Archiv für den Monat September 2013

Zahnspalterei – Stress und Komik in „You’re Next!“ (R: Adam Wingard, 2011)

YOURE_NEXT_01143813.jpg

And repeat.
Der Aufbau ist bekannt: Run, hide, kill, repeat. Der Grundsatz lautet; Kiffer, Blondinen, Idioten und Barbusige sterben zuerst. Überlebenschancen für die Meta-Phrasendrescher ist immer etwas höher, aber die beste Chance, hast du als Final Girl. Ach ja: und der vermeintliche good guy, war schon die ganze Zeit über der schneidende Irre.  Shit happens, obviously. Aber der Shit, der in Slasher-Filmen passiert, ist immer ein Stück shittier.
In der Serie „Seltsame Vergleiche“ präsentiere ich hiermit Spaghetti à la Slasher: als Basis gibt es immer Nudeln, nur die Sauce ist etwas anders. YOU’RE NEXT! ist nämlich so eine Carbonara; schnell gemacht, schmeckt fast jedem (außer Horror-Vegetariern, pff) und die Würze macht den Spaß letztendlich aus – und jetzt wo ich all mein Metaphern-Pulver verschossen habe, kann ich mir genüsslich auf die Schulter klopfen und mit dem eigentlichen Review fortfahren.
Repeat: Eine Familie trifft sich zum Essen mit Kindern und deren Begleitung. Soviel zum Aufhänger in Adam Wingards – mittlerweile schon sechsten, wenn ich richtig gelesen habe! – Langfilm, in dem sich dem allseits bekannt und beliebten Home-Invasion/Slasher-Genre annimmt. Mit von der Partie sind da unter anderem („Underground“-)Regisseur Ti West (HOUSE OF THE DEVILTHE INNKEEPERS) und mein liebster unbekannter Schauspieler AJ Bowen (jeweils als putziger, bärtiger Bösewicht in HOUSE OF THE DEVIL und den fantastischen THE SIGNAL). Die restlichen Gesichter werden eher weniger zu zuordnen sein, aber das ist ohnehin nicht so wichtig. Das Ensemble verlässt nämlich bald den Rahmen der überschaubaren Charaktere (von den zwei Opferlämmern des obligatorischen Opener-Kills mal abgesehen) und die noch überschaubare Truppe von sechs verdoppelt sich auf einen Schlag – während mir die Identität des einen oder anderen erst nach seinem/ihrem Ableben bewusst wurde. Der kritische Geist in mir murmelt bereits etwas von „fehlender Charaktertiefe“ und „austauschbare Figuren“. Aber.
Aber = auch egal. Denn YOU’RE NEXT! geht so schnell zur Sache, dass anfängliche Skepsis einfach übersehen, vergessen und verworfen wird, denn – ganz ehrlich – was erwartet man von einem Film, der den Titel YOU’RE NEXT! trägt (wenn eine der gewählten Antwort „Pfeile in Köpfen“ und „Äxte im Gesicht“ war, dann „Gratulation! 100 Punkte im Metzel-Bingo!“)? Von wegen Charaktertiefe; die geht bis in die Eingeweide, sozusagen. Adam Wingard geht immerhin so voran, wie es sein Zielpublikum verlangt. Rapide und schonungslos.
„Aber Fedi?“, fragt das imaginäre Publikum, dass mir immer applaudiert, wenn ich einen gute Metapher zustande bringe, „Wieso soll ich mir den anschauen, wenn’s sowieso immer das selbe ist?“. Liebes imaginäres Publikum: in Wien sagt man gern, „des söwe is ned des gleiche“. Und bevor noch mehr Nahrungsaufnahme-Vergleiche kommen, versuchen wir das ganze etwas zu konkretisieren:
