Rhododendron Null/Eins: Und mit „Eins“ meine ich „Vielleicht auch Zwei“

„Natürlich hat sie mich verlassen!“ Ich bemerke wie ich diese Diskussion unmöglich gewinnen kann.
„Einen Scheiß hat sie.“ Wolf nimmt einen Schluck von seinem Wasser. „Du willst doch nur Mitleid.“ Und mit „Schluck“ meine ich, dass er es austrinkt und mit „Wasser“ meine ich Bier und mit „verlassen“ meine ich „psychologische Kriegsführung bis der Wahnsinn nicht mehr tragbar war und sie mir ein endgültiges Mal den Mittelfinger in der Arsch steckte. Nur um mich zum Abschied daran riechen zu lassen“.
Ich seufze.
Natürlich will ich Mitleid.
„Ich will kein Mitleid, du Ficker.“ So obszön, denke ich mir, während ich den Kopf schüttle und Wolf in sein leeres Glas hinein lacht.
„Ha ha. Ficker“, hallt es aus dem halben Liter Luft und Biergeruch, „das ist nicht ‚mal ein Wort.“
Ich sehe ihn verständnislos an, so wie man jemanden ansieht, der gerade behauptet hat, dass ein Wort kein Wort sei. Oder die Luft nicht zum atmen, sondern zum anfüllen von Bier da wäre. Wobei Wolf mit Letzerem Recht behält und ich ihn deswegen auch nie verständnislos angesehen habe. Das war also eine Lüge. Mein Fehler.
„Also, mein Ficker“ – und bevor ich ihm die homoerotische Andeutung um seinen Kopf werfen kann, schnappt er bereits weiter und verscheucht meine auftauende Bemerkung mit einem rüden Fingerzucken, welches mich an Clara erinnert – „du wurdest also verlassen, von einer Frau die“ – Wolf wandelt seine Fingerübung in eine „eins noch“ Geste um, als die Kellnerin, die ich immer schärfer finde, vorbei geht – „du seit Monaten ü-hübelst manipulierst. Mit deinem – “ Es folgen weitere unverständliche Handbewegungen in Richtung meiner Stirn. Das Wort, dass er sucht ist Verstand:  „Hirnwichserei! (Oder dieses.) Psychoshit. Pennywise. Nein, Tyler Durden Look-A-Like-Contest nur mit deinem Verhalten und nicht deiner Fresse.“
Ich verdrehe die Augen bis mir schwindlig wird: „Wieso bin ich mit dir befreundet?“, sage ich, unüberzeugend theatralisch.
„Buhuuu, das obligatorische „Wieso bin ich mit dir befreundet?“-Blabla (Ich brauche Ihnen wohl nicht erläutern, wie ladylike Wolf meinen Satz nachgeahmt hat.) Red klein mit jemanden anderen, die Phrasendreschereidekonstruktion kannst du dir für den Davy aufheben.“
Wieder seufze ich. Ich nehme einen Schluck Wasser und wir alle wissen, was ich damit meine.
Ich beginne zu vermuten, dass die scharfe Kellnerin absichtlich durch mich durch sieht. Beziehungsweise sieht sie mich genau. Keine Schemen, fixe Konturen, schneidende Details. Meine Persönlichkeit in HD. Das wird auch der Grund sein, warum sie mich nicht bedient.
„Nimm ihm auch eins mit.“ Wolf ist nicht charmant, aber es ist zumindest kein Arsch. Oder: Wolf ist nicht charmant und er ist ein Arsch, doch die scharfe Kellnerin weiß davon nichts und selbst wenn sie es wüsste, sie weiß mehr über mich, was wiederum dazu führt, dass sie Wolf bedient. Und mich nicht. Mein Gesicht schreibt Bände, wenn mich nur jemand ansehen würde.
„Und von allen Bars mussten wir natürlich in diese hier gehen…“ Geheimnisvolles Schweigen meinerseits, ich beende gerne mit dramatischen Pausen, am besten dann, wenn Wolf trinkt oder raucht oder in der Nase bohrt und es dann isst, so dass er mir nicht ins Wort fällt.
Es bleibt still, bis ich Luft hole und erneut zu einem Geschwafel ansetze, nur dass Wolf mir doch noch in das Wort und in den Rücken fallen kann: „Bis du breit? Oder versuchst du dein Leben wieder in Form einer Erzählstimme zu rekonstruieren, so dass dich außenstehende Personen verstehen?“ Beim letzten Drittel des letzten Satzes dreht sich Wolf um und sieht Ihnen direkt in die Augen.
