Zahnspalterei – Stress und Komik in „You’re Next!“ (R: Adam Wingard, 2011)

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And repeat.
Der Aufbau ist bekannt: Run, hide, kill, repeat. Der Grundsatz lautet; Kiffer, Blondinen, Idioten und Barbusige sterben zuerst. Überlebenschancen für die Meta-Phrasendrescher ist immer etwas höher, aber die beste Chance, hast du als Final Girl. Ach ja: und der vermeintliche good guy, war schon die ganze Zeit über der schneidende Irre.  Shit happens, obviously. Aber der Shit, der in Slasher-Filmen passiert, ist immer ein Stück shittier.
In der Serie „Seltsame Vergleiche“ präsentiere ich hiermit Spaghetti à la Slasher: als Basis gibt es immer Nudeln, nur die Sauce ist etwas anders. YOU’RE NEXT! ist nämlich so eine Carbonara; schnell gemacht, schmeckt fast jedem (außer Horror-Vegetariern, pff) und die Würze macht den Spaß letztendlich aus – und jetzt wo ich all mein Metaphern-Pulver verschossen habe, kann ich mir genüsslich auf die Schulter klopfen und mit dem eigentlichen Review fortfahren.
Repeat: Eine Familie trifft sich zum Essen mit Kindern und deren Begleitung. Soviel zum Aufhänger in Adam Wingards – mittlerweile schon sechsten, wenn ich richtig gelesen habe! – Langfilm, in dem sich dem allseits bekannt und beliebten Home-Invasion/Slasher-Genre annimmt. Mit von der Partie sind da unter anderem („Underground“-)Regisseur Ti West (HOUSE OF THE DEVILTHE INNKEEPERS) und mein liebster unbekannter Schauspieler AJ Bowen (jeweils als putziger, bärtiger Bösewicht in HOUSE OF THE DEVIL und den fantastischen THE SIGNAL). Die restlichen Gesichter werden eher weniger zu zuordnen sein, aber das ist ohnehin nicht so wichtig. Das Ensemble verlässt nämlich bald den Rahmen der überschaubaren Charaktere (von den zwei Opferlämmern des obligatorischen Opener-Kills mal abgesehen) und die noch überschaubare Truppe von sechs verdoppelt sich auf einen Schlag – während mir die Identität des einen oder anderen erst nach seinem/ihrem Ableben bewusst wurde. Der kritische Geist in mir murmelt bereits etwas von „fehlender Charaktertiefe“ und „austauschbare Figuren“. Aber.
Aber = auch egal. Denn YOU’RE NEXT! geht so schnell zur Sache, dass anfängliche Skepsis einfach übersehen, vergessen und verworfen wird, denn – ganz ehrlich – was erwartet man von einem Film, der den Titel YOU’RE NEXT! trägt (wenn eine der gewählten Antwort „Pfeile in Köpfen“ und „Äxte im Gesicht“ war, dann „Gratulation! 100 Punkte im Metzel-Bingo!“)? Von wegen Charaktertiefe; die geht bis in die Eingeweide, sozusagen. Adam Wingard geht immerhin so voran, wie es sein Zielpublikum verlangt. Rapide und schonungslos.
