Handbuch der Einsamkeit und des Vergessen: Braaaains go awry und „Killing Swan“

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Die Sonne stieg auf und das Schreien an, immer lauter, bis es zu einem schwarzen Rauschen wurde, welches sein Umfeld bedeckte. Er schien der einzige der Anwesenden zu sein, der sich darüber ärgerte; rund um ihn wurde gelacht und in verschiedenen Sprachen durcheinander gerufen (oder vielleicht war es alles die selbe Sprache, doch für McCherry war das all nur der übliche Brei, der sich aus den Mäulern seiner Mitmensche ergoss). Toki schnarchte leise unter der Last der Seiten. Eine Schnulze, da war sich McCherry sicher. Oder ein Zombie-Roman, verbesserte er sich, dieser Mist lag zur Zeit im Trend. Er hatte kein einziges Buch über Zombies in seinem Laden und er war stolz drauf. Zumindest würde er das den Menschen antworten, die ihn darauf ansprechen (ergo, niemand). Toki vielleicht. Aber sie würde ihn eventuell dazu überreden Zombe-Bücher in sein Sortiment aufzunehmen und dass sollte tunlichts vermieden werden. Außerdem waren Tokis Ideen Müll; juveniler und von angeblichen Subkulturen auferlegter Müll. Flip-Flops. In einem Theaterstück würde er jetzt stutzen.

McCherry sah sich um. Die Einöde bereitete ihm Kopfschmerzen, der Boden nährte sich von der Hitze und gab sie an die Badenden ab, die sich ohne weiteres neben Plastikmüll und Ameisenhaufen niederließen. Einige Meter vor ihm patrouillierte drei Schwäne, wahrscheinlich auf der Suche nach etwas Essbaren. Die Gang wurde vom Großteil der menschlichen Besucher verscheucht, doch ein Kind machte den Fehler, ihr ein Stück seiner Jause vor die Schwanfüße – McCherry fiel beim besten Willen das richtige Wort dafür nicht ein – zu werfen. Sofort hatten die Schwäne das Kind umzingelt und warteten ungeduldig auf Nachschub.

Schwan 1: Yo, mann! Da gibt’s Krümmel!
Schwan 2, aufgeregt: Wo, wo, wo, wo? Was? WO?
Schwan 1: Yo, hier! Der Kleine hat mir gerade was zugeworfen!
Schwan 2, seine Flügel flattern: Aaaalter, ich will auch ’n Stück! Sag dem Scheißer, er soll mir auch ’n Stück abgeben!
Schwan 1: Yo, du hast den Mann gehört. Also rück raus.
Schwan 3 positioniert sich bedrohlich hinter das Kind.
Schwan 2, hebt gleich ab: Was is‘ jetzt?! Fuck, ich brauch ’n Stück, jetzt. Echt, weiches, geiles Brot, echt!
Schwan 1: Yo, bist du taub? He, kleiner?
Schwan 2, seine Schwanfüße treten nervös von einem aufs andere: Weich, oder den Rand, scheißegal! Ich brauch das Zeug, jetzt. Fuck, Brot oder eines seiner Augen, is‘ mir gleich!!
Schwan 1: Yo, du hast ihn gehört, oder etwa nicht? Ich mein‘, der is‘ echt drauf, dass willst du nicht riskieren, echt nicht.
Schwan 2, er kichert: Echt nicht, echt nicht!
Schwan 3 bleibt ruhig als das Kind zurückweicht, schneidet ihm den Rückweg ab.
Schwan 1: Yo, du bist echt in der Klemme. Rück raus, sonst…
Schwan 2: Sonst spieß ich dich auf, wie einen Wurm, du kleiner Hoßenscheißer!! Gib. Jetzt. Her!
Schwan 3 lässt ein Butterfly-Messer aufklappen und nickt bestimmt zu seinen Kollegen rüber.
