Archiv für den Monat Oktober 2013

You made my tape! — Review zu „V/H/S 2“ (R: Barret, Wingard, Evans, Hale, Sánchez, Tjahjanto, Eisener)

vh2

It’s Super-Video-Home-System Time, bitches (das sieht geschrieben besser aus, als ausgesprochen)! Meine Begeisterung für die Grobkorn Anthologie hielt sich ja in Grenzen — im Gegensatz zu den meisten Kommentaren und externen Reviews, die den Film durchwegs als gelungen, innovativ und spannend empfanden. Aber, ich lass mich nicht so leicht um den Finger wickeln. Kurz zusammengefasst – und altklug wie eh und je – V/H/S Numero Uno war zusammenhangslos (Rahmenhandlung?), unnötig sexistisch (peinlich), ineffektiv (die Idee war gut, doch die Umsetzung schlecht) und im schlimmsten Fall einfach nur fad (Ti West, ich blicke zu dir). V/H/S 2 aka S-VHS aka VH2 aka der Totenkopfvideofilm dreht den Spieß diesmal um und zeigt, dass Fortsetzungen nicht immer schlechter sein müssen.

Das erste, was V/H/S 2 besser macht, ist zunächst die Rahmenhandlung. Die beschränkt sich auf die simple Idee zweier Privatdetektive, die auf die verfluchten Tapes stoßen und somit Teil eines solchen werden. Aus. Zwei Figuren, kurze Einführung und schon geht’s los. So mag ich das; kein großes Bla-Bla um die ohnehin nicht wirklich zusammenhängenden Kurzgeschichten (am liebsten hab ich meine Anthologien ja im Stakkato-Takt – oder sich schön ineinander verwebend um endlich mal einen gelungen Verweis an den großartigen Halloweener TRICK ‚R TREAT zu verwenden – aber nicht jeder Film kann ein ABC des Todes sein). Während im ersten Teil noch die Übersicht an den unsympathischen Charakteren verloren ging, bleibt V/H/S 2 straight forward und to the point (was auch immer das heißen mag).

Aber genug von den Vergleichen zum letzten Teil und Vorhang auf für den neuen, wirklich coolen Genre-Flick aus dem Personendunst um die – für mich durch die gleichnamige Website bekannten – Bloody-Disgusting-Directors deren Filme regelmäßig das Abschlussprogramm diverser Horrorfilm-Festivals anführen. Junges, modernes, amerikanisches Horrorkino, abseits von Remakes und Reboots (f* you, Platinum Dunes) und im Genre sicher (umso enttäuschender war dann das Endprodukt V/H/S für mich). Warum V/H/S 2 hierzulande unter S-VHS vertrieben wird, bleibt mir ein Rätsel, doch bereits jetzt kann man die wundervolle Special Edition inklusive einer VHS-Kopie (!) des Filmes die man sich nie ansehen wird um cirka 50 Euro (!!) vorbestellen. Vom Grundgerüst mal abgesehen, folgen nur vier gute Gründe, warum man dies – oder wenigstens für die etwas billigere Version – auf jeden Fall tun sollte.

(Die FSK Version wird auf Grund deutscher Verleihpolitik mal wieder nur gekürzt erscheinen, aber im stationären (österreichischen) Handel und diversen Online-Shops gibt es den Film natürlich UNCUT … nur halt nicht über den Internethändler eures Vertrauen).

1. Eyeploation à la Adam „This is not snuff, this is art!“ Wingard.

Der junge Nachwuchsregisseur fiel mir zunächst mit seinem überaus witzigen Segment QUACK für die tödlichen Gute-Nacht-Geschichten auf. Dann überraschte er mit dem verdammt coolen Slasher YOU’RE NEXT! am /slash 2013. Und trotz vermehrt negativer Stimmen, werde ich mir auch seine Vorgängerwerke (u.a. A HORRIBLE WAY TO DIE) ansehen. Vieles weist darauf hin, dass Adam Wingard nicht nur ein kreativer sondern auch solider Drehbuchschreiber und Regisseur ist. Die Idee die uns Wingard in seinem Kurzfilm präsentiert hätte zumindest auch für einen stimmungsvollen Langfilm gereicht. Wingard übernimmt die Hauptrolle in seinem Werk: ein Patient eines High-Tech-Aug-Transplantat, welches er nach einem Autounfall eingesetzt bekommt. Natürlich kommt es zu eventuellen Ausfällen, warnen die Ärzte – sollte er etwas merkwürdiges sehen, solle er sich doch bitte gleich melden. Wir wissen, was das bedeutet. PHASE I CLINICAL TRIAL ist ein perfekter Einstieg für die flotte Anthologie: Wingards Film ist stimmig, rasant und enthält gut gesetzte Schocks. Ein paar alte störende Bekannte aus dem ersten Teil sind zwar noch dabei, wie sich ohne tatsächlichen Grund ausziehende Frauen (weil – offensichtlich stört mich das), etwas zu rasantes Erzähltempo und die Indifferenz, die man gegenüber der Hauptfigur empfindet. Die Idee ist aber echt gruselig und die stabile (sprich: Non-BOURNE) Kameraführung ist über jeden Ich-Hasse-Wackel-Found-Footage-Film-Kommentar erhaben.