„Aber Fedi?“, fragt das imaginäre Publikum, dass mir immer applaudiert, wenn ich einen gute Metapher zustande bringe, „Wieso soll ich mir den anschauen, wenn’s sowieso immer das selbe ist?“. Liebes imaginäres Publikum: in Wien sagt man gern, „des söwe is ned des gleiche“. Und bevor noch mehr Nahrungsaufnahme-Vergleiche kommen, versuchen wir das ganze etwas zu konkretisieren:
Wenn mich etwas an Slashern stört, ist es 1. Die dummen Figuren die immer in den Keller rennen. 2. Die unbesiegbaren Killer, die nichts aufhalten kann. 3. Zu wenig Kills. Und an vierter und letzter Stelle, ja auch die Story lässt oft zu wünschen übrig. Denn, auch wenn ich SCREAM bis vier sehr genossen habe und die cultural-pop-study-en-masse-Anspielung der Film in Film in Film Opener überaus wertschätze, Metzelfilme sind meist mit einer elefantenhautdicken Hau-Drauf-Ironie belastet, dass es schwer wird, sich überhaupt noch mitreisen zu lassen, wenn mal wieder einer der neunmalklugen Hipstern ’ne Gabel ins Auge kriegt. Doch Schreiberling Simon Barrett (zweitbestes V/H/S-Segment und fantastischer Namensvetter von „THE SICK THING THAT HAPPENED TO EMILY WHEN SHE WAS YOUNGER“) lässt sich nicht auf das mittlerweile zum Klischee verkommene Meta-Geschwafel ein. Hier wird gekillt und hier kommst du entweder lebend raus oder du tust es nicht. Es gibt keinem Countdown, keine Regeln, kein Film-Rätselraten, dass dich davor bewahrt aufgeschnitten zu werden, sondern nur eine Warnung: der Nächste, bitte!
Und – hell yeah! – in YOU’RE NEXT geht’s ab. Nicht nur metzeltechnisch schneidet (hö hö!) Wingards Film verhältnismäßig gut ab, sondern auch der Spannungsaufbau ist erste Sahne (okay, offensichtlich habe ich Hunger…). Der Angriff der maskierten Killer kommt unvermittelt und eiskalt und trotz der ständigen Erwartung auf den nächsten Jump-Scare, brechen die Einbrecher so oft spontan durch die Fenster, dass es mich so oft wie bei keinem Film, der am /slash 2013 gesichteten Werke, aus dem Sessel gejagt hat (like a little bitch, so oft hab ich mir aus Schreck die Hände vor’s Gesicht gehalten).
Wahre Größe, wenn man einem solchen Film so etwas nachsagen kann, beweisen Wingard und Barrett, wenn sie das Klischee des Final-Girls zwar nicht umschiffen, aber so weit wie möglich ausbauen, dass man eigentlich nicht mehr von einem „Final-Girl“ sprechen kann, sondern eher von einer Mischung aus Rambo und Sidney Prescott. Team-Erin jubelte sich im Kinosaal die Seele aus dem Leib, als die toughe Studentin (hart, härter, Sharni Vinson) mit allerhand Werkzeug zurückschlägt. Übertrieben, kann man selbstverständlich meinen, doch Wingard/Barrett geben dem harten Vorgehen eine plausible Erklärung (und die ist immerhin besser als gar keine).
Apropos Erklärung. Manchen (hallo, Harald) wäre es ja lieber gewesen, wenn sich die Motive der Tiermasken-Killer in Grenzen gehalten hätten, wahrscheinlich um den Touch „Nihilismus im Horrorfilm“ aufrecht zu erhalten. Ich find’s ja auch immer irgendwie unheimlicher, wenn man nicht wirklich weiß, was den ganzen Blutfluss ausgelöst hat, aber hier hat mich die (dennoch sehr simple) Geschichte eher weniger gestört. Parallelen zu Thomas Vinterbergs DAS FEST konnte ich jedoch keine erkennen, egal wie sehr mir die hochgestochene Kritik im Booklet des Filmfestivals dies weismachen wollte (Stichwort „hochgestochene Kritik“, ich weiß, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Hackebeilen werfen).
Hie und da reihen sich dann natürlich auch ein paar Mängel ein, allen voran, die Tiermasken. Ich weiß, ich sollte mich daran nicht stören und ja, sie schauen auch verdammt unheimlich und bedrohlich aus, aber durch diese dünnen Schlitze siehst du einen Dreck. Peripheres Sehen für’n Arsch; Autofahren und Axt-Morden ist mit diesen Masken nicht möglich. Dann gibt’s noch die Figur der Wahnsinnigen, die im besten Moment (und am besten Ort) der Wolllust frönen will. Und das blutige, orthographisch korrekte Gekritzel an der Wand ist rein stilistischer Natur und hat so gut wie nichts mit dem Plot zu tun. Ach ja – mein all-time-fav – das Prinzip des „immer-schön-beisammen-bleiben“ haben die Leute in Filmen bis heute nicht verstanden. Stresssituation hin oder her, dass verpflichtende Aufteilen der Figuren ist und bleibt das zentrale Element (und Klischee) eines Horrorfilmplots.