Schwan 1: Yo, jetzt bist du dran, zu lange gewartet. Wenn der mal Blut gerochen hat, Alter, da kann nicht einmal ich dir helfen, du bist so in der Scheiße, echt jetzt…
Schwan 2, er schreit mittlerweile: Fuck! Wo ist das Brot, Mann! Ich dreh durch, ich sag’s dir, ich dreh durch, ich… schneid‘ den Kleinen auf, ich hol mir das Brot direkt von der Quelle!
Schwan 3 stößt das Messer in den Hals des kleinen Jungen. Blut spritzt auf sein weißes Gefieder. Seine Kollegen lachen hämisch, doch er verzieht keine Miene.

McCherry drehte sich verstört um. Er griff sich eine von Tokis Zigaretten (blaue Pall Mall, echt jetzt?) und atmete tief durch. Als er sich wieder dem Kind zuwendete, sah er, wie irgendjemand die Schwäne mit einer Tragetasche davon jagte. Das Kind weinte und ließ Brotreste auf den Boden fallen, auf die sich die Schwäne gierig stürzten, als es von einem Erwachsenen weggetragen wird. Scheiß Schwäne, dachte sich McCherry und zündete sich sein Zigarette an. Er nahm einen festen Zug. Bergluft, schoss ihm durch den Kopf und er und verzog das Gesicht. Distanziert beobachtete er weiter die Szene. Die drei Schwäne hatten sich mittlerweile gegeneinander verschworen und pickten hasserfüllt aufeinander ein. Als sich herausstellte, dass der Schwan mit dem Messer sich als stärkster der Gang erwies, watschelten die beiden in Richtung des Erwachsenen, der gerade den Jungen gerettet hatte. Dieser fuchtelte mit seiner Tragetasche ein weiteres Mal in Richtung der Angreifer, bis er bemerkte, dass sich seine Waffe gegen furiose Schwäne als ineffizient erwies. Schwan 2 hatte ihn mittlerweile eingeholt und schnappte nach seinem Bein, der Mensch ließ Tasche und Kind fallen und begann nach dem Schwan mit Füßen und Händen zu treten. Das letzte, das McCherry sah bevor er sich wieder umdrehte und die Zigarette ausdämpfte (es war noch die Hälfte da, aber sie schmeckte beschissen) war, wie Schwan 1 den Mann niederhielt, während der andere seine Augen auspickte.

„Hey!“ McCherry rüttelte an Tokis Bein.
„Hmäh…“ Ihr Buch – eine Schnulze oder eines über Zombies – fiel ihr vom Gesicht und Toki wendete sich angewidert von der Sonne ab, die ihr somit ins Gesicht strahlte.
„Toki, es ist langweilig!“
„Alter, dass ist nicht mein Problem.“ Man hörte ihr an, dass sie gerade aufgewacht ist.
„Doch! Es war deine Idee hierher zu kommen und jetzt bin ich hier gefangen, in dieser Einöde und außerdem…“
„Fuck!“ Toki richtete sich auf, ihr Gesicht war von Zorn verzerrt: „Benimm dich wie ein Erwachsener und finde etwas, womit du dich beschäftigen kannst!“
„Und außerdem, glaub‘ ich, wollen die Schwäne mich killen…“
„Die wollen ficken, sonst nichts.“
„Nicht besser.“
„Hier“, Toki nahm ihr Buch und reichte es McCherry. „Ließ das und halt endlich die Klappe. Seit dem wir hier sind…“
„So etwas lese ich nicht.“
Toki atmete einen tiefen Zug Strandluft ein, den sie schließlich in einen majestätischen Seufzer münden ließ. Wenigstens waren ihre Augen nicht mehr mit Wut durchtränkt. Sie blickte von unten zuerst auf McCherry und dann auf das Buch hinauf und mit einem Ganzkörperachselzucken ließ sie es in die trockene Erde fallen.
„Natürlich nicht. Wie konnte ich das vergessen. Du ließt ja nur…“ Sie machte eine Handbewegung die niemand auf diesem Strand hätte deuten können.
