt eine brache Landschaft und ein Chaos um sich letzten Endes sich selbst (und seine Erschaffer) zu verzehren. Yeah, no. Dafür ist KICK-ASS 2 dann doch zu unambitioniert. Er mag das ganze – das Chaos, die Anarchie, die Verselbstständigung – andeuten, doch ist zu inkonsequent, sie auch zu zeigen. Irgendwie. Die Figuren stehen im sogenannten letzten Akt still und ihre Beweggründe sind allenfalls Schatten aus den Motivationen des ersten Teils. Und ich komme gerade drauf, dass das als Conclusio für diese Fortsetzungen (und alle schlechten Fortsetzung überhaupt) wie ein Tritt in den Arsch oder ein forcierter Wortwitz als Pointe perfekt passt.

Trotzdem. Der Film ist okay; die Schauspieler haben Spaß, die Action sitzt und der Film hat ein paar gute Fights, die bunten und unzähligen Charaktere so richtig abgedreht und der Soundtrack ist ebenso fein obwohl das Kick-Ass-Thema etwas überspielt wird. Die Kritik klingt etwas harsch, aber das liegt daran, dass KICK-ASS wirklich gut war und noch eine schlechte Fortsetzung halte ich nicht mehr aus. Wir sollten alle auf SCREAM 2 hören und keine Fortsetzungen mehr drehen. TBC.

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