Wenn mich etwas an Slashern stört, ist es 1. Die dummen Figuren die immer in den Keller rennen. 2. Die unbesiegbaren Killer, die nichts aufhalten kann. 3. Zu wenig Kills. Und an vierter und letzter Stelle, ja auch die Story lässt oft zu wünschen übrig. Denn, auch wenn ich SCREAM bis vier sehr genossen habe und die cultural-pop-study-en-masse-Anspielung der Film in Film in Film Opener überaus wertschätze, Metzelfilme sind meist mit einer elefantenhautdicken Hau-Drauf-Ironie belastet, dass es schwer wird, sich überhaupt noch mitreisen zu lassen, wenn mal wieder einer der neunmalklugen Hipstern ’ne Gabel ins Auge kriegt. Doch Schreiberling Simon Barrett (zweitbestes V/H/S-Segment und fantastischer Namensvetter von „THE SICK THING THAT HAPPENED TO EMILY WHEN SHE WAS YOUNGER“) lässt sich nicht auf das mittlerweile zum Klischee verkommene Meta-Geschwafel ein. Hier wird gekillt und hier kommst du entweder lebend raus oder du tust es nicht. Es gibt keinem Countdown, keine Regeln, kein Film-Rätselraten, dass dich davor bewahrt aufgeschnitten zu werden, sondern nur eine Warnung: der Nächste, bitte!
Und – hell yeah! – in YOU’RE NEXT geht’s ab. Nicht nur metzeltechnisch schneidet (hö hö!) Wingards Film verhältnismäßig gut ab, sondern auch der Spannungsaufbau ist erste Sahne (okay, offensichtlich habe ich Hunger…). Der Angriff der maskierten Killer kommt unvermittelt und eiskalt und trotz der ständigen Erwartung auf den nächsten Jump-Scare, brechen die Einbrecher so oft spontan durch die Fenster, dass es mich so oft wie bei keinem Film, der am /slash 2013 gesichteten Werke, aus dem Sessel gejagt hat (like a little bitch, so oft hab ich mir aus Schreck die Hände vor’s Gesicht gehalten).
Wahre Größe, wenn man einem solchen Film so etwas nachsagen kann, beweisen Wingard und Barrett, wenn sie das Klischee des Final-Girls zwar nicht umschiffen, aber so weit wie möglich ausbauen, dass man eigentlich nicht mehr von einem „Final-Girl“ sprechen kann, sondern eher von einer Mischung aus Rambo und Sidney Prescott. Team-Erin jubelte sich im Kinosaal die Seele aus dem Leib, als die toughe Studentin (hart, härter, Sharni Vinson) mit allerhand Werkzeug zurückschlägt. Übertrieben, kann man selbstverständlich meinen, doch Wingard/Barrett geben dem harten Vorgehen eine plausible Erklärung (und die ist immerhin besser als gar keine).
Apropos Erklärung. Manchen (hallo, Harald) wäre es ja lieber gewesen, wenn sich die Motive der Tiermasken-Killer in Grenzen gehalten hätten, wahrscheinlich um den Touch „Nihilismus im Horrorfilm“ aufrecht zu erhalten. Ich find’s ja auch immer irgendwie unheimlicher, wenn man nicht wirklich weiß, was den ganzen Blutfluss ausgelöst hat, aber hier hat mich die (dennoch sehr simple) Geschichte eher weniger gestört. Parallelen zu Thomas Vinterbergs DAS FEST konnte ich jedoch keine erkennen, egal wie sehr mir die hochgestochene Kritik im Booklet des Filmfestivals dies weismachen wollte (Stichwort „hochgestochene Kritik“, ich weiß, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Hackebeilen werfen).
Hie und da reihen sich dann natürlich auch ein paar Mängel ein, allen voran, die Tiermasken. Ich weiß, ich sollte mich daran nicht stören und ja, sie schauen auch verdammt unheimlich und bedrohlich aus, aber durch diese dünnen Schlitze siehst du einen Dreck. Peripheres Sehen für’n Arsch; Autofahren und Axt-Morden ist mit diesen Masken nicht möglich. Dann gibt’s noch die Figur der Wahnsinnigen, die im besten Moment (und am besten Ort) der Wolllust frönen will. Und das blutige, orthographisch korrekte Gekritzel an der Wand ist rein stilistischer Natur und hat so gut wie nichts mit dem Plot zu tun. Ach ja – mein all-time-fav – das Prinzip des „immer-schön-beisammen-bleiben“ haben die Leute in Filmen bis heute nicht verstanden. Stresssituation hin oder her, dass verpflichtende Aufteilen der Figuren ist und bleibt das zentrale Element (und Klischee) eines Horrorfilmplots.