Ich hasse es – nein, wirklich, ich verachte es – wie gut mich dieser Ficker kennt. Unaussprechliche Flüche gleiten durch meinen Kopf, die ich nur auf Grund meiner steigenden Trunkenheit nicht ausspreche (pardon my french, it’s really bad).
„Wenn du noch weiter so schmutzig denkst, wird dich die MPAA zu Tode knebeln.“
Ich schweige weiter, es hat keinen Sinn mit Wolf zu reden. Außerdem muss ich darüber nachdenken, ob Wolf meine Gedanken lesen kann, er nur meine Blicke zu den davongleitenden Arsch der scharfen Kellnerin verfolgt oder auf gut Glück seine Phrasen aus seinem Fressloch feuert, da er ohnehin weiß, dass unsere Gespräche, Gedanken und Gedichte stets aus Obszönitäten bestehen. Zu 78 Prozent.
Ich breche mit: „Das ergibt keinen Sinn. Erstens liegt Wien nicht im Zuständigkeitsbereich der MPAA. Zweitens, woher soll sie -“
„PRISM, bitch!“
Ich mache Würge-Gesten, die ich so mache, wenn mich die Leute (abfällige Betonung) unterbrechen. Ich beschließe, diesen Teil des Gespräches aufzugeben und wieder zu meinem ursprünglichen Thema zu kommen. Ich verlange Mitleid.
Das Bier kommt und ich nutze das Anstoßen: „Auf die Einsamkeit!“
„Auf Selbstmitleid und Lügen!“ Wolf schreibt mit seiner freien Hand Lettern an den Himmel (mit „Himmel“ meine ich „verrauchte Luft“): mein Leben, sein Filmtitel.
„Auch gut.“ Ich gebe mich geschlagen. „Aaaaah, ok. Lassen wir das. Du bist mir offensichtlich keine Hilfe (gemurmelt: De verfickter Arsch).“
„Muss ich dir auch nicht sein und auf deine vorherige Frage, ähm, zu beantworten -“
Ich verbessere ihn.
„Zu ant-wort-en.“ Wolf wirft mir einen Na, zufrieden?-Blick zu: „Du bist mit mir befreundet (Prost), weil nur ich mit dir so viel saufen kann du verdammter Alki.“ High-Five. Ich muss ihm ärgerlicher weise schon wieder Recht geben. Wolf hat heute einen Run. Doch nach dem Siebenten (oder nach dem dritten Shot, wie’s halt kommt*) hört dann seine Glückssträhne auf und er beginnt Listen über Nicolas Cage zu erstellen („Die Besten fünf Filme mit Nic Cage aber ohne Bart„; „Die Besten fünf Filme mit Nic Cage als Bösewicht“ und der Klassiker „Die fünf Filme, die mit Nic Cage besser gewesen wären“).
„Auf den Alkohol“, versuche ich es noch mal.
„Auf Klischees!“ Wolf trinkt einen Schluck Wasser.

„Wieso hast du ihr das alles erzählt?“
„Sie hat mich gefragt. Und – den hab ich vergessen – Con Air!“
„Den hast‘ du nicht mal gesehen (Aber du! Schon wieder Recht! Verdammt! Ich brauche noch einen Shot.) und außerdem stimmt das gar nicht, du hast einfach ihr angefangen zu erzählen, dass ich – “
„Verlassen wurde?“
Ich schaue ihn wuttrunken oder trunken vor Wut, auf jeden Fall trunken, an.
„Verlassen.“ Sage ich und setze das Wort unter Anführungszeichen. Im selben Moment bereue ich es; ich kann Wolfs Grinsen regelrecht spüren. Es brennt.
„Ich wusste es doch“, sagt Wolf und lehnt sich elegant zurück, doch die Eleganz – der Hund – zieht sich zurück als Wolf den leeren Raum mit einer Sessellehne verwechselt.
Ich helfe Wolf hoch. Spiele mit dem Gedanken ihn auf halber Strecke fallen zu lassen, doch Wolf kann gefährlich sein, wenn man ihn reizt. Außerdem bin ich kein Arsch.

Ich helfe Wolf ein weiteres Mal hoch und verspreche ihm (und mir), ihn diesmal nicht fallen zu lassen.
„Sorry.“ Das werde ich noch bereuen.
Stinkefinger als Antwort. Ich denke an Claire.
„Wir waren ja nicht einmal richtig zusammen, deswegen konnte ich sie – konnte sie mich nicht mal richtig ver-las-sen.“ Jede Silbe bekommt von mir Gänsefüßchen.