„Zeug. Existenzialistisches Zeug.“
„Existenzialistisch.“
„Fick dich. Existentiell.“ Ihr Blick hatte sich erneut verdunkelt. „Wieso musst du immer alles besser wissen? Weißt du. Dass ist der Grund, warum niemals irgendwer -“
„Niemand.“
„Niemand.“ Toki schrie. „Niemals niemand irgendwer in dein verficktes Geschäft kommt! Weil du ein überheblicher Wichsarsch bist und jeder, der nur einen Fuß in den Laden setzt, bemerkt dass. Au-gen-blick-lich.“
„Der Grund, warum sie nicht in meinen Laden kommen, ist, dass ich mich weigere Literatur ins Sortiment zu nehmen, die sich nur an das kommerzielle Bewusstsein unserer Gesellschaft orientiert und die nur noch produziert wird um die gierige Kundschaft mit den neusten Trends zu ver-“
„Siehst du?“ Sie hatte sich etwas beruhigt, zitterte noch unter dem vorherigen Wutausbruch. „Mann, du siehst es nicht einmal. Die ganze Zeit, du bist ein so unglaublich überheblicher Arsch, dass es weh tut in deinem Schatten zu stehen.“
McCherry runzelte die Stirn.
„Ja…“ Toki griff sich eine Zigarette und fuhr fort, nachdem ihr McCherry – etwas schuldbewusst, doch er wusste nicht wieso – Feuer gab: „Sprichwörtlich.“
Schweigen legte sich über unsere beiden Helden des Tages, es übertönte den Lärm der Besucher, das Geschrei der Kinder und den Blutdurst der Schwäne.
McCherry bemerkte, dass ihn das Schweigen schmerzte und er setzte an: „Ich weiß zwar nicht, wie du das meinst, aber ich kann dir versichern, dass ich dir sicher nicht im Schatten, ich meine, im Weg stehen werde, wenn du…“ Eine ausladende Handbewegung.
Toki verdrehte die Augen. Das einzige Mittel der Kommunikation, welches beide gleichermaßen verstanden. Dieses und obszöne Gesten.
„Das war nicht so gemeint.“ Sie atmete heißen Rauch aus. Ihre Kehle kratzte, doch sie wollte keinesfalls husten. „Das war so dahin gesagt, ich weiß, es passt nicht… aber es un-ter-streicht“, die letzte Silbe zog sie genussvoll lang und McCherry musste sich winden, „genau meine Punkt. Du bist so ein Besserwisser.“
„Besserwisser.“
„Ein lustiges Wort, ich weiß.“ Beide mussten grinsen, doch sie wussten, dass sie das nicht wirklich wegen des Wortes taten.
„Manchmal glaube ich, du magst es, wenn ich dich beschimpfe.“
McCherry antworte nicht. Er merkte, wie sich um sein Herz eine Sanftheit gelegt hatte, die wirklich zu dem Zeitpunkt eingesetzt hatte, als Toki ihre Stimme erhoben hatte. Als sie ihn jetzt darauf ansprach, sank es wie ein Anker in ein teeriges Meer aus Erkenntnis.
„Was du meinst“, begann er vorsichtig, „ist ein masochistisches Gelüst, welches ich bei mir noch nie beobachtet habe. Auch jetzt liegst du falsch.“
„Ja, whatever. Ich meine ja nicht, dass du auf dieses S/M Zeug abfährst.“ Einen Moment nach ihrer Aussage, bemerkte Toki die Frivolität, die ihrer nicht gemachten Unterstellung zu Grunde lag.
„Nicht das zum richtigen Zeitpunkt gegen etwas“, sie machte eine feline Geste und untermalte diese mit einem Knurren, „einzuwenden ist.“ McCherry blickte sie an, als hätte er soeben einen Schwan gesehen.
„Sorry“, murmelte Toki. Sie schüttelte den Gedanken an Peitschen und Chromdildos ab und wiederholte noch einmal kopfschüttelnd die vorherige Geste.