Aber damit wollen wir uns wirklich nicht all zu lang aufhalten. Das, was in YOU’RE NEXT! funktionieren soll, funktioniert auch. Wingard und Barrett erstellen einen soliden Genrefilm, der diesen Titel auch zu Recht trägt; es geht schnell voran, es bekommt jeder ein Stück vom Kuchen (und mit Kuchen meine ich Machete, yay, Applaus), die Stimmung ist spannend, die Schocks gut getimed, die Kills abwechslungsreich und heftig und der Humor – jup, auch der darf nicht fehlen – abseits von Anspielungen und Ironie. Wenn überhaupt, ist der Witz in YOU’RE NEXT! eher zynisch angesiedelt und bewegt sich teilweise auch im Bereich der Lynchjustiz (aber wer sieht es nicht gern, wenn dem Bösewicht mit der Rohrzange der Schädel eingeschlagen wird). Wingard versteht sein Genre auf jeden Fall und zeigt, meiner Meinung nach auch genau das, was er sselbst gern sehen will. Dass der junge Regisseur die Raffinesse und den Humor für seine Filme mitbringt, kann man im witzigsten Clip (Q) aus THE ABCs OF DEATH nachgucken. Die filmischen Beiträge, die ich von ihm kenne, haben mich auf jeden Fall neugierig auf seine vorherigen Werke gemacht.
Zuletzt ist vielleicht noch zu erwähnen, das YOU’RE NEXT! sehr cool gemacht ist. Die spannende Fluchtsequenz in Zeitlupe, zum Beispiel. Oder der Lichtschein durch das Schlüsselloch. Versteckte Fallen die jeden Treffen können. Und eine nervenaufreibende Soundkulisse, die an die Beats meiner Lieblingsband NINE INCH NAILS erinnern. Die Filmemacher haben sich ohne Zweifel die Mühe gemacht, ihren Film kribbelnd, elektrisierend und spannend zu gestalten.
Selbstredend ist YOU’RE NEXT ein recht oberflächlicher Film, kein doppelter Boden und ohne ultimative Twists. Und Wingard ist auch kein Carpenter; die Spannung ist natürlich da, aber nie zu sehr. Und das Ende ist auch ein echtes Ende, keine Comeback des unbesiegbaren Monster à la Mike, Freddy & Jason und ganz sicherlich kein „to be continued“. Finale und Punkt. Und das ist auch gut so. Wem das ganze zu simpel ist, den kann man ja auf ähnliche Filme wie THE STRANGERS verweisen, in dem es keinen Schlüssel für das Schlachter-Rätsel gibt. Oder EDEN LAKE, in dem das Morden so bedrückend ist, dass einem die Tränen in die Augen fahren. Oder man wagt sich in die moralische Grauzone des wütenden Rape-and-Revenge Filmes. Oder man vertreibt sich die Zeit mit amüsanten Clownereien. Oder man lässt sich auf einen politischen Subtext in THE PURGE ein. Gekocht wird am Ende auch nur mit Wasser.
And repeat und kurzum: Wer Lust auf einen überraschend frischen Metzelfilm hat, dem lege ich YOU’RE NEXT! ans Herz. Einen besser gemachten, unübersinnlichen straight-foward Slasher (mit meinem neuen Favorite-Final-Girl-of-All-Time) wird man zur Zeit kaum finden. Mehr als fröhliches Töten und unheimliche Tiermasken, darf man sich aber nicht erwarten.
Getaggt mit , , , ,