2. Walk a Mile in my Shoes: Zombie-POV.

Weiter geht es mit A RIDE IN THE PARK (von den BLAIR WITCH PROJECT Machern die natürlich jeder beim Namen kennt) und der hält genau das, was der Titel verspricht. Und umgeht das altbewährte wie-kommt-die-Kamera-ins-Spiel-Dilemma durch eine Helmkamera, die unser scheinbarer Held natürlich auf dem Kopf tragen muss; Extremsportler, die üblichen Narzissten! Nur leider kommt der BMXler (sagt man das so?) nicht mehr dazu, seinen gelangweilten Freunden die Radtour auf einer Leinwand zu präsentieren (ein Happy-End zumindest für die gelangweilten Freunde), denn bevor er sich versieht, gibt’s den altbewährten Buzzkill namens Zombie. Und mal wieder: eine so simple Idee (wie die des Tigers in dem Haus, zum Beispiel), dass man sich fragt, warum darauf noch keiner zuvor gekommen ist. Ihr vielleicht nicht, aber ich habe es. Ich kenne zwar die Filme, in denen aus der Sicht oder zumindest aus beteiligter Sicht einer untoten Infektion Konflikte und Geschichte gezeigt werden (zumindest vom Namen her, gesehen habe ich aber noch keinen), aber Zombie-First-Person? Man möge mich bitte korrigieren, aber ich kenne keine ähnliche Werke. So bleibt man in der Zombie-Perspektive gefangen und ist – bis(s) auf ein paar Ausnahmen – gezwungen, den Ausbruch des Terrors aus erster Reihe zu begutachten. A RIDE IN A PARK ist dabei ein herrlicher Spaß, wahrscheinlich der lustigste Film des Super-VHS. Logischer Soundtrack und die üblichen Ausweid-Szenen sind inkludiert und in den Minuten, die dem Film bleiben, lernen wir sogar etwas Mitgefühl mit dem Untoten. Eduardo Sánchez und Gregg Hale (so heißen die also) liefern somit einen kurzen aber feinen Zombieflick ab, der trotz des ausgeleierten Themas frisch(fleischig) daher kommt.

3. WHAT THE- , HELL YEAH! MOTHERFUCKING SAFE HAVEN!!!

(All caps, of course.) SAFE HAVEN , oh yeah! Das ist der Film, über den schon zum Abspann geredet wird. Das ist der Film der aus V/H/S 2 von einer „ganz netten“ zu einer exzeptionellen Anthologie erhebt. Das ist der Film, bei dem einem die Kinnlade runterklappt. Das ist der Film, bei dem der Kinosaal in ein begeistertes Gejohle und Applaus ausbrauch. Das ist der Film, dem die FSK wahrscheinlich zu heftig war. Timo Tjahjanto (MACABRE) und Gareth Huw Evans (THE RAID) kombinieren ihre Vorlieben für Messerstechereien und blutüberströmte Menschen in einem ( ungefähr) zwanzig-minütigen Höllentrip (im Wahrsten Sinne des Wortes, wenn man das Idiom „Hölle auf Erden“ zum Vergleich zieht), der zugleich den tiefsinnigsten (irgendwie), längsten und abgewichstesten Beitrag bildet. Vielleicht tue ich den anderen Filmen etwas unrecht damit, aber SAFE HAVEN besitzt im Gegensatz zu all den anderen Vertretern (von hier bis zu Teil eins zurück) so etwas, dass man Charakterentwicklung nennt. Die ist zwar auch nicht mehr als angedeutet und die fünf Minuten Filme aus dem ABC bieten teilweise mehr, aber für den Kurzfilm reicht es vollkommen aus um die Spannung hoch zu drehen und das Publikum mitfiebern zu lassen. Außerdem ist SAFE HAVEN eine apokalyptische Explosion die ihren cineastischen Kontrahenten noch nicht gefunden hat. Wenn das Ende der Welt so beginnt, dann sind wir alle ziemlich am Arsch. Die beiden Regisseure feuern mit ihrem Beitrag eine heftige Blutgranate auf die Leinwand, ein technisch überzeugender Bilderwahnsinn, eine unheimliche Kultus-Geschichte, die in einer Ansammlung aus absoluter What-the-fuckery endet. Aber nach L FOR LIBIDO wussten wir bereits, dass zumindest einer von den beiden ein ziemlich abgefuckter Typ sein muss. (Horror-Jargon für: „hoffentlich gibt’s bald mehr davon!“)

4. Time to make a Tape: Das Ende.

Und es ward Licht. Und wir sehen, das es gut war, doch der letzte Beitrag kann, trotz seinem gar nicht mal so un-gruseligen Alien-Design, einfach nicht überzeugen. Dafür ist Jason Eiseners Film zu kurz, zu hektisch, zu unoriginell, zu grell, zu unsympathisch, ein bisschen zu viel und allen voran; zu sehr nach SAFE HAVEN. Dieser hätte den Abschluss bilden sollen, denn die Euphorie und den Wahnsinn, die der dritte Beitrag auf die Zuschauer überträgt, kann von SLUMBER PARTY ALIEN ABDUCTION (genau das, was es ist) einfach nicht weiter getragen werden. Eiseners Film wäre zwar auch ohne den Halo-Effekt der schlechteste des Filmes gewesen, aber an der Poleposition (wäh, jetzt fange ich schon mit Sport-Vergleichen an) hätte er vielleicht noch solide als knackiger Einstieg fungiert. Aber dann, V/H/S 2 ist vorbei und die Rahmenhandlung endet auch wie gewohnt–

–fast. Offensichtlich hat sich Simon Barret (YOU’RE NEXT!), Entwickler des frame narrative TAPE 49 gedacht: „Scheiß drauf! Der Film ist ohnehin schon abgedreht wie Sau [und außerdem nicht ganz schlüssig – durch V/H/S 2 zieht sich ein abwechslungsreiches Editing, welches unmöglich logisch erklärt werden kann. Soviel zu „found-footage“], machen wir ihn noch ein Stück… depperter.“Ganz sicher hat er sich das gedacht. Wie denn auch sonst? Verfluchte VHS-Kasetten die Leute töten und das ganze ohne Samara? Das geht doch nicht. Der zweite Teil gibt zwar auch keine Antworten – nicht, dass ich nach Teil eins welche hatte – auf die Frage nach dem Snuff, aber irgendwie fügt sich das ganze dann doch unter den Mantel eines gemeinsamen Themas: this tapes will h(a)unt you down.

V/H/S 2 ist in fast jeder Hinsicht eine deutliche Verbesserung zu seinem halbgaren Vorgänger. Die Rahmenhandlung stört nicht mehr, die Figuren sind einprägsamer, das Gesamtpaket benimmt sich weniger infantil und puritanisch-verängstigt und die Umsetzungen werden den tollen Ideen gerecht. Rahmenhandlung, erster und zweiter Film sind solide Horrorkost (ca. 7 Punkte), der letzte stinkt etwas ab (5) und über allen thront der wahnwitzige SAFE HAVEN (10), der ALLES richtig macht und die Sichtung des Filmes mehr als nur rechtfertigt. Das ergibt ca. 7 blutige Stanley-Messer, aber da ja am Ende die gesamte Wirkung und ohnehin nur meine Meinung zählt, vergebe ich 8 von 10 verfluchten Videokassetten.

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Handbuch der Einsamkeit & des Vergessens: Vanishing Waves (Intro)

„Leider kann man Bücher nicht in schwarz/weiß schreiben. Ich würde Ihnen diese – nicht meine – Geschichte gerne aus der fernen Perspektive einer digitalen Kamera erzählen, absichtlich distanziert. In Zeitlupe, vorwiegend im Winter und im Regen, oder in spärlich erleuchteten Räumen, in denen der Schein höchstens bis zu dem grauen Gesicht meiner Helden reicht und keinen Meter weiter. Und im Wind; ich möchte eine Geschichte im Wind und gebettet in den kräftigsten Grautönen, die es gibt. Verstehen Sie mich nicht falsch – hm – ich versuche nicht in falscher Nostalgie zu schwelgen. Ich mache mir nichts aus alten schwarz/weiß Filmen, ich finde sie langweilig und sie machen mir ehrlich gesagt etwas Angst. Die faule Tonspur und das körnige Bild, das oft verwischt; alles deutet darauf hin, dass die Welt in diesen Filmen jeden Moment in sich verfällt. Von Innen heraus zerbröselt. Verbrennt und zerfällt. Nein, ich möchte Ihnen meine Geschichte durch die schneidenden Bilder eines polierten Glases erzählen, die kühle Ästhetik einer neo-schwarz/weißen Kulisse, es soll sich kühl anfühlen, ein farbloser Trip und jedes Kapitel soll ein neues Musikvideo sein, fern von jeglicher Substanz und Tiefe, denn es gibt nur das, was wir sehen. Eine Schablone, denn nichts anderes ist eine Geschichte. Es soll Sie nicht berühren, es soll sie mit seiner Oberflächlichkeit und seinem Getöse höchstens ablenken.

Nur weiß ich leider nicht wie das geht.

Dafür brauche ich Sie. Stellen Sie es sich einfach so vor. Ich weiß nicht ob so etwas überhaupt geht, ob man seinem Publikum sagen kann, was es zu tun hat, ob man das überhaupt darf und ich weiß nicht, ob es funktioniert. Es ist immerhin immer noch ihr Gedanke. Ich habe die Idee einer Phantasie, das Bild einer Photographie, doch ich riskiere, dass Sie etwas anderes daraus machen, wenn ich es Ihnen zeige. Vielleicht ist das auch egal, vielleicht ist das Bild nur dann wirklich, wenn ich es betrachte und vielleicht – vielleicht – ist nur wichtig, wie ich es spüre. Aber dennoch; ich muss Sie um diesen Gefallen bitten. Stellen Sie es sich einfach so vor.

Stellen Sie sich vor, wie der Wind durch meine Figuren zieht, wie er in Nahaufnahmen ihre grau-gestuften Gesichter zerüttet, wie das Haar in endlos langsamen Kurven die müden Züge meiner Figuren peitscht. Ihre Augen starren Sie an, Tränen bilden sich. Ein Lächeln zieht auf. Dazwischen Schrägstriche und scharfe Umblenden. Es wird keinen Sinn ergeben, wenn Sie genauer hinsehen, denn es geht hier lediglich um Ästhetik und nicht um Gefühle. Ich zwinge sie zu sich schließenden Halbtotalen und einer monströsen Soundkulisse, doch leider weiß ich nicht, wie man Bücher mit eigener Musik schreibt. Doch wenn Sie gut sind, wenn Sie alles so sehen, wie ich es Sie sehen lassen will, finden Sie selbstverständlich auch das Lied zu dem hier heraus. Wenn meine Figuren sie lange anstarren, wissen Sie, dass es sich nur um ein oberflächliches Portrait handelt, dass aus den zahlreichen Anpassungen, von der Idee so unterscheidet, als hätte man mit Photoshop die Zeit retuschiert.

Dort wo Lücken sein sollen, werden Lücken  sein und dort wo keine sein sollten, werden Sie ebenso welche finden. Ich werde nicht den Mut besitzen, Ihnen alles zu schildern. Sie dürfen nicht vergessen, dass alles was ich Ihnen erzählen werde, wirklich passiert ist. Ich habe nicht vor, alles genau zu rekonstruieren und genau da beginnt auch der Moment, in denen ich mit meiner Stimme durch meine Figuren strömt. Und mit meinem Atemzug verschwinden diese auch wieder, es gibt Sie solange Sie sich vorstellen und so weiter. Das wird hoffentlich lange sein, immerhin erzähle ich am Liebsten in Zeitlupe. Das ändert dennoch nichts an der Tatsache, dass alles schon geschehen und vorbei ist: McCherry und Tokimimotaku sind schon lange tot.“

Er bricht ab und verzweifeltes Seufzen stürzt aus seiner Mundhöhle. Zögernd setzt er erneut an.

„Und eigentlich tue ich den Beiden keinen Gefallen damit, dass ich die Geschichte erzähle. Es wird mir eine Freude sein, ihnen es zu zeigen.

Also stellen Sie sich Wind vor und das ganze Leid, dass er mit sich bringt. Ihre Gesichte strahlen in einem kräftigen Kontrast und – mittlerweile sind wir ganz nah – in ihrer Haut, in den Falten und den Furchen ihrer Augenhöhlen finden wir Zeit. Verbundene Zeit, sie liegt wie verwurzelter Staub auf ihren Masken aus (von mir) erfundener Mimik. Aber ihr werdet diese Zeit nicht sehen. Lassen Sie mich hiermit demonstrieren, wie ich meinen zwei Helden das Vergessen vergessen lasse. Ich werde die Erinnerungen aus Ihnen herausschlagen, bis ihre Herzen wie Teer aus jeder Pore sprießen.“

Tokimimotaku blickte ihren Freund ins Gesicht. McCherry stand mit halb geöffneten Mund da und zitterte. Er war bleich und in seinen Augen lagen Tränen.
„Was bedeutet das“, fragte er ohne jegliche Kraft in der Stimme.
Tokimimotaku bemerkte, dass sie sich verlor. Um Halt zu bekommen räusperte sie sich.
Ein Blick ins Leere, ein Atemzug.
Sie fasste den Mut McCherry noch einmal anzusehen.
„Was…“ Eine lange Pause. „Unsere…“ Er setzte sich hin und legt das Buch, aus dem er vorgelesen hatte aus der Hand.
„Unsere Namen.“ Tokimimotaku sah in finster an. „Ich weiß.“
Und nach einer kurzen Pause: „Die haben meinen Namen richtig geschrieben?“