Eine Zeit lang saßen Toki und McCherry auf der Decke und blickten auf das Wasser und dachten darüber nach, wie sie sterben würden. Toki war von den Wellen des Wassers an einen Pool erinnert worden, in dem sie sich als Kind den Kopf gestoßen hatte und zwei Minuten unter Wasser getrieben war, bis sie endlich jemand bemerkt hatte. Damals dachte sie nicht daran, dass sie jetzt sterben würde, doch ihr restliches Leben würde sie diesen Moment so in Erinnerung halten: ihre erste Begegnung mit dem Tod. McCherry dachte ständig an den Tod und seine fatalen Fantasien nahmen andauernd grausame Züge an. Doch in der Stille, die das Schweigen zwischen ihm und seinem einzigen Freund gebildet hatte und den Lärm der Außenwelt abschirmte, fiel es ihm schwer, sich seiner makabren Vorstellung hinzugeben, die er nur all zu gerne in einen Horrorfilm (Working Title: Killing Swan) verwandelt hätte. Er dachte an einen leeren Raum, keine Fenster und nur Licht. Ein Bett und ein Laken. Die Tür öffnet sich und das Laken bewegt sich sehnsüchtig. Es rutscht hinab und McCherry weiß, wer sich unter der Decke verbirgt. Und er weiß, wer hinter der sich öffnenden Tür wartet.

„Ich werd‘ mal schwimmen gehen.“ Toki unterbrach die Stille und der Lärm setzte wieder ein.
„Worum geht’s in dem Buch. Um Zombies?“
Toki wackelte mit ihrer Hüfte um sich von der Jeans zu befreien.
„Gehiiiirne.“
„Echt jetzt.“
„Nein, nicht echt jetzt.“ Toki entledigte sich ihres Tops. Ihre Figur war nur noch in den türkisen Bikini gehüllt, der McCherry bereits vorhin aufgefallen war, als er unter der Jeans herausgelugt hatte. Auch wenn er dies nie zugeben würde. Er sah schnell in eine andere Richtung.
„Zu allem muss man dich überreden und von allem muss man dich überzeugen. Wann warst du das letzte Mal im Kino, ohne vorher die Kritik zu lesen?“
„Ich lese nicht immer die Kritik, manchmal check ich einfach den Meta-Score und auf dieser Basis, entscheide ich dann-“
„Bla. Wenn du wissen willst, worum es in dem Buch geht, nimm’s dir einfach. Es ist ohnehin aus dem Laden.“
„Hast du dafür gezahlt?“ McCherry hatte sich umgedreht und konnte gerade noch erkennen, wie Toki die Finger aus ihre Unterteil herauszog, welches sie sich gerade gerichtet hatte, so dass es nicht zwickte. Der Gedanke an einen Geruch fiel ihm ins Gedächtnis und brachte ihn kurz aus dem Konzept. Toki sah ihn verständnislos an. Beide warteten auf einen Comic-Relief.
„Äh. Nein?“
McCherry bekam eine Gänsehaut.
„Das ist ohnehin nicht dein ernst, aber wieso sollte ich?“ Sie drehte sich um und schritt zum Wasser. McCherry ging ihr nach, ohne zu wissen wieso. Geistesabwesend stand er mit seinen Füßen im Wasser und beobachtete Toki, wie sie vorsichtig in die warme Brühe stieg.
„Du willst doch nicht so“ (schon wieder langgezogen, das brachte ihn etwas zurück), „ins Wasser gehen!“, sagte Toki mit einer Ironie, die auf irgendeinen Film anspielen musste.
„Äh. Nein?“ McCherry stieg wieder aus dem Wasser.
„Ich schwimm‘ mal zu den reichen Wichsern rüber“, sagte Toki und zeigte auf das andere Ufer. McCherry konnte einen Steg erkennen, breit mit einer Rehling daran und in langen Reihen standen Liegestühle unter Sonnenschirmen.
„Die haben sogar einen Rettungsring! Schau!“ McCherry malte sich einen rot-weiß-roten Ring aus, den er aus verschiedenen Medien kannte, aber noch nie in real gesehen hatte.