Review zu „The Last Will and Testament of Rosalind Leigh“ (R: Roberto Gudiño, 2012)

rosalind

Gute Horrorfilme sind wie Geister: viele kommen, viele gehen, manche nerven und ein paar wenige verfolgen dich. Aber dann…

Nach dem Tod seiner Mutter Rosalind kehrt der verlorene Sohn Leon Leigh zurück in das Haus seiner Kindheit. Das Haus ist vollgeräumt mit Ramsch, den Leon eigentlich so schnell wie möglich loswerden will. Doch etwas hält ihn zurück.

Ein Haus, wie ein Museum. Die Kamera schwenkt sich langsam durch die Räume, überall gibt es etwas zu erblicken, wir begleiten den Zurückgekehrten Leon Leigh mit jedem Schritt durch seine Kindheit und mit jedem Schritt, wird uns unwohler. Ein Haus, wie ein Gruselkabinett. Wunderschön eingerichtet, doch unübersehbar creepy. Verdammt unheimlich; Engelsstatuen, aber nicht die, der kitschigen Sorte, sondern diese, bei denen man es nicht wagt zu blinzeln.

Dunkles Holz, kaum Licht, ein alter Fernseher der nicht funktioniert und merkwürdige Zeitschriften. Das einstöckige Haus ist ein Sammelsurium an Kuriositäten. Doch die anfängliche Neugierde weicht nach und nach dem beklemmenden Gefühl, dass sich in diesem Haus noch etwas versteckt. Als eine Gabel dann zu Grunde fällt, ist klar: selbst wenn noch nichts hier war, nun kommt es.

Es ist schwer zu fassen. Die kürzlich dahin geschiedene? Immerhin legt sich ihre Stimme sanft und Angst einflößend über die Bilder. Ein Dämon? Überhaupt weist alles darauf hin, dass eine dunkle Präsenz diesen Ort heimsucht. Ein Engel? Oder haben die sich bereits abgewendet und blicken schon lange nicht mehr schützend herab. Doch es kommt. Leon spürt es. Und wir spüren es, auch wenn wir es lange nicht sehen.

Rund um Rosalind Leigh spinnen sich Geschichten, die wir erst nach und nach wirklich fassen können, die uns der Film leise zu Gemüte führt ohne dabei zu aufdringlich zu wirken. Vieles bleibt offen oder den Gedanken überlassen, die Beziehung zwischen Leon und seiner Mutter wird nie aus einer Totalen präsentiert, sondern muss wie ein Puzzle selbst zusammengeführt werden. Ein Puzzle, bei dem eventuell ein paar Teile fehlen.

Und dann zieht sich die Schlinge zu. Der Bann, in den uns der Film von Anfang an genommen hat, wird jetzt verflucht, die Geschehnisse immer präziser und die Bedrohung immer stärker. Gudiño haut aber noch lange nicht so auf den Putz wie ein James Wan zum Beispiel, sondern lässt sich viel Zeit, die Angst auf zu bauen. Und wie sie das tut.

Leider verliert der Film etwas an Grauen, sobald die Bedrohung im ganzen Ausmaß gezeigt wird; manchmal ist es viel schlimmer, sich den ganzen Spuk doch nur auszumalen. Das Wesen, die Präsenz, der Engel und der Dämon von dem Leon heimgesucht wird, wirkt am besten, wenn er sich hinter verschlossenen Türen versteckt. Hier zeigt uns Roberto Gudiño Szenen, die ich so noch nie gesehen habe.

Und auch wenn sich THE LAST WILL AND TESTAMENT OF ROSALIND LEIGH gegen Ende hin etwas zu viel vornimmt – der letzte Akt passt perfekt und fügt sich wundervoll zusammen. Er ist nicht all zu laut (aber das würde zu diesem Film auch nicht passen) und schließt beinahe sanft die Türen seiner Geschichte (die sich endlich mal abseits des typischen Geister-Erlösungs-Krams abspielt). Und während der typische Horrorfilm immer noch eins draufhauen muss, flüstert dieser einem noch einen letzten Gruß ins Ohr, der mir eine Gänsehaut verpasste, an die ich noch lange zurückdenken werde.

Roberto Gudiño ist ein unheimlicher Film über Trauer, Verlust und Schuld gelungen und THE LAST TESTAMENT AND WILL ist wahrscheinlich das Paradebeispiel für „subtilen“ Horror. Der Film strahlt eine omnipräsente Bedrohung aus, die sich nicht an Schockeffekten und Plottwists orientiert, sondern seine wortkarge Figur in einem Gruselkabinett herumirren lässt, bis dieser langsam von Angst zerfressen wird. Und mit ihm, auch wir.

Getaggt mit , , , , ,

Bildgewitter und Pilzsuppe: Ein Review-Versuch zu „A FIELD IN ENGLAND“ (2013, R: Ben Wheatley)

a field in england

Vielleicht muss man nicht immer alles verstehen um etwas dazu zu sagen. Weil, eigentlich, kann ich nicht wirklich „etwas“ über Ben Wheatleys Film A FIELD IN ENGLAND sagen. Keine Interpretationen, keine Feststellungen, keine Aussagen, keine Themenbehandlung, keine Dekonstruktion der Symbole – weil sie für jeden anders sein werden und Regisseur Ben Wheatley, wie einst James Joyce, sich nur schlapp lachen wird, was da wieder herum gesponnen wird, rund um sein Werk.

