Bildgewitter und Pilzsuppe: Ein Review-Versuch zu „A FIELD IN ENGLAND“ (2013, R: Ben Wheatley)

a field in england

Vielleicht muss man nicht immer alles verstehen um etwas dazu zu sagen. Weil, eigentlich, kann ich nicht wirklich „etwas“ über Ben Wheatleys Film A FIELD IN ENGLAND sagen. Keine Interpretationen, keine Feststellungen, keine Aussagen, keine Themenbehandlung, keine Dekonstruktion der Symbole – weil sie für jeden anders sein werden und Regisseur Ben Wheatley, wie einst James Joyce, sich nur schlapp lachen wird, was da wieder herum gesponnen wird, rund um sein Werk.

Irgendwann hat es auch der letzte – ich – kapiert; die Toten stehen wieder auf und der Krieg geht weiter. Endet nie. Beginnt von vorne, immer und immer wieder, wie ein sterbender Stern zunächst in sich zerfällt und dann wieder aufgeht und alles verschlingt. Es ist nicht wirklich klar, was die Figuren aus Ben Wheatleys Film durchleben, eine Katharsis, einen Abstieg in die Hölle, ein fristloses Dasein im Fegefeuer oder doch nur ein Spaziergang in durch ein englisches Feld, garniert mit narrischen Schwammerln.

Es ist auch nicht wirklich klar, was der Zuschauer durchmacht. Durchmachen muss; ein Film, wie ein Albtraum, aber keiner des listigen, mit menschlichen Abgründen und Metaphern. In A FIELD IN ENGLAND gibt es im Gegensatz zu dem düsteren Auftragskiller-Film KILL LIST keinen seelischen Verfall, keine aufgeschnittene Wunden, die sich am Körper der Protagonisten nähren und sie von Innen verspeisen, keine moralischen Dilemmata um die sich unser Kopf kümmern muss und keine Bestrafung. Am Feld gibt es nur den ständigen, surrealen Wahnsinn.

Schwarz/weiß in das Kino geworfen fühlt sich der Film wie ein böser Traum an, dem man schwer folgen kann; Figuren, die aus dem Nichts auf tauchen, verwechselbare Charaktere, die man nur anhand ihrer Kleidung unterscheiden kann und haarsträubende Banalitäten im Streitgespräch. Obszönität und Gewalt geben sich quasi die Hand und entweder lässt man sich darauf ein oder man nagt noch an der letzten Szene, um die sich dann doch keine Kohärenz bildet. Jene Bilder – nein, besser: jene Gefühle, die Wheatley in KILL LIST in seinen letzen Minuten auf den Zuseher losließ, geben hier mehr oder minder den Ton an. Das ist nicht immer einfach. Und auch nicht immer interessant. Eventuell ertappt man sich bei Zählen der Bildtakte wenn Szene nach Szene sich langsam abwechseln oder man ist schon wieder beim Hinterfragen der Geschehnisse. Ebenso sind die äußerst schwer zu verstehenden altenglischen Herumtreiber nur beim Fluchen kristallisiert wahrnehmbar. Dazwischen ist das Gespräch ein verschwommener Brei; doch auch deutsche Untertitel gaben den Worten nicht immer einen Sinn.

Oder man hält wacker durch und wartet auf die Auflösung, auf das Finale, dass unweigerlich kommen muss. Etwas lauert hinter diesem Film, ich vermutete es bereits seit Beginn an, als mit Einblendung vor stroboskopischen Effekten gewarnt wurde. Das Loch wird tiefer gebuddelt und die Männer im Film verlässt noch der letzte Funken ihres Verstandes. Und irgendwann, unsere Erkenntnis: wer jetzt noch nicht losgelassen hat, wer jetzt noch sucht, wird vielleicht sogar etwas finden – doch es wird ihm nicht gefallen.

Vielleicht ist es doch nur plattes Bildgewitter, vor allem jenes, das sich zum Schluss über die Leinwand legt. Wahrscheinlich ist jegliche Symbolsuche vergebens und vielleicht sind die Banalitäten und Grausamkeiten die Ben Wheatley genüsslich in die Grube uriniert, am Ende doch nur um der Banalität und Grausamkeit willen. Aber ich lasse mich gerne blenden; lehne dich zurück und sinke hinab. Nicht alles hat einen Sinn und wenn doch, muss ich ihn nicht verstehen. Aber wer weiß, vielleicht fehlt mir letzen Endes nur das notwendige Hintergrundwissen zu englischen Bürgerkriegen im 17.Jahrhundert (die Zeitangabe habe ich übrigens nicht dem Film entnommen).

Ein Gedankenspiel aus Tod und Droge, doch keines wie ENTER THE VOID. Am Ende sind sie alle von uns gegangen und blicken uns tapfer entgegen; am Ende sind sie alles nur Geister, Gefallene eines Krieges; am Ende war es doch nur die Pilzsuppe, am Ende. A FIELD IN ENGLAND ist ein VALHALLA RISING, in dem jedoch mehr geredet und weniger gewartet wird doch ebenso manisch und andauernd verheißungsvoll. Und auch hier wird dann nur gewartet. Auf einen Godot, der einem den Weg zum nächste Alehouse weißt und das solange, bis die Figuren ihren eigenen Lügen verfallen, bis Feiglinge zu Helden werden, bis ein dunkler Planet sie alle überschwemmt. Bis der Trip nachlässt.


Ich habe hier noch einmal angehalten, und meinen bisherigen Text quergelesen. So wirr, wie der Film in meinen Zeilen präsentiert wird, ist er letzen Endes nun auch nicht. Klar, er hat etwas von einem anstrengenden Lynch, doch Wheatleys Film ist trotz all seines Wahnsinns stringent erzählt, wenngleich zäh. An die Art des Filmes muss man sich gewöhnen, das Geschehene mal geschehen lassen, anstatt es kategorisieren zu wollen und sich etwas vom Bildfluss treiben lassen. Doch je mehr ich über den Film denke und schreibe, umso mehr will ich ihn noch einmal sehen. A FIELD IN ENGLAND beweist sich zwar erst so richtig gegen Ende, doch der Weg bis dahin ist wunderschön gefilmt, zeitweise überaus amüsant, abstrus-albern, zynisch & sinister, steinig und auch etwas langweilig. Nicht jeder wird sich damit abfinden können. Aber vielleicht – vielleicht –  hilft ja eine Portion Pilzsuppe weiter – if you know what I mean.

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