„Ich klau‘ mir diesen Rettungsring.“ Tokis Augen blitzten auf. Sie spielte ihm einem wahnsinnigen Blick zu: „Zu erst der Rettungsring und dann die Welt…“ Sie tauchte ab. McCherry sah den Luftblasen verständnislos nach. Über dem Steg erhob sich ein Kran und das bewohnte Gebiet hinter der anderen Uferseite breitete sich vor seinen Augen aus.
„Bist du dabei?“ Toki war wider aufgetaucht. Die Menge an Smalltalk hatte auch für sie bereits ein Maximum erreicht und sie knetete nervös mit ihren Händen. Sein Unwillen mit ihr Konversation – und sei es auch nur ein Fake – zu führen, lösten in ihr ein unverständliches Unwohlsein aus. Seine ausstehenden Antworten machten sie nervös. McCherry löste den Blick von der inspirationslosen Kulisse und endlich: „Äh, ja. Nein. Nein, das würde nur schief gehen. Du und Weltbeherrschung. So was von schief.“ Den letzten Teil murmelte er vor sich hin.
Toki kniff ihre Augen zusammen: „Einen scheiß geht das schief.“ Das Wasser reichte ihr bis zu den Brüsten, unter dem Bikinistoff konnte McCherry ihre Brustwarzen erkennen. Er atmete tief aus und sah wieder ans andere Ufer; es blitzte auf.
„Wenn ich erstmal den Ring habe… sie zu knechten!“ Doch McCherry stieg nicht darauf ein. Er starrte wieder unvermittelt auf die gegenüberliegende Seite des Sees.
„Mann, leg dich in den Schatten. Du scheinst zu viel ab bekommen zu haben,.. hast du etwa?“ Toki spitzte ihre Lippen und führte drei Finger zum Mund, simulierte einen Zigarettenzug.
„Was? Nein. Hast du was mit?“
Toki zuckte lediglich mit den Schultern.
„Aber du hast Recht. Schatten.“ Er drehte sich um und beide blickten zu dem erbärmlichen Gestrüpp hinüber.
„Na na na.“ Toki beschwörte ihn mit einer belehrenden Geste. „Du weißt…“
„Ja, fickende Schwäne.“
„Bis gleich.“ Und weg war sie.

McCherry durchsuchte Tokis Badetasche nach Gras. Ein Schwan beobachtete ihn misstrauisch, doch ebenso hoffnungsvoll. Vielleicht sprang ja etwas Brot bei der Suchaktion heraus. Unter den Handtüchern war ein silbernes Etui versteckt, welches dem, dass er besaß überaus ähnlich sah. McCherry blickte verdutzt auf das Etui und drehte sich nach seinem um. Die Ähnlichkeit war verblüffend, wie man so sagt. Tokis Etui klemmte etwas, doch nach einer kurzen Fingerübung schnappte es auf und McCherry fand eine Reihe säuberlich gewuzelter Joints vor. Er griff sich einen und zündete ihn – nach einem kurzen Rundblick – genüsslich an. Die Sonne hatte mittlerweile den Zenit erreicht, die Schwäne hatte alle Leichen im Gestrüpp verstaut, Toki war mit den anderen Schwimmern zu einem Teil der glänzenden Oberfläche verschwommen. McCherry hatte sein Hemd aufgeknöpft und die Badehose angezogen; es war schlicht zu heiß um in voller Montur herum zu rennen. Sein Kopf wurde schwerer, als er den Joint zur Hälfte reduziert hatte. Er musste husten und dämpfte vorsichtig aus. Er schritt etwas benommen Richtung Wasser und suchte mit zusammengepressten Augen den See ab. Als er Toki nicht finden konnte, schritt er weiter voran, vorsichtig seine Schritte bemessend. Er drehte sich kurz um und sah, wie der Schwan, der ihn vorhin beobachtete hatte, auffällig nach ging. McCherry ballte seine rechte Hand zu einer Faust und schritt weiter. Im Rücken spürte er den drohenden Blick seines Verfolgers. Je näher McCherry dem Ufer kam, umso lauter wurde die Stille, die unvermittelt eingesetzt hatte. Sie erinnerte ihn an das Schweigen zwischen ihm und Toki, an den Rettungsring