Irgendwann hat es auch der letzte – ich – kapiert; die Toten stehen wieder auf und der Krieg geht weiter. Endet nie. Beginnt von vorne, immer und immer wieder, wie ein sterbender Stern zunächst in sich zerfällt und dann wieder aufgeht und alles verschlingt. Es ist nicht wirklich klar, was die Figuren aus Ben Wheatleys Film durchleben, eine Katharsis, einen Abstieg in die Hölle, ein fristloses Dasein im Fegefeuer oder doch nur ein Spaziergang in durch ein englisches Feld, garniert mit narrischen Schwammerln.

Es ist auch nicht wirklich klar, was der Zuschauer durchmacht. Durchmachen muss; ein Film, wie ein Albtraum, aber keiner des listigen, mit menschlichen Abgründen und Metaphern. In A FIELD IN ENGLAND gibt es im Gegensatz zu dem düsteren Auftragskiller-Film KILL LIST keinen seelischen Verfall, keine aufgeschnittene Wunden, die sich am Körper der Protagonisten nähren und sie von Innen verspeisen, keine moralischen Dilemmata um die sich unser Kopf kümmern muss und keine Bestrafung. Am Feld gibt es nur den ständigen, surrealen Wahnsinn.

Schwarz/weiß in das Kino geworfen fühlt sich der Film wie ein böser Traum an, dem man schwer folgen kann; Figuren, die aus dem Nichts auf tauchen, verwechselbare Charaktere, die man nur anhand ihrer Kleidung unterscheiden kann und haarsträubende Banalitäten im Streitgespräch. Obszönität und Gewalt geben sich quasi die Hand und entweder lässt man sich darauf ein oder man nagt noch an der letzten Szene, um die sich dann doch keine Kohärenz bildet. Jene Bilder – nein, besser: jene Gefühle, die Wheatley in KILL LIST in seinen letzen Minuten auf den Zuseher losließ, geben hier mehr oder minder den Ton an. Das ist nicht immer einfach. Und auch nicht immer interessant. Eventuell ertappt man sich bei Zählen der Bildtakte wenn Szene nach Szene sich langsam abwechseln oder man ist schon wieder beim Hinterfragen der Geschehnisse. Ebenso sind die äußerst schwer zu verstehenden altenglischen Herumtreiber nur beim Fluchen kristallisiert wahrnehmbar. Dazwischen ist das Gespräch ein verschwommener Brei; doch auch deutsche Untertitel gaben den Worten nicht immer einen Sinn.

Oder man hält wacker durch und wartet auf die Auflösung, auf das Finale, dass unweigerlich kommen muss. Etwas lauert hinter diesem Film, ich vermutete es bereits seit Beginn an, als mit Einblendung vor stroboskopischen Effekten gewarnt wurde. Das Loch wird tiefer gebuddelt und die Männer im Film verlässt noch der letzte Funken ihres Verstandes. Und irgendwann, unsere Erkenntnis: wer jetzt noch nicht losgelassen hat, wer jetzt noch sucht, wird vielleicht sogar etwas finden – doch es wird ihm nicht gefallen.

Vielleicht ist es doch nur plattes Bildgewitter, vor allem jenes, das sich zum Schluss über die Leinwand legt. Wahrscheinlich ist jegliche Symbolsuche vergebens und vielleicht sind die Banalitäten und Grausamkeiten die Ben Wheatley genüsslich in die Grube uriniert, am Ende doch nur um der Banalität und Grausamkeit willen. Aber ich lasse mich gerne blenden; lehne dich zurück und sinke hinab. Nicht alles hat einen Sinn und wenn doch, muss ich ihn nicht verstehen. Aber wer weiß, vielleicht fehlt mir letzen Endes nur das notwendige Hintergrundwissen zu englischen Bürgerkriegen im 17.Jahrhundert (die Zeitangabe habe ich übrigens nicht dem Film entnommen).

Ein Gedankenspiel aus Tod und Droge, doch keines wie ENTER THE VOID. Am Ende sind sie alle von uns gegangen und blicken uns tapfer entgegen; am Ende sind sie alles nur Geister, Gefallene eines Krieges; am Ende war es doch nur die Pilzsuppe, am Ende. A FIELD IN ENGLAND ist ein VALHALLA RISING, in dem jedoch mehr geredet und weniger gewartet wird doch ebenso manisch und andauernd verheißungsvoll. Und auch hier wird dann nur gewartet. Auf einen Godot, der einem den Weg zum nächste Alehouse weißt und das solange, bis die Figuren ihren eigenen Lügen verfallen, bis Feiglinge zu Helden werden, bis ein dunkler Planet sie alle überschwemmt. Bis der Trip nachlässt.