Aber damit wollen wir uns wirklich nicht all zu lang aufhalten. Das, was in YOU’RE NEXT! funktionieren soll, funktioniert auch. Wingard und Barrett erstellen einen soliden Genrefilm, der diesen Titel auch zu Recht trägt; es geht schnell voran, es bekommt jeder ein Stück vom Kuchen (und mit Kuchen meine ich Machete, yay, Applaus), die Stimmung ist spannend, die Schocks gut getimed, die Kills abwechslungsreich und heftig und der Humor – jup, auch der darf nicht fehlen – abseits von Anspielungen und Ironie. Wenn überhaupt, ist der Witz in YOU’RE NEXT! eher zynisch angesiedelt und bewegt sich teilweise auch im Bereich der Lynchjustiz (aber wer sieht es nicht gern, wenn dem Bösewicht mit der Rohrzange der Schädel eingeschlagen wird). Wingard versteht sein Genre auf jeden Fall und zeigt, meiner Meinung nach auch genau das, was er sselbst gern sehen will. Dass der junge Regisseur die Raffinesse und den Humor für seine Filme mitbringt, kann man im witzigsten Clip (Q) aus THE ABCs OF DEATH nachgucken. Die filmischen Beiträge, die ich von ihm kenne, haben mich auf jeden Fall neugierig auf seine vorherigen Werke gemacht.
Zuletzt ist vielleicht noch zu erwähnen, das YOU’RE NEXT! sehr cool gemacht ist. Die spannende Fluchtsequenz in Zeitlupe, zum Beispiel. Oder der Lichtschein durch das Schlüsselloch. Versteckte Fallen die jeden Treffen können. Und eine nervenaufreibende Soundkulisse, die an die Beats meiner Lieblingsband NINE INCH NAILS erinnern. Die Filmemacher haben sich ohne Zweifel die Mühe gemacht, ihren Film kribbelnd, elektrisierend und spannend zu gestalten.
Selbstredend ist YOU’RE NEXT ein recht oberflächlicher Film, kein doppelter Boden und ohne ultimative Twists. Und Wingard ist auch kein Carpenter; die Spannung ist natürlich da, aber nie zu sehr. Und das Ende ist auch ein echtes Ende, keine Comeback des unbesiegbaren Monster à la Mike, Freddy & Jason und ganz sicherlich kein „to be continued“. Finale und Punkt. Und das ist auch gut so. Wem das ganze zu simpel ist, den kann man ja auf ähnliche Filme wie THE STRANGERS verweisen, in dem es keinen Schlüssel für das Schlachter-Rätsel gibt. Oder EDEN LAKE, in dem das Morden so bedrückend ist, dass einem die Tränen in die Augen fahren. Oder man wagt sich in die moralische Grauzone des wütenden Rape-and-Revenge Filmes. Oder man vertreibt sich die Zeit mit amüsanten Clownereien. Oder man lässt sich auf einen politischen Subtext in THE PURGE ein. Gekocht wird am Ende auch nur mit Wasser.
And repeat und kurzum: Wer Lust auf einen überraschend frischen Metzelfilm hat, dem lege ich YOU’RE NEXT! ans Herz. Einen besser gemachten, unübersinnlichen straight-foward Slasher (mit meinem neuen Favorite-Final-Girl-of-All-Time) wird man zur Zeit kaum finden. Mehr als fröhliches Töten und unheimliche Tiermasken, darf man sich aber nicht erwarten.
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