der die Macht bedeutete, an das Laken und an die Tür. Ein Spalt breit. McCherry stand nun im Wasser, ein Flip-Flop versuchte sich von seinem bleichen Fuß zu lösen. Er konnte Toki noch immer nicht finden, mittlerweile war es komplett still geworden. Und dunkel. Eine Wolke musste sich vor die Sonne geschoben haben, die hinter ihm runter gebrannt hatte. Er wagte es nicht sich umzudrehen. In den Augenwinkeln beobachtete er eine Familie, die ebenso stumm auf das Wasser starrte. Eine bekiffte Mattheit ergriff ihn und Panik stieg in ihm hoch, sein Blick flog über die Wasseroberfläche zum anderen Ufer und suchte es ab. Vielleicht hatte Toki es bereits erreicht und winkte ihm nun herüber. In Gedanken sah er sie im ihrem türkisen Bikini, wie sie ihm öbszöne Gesten vom gegenseitigen Seeufer deutete. Angestrengt suchte McCherry weiter. Der Steg. McCherry stand bis zu den Knöcheln im Wasser. Der eine Flip-Flop hatte die Freiheit erlangt. Der Steg war nicht mehr da. McCherry rieb sich die Augen und seine Hände zogen sein Gesicht nach unten.
„Fuck.“
Die Hütten und Gärten und Zäune reihten sich aneinander, doch vom Steg war nichts zu sehen. McCherry zitterte. Panisch suchte er das andere Ufer ab, zeichnete in seinen Erinnerungen markante Punkte um sie auf die Realität umzulegen. Es war doch noch… sein Hemd schwamm auf der Seite davon. Er stand bis zur Brust im Wasser, konnte sich nicht erinnern, sich ausgezogen zu haben. Sein nackter Fuß zwickte. Der Kran. McCherry suchte die Silhouette des anderen Ufers ab, versuchte verzweifelt etwas zu finden, dass ihm bekannt vorkam. Er spürte eine Präsenz hinter seinem Rücken und atmete tief ein. Der Kran ragte hoch über dem bewohnten Gebiet der „reichen Wichser“ und zeichnete eine Linie zu dem Ort, wo McCherry den Steg erinnerte. Doch unter dem Kran lagen nur weitere Häuser. Er öffnete den Mund um etwas zu rufen. Wind fuhr ihm durch die Haare, doch das Wasser bewegte sich nicht im selben Rhythmus. Er konzentrierte sich, schritt jeden Meter genau ab, zeichnete noch einmal die Linie der Spitze des Kranes hinab, dennoch. Hatte sich der Kran bewegt, hatte er gewendet? McCherry hatte Tränen in den Augen. Er konzentrierte sich auf die Stelle, an der er den Steg vermutete. Je genauer er sah, umso klarer erkannte er: ein beiges Haus, Fenster, ein schlichter Zaun und die Auffahrt, in der ein Geländewagen parkte. Der Wagen blitzte auf. McCherry wich zurück. Er glaubte sich an den Geländewage erinnern zu können. Glauben zu können. Sein Hemd trieb ab und ihm folgten zerfledderte Zettel. McCherry glaubte seine Handschrift erkennen zu können. Tränen liefen seine Wangen hinab. Sein Herzschlag war hörbar, ein Takt zu dem seine Fäuste unter Wasser zuckten. Er schloss die Augen und erkannte in der Finsternis seiner Lider ein Laken, ein Blitzen, eine Tür, einen Geländewagen, einen Spalt und eine Hand, die sich kalt um seinen Nacken legte. McCherry zuckte zusammen und spürte, wie die Hand fester zu drückte und sein Gesicht langsam an die Wasseroberfläche führte. Er dachte daran wie er sterben würde und stellte sich vor, wie er sich den Kopf stieß  und bewusstlos unter Wasser trieb. Erinnerte sich. Er spürte das warme Wasser seinen Nacken hinabtropfen und eine weitere Hand legte sich auf seine Schulter, die Präsenz beugte sich an sein Ohr und flüsterte in einem tiefen, unheilvollen Ton: „Gehiiiirne.“

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