Ich habe hier noch einmal angehalten, und meinen bisherigen Text quergelesen. So wirr, wie der Film in meinen Zeilen präsentiert wird, ist er letzen Endes nun auch nicht. Klar, er hat etwas von einem anstrengenden Lynch, doch Wheatleys Film ist trotz all seines Wahnsinns stringent erzählt, wenngleich zäh. An die Art des Filmes muss man sich gewöhnen, das Geschehene mal geschehen lassen, anstatt es kategorisieren zu wollen und sich etwas vom Bildfluss treiben lassen. Doch je mehr ich über den Film denke und schreibe, umso mehr will ich ihn noch einmal sehen. A FIELD IN ENGLAND beweist sich zwar erst so richtig gegen Ende, doch der Weg bis dahin ist wunderschön gefilmt, zeitweise überaus amüsant, abstrus-albern, zynisch & sinister, steinig und auch etwas langweilig. Nicht jeder wird sich damit abfinden können. Aber vielleicht – vielleicht –  hilft ja eine Portion Pilzsuppe weiter – if you know what I mean.

Getaggt mit , , , , , ,

A film for the already defeated: Review zu „The Battery“ von Jeremy Gardner

the battery

Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren! Wenn man etwas aus George R. Romeros (vorwiegend) alten Zombiefilmen lernen kann, dann das. Und das das größte Monster immer noch wir selbst sind.

Hoffnungslosigkeit und Nihilismus, die Angst zu einer seelenlosen Konsummaschine zu werden, das Verblassen der Erinnerung an unser menschliches Dasein – being a Zombie is a hell of a thing. Doch die Zeiten, in denen die Untoten unseren tiefen Ängste reflektieren sind passé: Weltkriege werden unter dem „Z“-Banner geführt und die Jäger der verlorenen Gehirne amüsieren sich im Themenpark der Untoten. Mal ehrlich; die „Walker“ sind schon lange nicht mehr gruselig oder bedrohlich. Bereits in Romeros Einkaufscenter-Klassiker war es klar, dass man die schleichenden Toten „wie Betrunkene“ austricksen kann. THE WALKING DEAD brachte uns die Bedrohung der langsamen Killer zwar wieder etwas näher, doch auch dort zeigt sich die Bedrohung mehr anhand von Rednecks, irren Cowboys und untreuen Ehefrauen. Zombies (und ihre Verwandten) sind zu einer Horrorfilmattraktion verkommen, bleiche Hau-den-toten-Lukas, Comic-Reliefs (siehe FIDO) und zuverlässige Splatter-Lieferanten.

Der Zombie hat also den Einzug in den Mainstream geschafft und das soweit, dass man ihm zum Love-Interest in Teeniefilmen macht (wobei der Gehirnfresser wohl nie die sanfte Edelmut und Grazie eines Vampirs oder die beschützende Männlichkeit eines Werwolfs erreichen wird (on a related note: wo sind eigentlich die Werwolf-Frauen?). Und wenn uns die Untoten doch mal erschrecken müssen, laufen sie wie von der Tarantel gestochene Wüteriche ganze Stockwerke hoch (dass sich die „Zombies“ von [REC] nicht als Zombies herausstellen und die „Runner“ aus 28 DAYS LATER eigentlich infiziert und nicht untot sind, lassen wir hier einfach mal außen vor, weil sonst sind wir morgen noch nicht fertig). Wie also erschafft man einen glaubwürdigen Zombiefilm, der die Apokalypse mitsamt seiner bedrohlicher Konnotation einfängt?

In dem man den Zombie in den Hintergrund rückt. THE BATTERY konzentriert sich im Gegenzug zu – ja, eigentlich – all seinen Filmkollegen auf das Überleben; nicht mit-einander sondern trotz-einander. Der Mensch ist das Monster, dass wissen wir schon seit der Nacht aus 1968, doch die Bedrohung war bei Romero stets die wankende Leiche. In THE BATTERY ist die Bedrohung der Toten der Omnipräsenz des Sinnlosen gewichen.