„Du hast bei ihr gewohnt!“
„Weil mein W-LAN nicht geht!“
„Weil du das Internet nicht bezahlt hast!“
„Das war der Grund!“
Offensichtlichkeit wird durch unser beider Gestik ausgedrückt. Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns mittlerweile streiten. Ich denke an Clarissa.
„Du wolltest offensichtlich nicht mit ihr zusammen sein! Alter, seit dem sie dir geschrieben hat, dass sie dich liebt -“
„Woher weißt du das?!“ Ich bin ehrlich entrüstet. Dass Wolf dieser Tatsache bewusst war, ändert meine ganze Taktik.
„Ich lese deine SMS.“
„Du verdammter Wichser“. Ich denke an die ganzen Nachrichten an Carla, in denen ich Wolf als [ziemlich, ziemlich, ziemlich schlimmes Wort; das N-Wort unter den Freunden, sozusagen] bezeichnet habe. Und dann donnert mir die Erkenntnis in voller Lautstärke in mein Hirn. Er weiß von – er muss!
„Außerdem hat mir sie alles erzählt.“ Wolf nickt in Richtung der mittlerweile unglaublich heißen Kellnerin, die mich mit zornigen Blicken durchlöchert. Mir fällt ein Witz mit dem Wort „Löchern“ ein, doch ich bemerke schnell genug, dass die Lage zu ernst dafür ist. Und auch zu ernst für den Shot, auf den sie uns einlädt. Ich versuche ihre Taktik zu durchschauen und wieder fallen mir nur Witze ein.
„Fuck.“, sage ich und ich denke
„Ja, fuck. Man schreibt sie übrigens mit K. Dachtest, du kannst einen auf abgewichst abziehen, hm?“
Ich bin etwas verwirrt, was aber am ständigen Wechsel von direkter Rede und Fließtext, Alkohol und Wortwitzen liegt.
„Wie meinst du das?“
„Trunkenheit ist eine ideale Gelegenheit, uns das Ganze zu erläutern: Wieso bist du deppert und tust als wärst du ich oder sonst wer, nur weil du zu feig bist, UPC zu bezahlen. Nein, Moment. Noch mal: Warum bist du zu feig, mit jemanden Schluss zu machen, wenn du nicht das selbe für sie empfindest?“
„W-Lan.“
„Lass den Scheiß! Echt jetzt!“ Wolf wirkt wirklich erbost. Es wundert mich.
„Ich bin halt feig“, sage ich kleinlaut.
„Das wussten wir bereits“, sagt die scharfe Kellnerin.
„Meine Augen sind hier oben, du Päderast“, sagt Wolf.
Plötzlich fühle ich mich wirklich klein. Zunächst habe ich einen Satz mit „plötzlich“ begonnen und ich habe in der Grundschule gelernt, dass man das nicht darf. Zweitens muss ich an Klarinette denken und daran, dass ich ihren Namen mittlerweile mit einem Instrument gleich setze nur um mir zu beweisen, dass ich nichts fühle, nichts fühlen will, weil ich einen auf –
„Abgewichst abziehen will“, sagen wir alle drei.
„Ist der immer so?“ Die Kellnerin sitzt mittlerweile an unseren Tisch und ich beginne zu vermuten, dass sie keine Kellnerin ist sondern eine Freundin von Wolf.
„Betrunken ist er schlimmer, aber ja.“ An mich gewandt: „Alter, du musst aufhören mit dir selbst über dich selbst zu reden. You ain’t no Nicolas Cage in Fear and Loathing in New York.“
Es ist eine bewusste Provokation, aber ich möchte ihn für die Schändung jeglicher Popkultur mit Gewalt bestrafen.
„Leaving Las Vegas“, murmle ich.
„Adaption“, wirft die Freundin des Wolfes ein, „der hatte eine Erzählstimme.“
„Der hat sogar darauf Bezug genommen“, ich erwache etwas aus meiner Apathie. Das erste Mal, sehe ich heute ein Lächeln.
„Spike Jonze“ sagt einer von uns und wir nicken und ich entschuldige mich für meine Art und dann entschuldige ich mich auf die Toilette und dann folgt eine Montage aus Bildern (Ich über dem Toilettensitz, ich und der Toilettensitz am Würstelstand, ich und der Toilettensitz mit einem Bosner, ich und Toilettensitz im Nachtbus, ich betrüge Toilettensitz mit einem Verkehrs-Hütchen) und dann ist es morgen.

*Es funktionieren funktionieren auch folgende Varianten:
3 Bier + 2 Wein; 4 Bier + 1 Shot; 5 Bier + 2 Shot; 6 Bier und der Gedanke an einen Shot
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: