Handbuch der Einsamkeit & des Vergessens: Vanishing Waves (Intro)

„Leider kann man Bücher nicht in schwarz/weiß schreiben. Ich würde Ihnen diese – nicht meine – Geschichte gerne aus der fernen Perspektive einer digitalen Kamera erzählen, absichtlich distanziert. In Zeitlupe, vorwiegend im Winter und im Regen, oder in spärlich erleuchteten Räumen, in denen der Schein höchstens bis zu dem grauen Gesicht meiner Helden reicht und keinen Meter weiter. Und im Wind; ich möchte eine Geschichte im Wind und gebettet in den kräftigsten Grautönen, die es gibt. Verstehen Sie mich nicht falsch – hm – ich versuche nicht in falscher Nostalgie zu schwelgen. Ich mache mir nichts aus alten schwarz/weiß Filmen, ich finde sie langweilig und sie machen mir ehrlich gesagt etwas Angst. Die faule Tonspur und das körnige Bild, das oft verwischt; alles deutet darauf hin, dass die Welt in diesen Filmen jeden Moment in sich verfällt. Von Innen heraus zerbröselt. Verbrennt und zerfällt. Nein, ich möchte Ihnen meine Geschichte durch die schneidenden Bilder eines polierten Glases erzählen, die kühle Ästhetik einer neo-schwarz/weißen Kulisse, es soll sich kühl anfühlen, ein farbloser Trip und jedes Kapitel soll ein neues Musikvideo sein, fern von jeglicher Substanz und Tiefe, denn es gibt nur das, was wir sehen. Eine Schablone, denn nichts anderes ist eine Geschichte. Es soll Sie nicht berühren, es soll sie mit seiner Oberflächlichkeit und seinem Getöse höchstens ablenken.

Nur weiß ich leider nicht wie das geht.

Dafür brauche ich Sie. Stellen Sie es sich einfach so vor. Ich weiß nicht ob so etwas überhaupt geht, ob man seinem Publikum sagen kann, was es zu tun hat, ob man das überhaupt darf und ich weiß nicht, ob es funktioniert. Es ist immerhin immer noch ihr Gedanke. Ich habe die Idee einer Phantasie, das Bild einer Photographie, doch ich riskiere, dass Sie etwas anderes daraus machen, wenn ich es Ihnen zeige. Vielleicht ist das auch egal, vielleicht ist das Bild nur dann wirklich, wenn ich es betrachte und vielleicht – vielleicht – ist nur wichtig, wie ich es spüre. Aber dennoch; ich muss Sie um diesen Gefallen bitten. Stellen Sie es sich einfach so vor.

Stellen Sie sich vor, wie der Wind durch meine Figuren zieht, wie er in Nahaufnahmen ihre grau-gestuften Gesichter zerüttet, wie das Haar in endlos langsamen Kurven die müden Züge meiner Figuren peitscht. Ihre Augen starren Sie an, Tränen bilden sich. Ein Lächeln zieht auf. Dazwischen Schrägstriche und scharfe Umblenden. Es wird keinen Sinn ergeben, wenn Sie genauer hinsehen, denn es geht hier lediglich um Ästhetik und nicht um Gefühle. Ich zwinge sie zu sich schließenden Halbtotalen und einer monströsen Soundkulisse, doch leider weiß ich nicht, wie man Bücher mit eigener Musik schreibt. Doch wenn Sie gut sind, wenn Sie alles so sehen, wie ich es Sie sehen lassen will, finden Sie selbstverständlich auch das Lied zu dem hier heraus. Wenn meine Figuren sie lange anstarren, wissen Sie, dass es sich nur um ein oberflächliches Portrait handelt, dass aus den zahlreichen Anpassungen, von der Idee so unterscheidet, als hätte man mit Photoshop die Zeit retuschiert.

Dort wo Lücken sein sollen, werden Lücken  sein und dort wo keine sein sollten, werden Sie ebenso welche finden. Ich werde nicht den Mut besitzen, Ihnen alles zu schildern. Sie dürfen nicht vergessen, dass alles was ich Ihnen erzählen werde, wirklich passiert ist. Ich habe nicht vor, alles genau zu rekonstruieren und genau da beginnt auch der Moment, in denen ich mit meiner Stimme durch meine Figuren strömt. Und mit meinem Atemzug verschwinden diese auch wieder, es gibt Sie solange Sie sich vorstellen und so weiter. Das wird hoffentlich lange sein, immerhin erzähle ich am Liebsten in Zeitlupe. Das ändert dennoch nichts an der Tatsache, dass alles schon geschehen und vorbei ist: McCherry und Tokimimotaku sind schon lange tot.“

Er bricht ab und verzweifeltes Seufzen stürzt aus seiner Mundhöhle. Zögernd setzt er erneut an.

„Und eigentlich tue ich den Beiden keinen Gefallen damit, dass ich die Geschichte erzähle. Es wird mir eine Freude sein, ihnen es zu zeigen.

Also stellen Sie sich Wind vor und das ganze Leid, dass er mit sich bringt. Ihre Gesichte strahlen in einem kräftigen Kontrast und – mittlerweile sind wir ganz nah – in ihrer Haut, in den Falten und den Furchen ihrer Augenhöhlen finden wir Zeit. Verbundene Zeit, sie liegt wie verwurzelter Staub auf ihren Masken aus (von mir) erfundener Mimik. Aber ihr werdet diese Zeit nicht sehen. Lassen Sie mich hiermit demonstrieren, wie ich meinen zwei Helden das Vergessen vergessen lasse. Ich werde die Erinnerungen aus Ihnen herausschlagen, bis ihre Herzen wie Teer aus jeder Pore sprießen.“

Tokimimotaku blickte ihren Freund ins Gesicht. McCherry stand mit halb geöffneten Mund da und zitterte. Er war bleich und in seinen Augen lagen Tränen.
„Was bedeutet das“, fragte er ohne jegliche Kraft in der Stimme.
Tokimimotaku bemerkte, dass sie sich verlor. Um Halt zu bekommen räusperte sie sich.
Ein Blick ins Leere, ein Atemzug.
Sie fasste den Mut McCherry noch einmal anzusehen.
„Was…“ Eine lange Pause. „Unsere…“ Er setzte sich hin und legt das Buch, aus dem er vorgelesen hatte aus der Hand.
„Unsere Namen.“ Tokimimotaku sah in finster an. „Ich weiß.“
Und nach einer kurzen Pause: „Die haben meinen Namen richtig geschrieben?“

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