Auf ihrer „Reise“ durch die nordamerikanischen Wälder müssen Mickey und Ben miteinander zurechtkommen und sich um den ganzen alltäglichen Scheiß kümmern, den ein Weltuntergang so mit sich bringt: gemütliche Schlafmöglichkeiten suchen, leere Wohnhäuser erkunden, Essen beschaffen. Und zur Abwechslung mal nicht aus jeder Pore wie ein Besoffener zu stinken. Das verlangt ganz schön viel ab, vor allem, wenn die einzige Freizeit (wobei, jede Zeit ist freie Zeit in Zombieland)-Beschäftigung aus Baseball-Werfen besteh und ein leerstehender, stickender Volvo das Höchste der Gefühle repräsentiert. Noch schlimmer; der einzige Mensch, mit dem man umherzieht, ist ein fauler Träumer oder einer sarkastischer Arsch, mit dem man im Pre-Zombie-Life nicht wirklich was zu tun hatte – doch in der Not frisst der Mensch auch Thunfisch. Jeden Tag.

Ben und Mickey sind nicht gerade Freunde und die einzige Gemeinsamkeit besteht wahrscheinlich darin, dass sie den Film TREMORS kennen. Mickey träumt vor sich hin und hört Tag ein Tag aus Musik mit seinem Discman, während Ben die Untoten noch mehr tötet (und das auch etwas genießt). Während Ben sich mit der Situation abgefunden hat, nutzt Mickey jede Möglichkeit, die ihn daran erinnert, dass er einmal Teil einer Zivilisation war: Betten, Dächer, andere Menschen. Doch jede Hoffnung stirbt – mal früher, mal später, doch immer endgültig.

Hoffnungslosigkeit und Banalität sind zwei der großen Themen dieses Filmes. Der eigentliche Schrecken einer Welt voller Untote besteht in THE BATTERY nicht daraus, dass jeden Moment eine Leiche die Zähne in deinen Arm versinken lassen könnte, sondern, dass zwischen den (eventuellen) Attacken das Warten liegt. Nichts-Tun. Sitzen. Langeweile. Nichts entzieht dem zivilisierten Menschen mehr Menschlichkeit und Würde, wenn man sie in eine lustlose Welt wirft, in der Nichts auf einen wartet und kein Ziel in Sicht ist. Während die Protagonisten von THE WALKING DEAD stets mit Gefahren konfrontiert sind oder sich wenigstens zum Ziel gemacht haben, ihr vorheriges Leben halbwegs wieder aufzubauen, bleibt unseren Antihelden aus THE BATTERY nur das Warten auf den nächsten Tag. Kleine Freuden haben stets einen negativen Beigeschmack und die Musik weilt auch nur bis zur nächsten Batterie.

Apropos Musik: diese hat sowohl innerhalb als auch extern einen hohen Stellenwert in THE BATTERY. Zunächst ist sie relevant für die Figuren selbst, die sich aus dem faden Alltag in die Welt hinter den Kopfhörern flüchten. Dance like nobody’s watching and because nobody’s here. Außerdem ist die Songauswahl exzellent gestaltet; kleine Kostprobe gibt’s hier. Die Apokalypse hört sich nur in Independent-Filmen so schön an. Vor allem, wenn man bedenkt, welches Budget der Film zu Verfügung hatte.

Eigentlich ist mir das ja meistens egal, doch bei THE BATTERY ist es fast schon unglaubwürdig. Für 6000 Dollar schaut dieser Film einfach zu gut aus. Die Kamera fängt die Bilder exzellent ein (vor allem gegen Ende hin wird die klaustrophobe Stimmung perfekt veranschaulicht), Schnitt und Ton sind makellos und die Schauspieler allesamt überzeugend und glaubwürdig. Es sollte kein Kriterium sein, wie viel Geld einem zu Verfügung steht (und wenig Budget ist nicht gleich guter Film, mein persönliches Paradebeispiel wäre hierbei MONSTERS, den ich trotz schöner Bilder grauenhaft langweilig fand) doch irgendwie merkt man schon, dass Filme besser werden, wenn die kreativen Köpfe sie machen wollen und nicht machen können. Als Vergleich nehme man Kevin Smiths CLERKS 1 und 2 oder Sam Raimis EVIL DEAD und DRAG ME TO HELL (jeweils gute Filme, keine Frage, aber jeder weiß, welcher der bessere von ihnen ist).

Wer sich hinter dem Label „Zombiefilm“ einen Zombiefilm erwartet hat ja zu 90% auch recht; demnach sollte man THE BATTERY einem anderen Genre zu ordnen. Postapokalyptisches Drama mit humoristischen Untertönen. In THE BATTERY passiert eigentlich nichts, das sollte einem schon klar sein. Der Alltag ist das Zentrum des Films und geblutet wird hier ganz selten. Wenn die Zombies attackieren passiert dies so gut wie immer im Off oder die Angriffe werden höchstens angedeutet. Was nicht bedeutet, dass THE BATTERY kein Zombiefilm ist; eigentlich ist er ein klassischer Zombiefilm, wie Romero ihn gemacht und geliebt hätte (vielleicht tut er das sogar). Trotzdem: Regisseur, Schreiber und Schauspieler Jeremy Gardner kennt das Genre wahrscheinlich besser als die ganzen ZOMBIELANDS und WARM BODIES. Er spricht die Themen direkt an, die sich hinter Romeros Klassiker verstecken (Entmenschlichung und „Vermonsterung“ durch die Konfrontation der externen Übel), zeigt wo die eigentliche Bedrohung wohnt und spickt das ganze noch mit ein, zwei Referenzen („Pittsville“ ist meiner Meinung nach eine eindeutige Anspielung auf Romeros Erstling). Die Figur des Bens die ebenso von Gardner gespielt wird, erweist sich bald als nerdiger Genre-Connaisseur, der für seinen träumenden Freund die filmischen Klischees genüsslich aufzeigt (Stichwort: apocalypse-pixie-girl with a sexy scar) und bekannte Plottechniken clever dekonstruiert. THE BATTERY schließt sich somit in eine Welt ein, in der Zombiefilme offenschtlich existiert haben (dazu fällt mir eigentlich nur Edgar Wrights Zombiekomödie ein) ohne dabei die ironische Übertreibung Wes Cravens zu zelebrieren. Lediglich einen politischen und gesellschaftlichen Subtext wie das große Vorbild lässt sich Gardner nicht ein – wahrscheinlich, weil es der Film für nicht notwendig hält oder in keine Phrasendrescherei à la LAND OF THE DEAD verkommen will.

Das THE BATTERY mit seiner Darstellung des ganz normalen Zombie-Alltags den Spannungsregler jetzt nicht auf 11 stellt sollte ebenso jedem klar sein, wenn er sich den Film zu Gemüte führt: ab und zu schleicht sich die Langeweile in den Film – und jetzt kommt’s – jedoch als geplantes Stilmittel. Eine Welt ohne Menschen und ohne Unterhaltung ist nun mal sehr langweilig. Dies reflektiert der Film, in dem er uns langsame Szenen präsentiert, denen selbst ein Zombie noch folgen könnte (ah, ein sehr fauler Witz, ich weiß). Die Dynamik der beiden überaus liebenswerten Charaktere bringt aber jeder noch so „langatmige“ Szene in Fahrt, die spärlichen Dialoge runden den Plot humorvoll ab und die Stimmung ist hie und da gar nicht mal so unlustig. (Zombies sind – wie gesagt – nun mal sehr erheiternde Wesen mit ihrem Stöhnen und Schlurfen und Schmatzen.)

Gegen Ende hin dreht sich der Film dann in eine etwas düstere Richtung, wirft inmitten seiner regnerischen Szenerie eine dystopische Andeutung in den Raum, die aber keiner Antwort gewürdigt wird (ob man das gut findet, bleibt einem selbst überlassen, mir hat’s gefallen, aber zugleich auch nicht gereicht) bis der Film letztendlich in einem beklemmenden, stillen und sehr menschlichen Finale endet. Zurück bleibt ein leerer Hoffnungsschimmer, eine neblige Erinnerung und ein leiser Abschied; sowohl für die Figuren als auch für die Zuschauer dieses kleinen, ruhigen aber bemerkenswerten Film.

THE BATTERY ist ein ruhiger, menschlicher und höchst musikalischer Film, der sich deutlich von den hysterischen Zombiefilmen und das Genre zurück in seine Bahnen führt, ohne dabei sein wesentliches Element auszureizen. Gardners Film ist ein leiser Film über Menschen, die nichts mehr zu tun haben, weil es nichts mehr zu tun gibt und führt dabei vor, wie dieser Wahnsinn zu der subjektiven Apokalypse führt. Und Zombies, Mann.

Getaggt mit , , , , , ,